Bitte übernehmen Sie, Bernhard Blöchl!

bernhardblöchl

Foto: zeegaro

Das Schreiben begann für mich,..

mit einer Kurzgeschichte über einen querulanten Beamten mit Vorliebe für subversive Kunstaktionen und Süßkram, Lieblingssatz: „Jeden Tag eine gute Tarte.“

Ein Buch muss,..

mich herausziehen aus dem Alltagssumpf und mich in eine Welt schleudern, in der Langeweile Hausverbot hat, Wörter die schrägsten Purzelbäume schlagen, und Staunen Pflichtfach ist.

Wenn ich keine Bücher schreiben würde,könnte ich..

…mehr Bücher lesen.

Ein Kindheitstraum von mir war,..

zu schön, um nicht wahr zu werden: Irgendwann den eigenen Roman schreiben.

Wenn ich nicht schlafen kann,..

…schlafe ich irgendwann ein.

Völlig unterschätzt wird,..

Wortwitz, Selbstironie und die Wunderkraft einzelner Sätze (überschätzt wird Authentizität als Dogma).

Wenn ich Musik hören, dann..

schreibe ich nicht (und umgekehrt).

Ich erfülle folgendes charmantes Autorenklischee:

Die Katze auf der Tastatur, und auch die Kaffeemaschine schnurrt in einer Tour.

Eine meiner seltsamsten Angewohnheiten ist es, …

…Bücher nach ihrem ersten Satz zu beurteilen: Im Idealfall gibt er Hinweise auf die Essenz der Geschichte, oder haut dich einfach nur von den Socken.

Literatur kann ..

Figuren zum Leben erwecken – fragt mal Julian Hartmann …

Bernhard Blöchl ist Autor und Journalist aus München. Hauptsächlich arbeitet er für die Süddeutsche Zeitung, schreibt über Film, Pop und Literatur. Unter www.lieblingssaetze.de hat er ein Museum der schönen Sätze eingerichtet, wo er herausragende Romananfänge und Songzeilen sammelt und kommentiert. Sein erster eigener Roman, eine Liebes- und Lebenskomödie über die Befindlichkeiten des modernen Mannes, erschien 2013 unter dem Namen „Für immer Juli“ (MaroVerlag). Ein Projekt mit Folgen: Der Protagonist der Schelmengeschichte, Julian Hartmann, veröffentlicht im Juli 2014 sein eigenes Buch: den Männer-Ratgeber „Schluss mit luschig!“ (Rowohlt).

Homepage: www.bernhardbloechl.de

Wie sollten wir sein?

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Sheila Heti stellt sich in ihrem neuen Roman ,Wie sollten wir sein‚ (Rowohlt Verlag) eben genau diese Frage. An Vorschlägen, Ideen und Vorschriften mangelt es uns nicht, mittlerweile viel häufiger an Orientierung. Was ist ein guter Mensch? Wo zählen welche Qualitäten? Und was ist am Ende womöglich völlig unwichtig? In einer auf Leistung und Wohlstand ausgerichteten Gesellschaft können wir vielfach beobachten, wie sich Werte und Prioritäten verschieben. Die Lebensplanung beginnt sich auszurichten an einem allgegenwärtigen Ideal von Optimierung. Lebensoptimierung, Partneroptimierung, Selbstoptimierung. Und während wir uns zu kleinen Wirtschafts – und Profitmaschinen umbauen, kommt die Frage danach, wie wir denn eigentlich sein sollten, zur richtigen Zeit. Jeder würde diese Frage wahrscheinlich anders beantworten, jeder würde für sich einer anderen Sache Priorität einräumen. Sollen wir flexibel sein? Aufgeschlossen? Liebevoll? Voller Verständnis? Egoistisch, so es unsere eigene Haut betrifft? Mit spitzen Ellbogen bewährt? Oder ganz selbstlos?

Meine (durchaus literarisch motivierte) Antwort findet ihr hier.

Was mich nun aber ganz brennend interessiert: Was denkt ihr?

