Alfonso Zapico – James Joyce

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James Joyces Werke sind längst Weltliteratur. Sein Mammutwerk ,Ulysses‘, an einem einzigen Tag in Dublin spielend, markiert für manchen den Aufbruch in die literarische Moderne, für den anderen ist der exzentrische Ire unlesbar. Wie es sich auch immer im Einzelnen verhält, Alfonso Zapico bietet mit seiner biographischen Graphic Novel einen gelungenen Einstieg in Joyce und sein Wirken.

Biographien berühmter Literaten in Comicform zu veröffentlichen, erfreut sich seit einiger Zeit großer Beliebtheit. Seien es nun Nietzsche, Thoreau oder Kafka, die Bebilderung ihres Lebens scheint sie uns näherzubringen, scheint sie greifbarer und menschlicher zu machen. Ist so ein graphischer Einstieg gut, fühlt man sich nicht selten animiert, tiefer in das Thema vorzudringen und die Bücher der nämlichen Autoren endlich (oder wieder) einmal zur Hand zu nehmen. Alfonso Zapico jedenfalls bringt Joyce näher – einen Exzentriker, der vom eigenen Genius bewundernswert überzeugt war.

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Aufgewachsen in einer sehr kinderreichen Familie, pflegt James Aloysius Joyce ein sehr enges Verhältnis zu seinem Vater. Er scheint dessen Talente geerbt zu haben, John Joyce erkennt sich in seinem Sohn wieder und macht keinen Hehl daraus, dass James sein Lieblingskind ist. Früh auf ein von Jesuiten geführtes Internat geschickt, sollte James im katholisch geprägten Irland eine Laufbahn als Geistlicher einschlagen. Doch er lernt durch seinen dem Alkohol sehr zugeneigten Vater und eine Prostituierte, die ihn auf der Straße anspricht, sehr schnell, wie verbreitet die vermeintliche „Sünde“ ist – und wie gut es sich eigentlich mit ihr leben lässt.

Joyce ist ein Tunichtgut und Trinker, schon während seiner Studienzeit in Paris. Stammgast in den zahlreichen Bars der Stadt, immer für ein Gläschen zu haben, immer abhängig von den Finanzspritzen seiner Eltern und Freunde. Doch nebenbei schreibt er. Gedichte („Chamber Music“), Theaterstücke („Exiles“) und Romane. („Portrait of An Artist As A Young Man“). Joyces Werke sind modern, explizit und in den Augen vieler obszön und anrüchig. Kein Verleger möchte sich für sie stark machen, keine Druckerei die Risiken des Druckes in Kauf nehmen. Mit seiner Frau Nora zieht Joyce von Irland nach Triest, von Triest nach Zürich, von Zürich wieder nach Paris. Nirgendwo bleibt er lange, was auch seiner desolaten finanziellen Situation geschuldet ist. So lange, bis sich Gönner finden, die den Exzentriker Joyce unterstützen wollen und können.

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Allen voran Ezra Pound, aber auch Sylvia Beach von Shakespeare and Company, die in nicht unerheblichem Maße zur Veröffentlichung des Ulysses beitrug. James Joyce wird gefeierter Intellektueller, von vielen bekannten Größen wie Hemingway, Gide und Yeats hofiert, von anderen wie Virginia Woolf und Bernard Shaw eher mit einem müden Lächeln bedacht. Joyce spaltet die Gemüter, mancher behauptet, statt Ulysses zu lesen, könne man auch das englische Telefonbuch kopieren. Auch als er mit seiner Frau Nora zwei Kinder hat, kann er die Trinkerei nicht lassen, ständige Augenentzündungen erschweren ihm das Arbeiten. Mehrfach wird er operiert. Nach Ulysses beginnt er nahtlos mit der Arbeit an einem Werk, das bis kurz vor seiner Veröffentlichung von ihm nur ,Work in Progress‘ genannt wird. Bekannt aber wird es unter dem Titel ,Finnegans Wake‘, – eigentlich ein altes irisches Volkslied, das Joyce in Sprache umzusetzen versucht hatte. Selbst Ezra Pound wird daran verzweifeln.

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Am 13. Januar 1941 stirbt James Joyce in Zürich, in das er schließlich, gesundheitlich schwer angeschlagen, zurückgekehrt ist. Alfonso Zapico zeichnet (im wahrsten Sinne des Wortes!) den Lebensweg dieses Mannes authentisch und ohne den zu verklären, der der Literaturgeschichte einige ihrer größten Werke vermacht hat. War er doch, im Umgang mit seinen Gönnern und Freunden, manches Mal eine streitbare Gestalt. Dieses grafische Portrait macht den Menschen Joyce etwas fassbarer und ist als Einstieg in sein Werk daher bestens geeignet. Völlig verdient gewann Alfonso Zapico für seine Arbeit den ,Premio Nacional del Cómic 2012′, den großen spanischen Kulturpreis für Comics.

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Alfonso Zapico: James Joyce, Portrait eines Dubliners, aus dem Spanischen von Sibylle Schellheimer, Egmont Verlag, 232 Seiten, 9783770455065, 19,99 €

Michael Goodwin & Dan E.Burr – Economix

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Mit einem Comic hochkomplexe wirtschaftliche Zusammenhänge begreiflich zu machen, scheint auf den ersten Blick eine höchst undankbare, wenn nicht unlösbare Aufgabe zu sein. Michael Goodwin und Dan E.Burr ist es mit ihrer Publikation – in Deutschland im Hause Jacoby & Stuart erschienen – allerdings gelungen, die Graphic Novel in den Stand eines pädagogischen Werks zu heben, das als Lektüre an Schulen den Lehrenden und Lernenden sicherlich nicht zum Nachteil gereichen würde. Ein bravouröses ,Es war einmal das Wirtschaftswesen‘. Ein Wunderwerk!

