David Mazzucchelli – Asterios Polyp


Asterios

David Mazzucchelli ist ein amerikanischer Comiczeichner. Er zeichnete für Marvel die Serie Daredevil und 1986 für Frank Miller die Batmanstory One Year. Mazzucchelli arbeitet auch als Illustrator zahlreicher Zeitungen, unter anderem dem New Yorker und als Dozent an der Rhode Island School of Design wie der School of Visual Arts in New York City.

Als ich neulich so durch die Bibliothek flanierte, selbstverständlich mit dem unbedingten Vorsatz, nichts auszuleihen, fiel mir diese Graphic Novel in die Hände. Hier und da hatte ich schon von ihr gehört, aber mehr eben auch nicht. Ich nahm sie mit und wurde nicht enttäuscht. Ich wurde sogar tief beeindruckt von Mazzucchellis Werk, das sowohl inhaltlich als auch gestalterisch mit jedem Werk rein textlicher Belletristik locker mithalten kann! Ja, durch die Bilder entsteht, für meine Begriffe, noch viel mehr Tiefe als wenn es bloß geschrieben wäre. Nach wie vor bieten Graphic Novels unglaublich breite Gestaltungsmöglichkeiten, die Mazzucchelli mit diesem Kunstwerk vollumfänglich nutzt!

Asterios Polyp ist ein erfolgreicher Architekt. Erfolg nicht im klassischen Sinne eines Architekten, keiner seiner Entwürfe wurde jemals zum Bau von Gebäuden verwendet, was ihm den Spitznamen „Papierarchitekt“ einbrachte, doch er lehrt an der Universität, genießt die intellektuelle Atmosphäre und hat eine Menge dazu beizutragen. Zu viel vielleicht, denn Asterios Polyp hat zu allem etwas zu sagen, wohin es ihn auch treibt. Er ist (unangenehmer) Mittelpunkt jeder Partygesellschaft, ja, überhaupt jeder Gesellschaft, die ihn umgibt. Er ist ein von sich selbst überzeugter Egozentriker, dessen Vorstellungen von der Wirklichkeit in vielerlei Hinsicht mit seinem Beruf verknüpft sind. Er denkt in Symmetrie, in (abstrakten) Formen, Geometrie gar, aber wenig in emotionalen Kategorien. Bis er Hana kennenlernt, eine junge Frau, deren Charakter kaum konträrer zu seinem sein könnte.

HanaDie beiden verlieben sich und heiraten. Sie stellt Skulpturen und Bühnenbilder her, er arbeitet nach wie vor an der Universität. Was die beiden zusammenhält, ist vielleicht gerade ihre Gegensätzlichkeit, sie scheinen sich zu ergänzen. Doch nachdem Hana von einem mehr oder weniger bekannten und künstlerisch hoch ambitionierten Regisseur und Choreographen angeworben wird, um mit ihm an einer Neuinszenierung des Oprheus zu arbeiten, verlieren sich die beiden. Asterios ist plötzlich fünftes Rad am Wagen, geworfen in eine Welt der Kunst, die nicht die seine ist.

Asterios1Plötzlich ist er nicht mehr Mittelpunkt seiner Welt, – jedenfalls nicht für die anderen. Die beiden trennen sich und die Geschichte beginnt bei Mazzucchelli an Asterios‘ fünfzigstem Geburtstag, an dem unglücklicherweise der Blitz in sein Haus einschlägt und es in Brand setzt. Er sammelt alles Geld zusammen, was er finden kann und fährt mit dem Greyhoundbus soweit er eben kommt. Dort heuert er in einer Autowerkstatt an (obwohl er von Autoreparatur freilich nicht die geringste Ahnung hat) und blickt in der Provinz auf sein Leben zurück.

Mazzucchelli zeigt in dieser Graphic Novel eine Detailverliebtheit, die mich ein bisschen an Craig Thompson erinnert. Er transportiert so viele Botschaften nicht durch Text, sondern durch die Anordnungen von Bildern oder Schriftarten, dass es unmöglich ist, nur den Text zu lesen. Diese Geschichte muss man im Ganzen wahrnehmen. Schon wenn man bemerkt, dass jede sprechende Person eine andere, ihrem Charakter angemessene Schriftart zugeordnet bekommen hat, könnte einem das Herz höher schlagen!

Asterios3Auch hier deutlich zu sehen – der kühle, in sich logische, ja in geometrische Formen zerlegte Asterios und seine Frau, die in einer impulsiven Farbe mit vielen Strichen und Nuancen gezeichnet ist. Was ein reiner Schriftsteller über Beschreibungen und beispielhafte Situationen vermitteln muss, wird hier einfach in die Bilder integriert, was ich, im Falle Mazzucchellis, für eine großartige und bewundernswerte Leistung halte! Diese Graphic Novel steckt voller Gefühl, voller Beobachtungsgabe, mit einem liebevollen Hang zum Detail! Ich kann nur eine große Empfehlung aussprechen für dieses Buch! Es ist vortrefflich, herrlich und einfach wunderbar!

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5 Gedanken zu “David Mazzucchelli – Asterios Polyp

  1. Liebe Sophie,

    ich danke dir herzlich für diese schöne Besprechung, die mich auf ein Buch aufmerksam macht, auf das ich sonst wahrscheinlich eher nicht aufmerksam geworden wäre.
    Irgendwie habe ich ja kleinere Berührungsängste mit Graphic Novels, da gibt es irgendwie eine Hemmschwelle bei mir, obwohl mir „Maus“ von Art Spiegelman gut gefallen hatte. Schade eigentlich. 😦 Ich finde an deiner Rezension vor allem die Tatsache spannend, dass in einer Graphic Novel eben vieles nicht durch Sprache dargestellt werden kann, sondern durch andere Methoden vermittelt wird. Das scheint in dem vorliegenden Fall ja auch herrlich zu funktionieren. Ich werde mir Titel und Autor mal notieren.

    Liebe Grüße
    Mara

    • Freut mich, Mara, dass ich deine Berührungsängste wenigstens hinsichtlich dieses Titels etwas abbauen konnte! Ich war am Anfang auch etwas skeptisch, jedenfalls als sich abzeichnete, dass „Graphic Novels“ so ein Trend würde, der sich wie eine Flutwelle über den Buchmarkt ergießen würde. Und jede Flutwelle diesen Ausmaßes führt eben auch viel Mist mit sich. Aber man kann in diesem Bereich ganz großartige Entdeckungen machen. Vielleicht springt ja irgendwann der Funke über. (;

  2. Vielen Dank für die Rezension. Das Buch habe ich vor einiger Zeit in einer Buchhandlung auch in der Hand gehabt, nur leider war das einzige Exemplar eingeschweißt und ich wusste nicht, ob es mir vom Stil her gefallen würde. Habe es dann doch nicht gekauft, aber es geistert auf meiner Wunschliste herum.

  3. Großartiges Buch und tolle Besprechung. Leider bei Graphic Novels immer wieder: aufwendige Produktion – hoher Preis – kleines Publikum. Obwohl es in den meisten Fällen das Geld allemal wert ist.

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