Närrische Pilzsammler trinken das Radio aus

Eine Liebeserklärung an Max Goldt

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Er ist eine moralische Instanz. Er ist ein Alltagspoet, ein Philosoph des Absonderlich-Profanen, ein Mann, bei dem sogar das Debattieren über Hautausschlag, Drogenkonsum und absurde Kneipenspiele („Wer kann die meisten KZs aufzählen“) zur Prosa gerät, vor der man niederknien möchte. Max Goldt ist der schreibende Funny van Dannen, unaufgeregt und immer ein bisschen „über den Dingen“. Das macht ihn unweigerlich zu einer Autorität in allen lebensnahen und -fernen Fragen, die die Menschheit bewegen. Oder spätestens nach der Lektüre eines Max Goldt Textes bewegen. ,Wie ich Max Goldt in den Wahnsinn trieb‚ wird unweigerlich ein Text bleiben, der niemals geschrieben wird. Max Goldt kann nicht aufgerieben oder aufgeregt werden, außer von denen, die wissen wie. Und das weiß eben keiner.

Krimi-Autorinnen heißen immer Petra, hat er mal geschrieben. Überdurchschnittlich viele Petras scheinen kriminalistisch und literarisch ambitioniert zu sein. Oelker und Hammesfahr. Immer wenn ich beide Namen lese, denke ich an Max Goldt. Wenn sich jemand wieder einmal kleiner macht als er ist, denke ich daran, dass Understatement nur eine kenntnisreichere Form der Prahlerei ist und muss lächeln. Wenn Max Goldt liest – und das ist eine der elemtarsten Zutaten eines Max-Goldt-Textes, Max Goldt selbst in akustischer Anwesenheit – ist es, als würde die Komplexität der Welt plötzlich greifbar in Text und Wort. Max Goldt macht Zwischentöne lesbar und er schreibt über alle Dinge, über die sonst keiner schreibt. In einer Art wie sonst keiner schreibt. Weil man jeden anderen dafür schelten würde, einen Text ,Metrosexualität, Transparenz und die drei dümmsten Aphorismen von Oscar Wilde‚ zu nennen.

Manchmal werde ich erstaunt gefragt, wieso ich mich denn nicht als Satiriker empfinde. Da ich keine Lust habe, auf diese Frage immer wieder ausführlich zu antworten, habe ich mir eine Art Esprit-Sprüchlein, einen Aphorismus zurechtgelegt: Satiriker wollen der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten. Gesellschaften sind aber wie Tiere: Sie erkennen sich im Spiegel nicht. (Max Goldt – Mind-boggling – Evening Post)

Gemeinsam mit Stephan Katz erarbeitet Max Goldt als Duo Katz&Goldt seit 1996 immer wieder herrlich absurde Comics, die so polarisierend sind wie – ja – ..Apple (also, das Unternehmen), Sauerkraut und Bodybuilding. Ihr Label Rumpfkluft bietet T-Shirts und andere Gebrauchsgegenstände mit entsprechender Verschönerung an. Manch lieblich alberne Stunde habe ich dort verbracht. Max Goldt schriebe, so sagt man ihm nach, wohl das schönste Deutsch. Unbestritten ist wahrscheinlich, dass die Lektüre eines Max-Goldt-Textes die eigene Sprachfertigkeit schlagartig um mehr als das Doppelte erhöht. Sagen Statistiker. Irgendwo. In Holzhütten im Odenwald. Max Goldt ist die textgewordene Rache an und die inhaltliche Umarmung des Gewöhnlichen, man weiß nie so genau, ob er nicht eigentlich zuhause unentwegtüber die Welt lacht, die er sieht. Vielleicht weint er auch. Vielleicht ist das auch dasselbe. Max Goldt ist der einzige Mensch, den ich mir nicht dabei vorstellen kann, wie er im Supermarkt ein Glas Gewürzgurken kauft. Gerüchtehalber gibt es ihn gar nicht.

Ich könnte die Gerüchte widerlegen.

Mache ich aber nicht.

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Fotostrecke Katz & Goldt, zum Ansehen feste draufklicken

Goldts Bücher erscheinen im Rowohlt-Verlag.

Horst Evers – Für Eile fehlt mir die Zeit

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Horst Evers (eigentlich Gerd Winter) ist ein deutscher Autor und Kabarettist. Aufgewachsen in Niedersachsen studierte er an der FU Berlin Germanistik und Sozialkunde, ohne jedoch jemals eine Abschlussprüfung abzulegen. 2008 erhielt Evers den Deutschen Kleinkunstpreis. Seine Texte werden regelmäßig auf Radio Eins von ihm vorgetragen. In gedruckter Form erscheinen sie im Rowohlt Verlag.