Wer denkt bei ,Economix‘ nicht sofort an ,Logicomix‘, die hervorragend verbildlichte Geschichte um das Leben Bertrand Russells und die Grundlagen der Mathematik? Die Graphic Novel ist, wie wenige andere Medien, auf eine einzigartige Weise in der Lage, komplexe Zusammenhänge durch abstrakte Verbildlichung begreiflich zu machen. Das galt bereits bei Logicomix wie auch im Falle dieser Gemeinschaftsarbeit Michael Goodwins und Dan Burrs. Viele Menschen wissen, nicht erst seit 2008, wenngleich dieses Jahr ihre dunkelsten Ahnungen auch in beängstigender Weise fassbar gemacht hat, in welchem Umfang die Wirtschaft und wirtschaftliche Interessen einzelner in ihre Lebenswirklichkeit eingreifen. Mit wirtschaftlichen Theorien allerdings setzen sich die wenigsten auseinander. Das, was an den globalen Finanzmärkten passiert, gilt vielerorts als undurchdringlich, unverständlich, für den Normalbürger ein Buch mit sieben Siegeln.

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Dass die Wirtschaft aber, ähnlich wie Geschichte und Kultur, einen Wandel durchlaufen hat, von verschiedensten Theorien beeinflusst und damals wie heute von Interessen gelenkt wird, gerät dabei erstaunlich oft ins Hintertreffen. Die Wirtschaft, wenn sie auch berechenbarer als manch anderer Wissenschaftsbereich ist, wird heute wie vor hunderten von Jahren von Menschen gemacht und verändert. Michael Goodwin unternimmt nun in Economix den waghalsigen Versuch, einen Überblick über die wichtigsten wirtschaftlichen Theorien und historischen Einflussfaktoren zu bieten. Nicht, indem er Theorie auf Theorie schichtet, sondern indem er weitgehend chronologisch vorgeht. Denn er ist, vermutlich aus gutem Grunde, der Ansicht, dass niemand verstehen kann, wie es zu unserer heutigen Situation gekommen ist, wenn er nicht weiß, wo wir begonnen haben.

Die wichtigsten Theoretiker und Ökonomen kommen teils in Originalzitaten zu Wort. So treffen wir auf Adam Smith, Thomas Malthus, John Maynard Keynes, selbstredend auch Karl Marx sowie David Ricardo als mehr oder weniger gut gelittene ökonomische Vordenker, auf die sich teils noch heute berufen wird; aber auch auf historische und politische Personen, die jeweils Einfluss auf das wirtschaftliche Geschehen nahmen. So spielen amerikanische Präsidenten, von Lincoln über Roosevelt, von Reagan über Clinton bis Bush junior und senior und ihre jeweilige Wirtschaftspolitik eine wichtige Rolle. Eine Entscheidung des Autors, die insofern sinnvoll erscheint als die amerikanischen Finanzmärkte schon lange auch die Wirtschaft außer Landes beeinflussen.

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Anschaulich und präzise beschreiben der Autor und Dan Burrs grandiose Illustrationen komplizierte Vorgänge wie den Derivathandel, die Bildung von Spekulationsblasen (wie 2008 durch Immobilienkredite ausgelöst) oder die Bildung von Konzernoligipolen. Was, so nüchtern aufgeschrieben, zunächst einen drögen und wenig zugänglichen Eindruck erweckt, entfaltet in Verbindung mit einem überwiegend leicht verständlichen Erzählton und manchmal humoresken, immer aber auf das Wesentliche heruntergebrochenen Zeichnungen, eine ganz eigene Faszination. Man will verstehen, man will durchdringen, was uns als so undurchdringlich verkauft wird. Und man schafft es auch. Nicht vollständig, aber so weit, dass man zu weiterer Beschäftigung mit einem Thema angeregt wird, von dem einem oftmals prohezeit wird, man verstünde es ohnehin nicht.

Dieses Buch beweist das Gegenteil, dieses Buch stellt bessere Weichen für das Verständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge als manch eine VWL-Vorlesung. Es ebnet den Weg.

Die Meinung des Autors ist an vielen Stellen deutlich erkennbar, was der Freude am Wissensgewinn allerdings keinerlei Abbruch tut. Die Geschichte unserer Wirtschaft wird bis zu einem gewissen Grad immer eine subjektive sein, je nachdem, welchen Grundsätzen man sich zugeneigt fühlt, welche Theorien man für zutreffend hält. Economix ist nicht nur eine hervorragende Einführung in Wirtschaftsgeschichte und -theorie, es ist auch der Versuch, unsere heutige wirtschaftliche Situation für den Leser so begreiflich zu machen, dass er selbst aus seiner ohnmächtigen Bräsigkeit heraus zur Tat schreitet. Economix begreift sich nicht nur als Abhandlung über Dagewesenes, es möchte dazu anregen, aus dem erlangten Wissen eigene Schlussfolgerungen zu ziehen. Und daraufhin zu Taten zu gelangen. Denn nichts trifft uns in diesen Zeiten härter als die Untätigkeit.

