[LiteraTour Nord] Marion Poschmann – Die Sonnenposition

Sie geht bereits ihrem Ende entgegen, die diesjährige LiteraTour Nord. Vorletzte im Bunde, nach Abbas Khider, Ralph Dutli, Clemens Meyer und Mirko Bonné, war Marion Poschmann. Auch ihr Roman, ,Die Sonnenposition‘ stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2013, ein feingliedriger, assoziativer und nahezu lyrischer Roman, der seinem Leser – und in diesem speziellen Falle seinem Zuhörer – eine Menge abverlangt.

poschmann

In manch einen Roman kann man sich fallenlassen wie in ein weiches Bett. In mancher Sprache kann man sich treiben lassen wie in einem Fluss, der seinem beständigen Lauf folgt. Täte man dergleichen bei Marion Poschmann, entgingen einem unzählige Details, zahllose gedankliche Winkelzüge, die es zweifellos wert sind, in Gänze wahrgenommen zu werden. ,Die Sonnenposition‘ erzählt von Altfried Janich, einem Psychiater in mittlerem Alter, beschäftigt in einer Art Barockschloss in der ostdeutschen Provinz. Er soll, gemäß seines Berufes, für seine dort beheimateten Patienten die ,Sonnenposition‘ einnehmen, ihnen Halt und Wärme vermitteln, einen festen Punkt bieten, an dem sie sich ausrichten können. Er habe, so Marion Poschmann, schon durch seine Leibesfülle und sein Auftreten etwas ,Sonnenkönighaftes‚. Doch das gerät jäh ins Schwanken, als sein Freund Odilo bei einem Autounfall ums Leben kommt. Er fuhr mit überhöhter Geschwindigkeit. Und ohne Licht.

Marion Poschmann hat drei prägnante Textstellen ausgewählt, die nicht nur einen tiefen Einblick in die Machart des Romans, der mitnichten einem linearen Erzählstrom folgt, sondern auch in Poschmanns Sprache selbst geben. Neben Prosa hat sie auch schon desöfteren Lyrisches veröffentlicht („Grund zu schlafen“, „Geistersehen“), was ihrem Stil deutlich anzumerken ist. Bildgewaltig ist er, fein ziseliert, eben wie ein Barockgemälde ausstaffiert, überreich an Bedeutung. Vielleicht ist es auch das, was das Zuhören zu einer mitunter sehr fordernden Angelegenheit macht. Poschmann liest gut, sie weiß zu betonen, Pausen zu setzen, um das Gehörte wirken zu lassen. Doch anders als im Buch ist es unmöglich, einen Satz nochmal zu lesen. Ihn in seinem Kontext zu sehen, über ihn nachzudenken.

Marion Poschmann selbst wirkt fast schüchtern, als sei es ihr ein bisschen unangenehm, ihren Roman zu präsentieren. Das Publikum indessen lauscht zwar gebannt, rutscht aber immer mal wieder auf den Stühlen hin und her. Ein bisschen mit sich selbst und dem Text kämpfend, an dem sie keinen Halt zu finden scheinen. So kommt nach der Lesung auch kaum ein Gespräch zustande. Jemand fragt, inwiefern Ostdeutschland denn eine Rolle im Roman spiele; Hans Wißkirchen, Direktor der Kulturstiftung Lübecks, schaltet sich ein und erzählt von den Landschaftsbeschreibungen, die in Zusammenhang mit den ,Erlkönigjagden‘ Altfrieds und Odilos immer mal im Roman auftauchen. Man müsse sich ja sehr konzentrieren, sagt ein anderer. Ja, kein Buch, das man nebenbei lesen könne, erwidert Hans Wißkirchen. Danach Stille und Zurückhaltung. Hier und da wird flüsternd diese Sprache gelobt, die den Text wie ein Ornament veredelt. Begeisterung sieht anders aus. Vielleicht ist es Demut, ist es eine Überdosis Bedeutung.

So referiert Marion Poschmann kurz über Bioluminiszenz, die Teil von Odilos Job war, und ihre Bedeutung in der Wissenschaft. Sie spricht über Schloss Sonnenstein, das dem Schloss in ihrem Roman Pate gestanden habe, über den Wahnsinn Daniel Paul Schrebers, der lange Zeit Patient auf Schloss Sonnenstein war, über die Sonne als Metapher Gottes. Diese LiteraTour-Nord Lesung muss verdaut werden, wie auch Poschmanns Roman. Man muss sich Zeit für ihn nehmen, voll konzentriert sein, notfalls Passagen mehrfach lesen. Vielleicht eignen sich solcherlei Romane einfach nicht für Lesungen vor Publikum, vermutlich müssen sie in der Abgeschiedenheit der eigenen Privatbibliothek genossen werden, um ihr ganzes Aroma zu entfalten. Und dass es da so einiges zu entfalten gibt, hat Marion Poschmann bewiesen! (seinerzeit habe ich für die booknerds auch den Roman rezensiert – wer noch Interesse hat, klicke hier)

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Das Frühjahr kommt immer früher.

