Roman Simić – Von all den unglaublichen Dingen

roman-simic

Roman Simić ist ein kroatischer Autor und Verlagslektor. Simić war Herausgeber der wichtigsten kroatischen Literaturzeitung Quorum und ist noch Organisator und Programmdirektor des Festival Of European Short Story. Er gewann bereits mehrfach den Goran Preis für junge Dichter. Ich habe bereits Simićs ersten Erzählband ,In was wir uns verlieben‚ hier besprochen, ,Von all den unglaublichen Dingen‚ erschien im September 2013 wie sein Vorgänger bei Voland und Quist in der Übersetzung von Brigitte Döbert.

,Wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen‚, schrieb Ludwig Wittgenstein. Vielleicht könnte man diesen Leitsatz etwas modifizieren und sagen: Wovon man nicht reden kann, darüber muss man schreiben. Von unglaublichen, unsagbaren Dingen, die erst mittels Sprache Gestalt annehmen. So jedenfalls erscheint es einem, wenn man Roman Simićs Erzählungen liest. Sie alle handeln von Menschen in Einsamkeit, in Extremsituationen, abgeschnitten von der Alltäglichkeit. In allen seinen Geschichten spielt der Kroatienkrieg Anfang der 90er eine zentrale Rolle, wie ein konstanter Ton unterlegt er die verschiedenen Schicksale. Nicht um die Gräuel des Krieges geht es, jedenfalls nicht vorrangig, es geht um die Menschen. Darum, wie der Krieg sie verändert, selbst wenn der einige Kilometer weit entfernt ist und sich nur durch gelegentliches Sirenengeheul ins Bewusstsein bringt.

Ich denke: So selten sie an die Oberfläche dringen mag, unser ganzes Leben ist von ihr bestimmt – unserer Vergangenheit. Deine und meine Geschichten, verflochten, abends auf der Couch, nach der Arbeit, wenn wir ins Kino gehen, vorm Fernseher, nach dem Liebemachen- es wäre schön, sie loszuwerden, wenigstens für kurze Zeit, aber wie?

Da ist der junge Mann, der im Zoo sitzt und Briefe an seine Liebe schreibt. Briefe voll Fragilität und den Geschichten zweier Liebender, deren Familien durch den Krieg schwer erschüttert wurden. ,All unsere Geschichten bringe ich in diesen Zoo, damit sie an die frische Luft kommen, denn die verschwindet manchmal zwischen uns.‘, schreibt der Erzähler, den Brief allerdings schickt er niemals ab, händigt er nicht aus. Manchmal lähmt ein Schweigen zur falschen Zeit noch lange über die Situation hinaus.

Simić erzählt von einem Vater und seiner Tochter, die eigentlich nichts voneinander wissen. Die Tochter besucht das Elternhaus regelmäßig mit einem Veilchen im Gesicht, ihre Partner schlagen sie. Ich überlege, wie gut wir uns kennen. Ich weiß von ihr nicht mehr als ich sehe., gesteht der erzählende Vater, während auch ihn ein Leiden plagt, von dem niemand etwas weiß. Er hat Krampfanfälle, kann jeden Moment zu Boden stürzen, sich ernsthaft verletzen und niemand wüsste, was mit ihm geschieht. Die Stimmung ist bedrückend, keine Nähe und Vertrautheit möglich.

roman-simic-coverAber wenn sie ganz ehrlich gewesen wäre und ganz genau, dann war dieser Krieg in ihrer Erinnerung kein richtiger Krieg, er war ein Hintergrundgeräusch, zwei, drei Donnerschläge im Hinterland, das gelegentliche Heulen der Sirenen, leere Strände, nichts von Bedeutung. Die Schnaken waren blutrünstiger, das Kind lauter als er. Der wahre Krieg war woanders, dachte sie, alles Wichtige passiert in uns.

Etwas hat die Protagonisten auseinandergerissen, versprengt in kleine Gruppen, auf kleine Inseln, mit sich hadernd. Vielleicht ist es der Krieg und die permanente Bedrohung der eigenen Existenz, vielleicht sind es falsche Entscheidungen, die falschen Menschen. Ein junges Paar besucht gemeinsam die Nachbarn, die im Café überraschend auf die beiden zukamen und um Gesellschaft baten. Das schicke sich nicht, aber er sterbe gerade. So sitzt der alte Nachbar mit den knochigen Knien im Trainingsanzug am offenen Fenster und stirbt, während seine Frau und das junge Paar auf dem Balkon über Dinge reden, die es nicht gibt.

Wir saßen also auf dem Balkon und redeten über ein Pferd, das es nicht gab, mit einem Mann, den es bald nicht mehr geben würde, und seiner Freundin, einer dicken, schweißgebadeten Frau, die nichts dramatisierte, am wenigsten den Tod, schwer zu sagen ob wegen langjähriger Erfahrung, Lehrern, Psychologen, Jahren der Geduld.