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Michael Goodwin & Dan E.Burr: Economix, Wie unsere Wirtschaft funktioniert (oder auch nicht), Verlagshaus Jacoby & Stuart, aus dem Amerikanischen von Edmund Jacoby, 304 Seiten, 9783942787031, 19,95 €

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Stephen Collins – Der gigantische Bart, der böse war

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Was passiert, wenn das Chaos in die Ordnung hineinbricht, grundlos, ungefragt, unvorhersehbar – das zeigt Illustrator Stephen Collins anhand einer märchenhaften Parabel über die schöpferische Kraft des Ungewöhnlichen.

Dave ist alles in allem ein unscheinbarer und geordneter Mensch. Er lebt auf ,HIER‘, einer Insel, die in ihrer Aufgeräumtheit und  Akkuratesse gewissermaßen Fels in der Brandung und Halt für jeden Menschen ist, der Gleichförmigkeit und Routine schätzt. Nichts fällt auf HIER aus dem Rahmen, nichts stört und verwirrt die Sinne. Tag für Tag hört Dave einen einzigen Song in Endlosschleife (‚Eternal Flame‘ von den Bangles), geht er einer Arbeit in einer Firma nach, deren Ziel er nicht kennt und deren Zweck er nicht versteht. In ihrer ständigen Wiederkehr aber gibt sie ihm Sicherheit, Geborgenheit. Denn da ist etwas außerhalb von HIER, das alle Menschen fürchten. Umgeben von dunkler See liegt jenseits von HIER DORT. Der Inbegriff des Chaotischen. Niemand ist jemals dort gewesen, doch, wie es immer so ist – man erzählt sich furchtbare Geschichten.

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Am Rande ihres Bewusstseins lauert für alle Menschen das Schreckgespenst von DORT, weshalb sie sich nur, vorsorglich, immer tiefer in ihre tägliche Routine flüchten. Bis mit Dave eines Tages etwas geschieht, das alle Ordnung in Frage stellt. Die Grundlosigkeit selbst. Nicht nur, dass ihn sein Vorgesetzter plötzlich nach der Bedeutung der Daten fragt, die Dave jeden Tag bloß stupide auswertet und visualisiert, während einer Präsentation wächst dem ansonsten so glatten und haarlosen Dave (abgesehen von einem einzigen Haar unterhalb seiner Nase) ein Bart. Innerhalb von Minuten schmückt eine dichte Haarpracht sein Gesicht, – und der Bart denkt gar nicht daran, sein Wachstum einzustellen. Panisch flüchtet Dave nach Hause, in seinen Grundfesten erschüttert.

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Egal, wie oft er versucht, seinen Bart zu stutzen, er wächst in Sekundenschnelle nach. Dave wird zum gesellschaftlichen Problem – hat er doch das Chaos nach HIER gebracht, was man weit entfernt in DORT wähnte. Man stellt Friseure, Hundescherer und Gärtner ab, den Bart im Zaum zu halten, bis man sich schließlich entscheidet, mangels Alternativen, den vereinsamten und völlig verstörten Dave mittels einiger am Bart befestigter Ballons von HIER verschwinden zu lassen. Doch zu diesem Zeitpunkt hat das Chaos schon seine Spuren hinterlassen – und verändert langsam, schleichend, die Lebenswirklichkeit der Menschen.

Man muss sich verlieben in diese verspielten Zeichnungen, in diesen Metaphernreichtum, den Stephen Collins in seiner Graphic Novel präsentiert. Mit dem Charme eines modernen Märchens zeigt Collins‘ Parabel die Kraft der Unordnung und des Ungewöhnlichen. Letztlich verändert nur das Eindringen des Bartes in eine dröge Vorhersehbarkeit die Sicht auf das Leben. Starre Reglementierungen und die Wiederholung des ewig Gleichen lassen ein Leben eng werden, fade. Und trotzdem man sich sicher ist, auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein und alles unter Kontrolle zu haben, muss man sich doch früher oder später mit der Unvorhersehbarkeit des Lebens konfrontieren. Niemand kann alles kontrollieren, weder hier noch dort. Und manches Mal erwachsen gerade aus Situationen, die wir nicht kontrollieren, die größten Erkenntnisse.

Fraglos ist diese Graphic Novel, im Atrium-Verlag in der Übersetzung von Tim Jung erschienen, für alle Freunde des gezeichneten Wortes ein Muss. Zauberhafte Illustrationen gehen Hand in Hand mit philosophischen Gedanken und ganz grundsätzlichen Überlegungen zu Lebensführung und persönlicher Freiheit. Ein graphischer Geniestreich, der in seinem Genre wohl zu den Höhepunkten dieses Jahres gehören wird!

LeaderboardStephen Collins: Der gigantische Bart, der böse war, Atrium Verlag, 240 Seiten, 9783855350735, 29,99 €.

David Zane Mairowitz & Jaromir 99 – Das Schloss

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David Zane Mairowitz ist ein amerikanischer Schriftsteller. Er studierte Englische Literaturgeschichte, Philosophie und Theaterwissenschaft. Neben seinen journalistischen Arbeiten hat er auch Theaterstücke, Kurzgeschichten und Hörspiele verfasst. Seit 1966 lebt Mairowitz in Europa, in Avignon und Berlin. Jaromír 99 (eigentlich Jaromír Švejdík) ist ein tschechischer Comic-Zeichner, Musiker, Maler und Sänger. Gemeinsam mit Jaroslav Rudiš veröffentlichte er die Graphic-Novel-Reihe um Alois Nebel. Diese Kafka-Adaption erschien im Knesebeck Verlag.

