Rachel Joyce – Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry

Rachel Joyce ist eine britische Autorin. Vor ihrem hier diskutierten Debütroman schrieb sie Hörspiele für die BBC und wurde mehrfach ausgezeichnet. Als Joyce diesen Roman schrieb, lag ihr Vater gerade, wie die Protagonistin Queenie Hennessey, in einem Hospiz. Leider starb ihr Vater, bevor er das Buch lesen konnte. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in Gloucestershire.

Harold ist eigentlich ein sehr unauffälliger Mann. Er hat seinen Lebensabend erreicht, sein Alltag läuft in geregelten Bahnen, bis eines Tages ein Brief seiner alten Arbeitskollegin Queenie Hennessey auf seinem Frühstückstisch liegt. Queenie ist schwer krebskrank und wird wohl nicht mehr lange leben. Harold ist zunächst entsetzt und versucht, Queenie eine Beileidskarte zu schreiben. Doch irgendwie  scheint ihm das nicht genug. Da er aber dennoch irgendwie reagieren will, da Queenie ihm vor vielen Jahren einen großen Gefallen getan hat, schreibt er ein paar Zeilen und macht sich auf zum Briefkasten.

Dort angekommen, stellt er fest, dass es nichts schaden könnte, zum nächsten Briefkasten zu gehen. Die Bewegung tut ihm gut, sie leert seinen Kopf und beschwingt läuft er immer weiter, bis er den Ortsausgang erreicht und nach dem Gespräch mit einer Frau von der Tankstelle eine folgenschwere Entscheidung trifft. Er würde zu Queenie Hennessey laufen und ihr persönlich sein Beileid ausdrücken. Ohne die geeignete Ausrüstung, mit wenig Geld und einem paar Segelschuhen an den Füßen, beginnt Harold also eine Reise, die ihn quer durch das ganze Land führen wird.

 

Sein Zielort ist Berwick upon Tweed an der schottischen Grenze. Dort liegt das Hospiz, in dem Queenie im Sterben liegt. In Harold formt sich die Überzeugung, dass er, solange er nur immer weiter läuft, die sterbende Queenie am Leben erhält. Es ist eine ganz persönliche Reise, die ihn nicht nur ganz banal seinem Ziel, sondern auch sich selbst näher bringt. Er reflektiert die Beziehung zu seinem Sohn und wird teils geradezu von Erinnerungen an ihn überflutet, er reflektiert die Ehe mit seiner Frau, die viel mehr Zweckgemeinschaft zwischen beiden geworden ist. Während Harold läuft, räumt er sein Leben auf.

Ich glaube, dieses Buch ist für mich DAS Highlight des Frühjahrs. Harold wächst dem Leser sofort ans Herz, in seiner trotteligen und doch so idealistischen Art und Weise, mit seiner eigentlich gänzlich kindlichen Überzeugung, seine Freundin noch irgendwie vor dem Tod zu bewahren. Auf seiner Reise trifft er immer wieder Menschen, die an seinen Überzeugungen rütteln, ihn erschüttern, ihm helfen, ihn unterstützen – und ihn vereinnahmen, denn gen Ende ist Harold beinahe ein Star im ganzen Land. Jeder kennt den Mann, der gegen den Tod anläuft.  Und natürlich gibt es auch Menschen, die Kapital aus ihm zu schlagen versuchen. Ich könnte mich seitenlang über diesen wunderschönen und warmherzigen Roman auslassen, aber ich sage einfach: Lest ihn selbst, ihr werdet keine Minute bereuen!

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Ursula Poznanski – Fünf

Ursula Poznanski ist eine österreichische Schriftstellerin. Bevor sie sich ganz auf das Schreiben konzentrierte, begann sie ein Studium der Japanologie, Publizistik, Rechts – und Theaterwissenschaft. Zunächst schrieb sie lediglich Jugendromane –  Erebos (hier auf der Seite bereits rezensiert), für das sie 2011 u.a. den Deutschen Jugendliteraturpreis erhielt, und Saeculum. Bei Fünf handelt es sich um ihr erstes Werk für Erwachsene.