Eigentlich sind wir ja erst mit einem Bein den Herbstprogrammen der Verlage entstiegen. Längst haben wir nicht alles gelesen, was wir uns vorgenommen haben, da trudeln schon wieder die nächsten Kataloge ein. Unermüdlich und in völliger Nichtachtung der Sachlage werden uns bereits neue Bücher präsentiert, die in Bälde erscheinen – und gelesen werden wollen. Ich habe die Weihnachtstage genutzt und Verlagsvorschauen gewälzt, um euch – gewissermaßen als Ausklang des Jahres – vorfreudig in das neue Jahr zu entlassen.

farlaneDie DVA legt im nächsten Jahr gleich mehrere interessante Bücher vor. So zum Beispiel Fiona McFarlanes ,Nachts, wenn der Tiger komt‘, das mit seiner Handlung durchaus in Konkurrenz zu einem Hitchcockstreifen treten könnte. Eine alte Dame in einem abgelegenen Haus und die ihr entgleitende Realität. Andreas von Flotow erzählt in ,Tage zwischen gestern und heute‘ von der gewaltsamen Auflösung einer Familie und dem Jungen, auf dessen Rücken sie ausgetragen wurde. flotow

Im Piper Verlag erscheint mit Ramona Ausubels ,Der Anfang der Welt‘ ein Roman, der fast wie ein Märchen anmutet. Ein kleines Dorf am Rande der Welt versucht, sich wider die Wirklichkeit gegen seinen eigenen Untergang zur Wehr zu setzen. Die Dinge neu zu erfinden. Und scheint damit implizit die Frage zu stellen, wie viel Einfluss wir haben, auf uns und unsere Realität.

ausubelDer Hanser Verlag beschenkt uns im Frühjahr mit einer wirklich glänzenden Vorschau, die man am liebsten in Gänze liebevoll zu sich nähme. So gibt unter anderem Martin Kordic, den ich in Köln bei DuMont kennenlernen durfte, mit ,Wie ich mir das Glück vorstelle‘ sein Romandebüt. Es klingt märchenhaft, herzerwärmend und skurril. kordicWer die Außenseiter liebt, wird diesen Roman wohl lesen müssen.

Gaito Gasdanows ,Das Phantom des Alexander Wolf‘ galt 2013 als große Entdeckung und wurde von der Kritik und vielen Lesern mehr als wohlwollend aufgenommen. Nun erscheint bei Hanser ein weiterer Roman von ihm, – Ein Abend bei Claire. Es ist eine Liebesgeschichte aus dem Russland des frühen 20.Jahrhunderts, aber auch die Geschichte einer Fantasie, die über die Wirklichkeit hinauswächst.

Gasdanow_24471_MR.inddElisabeth de Waal ist die Großmutter von Edmund de Waal, der mit ,Der Hase mit den Bernsteinaugen‘ einen erfolgreichen, in realer Geschichte verankerten Roman geschrieben hat. Ähnlich, wie es auch seine Großmutter tat. Zsolnay und Deuticke entführt uns mit ,Donnerstags bei Kanakis‘ in das Wien der 50er-Jahre. dewaal

Besondere Freude macht auch wieder einmal Matthes & Seitz, nicht nur, weil wir uns auf ein neues Buch von Emmanuel Carrère freuen dürfen. Mit Limonow, einem prosaischen Portrait des höchst strittigen russischen, ja, „Antihelden“ hat er mich schon sehr beeindruckt. Umso mehr freue ich mich nun auf ,Alles ist wahr‘.carrere

Auch Suhrkamp wartet wieder mit allerlei Perlen auf, so zum Beispiel mit dem Roman der Bachmannpreisträgerin 2013 Katja Petrowskaja, ,Vielleicht Esther‘. Wie angekündigt erscheint der sprachmächtige Roman Ende Januar in voller Länge. Und alle, die den Ausschnitt aus Klagenfurt so mitreißend fanden wie ich, freuen sich aufrichtig darauf.esther

Im Dumont Verlag erscheint, vermutlich von Kennern und Liebhabern bereits sehnsüchtig erwartet, der neue Roman von Haruki Murakami. Ich bin ja bisher mit dem japanischen Marquez nicht so richtig warm geworden – trotzdem erwarte ich das Erscheinen von ,Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki‘ mit Freuden. Die-Pilgerjahre-des-farblosen-Herrn-Tazaki-9783832197483_xxl