,Das Schloss‚ gehört zu den literarischen Fragmenten, die Kafka niemals beendete. Die Geschichte selbst ist schnell umrissen. Der Landvermesser K. kommt des Abends in einem verschneiten Dorf an, um dort seine Arbeit zu verrichten. Über dem Dorf, etwas erhöht, thront ein Schloss, das nicht nur die Häuser selbst, sondern auch die Menschen in ihnen zu überragen scheint. Das Dorf brauche keinen Landvermesser und habe auch niemanden gerufen. Als K.’s Assistenten auftauchen, wird plötzlich klar, dass es sich um völlig andere Mitarbeiter handelt, die von ihrem Handwerk nicht das Geringste verstehen. Um den Irrtum aufzuklären, müsste K. ins Schloss gelangen – doch da wird er bis zum Ende des fragmentarischen Romans niemals ankommen.

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Kafka schafft in seinem Roman ein undurchdringliches Geflecht von Autoritäten. Von Boten, Geliebten, Angestellten und Dienern, die alle in der einen oder anderen Weise mit dem Schloss verbunden sind. Wahrhaft Verantwortliche für diesen bürokratischen Fauxpas lassen sich jedoch nicht finden, das Betreten des Schlosses ist nicht nur strengstens untersagt, sondern erweist sich als nahezu unmöglich. K. wird nicht vorgelassen, K. wird ferngehalten von den wirklich bedeutsamen Herren. Einzig ein Mann namens Klamm, Vorstand der schlosseigenen Kanzlei, rückt in greifbare Nähe. Doch auch mit ihm spricht er nicht. Lediglich durch ein kleines Loch in der Tür einer Schankwirtschaft kann er ihn sehen, wie er in einem Sessel sitzt, regunglos mit einem Zwicker auf der Nase und einer Zigarre in der Hand.

,Das Schloss‘ ist vermutlich eines der beklemmendsten Werke Kafkas. Die Macht, die vom Schloss, seinen Bewohnern und nicht zuletzt auch von seinen dörflichen Handlangern ausgeübt wird, bleibt stets, wie üblich bei Kafka, unsichtbar. Man spürt das Unheil, die Korruption, die Undurchsichtigkeit als befände man sich in einem Spiegelkabinett gigantischen Ausmaßes. Und zweifellos ist Mairowitz und Jaromír mit ihren besonderen Illustrationen gelungen, genau dieses Schattenhafte in Bilder umzusetzen. Während andere Graphic Novels sehr detailreich gearbeitet sind, konzentriert man sich hier auf das Wesentliche, das Rudimentäre. Fast erinnert es an Scherenschnitte oder Schattentheater.

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An diesen Minimalismus in Stil und Gestaltung muss man sich erst gewöhnen. Ist man allerdings erst einmal in diese unübersehbare Welt eingetaucht, scheint es kaum eine andere Möglichkeit zu geben, das Geschehen anders darzustellen. So wie Kafka seine Personen oft nur andeutet, rasch skizziert, so wie sie jedem Leser aufgrund ihrer sehr zurückhaltenden Charakteristik immer wieder durch die Finger gleiten müssen, so hat Jaromír 99 sie gezeichnet. Kaum Mimik, kaum deutliche Gesichtszüge, oft sind die Augen das einzige, das in der Darstellung hervortritt. Aber weshalb soll es dem Leser auch anders ergehen als dem armen Landvermesser K., der sich von dieser unsichtbaren Obrigkeit mit überlangen Armen immer wieder beobachtet und gemaßregelt fühlt?

Das Ende entspricht, laut Zane Mairowitz‘ Vorwort, nicht der gedruckten Fassung. Es findet sich in den Manuskripten Kafkas. Möglicherweise hätte diese Geschichte auch enorm unter einem abschließenden Ende gelitten, Aufklärung kann es für K. nicht geben. Jaromír und Mairowitz schaffen eine rundum gelungene Adaption, die durch beinahe expressionistische Schwarz-Weiß Bilder besticht und beeindruckt. Es kann nicht schaden, sich Kafkas Vorlage vorher zu Gemüte geführt zu haben, ein Muss ist es allerdings nicht. Die Kafka-Band, bestehend aus Jaroslav Rudiš, Jaromír 99 und renommierten tschechischen Musikern, präsentieren zusammen die Bilder des Comics in Verbindung mit Musik. In ihrer Beschreibung klingt das so:

Die Kafka Band hat zum Schloss jetzt einen Soundtrack komponiert. In den Texten mischt sich Deutsch mit Tschechisch, in der Musik Pop mit Folk und Rock mit der alten traditionellen böhmischen Schrammelmusik, so wie der durchgefrorene Landvermesser K. in dem Wirtshaus Zur Brücke begrüßt werden könnte.

Wer in oder nahe München wohnt, kann sich im dortigen Literaturhaus das Ganze morgen live ansehen. Infos hier.

Antonio Altarriba & Kim – Die Kunst zu fliegen

DSCN6307Antonio Altarriba ist ein spanischer Autor, Literaturprofessor und Comickünstler. Seit den frühen 80er Jahren veröffentlicht er Romane, Anthologien, Comics und Essays. Für seinen Roman La Memoria de la Nieve wurde er sogar mit dem Baskischen Literaturpreis ausgezeichnet. Auch ,Die Kunst zu fliegen‘ wurde mehrfach mit Preisen bedacht, so u.a. mit dem Premio Nacional del Comic 2010. Kim, der mit bürgerlichem Namen Joaquim Puigarnau Aubert heißt, ist ein spanischer Comickünstler, dessen satirische Comicserie Martínez el Facha bereits als Klassiker spanischer Comickunst bezeichnet wird. ,Die Kunst zu fliegen‚ erschien in der Übersetzung von André Höchemer im avant-Verlag.