Fünf nimmt sich eines eher ungewöhnlichen Themas für einen Thriller an – nämlich dem sogenannten Geocaching. Wem das überhaupt nichts sagt, der muss sich nichts weiter dabei denken, denn geläufig ist diese Art der Erwachsenen-Schatzsuche in Deutschland noch nicht unbedingt. Es handelt sich hierbei um eine technisierte Schitzeljagd via GPS oder anderen kompatiblen Navigationssystemen. Für jeden Cache – d.h. jede Dose mit irgendwelchem Inhalt – gibt es Koordinationen, die der Suchende in sein Navigationssystem eingibt. Diese Dosen sind meistens in der freien Natur versteckt und enthalten Krimskrams, wobei es beim Geocaching auch nicht vordergründig um den “Schatz” am Ende, sondern um die Suche danach geht.

Ausgangssituation ist der Fund einer Frauenleiche, der auf den Fußsohlen Koordinationen eintätowiert wurden. Beatrice und Florin, Mitarbeiter der Salzburger Polizei, versuchen nach Entdeckung dieser Koordinaten dem Täter auf die Spur zu kommen. Doch der hat alles, was nun folgt, offensichtlich bereits brilliant geplant und drängt die Polizei in eine fatale Rolle. Nicht nur wartet an jedem, durch die Koordinaten angezeigten Fundort, eine Dose mit Leichenteilen, sondern auch ein Rätsel, das jeweils zu einer bestimmten Person führt. Einer Person, die möglicherweise etwas mit dem Tod von Nora Papenberg zu tun hat. Die meisten Befragten aber reagieren völlig ahnungslos, als man ihnen ein Foto von Nora vorlegt und nachdem auch noch ein befragter Zeuge verschwindet, stehen Beatrice und Florin unter enormem Druck, doch irgendeinen Zusammenhang zwischen dem Mord und den Personen der Rätsel zu entschlüsseln. Eine dieser Personen ist ein Herr Sigart, der seine ganze Familie bei einem fatalen Brand verloren hat. Der schwerst traumatisierte Mann wird zur Schlüsselfigur des ganzen Falles.

Auch, wenn ich über Frau Poznanski schon Vieles gehört habe, wie vorhersehbar sie sei oder dass sie sich nur aktueller Themen bediene und sie auslutsche wie ein Karamellbonbon – wenn jemand spannend schreiben kann, dann sie! Ich finde es nicht im Geringsten verwerflich, dass sie sich aktueller Themen bedient, im Falle von Erebos und Saeculum waren das Computer – bzw. Rollenspiele, für mich vermag sie es in ein Gewand zu kleiden, was mich nicht moralisieren, sondern gut unterhalten soll. Und das schafft sie auch hier! Zunächst war ich etwas abgeschreckt von dieser ganzen Geocaching-Thematik, die mir irgendwie zutiefst abstrus erschien, aber als ich mich erst einmal darauf eingelassen hatte, war ich hellauf begeistert.

Wer auf richtig gut gemachte Thriller steht – lesen, lesen, lesen!

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Rita Falk – Hannes

Rita Falk ist eine deutsche Autorin. Sie wurde mit den Regionalkrimis rund um den Dorfpolizisten Franz Eberhofer bekannt.  Ihre Krimis spielen überwiegend im süddeutschen Raum. Mit dem hier besprochenen Buch schlägt Falk erstmals weniger provinzielle Töne an.  Vor ihrem literarischen Durchbruch arbeitete Rita Falk als Bürokauffrau.

Als Rita Falk mir überwiegend mit ihren Winterkartoffelknödeln auffiel, hätte ich mich wohl kaum an eines ihrer Bücher gewagt. Als Bewohner des norddeutschen Raums begegne ich allem Süddeutschen mit gelegentlichem Fremdeln und über den liebevollen Kindheitskontakt mit Meister Eder ist es mit der Nord-Süd-Verständigung auch nie hinausgegangen. Mit diesem Buch hat Falk jedoch, wie ich jetzt bestätigend sagen kann, völlig zu Recht, mein Interesse erweckt!

Protagonisten sind Uli und Hannes, Freunde seit Kindheitstagen. Bei einem Motorradunfall verunglückt Hannes schwer und fällt ins Koma. Um seinen Schmerz und seine Hilflosigkeit zu bewältigen, schreibt er Hannes regelmäßig Briefe, in der Überzeugung, er könne dann wenigstens nachholen, was alles passiert ist, wenn er wieder erwacht. Nebenbei leistet Uli seinen Zivildienst im “Vogelnest”, einem Heim für psychisch Kranke, das er liebevoll so genannt hat, weil jeder dort sprichwörtlich einen Vogel hat.