Auch im Berlin Verlag gibt es wieder eine Menge zu sehen. Zählten doch James Salter und Katharina Hartwell zu den großen Erfolgen 2013, legt der Verlag im nächsten Frühjahr gewaltig nach. Unter anderem mit einem neuen Roman von Margarete Atwood namens ,Die Geschichte von Zeb‘. 0-4520806

Auch im Wallstein Verlag haben wir eine Menge zu gucken, besonders ins Auge gesprungen sind mir hier Ludwig Laher mit ,Bitter‘, die Geschichte eines Kriegsverbrechers sowie Lukas Bärfuss ,Koala‘. Die tragische Geschichte eines Selbstmords und nicht etwa die Frage, wie es sein kann, dass man sterben wollte .. viel mehr die Frage, warum man am Leben bleiben sollte. Auch das Frühjahr steht ganz im Zeichen von tragischen Familiengeschichten, von Problemen, Sorgen und Nöten. Aber, dessen kann man sich sicher sein, – nicht ohne andere Perspektiven aufzuzeigen, nicht ohne etwas mitzugeben, von dem wir zehren können, wenn die Buchdeckel zugeklappt sind.

bitterkoalaDa hier unmöglich alle Bücher aufgeführt werden können, diemeine Aufmerksamkeit erregt haben, liegt es in der Natur der Sache, dass nun so einige fehlen. Betrachtet es gewissermaßen als Vorgeschmack, als Appetithäppchen für das, was da folgen mag. Ein paar Tipps habe ich jedenfalls auch im neuen Jahr noch parat. Jetzt verlasst aber erstmal heile und am Stück 2013. Wir lesen uns dann auf der anderen Seite der Zeit!

Wortreiche Geschenke

adventDas Weihnachtsfest naht schnellen und festen Schritts. Und wieder einmal stellt sich jeder von uns die bange Frage nach dem passenden Weihnachtsgeschenk. Trotzdem immer wieder hartnäckig der Niedergang des Lesens, des gedruckten Buches insgesamt, prophezeit wird, landen jedes Jahr eine Menge literarische Geschenke unter den heimischen Weihnachtsbäumen. Allen Unkenrufen zum Trotz verschenken wir immernoch Eintrittskarten in fremde Welten, Passierscheine für die Brücken, die aus dem Alltag hinausführen und uns andere Perspektiven eröffnen. Dennoch alljährlich dieselbe Frage: Welche Bücher verschenken? Bei rund 90.000 Neuerscheinungen jedes Jahr fällt die Entscheidung nicht leicht – und da sind noch nicht einmal die zahlreichen Klassiker eingerechnet, die bereits seit Jahrzehnten beliebt und begehrt sind. Von mir nun ein kleiner Überblick schenkenswerter Werke, von humorvoll bis tragisch, von unterhaltsam bis literarisch. Was Weihnachten unter der nadelnden Nordmanntanne liegen darf, kann, muss oder sollte. Der Einfachheit halber in Kategorien eingeteilt.

Geschichte

geschichteBücher, die sich historischen Gegebenheiten widmen oder ihre Erzählung bewusst in einer bereits vergangenen Epoche ansiedeln, gibt es viele. Ich habe drei verschiedene zusammengetragen, die auf ganz unterschiedliche Art und Weise geschichtlich sind. Robert Seethalers ,Der Trafikant‚ (Rezension) spielt im Wien der späten 30er-Jahre, kurz vor Einmarsch der Nationalsozialisten. Franz Huchel, ein sechzehnjähriger Junge aus der Provinz, wird in die Großstadt geschickt, um Geld zu verdienen. Im Tabaktrafik des Otto Trsnjek trifft er auf einen ganz besonderen Kunden – Sigmund Freud. Eine wundervolle Verquickung von Realiät und Fiktion. Ulrike Edschmid entführt uns in die späten 60er Jahre, in den terroristischen Untergrund der Bundesrepublik. ,Das Verschwinden des Philip S.‘ (Rezension) ist die wahre Geschichte des Werner Sauber, der sich bewusst in dieser Zeit für das Abtauchen entschied. Ulrike Edschmid kannte ihn gut und so gerät dieser schmale Band nicht nur zu einem beeindruckenden historisch-politischen Zeugnis, sondern auch zu einer ganz persönlichen Rückschau. DDR-Romane gibt es zur Genüge, wenige aber sind so charmant, poetisch und wahrhaftig wie Kathrin Aehnlichs ,Wenn die Wale an Land gehen‚ (Rezension). Ein Rückblick, eine Abrechnung und Jugenderinnerungen an das Aufwachsen in einem Überwachungsstaat, einem erdrückenden System.