Dass Comics längst ihrem unseriösen Image entwachsen sind, ist seit Art Spiegelman, Robert Crumb, Craig Thompson und Chris Ware eine anerkannte und kaum noch angezweifelte Tatsache. Kaum ein Thema, dem sich die Graphic Novel nicht widmen könnte. Joe Sacco und Guy Delisle sind allerorten bekannt für ihre eher journalistisch geprägten Veröffentlichungen. Was Antonio Altarriba dem Leser hier präsentiert, ist die Geschichte seines Vaters. Antonio Altarriba Lopes stürzte sich am 04. Mai 2001 aus dem vierten Stock des Seniorenheims, in dem er lebte. Neunzigjährig, vom Leben ausgezehrt, psychisch entkräftet und von starker Medikation verwirrt, ist das die einzige Entscheidung, die er wachen Geistes und im Reinen mit sich selbst noch treffen kann.

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Gleich zu Beginn verblüfft diese Graphic Novel mit einem erzählerischen Kniff, der nicht eben häufig anzutreffen ist. Zunächst aus der Sicht des Sohnes berichtet, wandelt sie sich schrittweise zur Ich-Perspektive. Antonio Altarriba Lopes hinterließ seitenweise Aufzeichnungen über sein Leben und Leiden, über all das, was ihm festzuhalten wert und wichtig erschien. Auf der Basis dieser Schriftstücke entwirft sein Sohn eine Biographie des Vaters, die gleichzeitig das Schicksal unzähliger Spanier spiegeln dürfte, die unter General Franco in den Bürgerkrieg zogen, im Zweiten Weltkrieg kämpften oder vor den bis 1975, zum Tode Francos,währenden diktatorischen Verhältnissen ins Exil gingen.

Niemand weiß, wie ein Mann in seinem Alter und Zustand die Heimaufsicht austricksen,im vierten Stock durch ein Fenster klettern und sich in die Tiefe stürzen konnte. Doch ich weiß es. Nur ich kann wissen, wie er es tat, ..denn ich war zwar nicht dabei, doch ich war in ihm. Ich bin immer in ihm gewesen, denn ein Vater besteht aus seinen möglichen Kindern.

Als Sohn einer Bauernfamilie lernt Antonio Altarriba Lopes schon früh harte Arbeit und Entbehrungen kennen. Mit acht Jahren verließ er die Schulbank und wurde zur Feldarbeit abgestellt, seinen Wissensdurst jedoch verliert er nie. Er wächst unter einem harten und unbeugsamen Vater auf, umgeben von Kämpfen um Besitz und Auskommen. Um der engen Dörflichkeit und der überall spürbaren Feindseligkeit untereinander zu entkommen – so errichten die Bauern hohe Mauern um ihre Felder, um ihren Besitz zu sichern – versucht er sein Glück in Saragossa. Arbeitet dort als Lieferant, scheitert. Die Häme in seinem Heimatdorf Penaflor ist ihm sicher, als er mit leeren Händen zurückkehrt. Nachdem jedoch sein Freund Basilio bei einem Unfall mit einem selbstgebauten Fahrzeug ums Leben kommt, beschließt Antonio Altarriba Lopes dem Dorf und seiner Familie den Rücken zu kehren. Nach Basilios Tod hält ihn wenig.

Die Ankunft in der Stadt datiert sich vermutlich kurz vor Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges, der 1936 mit dem Putsch Francos gegen das demokratisch gewählte System der Zweiten Spanischen Republik begann und bis 1939 andauern sollte. Kurz darauf brach der Zweite Weltkrieg aus. Antonia Altarriba Lopes sieht sich nicht auf Seiten Francos, für ihn bilden die Kämpfe und Gewalttaten in der Stadt nur eine Fortsetzung der dörflichen Rivalitäten und Auseinandersetzungen. Sein Onkel Segundo, der vom Chauffeur des Bürgermeisters zum „Müllmann“ degradiert wurde, erzählt in familiärer Runde, was er da tatsächlich zu transportieren gezwungen ist.

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Antonio Altarriba Lopes läuft zu den Anarchisten über, flieht schließlich ins französische Exil und kämpft dort in der Résistance gegen die deutsche Besatzung. Es ist ein Leben voller Entbehrungen, Schmerzen und Leid. Auch im Spanien der Nachkriegszeit, das von Korruption und krummen Machenschaften zusammengehalten wird, kann er nicht Fuß fassen. Um sein Überleben zu sichern, muss er schließlich Werte und Überzeugungen zugunsten der herrschenden Gegebenheiten verwerfen. Er wird „innerer Emigrant“, wie viele andere Spanier, die nach den Kriegen keinerlei Perspektive und Möglichkeit mehr sahen, dem herrschenden System etwas entgegenzusetzen. Sie passen sich an, um nicht unterzugehen.

Antonio Altarriba und Kim haben in dieser Graphic Novel nicht nur hervorragende erzählerische und grafische Arbeit geleistet, mit der Geschichte des Antonio Altarriba Lopes haben sie auch ein Stück spanische Geschichte anhand persönlicher Erfahrungen rekapituliert. Wer sich bisher mit diesem Teil europäischer Geschichte nicht eingehend beschäftigt hat, bekommt einen ersten Einblick in Abläufe und Strukturen. Die eindrücklichen Zeichnungen verbildlichen die lebensnahe Sprache Antonio Altarribas auf ganz hervorragende Weise, insbesondere, wenn Vorstellung und Wirklichkeit verschwimmen. Die letzten Lebensjahre seines Vaters im Heim, der Rückzug aus der Welt werden dabei so plastisch dargestellt, dass man nicht umhin kann, die Last dieses Mannes zu spüren. Eines Mannes, der plötzlich der Überzeugung ist, ein Maulwurf fresse sich durch seine Brust.