Ein Mann besucht den Ex-Partner seiner Frau im Irrenhaus, wo der düstere Poeme auf Toilettenpapier schreibt. Eine Frau fährt mit ihrer Tochter immer gegen den Strom, immer dorthin, wo sonst niemand ist. Simićs Kurzgeschichten sind von einer intensiven Authentizität und Besonderheit, dass man in ihnen verschwinden, sich von der beeindruckenden Stimmung, die manchmal fast ins Surreale schwappt, mitreißen lassen möchte. Was ist wichtig? Was zählt im Leben angesichts des Todes? Was bedeutet unsere Vergangenheit und wie beeinflusst sie unsere Zukunft? All die kleinen und großen Dinge des Lebens finden ihren Platz in diesen Erzählungen, manchmal mit trockenem Humor, immer aber mit einer feinen Beobachtungsgabe und einem Sinn für die kurzen, vorbeihuschenden Augenblicke. Eine lohnenswerte Lektüre!

Roman Simić – In was wir uns verlieben

simicRoman Simić ist ein kroatischer Schriftsteller. Er arbeitet auch als Lektor und lebt in Zagreb. Simić war Herausgeber der wichtigsten kroatischen Literaturzeitung Quorum und ist noch Organisator und Programmdirektor des Festival Of European Short Story. Er gewann bereits mehrfach den Goran Preis für junge Dichter. In was wir uns verlieben erschien 2007 in der Übersetzung von Alida Bremer bei Voland & Quist. Im September erscheint sein neuer Erzählband Von all den unglaublichen Dingen.

Ein Mann, der aufgrund eines verblichenen Fotos Ausschau hält nach seiner Familiengeschichte und seiner Herkunft. Der Erinnerungen nachspürt, sich der Beschaffenheit von Erinnerung und ihrer Fragilität nähert. So beginnt Roman Simićs erste Geschichte Ein Rahmen für den Familienlöwen.

Die Fotos schweigen hier genauso wie die Erinnerungen. Zu erwarten, dass sie uns Gründe für irgendetwas aufzeigen, für das alltägliche Chaos von Ursachen und Folgen, für den Raum, der in uns mit Kraft und Schwäche, Dankbarkeit, Schmerz, Verrat, Liebe …gefüllt und geleert wird, käme der Hoffnung gleich, dass aus dem Fotomeer der japanischen Touristen, das im Schaum der Sensationen badet, die Natur unseres Krieges oder der italienischen Renaissance aufscheinen würde und sich erklären ließe – wenn auch erst in hundert Jahren.

Ausgehend von der Fotografie eines Löwen in einem amerikanischen Zoo rekonstruiert der Protagonist Teile seines Lebens und des Lebens seiner engsten Verwandten. Wie gut kannte er sie wirklich? Was liegt womöglich in Fotos verborgen, das ihm sonst niemals aufgefallen ist? Und über allem schwebt die Frage, was Erinnerung tatsächlich meint, wie konservierbar und fehleranfällig sie ist – und wie unerlässlich trotzdem, um uns selbst zu erkennen und einzuordnen.

Zwei Freunde, die in einem Krankenhaus den Toten Geschichten erzählen, Geschichten rückwärts, vom ihrem sicheren Tod bis zu ihrer unsicheren Geburt und ihrer möglichen Lebensgeschichte. Drei Männer, die sich nur ihrer Hunde wegen begegnen. Einer, der seinen Hund so viel mehr liebt als die Menschen.

Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, und darum ist der Hund zu seinem besten Freund geworden. Nicht deshalb, weil die Natur will, dass Freundschaft zwischen Wolf und Hund herrscht, sondern weil sie es nicht einrichten konnte, dass das zwischen den Menschen der Fall ist.

Da ist der Mann, der in seine Heimatstadt zurückkehrt und alles schmerzlich verändert vorfindet, abgesehen von der Distanz, die zwischen ihm und seinem Vater herrscht wie ein außergewöhnlich langer und harter Winter. Da ist der Mann, der im Treppenhaus ein Paket umklammert hält, das er seinem kleinen Sohn schenken will. Er ist betrunken, die Beziehung zu seiner Frau ist vorbei und er scheitert an dieser Zuneigungsbekundung kläglich. Weiß er doch gar nicht, was sich im Paket befindet.

Roman Simićs Erzählungen über verschiedene Spielarten von Liebe, verschiedene Beziehungen und Menschen stecken voller Poesie und leiser Zwischentöne, die man manchmal nur ganz am Rande wahrnimmt. Hier und da klingt der Krieg als leiser Grundton in einigen Geschichten an, die Verzweiflung des Verlusts, das Auseinandergerissenwerden durch ganz unterschiedliche Umstände. Manchmal kontrastiert durch ungewöhnliche Härte fängt Roman Simić das Dazwischen ein, das Ungesagte und Ungezeigte zwischen Menschen, Liebespaaren, Familien. Ein inhaltlich und besonders sprachlich beeindruckender Erzählband, der die Vorfreude auf Simićs neues Werk weckt. Wer diese Art leise-melancholischer Zwischenspiele menschlichen Miteinanders mag, wird an Roman Simić nicht vorbeikommen. Zum Glück!

Die Geschichte brauchte schleunigst, dringend und per Einschreiben ein Happy End, und ich musste mich zusammenreißen und mir schnell eines einfallen lassen.