Gesellschaft

gesellschaftAuf unsere Gesellschaft kann man ganz verschieden blicken, im Gewand einer Novelle, mit journalistisch präziser Analyse oder hintersinniger Satire. Meine drei ausgewählten Bücher in dieser Kategorie tun genau das, jedes auf seine Weise. Jonas Lüschers ,Frühling der Barbaren‚ (Rezension) erzählt vor der Kulisse des Orients den Zusammenbruch des Kapitalismus, vom Ausbruch der Barbarei unter den Menschen, die ihr Geld verlieren. Und stellt ganz nebenbei die Frage, ob die Barbarei nicht schon viel früher anfängt. Amy Waldman hält uns in ,Der amerikanische Architekt‚ (Rezension) den Spiegel vor und entlarvt mit nahezu genüsslicher Präzision tiefsitzende Vorurteile einer Gesellschaft. Was geschieht, wenn ein Mann namens Mohammed Khan ein Mahnmal für die Opfer des 11.September bauen soll? Einen ganz und gar humoristischen Blick nimmt Marc-Uwe Kling in ,Die Känguru-Chroniken‚ (Rezension) ein – der Kleinkünstker und das kommunistische Känguru sind zwar stets zum Lachen, bei genauerer Betrachtung verbergen sich aber auch hinter diesen pointierten Passagen wenig amüsante Wahrheiten. Sie sind nur nicht mehr ganz so brachial, wenn sie von einem Beuteltier ausgesprochen werden.

Familie

familieAuch mit Familien beschäftigt sich die Literatur immer wieder gern, am liebsten mit ihrem Niedergang, ihrer Auflösung. Wen interessiert die Rama-Werbefamilie? Spannend wird es doch dort, wo die Fassade bröckelt. So auch in meinen drei Büchern zum Thema Familie. Peter Buwalda hat mit ,Bonita Avenue‚ (Rezension) bereits die Sprengung des Familiären vorgenommen. Geheimnisse, Schweigen, gescheiterte Eltern-Kind-Beziehungen und die Explosion einer Feuerwerksfabrik, – ein sprachgewaltiger Roman, der mich sehr beeindruckt hat. ,Meine Mutter war hässlich‚ lautet der erste Satz aus Sarah Strickers ,Fünf Kopeken‚. (Rezension) Hier geht es aber keineswegs um ästhetische Abwägungen, es ist die Geschichte einer Mutter, erzählt von ihrer Tochter mit beißendem Witz und tragischem Ernst. Eine ganz besondere Erzählstimme und ein höchst gelungenes Debüt! Joachim Meyerhoffs ,Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war‚ (Rezension) greift im Titel nicht nur das Trügerische an Erinnerungen und ihre ständige Unzuverlässigkeit auf, sondern erzählt aus seiner Kindheit, von dem Aufwachsen auf dem Gelände einer psychiatrischen Klinik und den Auswirkungen auf seine Familie.

Pure Poesie

pure poesieManch ein Buch packt mit einer Sprache, die so beeindruckend ist, so tief reicht und sich noch lange nach Beendigung der Lektüre ins uns verankert, dass wir es am liebsten noch ganz lange bei uns haben wollen. So geschehen mit den drei Romanen dieser Kategorie. Katharina Hartwells ,Das Fremde Meer‚ (Rezension) hat in Bloggerkreisen hohe Wellen geschlagen, vermutlich ist es _das_ Litblogbuch des Jahres. In zehn verschieden-gleichen (kein Widerspruch!) Geschichten das Schicksal zweier Menschen und ihre Liebe zueinander, in einem Buch die heilende Kraft des Erzählens. Auch Dina Nayeris ,Ein Teelöffel Land und Meer‚ (Rezension) entfaltet eine facettenreiche und bildhafte Sprache vor dem Hintergrund der iranischen Revolution. Zwei Schwestern, die sich verlieren, ein Mädchen, das lange gegen die Wahrheit ankämpft und schließlich beginnt, zu akzeptieren. Ein Familienroman, ein Geschichtsroman, einfach ein herrliches Stück Literatur! Wolfgang Sofsky macht uns durch ,Einzelgänger‚ (Rezension) mit so einigen Eigenbrötlern bekannt. Mal in märchenhafter Form, mal als klassische Erzählung, aber immer in so kraftvoller und eindringlicher Sprache, dass man sich kaum wehren kann. Prädikat: Literarisch beinahe unbezahlbar!