Es nährt sich von meinem Kummer darüber, was ich nicht sein konnte. Ich habe weder die Sonne erreicht noch meine Flugrichtung beibehalten. Deshalb zehrt ein blindes Bodentier von mir.

Eine Graphic Novel, die mit ihrem außergewöhnlich großen Format und gut 200 Seiten aus den Veröffentlichungen herausragt, eine Geschichte, die herausfordert, die Familiengeschichte eines Einzelnen und die Lebensgeschichte vieler.

Wortreiche Geschenke

adventDas Weihnachtsfest naht schnellen und festen Schritts. Und wieder einmal stellt sich jeder von uns die bange Frage nach dem passenden Weihnachtsgeschenk. Trotzdem immer wieder hartnäckig der Niedergang des Lesens, des gedruckten Buches insgesamt, prophezeit wird, landen jedes Jahr eine Menge literarische Geschenke unter den heimischen Weihnachtsbäumen. Allen Unkenrufen zum Trotz verschenken wir immernoch Eintrittskarten in fremde Welten, Passierscheine für die Brücken, die aus dem Alltag hinausführen und uns andere Perspektiven eröffnen. Dennoch alljährlich dieselbe Frage: Welche Bücher verschenken? Bei rund 90.000 Neuerscheinungen jedes Jahr fällt die Entscheidung nicht leicht – und da sind noch nicht einmal die zahlreichen Klassiker eingerechnet, die bereits seit Jahrzehnten beliebt und begehrt sind. Von mir nun ein kleiner Überblick schenkenswerter Werke, von humorvoll bis tragisch, von unterhaltsam bis literarisch. Was Weihnachten unter der nadelnden Nordmanntanne liegen darf, kann, muss oder sollte. Der Einfachheit halber in Kategorien eingeteilt.

Geschichte

geschichteBücher, die sich historischen Gegebenheiten widmen oder ihre Erzählung bewusst in einer bereits vergangenen Epoche ansiedeln, gibt es viele. Ich habe drei verschiedene zusammengetragen, die auf ganz unterschiedliche Art und Weise geschichtlich sind. Robert Seethalers ,Der Trafikant‚ (Rezension) spielt im Wien der späten 30er-Jahre, kurz vor Einmarsch der Nationalsozialisten. Franz Huchel, ein sechzehnjähriger Junge aus der Provinz, wird in die Großstadt geschickt, um Geld zu verdienen. Im Tabaktrafik des Otto Trsnjek trifft er auf einen ganz besonderen Kunden – Sigmund Freud. Eine wundervolle Verquickung von Realiät und Fiktion. Ulrike Edschmid entführt uns in die späten 60er Jahre, in den terroristischen Untergrund der Bundesrepublik. ,Das Verschwinden des Philip S.‘ (Rezension) ist die wahre Geschichte des Werner Sauber, der sich bewusst in dieser Zeit für das Abtauchen entschied. Ulrike Edschmid kannte ihn gut und so gerät dieser schmale Band nicht nur zu einem beeindruckenden historisch-politischen Zeugnis, sondern auch zu einer ganz persönlichen Rückschau. DDR-Romane gibt es zur Genüge, wenige aber sind so charmant, poetisch und wahrhaftig wie Kathrin Aehnlichs ,Wenn die Wale an Land gehen‚ (Rezension). Ein Rückblick, eine Abrechnung und Jugenderinnerungen an das Aufwachsen in einem Überwachungsstaat, einem erdrückenden System.

Gesellschaft

gesellschaftAuf unsere Gesellschaft kann man ganz verschieden blicken, im Gewand einer Novelle, mit journalistisch präziser Analyse oder hintersinniger Satire. Meine drei ausgewählten Bücher in dieser Kategorie tun genau das, jedes auf seine Weise. Jonas Lüschers ,Frühling der Barbaren‚ (Rezension) erzählt vor der Kulisse des Orients den Zusammenbruch des Kapitalismus, vom Ausbruch der Barbarei unter den Menschen, die ihr Geld verlieren. Und stellt ganz nebenbei die Frage, ob die Barbarei nicht schon viel früher anfängt. Amy Waldman hält uns in ,Der amerikanische Architekt‚ (Rezension) den Spiegel vor und entlarvt mit nahezu genüsslicher Präzision tiefsitzende Vorurteile einer Gesellschaft. Was geschieht, wenn ein Mann namens Mohammed Khan ein Mahnmal für die Opfer des 11.September bauen soll? Einen ganz und gar humoristischen Blick nimmt Marc-Uwe Kling in ,Die Känguru-Chroniken‚ (Rezension) ein – der Kleinkünstker und das kommunistische Känguru sind zwar stets zum Lachen, bei genauerer Betrachtung verbergen sich aber auch hinter diesen pointierten Passagen wenig amüsante Wahrheiten. Sie sind nur nicht mehr ganz so brachial, wenn sie von einem Beuteltier ausgesprochen werden.