Wann immer jemand eine herrlich absurde Alltagssituation in trockene Komik kleidet, könnte sich demnächst einbürgern, nonchalant zu erwidern: Das war ja mal ein echter Evers. Beispielsweise die Beschreibung des Mannes, der im Baumarkt schwere und sperrige Sperrholzplatten kauft, die ihm unterwegs einfach jemand klaut. Der Dieb rennt mit den Platten unter’m Arm zufällig genau in die richtige Richtung und so lässt er ihn gewähren, bis der, völlig aus der Puste und beunruhigend kurzatmig, nicht nur das Handtuch, sondern auch die Sperrholzplatte wirft. Horst Evers ist ein Meister der Alltagsbetrachtung. Was anderen entgeht, kleidet er in literarische Gewänder, die uns ganz vergessen lassen, dass es doch das ist, was wir täglich erleben. Manchmal wünscht man, man könnte die Welt mit Evers‘ Augen sehen, wahrscheinlich wäre sie eine bedeutend amüsantere.

„Oh, das ist ja mal eine besonders schöne Lunge“, sagt die Lungenärztin, während sie auf mein Röntgenbild guckt. Ich bin ein bisschen verlegen. Noch nie hat mir jemand wegen meiner Lunge und schon gar nicht wegen eines Röntgenbildes ein Kompliment gemacht. Wer weiß, vielleicht sind noch viel mehr meiner inneren Organe von geradezu bezaubernder Anmut oder seltener, verführerischer Schönheit. Womöglich habe ich formvollendete Nieren, eine berückende Leber oder ein verheißungsvoll attraktives Dünndarmgeschlinge, mit dem ich quasi jede Internistin um den Finger wickeln könnte.

In achtundvierzig mehr oder weniger kurzen Texten beleuchtet, beschreibt und karikiert Evers unseren alltäglichen Wahnsinn mit einer Nonchalance, die knapp an der Kaltschnäuzigkeit vorbeischrammt, deshalb aber mitnichten weniger liebenswürdig erscheint. Im Zug wird er schnarchend und schlafend von anderen Fahrgästen mit ihrem Smartphone fotografiert, zum Geburtstag wird er mit allerlei Küchenutensilien zur Zubereitung eines angemessenen Frühstücks beschenkt – einem von unterwegs steuerbaren Kaffee-Vollautomaten und einer Saftpresse – und sein Nachbar twittert analog. Heißt, er brüllt seine Befindlichkeiten ganz einfach aus dem offenen Fenster in den Innenhof. Weil er sich mit seiner Ex-Freundin im Sorgerechtsstreit befindet und für alle potentiellen Zeugen seines positiven Lebenswandelns denselbigen dokumentieren möchte. Und er entschuldigt sich auf der Frankfurter Buchmesse nicht nur für Bücher, die niemals hätten erscheinen dürfen, er kellnert auch für Günter Grass.

Zeige mir deinen Spam-Ordner, und ich sage dir, wer du bist. Falls dieser zurzeit so moderne Satz wirklich stimmt, bin ich mir selbst aber nicht besonders sympathisch. Wenn das, was in meinem Spam-Ordner so landet, wirklich etwas Grundlegendes, Tiefes über mich aussagt, dann bin ich ohne Frage ein sehr, sehr kranker Mensch mit höchst eigenartigen Vorlieben und Problemen. Neben den vielen Tipps und Vorschlägen für ein  glücklicheres und vor allem, nennen wir es mal, imposanteres Sexualleben bin ich wohl jemand, der gern pokert, grundsätzlich hilfsbereit gegenüber vermögenden afrikanischen Diplomaten ist, praktisch wöchentlich einen neuen Schreibtischstuhl benötigt, bevorzugt das Modell Chefsessel, und sich geradezu brennend für lufthydraulische Barhockerweltneuheiten interessiert.

Horst Evers gelingt der Spagat, uns gleichzeitig dazu aufzufordern, uns nicht so ernstzunehmen, dabei aber dennoch mit offenen Augen für uns und unsere Mitmenschen durch unser Leben zu schreiten. Die Lektüre eines Buches von Horst Evers wird immer eine ganz besondere sein, eine erleichternde. Man kann schallend lachen, aber auch nur so ein bisschen schmunzeln, man kann versonnen den Kopf schütteln und über manch hintersinnigen Witz noch eine Weile nach Verklingen des Lachens nachdenken.

Horst Evers im Interview (kurz nach Erscheinen von Für Eile fehlt mir die Zeit)