Er arbeitet und verbringt jede freie Minute im Krankenhaus. Selbst als Freunde sich schon abwenden, weil sie Hannes’ Zustand nicht mehr ertragen und dessen Eltern sich trennen, weil sie daran zerbrechen, hält Uli die Stellung.  Rita Falk ist es gelungen, zwar einen emotionalen und berührenden, deshalb aber nicht oberflächlichen Roman über den Tod und das Sterben zu schreiben. Sie verschont uns mit Klischees und immer wieder bemühten Bildern und sie zeigt, dass es Licht gibt, auch, wenn uns ein so wichtiger Mensch genommen wird. Wer also auch vor schweren Themen wie diesem nicht zurückschreckt, wird mit Falks Hannes nichts falsch machen.

 

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Toine Heijmans – Irrfahrt

Toine Heijmans ist ein niederländischer Schriftsteller. Er arbeitet als Journalist bei de Volkskrant.  Irrfahrt ist sein Debütroman, der in den Niederlanden überraschenderweise zum Publikums – und Presseliebling  avancierte.

Bei Irrfahrten ist es oftmals die Wahrnehmung, die einen in die Irre leitet. Weil sie veränderlich und weil sie fehlbar ist. Ein Mann namens Donald begibt sich auf eine dreimonatige Schiffsreise. Er müsse ausspannen, sagt er. Zu sich finden. Sehen, dass auch andere Dinge als beruflicher und finanzieller Erfolg das Leben regeln können. Mit ihm ist seine siebenjährige Tochter Maria. Sie fährt das letzte Stück der Strecke, vom dänischen  Thyborøn ins niederländische Harlingen, mit ihm. Er hat es so gewollt und seine Frau Hagar stimmt dem zu, – weil sie weiß, dass sie ihn nicht umstimmen kann.

Die beiden verleben wunderschöne und ruhige Tage auf See. Donald übernimmt nachts die Hundewache, hält den Kurs der kleinen Jacht Ismael im Logbuch fest und sich mit Kaffee wach, er beobachtet das Wetter und sieht nach seiner Tochter. Bis die plötzlich verschwunden ist. Donald war unaufmerksam. Eine Stunde, die ihm im Logbuch fehlt, ist der Beginn eines katastrophalen Stimmungsumschwungs. War die See vorher ein friedlicher Verbündeter, wird sie nun zum grausamen Feind. Donald segelt wieder zurück, erkennt in einer verblichenen alten Boje seine Tochter, rudert mit dem Rettungsboot aufs Wasser hinaus und bringt sich damit in Lebensgefahr.

Uns wird ein verstörendes Buch versprochen und das ist tatsächlich der richtige Begriff für diese Irrfahrt, die wir miterleben. Über die Hälfte des Buches werden wir durch sanfte Wellen in Sicherheit gewiegt, der Text plätschert geradezu vor sich hin, nichts erregt Aufsehen, die Gleichförmigkeit der Worte ohne große Ausschläge nach oben oder unten wirkt fast einschläfernd. Nicht langweilig, aber doch so einlullend, dass man nicht mit dem rechnet, was da kommt. Wer auf eine Aufklärung hofft, wird nur partiell befriedigt, das Ende könnte Vieles bedeuten. Ich kann dieses Buch nur jedem empfehlen, der außergewöhnliche Literatur zu schätzen weiß. Diese Irrfahrt ist keine einfache, dieses Buch ist kein Pageturner und die Protagonisten sind keine Identifikationsfiguren.

Irren ist menschlich.

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Chandrahas Choudhury – Der kleine König von Bombay

Chandrahas Choudhury ist ein indischer Schriftsteller. Er studierte in Delhi und Cambridge und lebt heute in Bombay. Er arbeitet für den Observer, die New York Times Books Review und den Sunday Telegraph als Kritiker. Das hier besprochene Buch ist sein Debütroman.

Selten bin ich bisher mit indischer Literatur in Berührung gekommen. Der kleine König von Bombay  ist daher für mich auch ein besonderes Werk, da es mir eine Welt eröffnet, die mir fast ein bisschen fremd erscheint. Choudhury schrieb, dass man zum Schreiben Leidenschaft brauche und die hat er zweifellos in dieses Buch gesteckt.