Familie

familieAuch mit Familien beschäftigt sich die Literatur immer wieder gern, am liebsten mit ihrem Niedergang, ihrer Auflösung. Wen interessiert die Rama-Werbefamilie? Spannend wird es doch dort, wo die Fassade bröckelt. So auch in meinen drei Büchern zum Thema Familie. Peter Buwalda hat mit ,Bonita Avenue‚ (Rezension) bereits die Sprengung des Familiären vorgenommen. Geheimnisse, Schweigen, gescheiterte Eltern-Kind-Beziehungen und die Explosion einer Feuerwerksfabrik, – ein sprachgewaltiger Roman, der mich sehr beeindruckt hat. ,Meine Mutter war hässlich‚ lautet der erste Satz aus Sarah Strickers ,Fünf Kopeken‚. (Rezension) Hier geht es aber keineswegs um ästhetische Abwägungen, es ist die Geschichte einer Mutter, erzählt von ihrer Tochter mit beißendem Witz und tragischem Ernst. Eine ganz besondere Erzählstimme und ein höchst gelungenes Debüt! Joachim Meyerhoffs ,Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war‚ (Rezension) greift im Titel nicht nur das Trügerische an Erinnerungen und ihre ständige Unzuverlässigkeit auf, sondern erzählt aus seiner Kindheit, von dem Aufwachsen auf dem Gelände einer psychiatrischen Klinik und den Auswirkungen auf seine Familie.

Pure Poesie

pure poesieManch ein Buch packt mit einer Sprache, die so beeindruckend ist, so tief reicht und sich noch lange nach Beendigung der Lektüre ins uns verankert, dass wir es am liebsten noch ganz lange bei uns haben wollen. So geschehen mit den drei Romanen dieser Kategorie. Katharina Hartwells ,Das Fremde Meer‚ (Rezension) hat in Bloggerkreisen hohe Wellen geschlagen, vermutlich ist es _das_ Litblogbuch des Jahres. In zehn verschieden-gleichen (kein Widerspruch!) Geschichten das Schicksal zweier Menschen und ihre Liebe zueinander, in einem Buch die heilende Kraft des Erzählens. Auch Dina Nayeris ,Ein Teelöffel Land und Meer‚ (Rezension) entfaltet eine facettenreiche und bildhafte Sprache vor dem Hintergrund der iranischen Revolution. Zwei Schwestern, die sich verlieren, ein Mädchen, das lange gegen die Wahrheit ankämpft und schließlich beginnt, zu akzeptieren. Ein Familienroman, ein Geschichtsroman, einfach ein herrliches Stück Literatur! Wolfgang Sofsky macht uns durch ,Einzelgänger‚ (Rezension) mit so einigen Eigenbrötlern bekannt. Mal in märchenhafter Form, mal als klassische Erzählung, aber immer in so kraftvoller und eindringlicher Sprache, dass man sich kaum wehren kann. Prädikat: Literarisch beinahe unbezahlbar!

Graphic Novel

graphic novelAuch im Bereich der Graphic Novel hat sich dieses Jahr wieder einiges getan. Mit meinen drei Empfehlungen in dieser Kategorie kann man bei Liebhabern der zeichnerischen (Wort)kunst eigentlich wenig falsch machen. Begonnen mit Mana Neyestanis erschütterndem Bericht ,Ein iranischer Alptraum‚ (Rezension), der seine Inhaftierung in eines der berüchtigtsten Gefängnisse des Irans allein aufgrund einer Karikatur dokumentiert über das Kafka-Porträt (Rezension) von David Mairowitz und Robert Crumb – das indessen locker jedem Literaturlexikon das Wasser reichen kann – bishin zu Guy Delisle und seinen ,Aufzeichnungen aus Jerusalem‚. (Rezension) Delisle ist nach wie vor für jeden ein Muss, der sich mit anderen Ländern und anderen politischen Systemen beschäftigen will. Ob nun in Pjöngjang, Birma oder eben Jerusalem – Guy Delisle liefert immer einen vorurteilsfreien Blick auf eine, uns oft fremde, Gesellschaft und Kultur.

Musik, Musik, Musik

collageliedermacherIch wäre ja nicht ich – und Redakteurin eines kleinen, feinen Musikmagazins -, wenn ich nicht auch in diesem Bereich Schätze hätte, die sich durchaus mit einem guten Buch kombinieren lassen. Sechs Favoriten habe ich für dieses Jahr ausgewählt, sechs wirklich hervorragende Alben für solche, die die Liedermacherei, die Kleinkunst, das Handgemachte an Musik mögen. Begonnen mit Dota Kehrs neuem Album ,Wo soll ich suchen‚ (anhörbar: ,Du musst dich nicht messen‚), über Wenzels ,Widersteh, solang du’s kannst‚, das deutlich harte und politische Worte anschlägt (anhörbar: ,Warten in C.‘), Frank Viehwegs ,Aus der Welt‚, das politische Lieder und unpolitische verbindet (anhörbar: ,Seltener Vogel‚) und Carsten Langners ,Steh nicht im Goldenen Buch der Stadt – Langner singt Hausin‘, das auf brilliante Weise Texte des niedersächsischen Dichters Manfred Hausin vertont. Bishin zu Matthias Brodowys ,Best-of‘ Bis es euch gefällt (anhörbar: UFOS über Berlin) und Bodo Wartkes Klaviersdelikte live aus Bremen. (Trailer zur DVD, dieselbe Audio-Spur mit Moderationen ist auch auf der Live Doppel-CD ..oder man kauft vielleicht auch die DVD)

Damit verabschiede ich mich, – auf einen erfolgreichen Geschenkekauf! Wer die Bücher online bestellen möchte, der tut das am besten bei den lieben ocelots im Shop. (klick)

Mark Long, Nate Powell & Jim Demonakos – Das Schweigen unserer Freunde

das-schweigen-unserer-freundeMark Long ist ein amerikanischer Schriftsteller, Drehbuchautor und Spieleentwickler. Gemeinsam mit Jim Demonakos, Gründer der jährlich stattfindenden Emerald City Comicon in Seattle, schrieb er die Geschichte zu „Das Schweigen unserer Freunde„, die auch viele Erlebnisse aus seiner eigenen Kindheit in den Südstaaten aufgreift. Nate Powell steuerte seinerseits die Illustrationen bei. Neben seiner zeichnerischen Tätigkeit im Graphic Novel – und Comicbereich besitzt er ein Plattenlabel und trat mit mehreren Punkbands auf. Für seine 2008 erschienene Graphic Novel Swallow Me Whole erhielt er 2009 den Eisner Award. ,Das Schweigen unserer Freunde‚ erschien unlängst bei Egmont.

Der Titel dieser Graphic Novel geht auf ein Zitat Martin Luther Kings zurück: ,Am Ende werden wir uns nicht an die Worte unserer Feinde erinnern, sondern an das Schweigen unserer Freunde.‚ Wir befinden uns 1968 in Houston, Texas. Unruhen und Diskriminierung prägen das tägliche Leben, Schwarze und Weiße leben strikt voneinander getrennt, in einschlägig bekannten Stadtvierteln verteilt der Ku-Klux-Klan Einladungen zu seinen Zeremonien und Zusammenkünften. Jack Long ist Journalist und lebt mit seiner Familie in einem solchen Viertel. Er ist kein überzeugter Rassist, hat er doch auf dem Campus der TSU, der Texas Southern University, Larry Thomas kennengelernt. Einen schwarzen Bürgerrechtsaktivisten, der die Studenten und deren Organisation (das SNCC – Student Nonviolent Coordinating Committee) unterstützt. Das SNCC organisierte gewaltfreie Demonstrationen und Sit-Ins, ermutigte Schwarze, sich in Wählerlisten eintragen zu lassen und kümmerte sich unter anderem um die Alphabetisierung der schwarzen Landbevölkerung. Gewissermaßen profitieren sie auch voneinander, der Aktivist und der Journalist.

dasschweigenDurch Stokely Carmichael erfährt das SNCC eine stete Radikalisierung, man verbietet Zusammenkünfte auf dem Campus. Und so organisieren die Studenten und Sympathisanten einen Sitzstreik auf der Wheeler Avenue, so etwas wie einem unseligen Sammelpunkt rassistischer Unruhen und Ausschreitungen. Larry Thomas wohnt mit seiner Familie an dieser Straße und muss sich regelmäßige Beschimpfungen und Anfeindungen gefallenlassen, seine Tochter Cecelia wird auf dem Fahrrad von einem Weißen angefahren, es wird nicht einmal ermittelt. Der Sitzstreik auf der Wheeler Avenue beginnt am 17.Mai 1967 und verläuft blutig. Ein Polizist stirbt, fast 500 schwarze Studenten werden verhaftet, fünf letztlich vor Gericht gestellt. Mark Long hält alles auf Kamera fest und ist außerstande, seinem Freund Larry zu helfen, der brutal zusammengeschlagen wird.

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SNCC-Aktivisten kämpfen für Freiheit und das Wahlrecht

Vor Gericht begegnen sich Jack und Larry wieder, ihre Freundschaft ist angeschlagen. Ist es überhaupt möglich, in einem solchen gesellschaftlichen Klima Freundschaften zu pflegen? Wo setzen wir unsere Prioritäten? Bringen wir uns für andere in Gefahr? Long, Demonakos und Powell präsentieren mit dieser Graphic Novel einen zeitlich begrenzten und dennoch geschichtlich relevanten Ausschnitt auf der Basis persönlicher Erinnerungen. In einzelnen eindringlichen Szenen wird deutlich, wie tief die Vorurteile in den Südstaaten verankert sind, wie unumstößlich sie vielen scheinen. Und wie wenig die beiden verfeindeten Parteien doch voneinander wissen. Mark Long selbst schreibt im Nachwort:

Als die Familie Thomas uns das erste Mal daheim besuchte, war es, als wären Außerirdische vor unserer Haustür gelandet. Der ganze Häuserblock stand auf der Straße und gaffte, und wir selbst waren auch nicht viel besser. Ich hatte noch nie einen schwarzen Menschen kennengelernt. Und ich glaube auch nicht, dass sie schon einmal mit weißen Kindern gespielt hatten. Ich weiß noch, wie sehr uns allein die Beschaffenheit unserer Haare gegenseitig faszinierte.

Die Graphic Novel endet mit dem Tod Martin Luther Kings, der viele Menschen, gleich ob schwarz oder weiß, auf die Straßen treibt. Obwohl Long und Demonakos die ein oder andere erdachte Begebenheit eingefügt haben, entsteht letztlich doch ein authentischer Eindruck, ein deutliches Bild damaligen Miteinanders und Zusammenlebens, der aufgeheizten Stimmung, im Hintergrund die Schrecken des Vietnamkrieges, der selbst an den Kindern Jack Longs nicht spurlos vorbeigeht. Insgesamt ist ,Das Schweigen unserer Freunde‚ eine lohnenswerte Lektüre mit Zeichnungen, die an die Präzision eines Reinhard Kleist erinnern. Etwas länger hätte diese Geschichte jedoch sein können, die, kaum, dass sie in Fahrt kam, eigentlich schon wieder zu Ende war.