 Zum Inhalt:

Arzee ist kleinwüchsig. (Deshalb auch der Originaltitel Arzee, the Dwarf)

Er ist es gewohnt, dass sich die Menschen über ihn lustig machen und ihn seiner Größe wegen erst gar nicht wahrnehmen. Jeden Morgen trifft er sich mit seinen Freunden zum Kartenspielen, nachmittags geht er ins Noor. Im Noor, ein altes und traditionsreiches Lichtspielhaus mitten in Bombay, arbeitet Arzee als Filmvorführer. Alles geht seinen gewohnten Gang, bis er erfährt, dass sein Kollege Phiroz in Rente gehen wird. Arzee ist fest überzeugt, dass er dessen Platz einnehmen wird und kündigt das großspurig bei seinen Freunden an. Lange schon hat er Wettschulden und wird von einem Eintreiber namens Deepak regelmäßig verfolgt. Er hofft, nun endlich seine Schulden begleichen und seine Mutter stolz machen zu können.

Doch es kommt ganz anders. Arzee soll nicht etwa Phiroz Nachfolge übernehmen, nein, das Lichtspielhaus soll schließen.  Warum, wird im ganzen Buch nicht wirklich klar. Ob das Geld fehlt oder dem Leiter die Lust, bleibt der Interpretation des Lesers überlassen. Für Arzee bricht eine Welt zusammen. Und in diesem Zusammenbruch, der durch die Zerstörung seiner Hoffnungen noch angetrieben wird, erfahren wir von Monique.

Monique war seine Partnerin, seine Geliebte, bis zu dem Zeitpunkt, als Arzee vor ihrer Haustür stand und von ihrem cholerischen Vater eine Ohrfeige bekam. Im Affekt schlug Arzee zurück und seit diesem Moment hat er Monique niemals wiedergesehen. Sie hatte mit ihrem Vater die Stadt verlassen und lebte nun in Goa. Noch immer hat Arzee seiner Mutter nicht erzählt, dass er seine Anstellung im Kino verlieren wird, er hält sich mit einem Gelegenheitsjob über Wasser, den ihm Deepak verschafft hat. Doch eines Tages erfährt seine Mutter, was Arzee ihr solange verheimlicht hat und das ist auch der Moment, in dem Arzee das Geheimnis seiner Herkunft enthüllt wird. Denn nicht nur er hat etwas verschwiegen.

Ich mochte das Buch, wenn ich auch erst am Ende Mitgefühl für unseren kleinen Arzee aufbringen konnte, der ohne Zweifel über sich hinauswächst. Es liest sich flüssig und beleuchtet viele Aspekte der indischen Gesellschaft. Beispielsweise ist es in Indien offensichtlich noch immer ein entscheidender Faktor, welcher Religion ein potentieller Partner angehört, ist es noch immer problematisch, wenn sich dahingehend „Mischehen“ ergeben. Man lernt ein paar indische Gerichte kennen, wenn man sich nicht schon vorher für die indische Küche begeistert hat. Es ist ein interessanter Roman, der sich sicherlich anzusehen lohnt.

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Knut Hamsun – Hunger

Knut Hamsun (1859-1952) war ein bedeutender norwegischer Schriftsteller, der 1920 mit dem Literaturnobelpreis für sein Werk Segen der Erde ausgezeichnet wurde. Er begann die Niederschrift des oben genannten Romans 1888 auf der Schifffahrt von Amerika nach Kopenhagen. Er verarbeitete darin seine Erinnerungen an das Jahr 1886, das er, wie sein namenloser Protagonist, ebenfalls hungernd und arbeitslos verbrachte. Der Roman verhalf ihm 1890 zum literarischen Durchbruch.

Es war in jener Zeit , als ich in Kristiania umherging und hungerte, in dieser seltsamen Stadt, die keiner verläßt, ehe er von ihr gezeichnet worden ist - so beginnt Hamsuns teils biographischer Roman, der den persönlichen Verfall eines namenlosen Journalisten und Autors beschreibt, der sich von Auftrag zu Auftrag rettet und über den quälenden Hunger langsam geistige und physische Gesundheit einbüßt. Hat er zu Beginn noch ein Dach über dem Kopf und geht ihm die Arbeit einigermaßen leicht von der Hand, verliert er im Zuge des Buches nicht nur seine Bleibe, sondern auch alle Ankerpunkte eines gesunden und geordneten Lebens. Schon recht früh überkommt ihn immer wieder die Verrücktheit und der Wahnsinn, das Gefühl, sich nicht mehr kontrollieren zu können, ein monotones und jedwede Vernunft vernichtendes Summen in seinem Kopf. Er folgt wie betäubt und ferngesteuert einer jungen Frau und drängt sich ihr auf – ohne dies wirklich zu wollen.

 Meine Bosheit nahm zu und ich folgte ihnen. Ich war mir in diesem Augenblick voll bewusst, dass ich verrückte Streiche beging, ohne, dass ich etwas dasgegen hätte tun könnn; mein verwirrter Zustand ging mit mir durch und gab mir die wahnsinnigen Einflüsterungen, denen ich der Reihe nach gehorchte. Wie sehr ich mir auch vorsagte, dass ich mich idiotisch benehme, machte ich doch die dümmsten Grimassen hinter dem Rücken der Dame und hustete einige Male rasend, während ich an ihr vorbeiging.

Der Protagonist beginnt, wilde Lügengeschichten zu erfinden, die er fremden Menschen mit einer Inbrunst vorträgt, die nahezu bewundernswert ist. Als jedoch ein alter Mann auf einer Parkbank plötzlich auf seine Spinnereien rund um den erfundenen Hippolati eingeht, fühlt er sich in seiner Privatsphäre verletzt und reagiert außerordentlich gereizt. Generell behilft er sich immer wieder mit erfundenen Worten und Umständen, ist auf der anderen Seite aber vollkommen gelähmt und leer, wenn es darum geht, einen neuen Artikel zu schreiben, um wieder etwas Geld zu verdienen. Er lebt in einem permanenten Spannungsverhältnis , in dem nahezu unauflöslichen Widerspruch, schreiben zu müssen, um seinen Hunger zu stillen, aber seinen Hunger stillen zu müssen, um schreiben zu können.

Alle Menschen, die er aufsucht und um Hilfe bittet, sind für ihn entweder nicht zu sprechen oder weisen den verlumpten und zusehends ausgemergelten Schriftsteller zurück. In seinem Elend löst er sich nahezu vollständig auf, je mehr er das Gefühl hat, mit seiner Umwelt zu verschmelzen, desto mehr fühlt er sich in seinem Körper eingesperrt. Der gesamte Roman ist gezeichnet von einer düsteren und existentiell bedrohlichen Stimmung, die zwar phasenweise durch Erfolgserlebnisse des Protagonisten aufgelöst wird, aber nach diesen kurzen Momentaufnahmen sofort wieder in das Leid des Hungerns und der Einsamkeit zurückkehrt. Hamsun begründet hier die Erzählweise des Bewusstseinsstroms, die auch später kennzeichnend für James Joyce und Virginia Woolfe werden sollte. Es geht viel weniger um Handlung als um ein konstantes Aufeinanderfolgen von Bewusstseinszuständen und inneren Abläufen, die, miteinander verknüpft, manchmal trotz ihrer Länge nur einen kurzen Augenblick ausdrücken können. (Virginia Woolfes Mrs. Dalloway beschreibt lediglich einige Stunden in den Gedanken einer jungen Frau)

Nach seinem Erscheinen wurde Hunger von manchen gelobt, von vielen aber als ekelhaft und brutal abgeurteilt. Für mich ist Hamsun die Lesezeit absolut wert, schon wegen der dichten und atmosphärischen Art des Erzählens. Nicht so verschlungen und ausufernd wie Woolfe, aber dennoch sehr persönlich, verstörend und anders, als man das Erzählen sonst gewöhnt ist. Weitere Informationen finden sich auch in folgender PDF-Datei.


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Kathryn Stockett – Gute Geister

 

Kathryn Stockett ist eine amerikanische Schriftstellerin. Stockett wuchs in Jackson, Mississippi unter der Obhut eines schwarzen Dienstmädchens auf, weil ihre Mutter die Familie verlassen hatte. Sie machte ihren Abschluss in Englisch und Kreativem Schreiben. Ihr Debütroman Gute Geister wurde kürzlich unter dem Titel “The Help” verfilmt und gewann sowohl einen Golden Globe als auch einen Oscar.

Jackson, Mississippi, 1962. Die Rassentrennung ist Normalität. Noch lebt John F. Kennedy und auch Martin Luther King hat seine I have a dream-Rede noch nicht gehalten. Für die schwarze Hausangestellte Aibileen und ihre beste Freundin Minny ist es Normalität, die weißen Frauen zu bedienen und sich um ihre Kinder zu kümmern, – oftmals mehr und liebevoller, als es die Mütter könnten. Jede Woche findet ein Bridgekränzchen  statt, während dem die Damen den neuesten Klatsch und Tratsch austauschen. Das neueste Thema der Wahl ist die Trennung von Weißen – und Farbigentoiletten. Schwarze trügen doch ganz andere Keime und Krankheiten in sich, man könne es unmöglich verantworten, mit diesen Menschen eine Toilette zu teilen.

Aibileens Chefin Elizabeth Leefolt hat zwar ein kleines Kind, die zweijährige Mae Mobly, aber sie ist vollkommen unfähig, sich um das Kind zu kümmern. Viel mehr ist sie irritiert oder verstört und überlässt so Aibileen den Großteil der Erziehungsarbeit – und vorallendingen den Großteil der emotionalen Fürsorge. Hilly Holbrook,  die Rädelsführerin des Bridgekränzchens und Initiatorin zahlreicher kommunaler Veranstaltungen, setzt sich am leidenschaftlichsten für die neuen Sanitäranlagen ein.  Jedes Jahr sammelt sie bei einem Wohltätigkeitsball Geld für hungernde Kinder in Afrika, während sie die schwarze Bevölkerung um sich herum genauso herabwürdigt, wie es die gesellschaftliche Stimmung der Zeit verlangte.

Einzig und allein die vierundzwanzigjährige Eugenia “Skeeter” Phelan unterscheidet sich von  ihren geschwätzigen Freundinnen. Sie versucht nicht nur, normal mit den Dienstmädchen umzugehen und sich für ihre Belange zu interessieren, sie entscheidet, dass sich an den herrschenden Verhältnissen etwas ändern muss. Zuerst verdingt sie sich als Schreiberin der wöchentlichen Miss Myrna Haushaltskolumnen, doch eigentlich träumt sie von einem Buch über die schwarzen Dienstmädchen aus Jackson, Mississippi. Wie fühlen sie sich, wenn sie die weißen Kinder aufziehen? Wie fühlen sie sich, wenn sie auf getrennte Toiletten verwiesen werden? Wie ertragen sie all diese Demütigungen? Zunächst stößt sie auf Ablehnung, Angst und Skepsis.

Niemals könnten die schwarzen Dienstmädchen so über “ihre” weißen Frauen sprechen, doch als eine von ihnen aufgrund falscher Beschuldigungen ins Gefängnis gehen muss und ein Schwarzer auf der Nachbarschaft auf offener Straße erschossen wird, finden die Dienstmädchen den Mut, über das zu sprechen, was ihnen täglich widerfährt.  Mich hat der Roman wirklich beeindruckt, denn das, was ich in groben Zügen hier geschildert, ist längst nicht alles, was in diesem Buch passiert. Es ist so voller liebevoller und humorvoller Momente, dass es, trotz aller Grausamkeiten, eine Freude ist Aibileen, Minny und Skeeter auf ihrem Weg zu begleiten. Wie man im Nachwort lesen kann, sind viele Figuren entweder der Autorin oder ihrem damaligen Kindermädchen nachempfunden.

Wer hier ein tiefgreifendes Drama über die Südstaaten in den 60ern erwartet, wird nicht befriedigt. Es ist einfach eine schöne Geschichte, mitunter etwas schablonenhaft, wenn auch nicht so massiv, wie es der Film umgesetzt hat. Im Film bekommt man mitunter den Eindruck, alle Weißen seien böse und alle Schwarzen gepeinigt, der Roman hingegen kennt schon die Grautöne und nimmt sie wahr. Für alle, die menschliche, vielleicht auch auf historischen Fakten basierende Romane lieben, wird Gute Geister ein wunderschönes Erlebnis sein!

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