Graphic Novel

graphic novelAuch im Bereich der Graphic Novel hat sich dieses Jahr wieder einiges getan. Mit meinen drei Empfehlungen in dieser Kategorie kann man bei Liebhabern der zeichnerischen (Wort)kunst eigentlich wenig falsch machen. Begonnen mit Mana Neyestanis erschütterndem Bericht ,Ein iranischer Alptraum‚ (Rezension), der seine Inhaftierung in eines der berüchtigtsten Gefängnisse des Irans allein aufgrund einer Karikatur dokumentiert über das Kafka-Porträt (Rezension) von David Mairowitz und Robert Crumb – das indessen locker jedem Literaturlexikon das Wasser reichen kann – bishin zu Guy Delisle und seinen ,Aufzeichnungen aus Jerusalem‚. (Rezension) Delisle ist nach wie vor für jeden ein Muss, der sich mit anderen Ländern und anderen politischen Systemen beschäftigen will. Ob nun in Pjöngjang, Birma oder eben Jerusalem – Guy Delisle liefert immer einen vorurteilsfreien Blick auf eine, uns oft fremde, Gesellschaft und Kultur.

Musik, Musik, Musik

collageliedermacherIch wäre ja nicht ich – und Redakteurin eines kleinen, feinen Musikmagazins -, wenn ich nicht auch in diesem Bereich Schätze hätte, die sich durchaus mit einem guten Buch kombinieren lassen. Sechs Favoriten habe ich für dieses Jahr ausgewählt, sechs wirklich hervorragende Alben für solche, die die Liedermacherei, die Kleinkunst, das Handgemachte an Musik mögen. Begonnen mit Dota Kehrs neuem Album ,Wo soll ich suchen‚ (anhörbar: ,Du musst dich nicht messen‚), über Wenzels ,Widersteh, solang du’s kannst‚, das deutlich harte und politische Worte anschlägt (anhörbar: ,Warten in C.‘), Frank Viehwegs ,Aus der Welt‚, das politische Lieder und unpolitische verbindet (anhörbar: ,Seltener Vogel‚) und Carsten Langners ,Steh nicht im Goldenen Buch der Stadt – Langner singt Hausin‘, das auf brilliante Weise Texte des niedersächsischen Dichters Manfred Hausin vertont. Bishin zu Matthias Brodowys ,Best-of‘ Bis es euch gefällt (anhörbar: UFOS über Berlin) und Bodo Wartkes Klaviersdelikte live aus Bremen. (Trailer zur DVD, dieselbe Audio-Spur mit Moderationen ist auch auf der Live Doppel-CD ..oder man kauft vielleicht auch die DVD)

Damit verabschiede ich mich, – auf einen erfolgreichen Geschenkekauf! Wer die Bücher online bestellen möchte, der tut das am besten bei den lieben ocelots im Shop. (klick)

Daniel Galera – Flut

daniel_galera_flutDaniel Galera ist ein brasilianischer Autor und Übersetzer. Er gründete gemeinsam mit zwei Freunden den Verlag Livros do Mal, der vorwiegend junge Autoren publiziert. Er übersetzte bereits Bücher von Zadie Smith, David Foster Wallace und Jonathan Safran Foer ins Portugiesische. Mit Flut, seinem vierten Roman und dem ersten, der auf Deutsch erscheint, gelang ihm in Brasilien der große Durchbruch. Mittlerweile gilt er als einer der wichtigsten jungen brasilianischen Autoren. Flut erschien unlängst in der Übersetzung von Nicolai von Schweder-Schreiner im Suhrkamp Verlag.

Es ist eine nahezu surreale Szene, mit der Galera diesen poetisch-magischen Roman eröffnet. Ein namenloser Erzähler besucht seinen Vater und findet den, mit einer Waffe hantierend, in seinem Sessel vor, flankiert von seiner Hündin Beta, die ihn viele Jahre seines Lebens treu begleitete. Die Fragen des Erzählers nach der Pistole werden beiseitegeschoben, er komme schon noch zu dem Punkt, an dem dieselbe eine Rolle spiele, erwidert der Vater. Nur Geduld. Zuerst erzählt der von seinem Vater, dem Großvater des Erzählers, den der nie kennenlernen konnte. Eines Tages sei er einfach verschwunden, so jedenfalls hat man es dem Erzähler auf Nachfrage stets erklärt. Sein Vater streut nun ganz andere Andeutungen in diese alte Wunde. Der Großvater, genannt ‚der Gaucho‚ sei in einem kleinen brasilianischen Küstenstädtchen namens Garopaba ermordet worden. Fassungslos von dieser Version der Geschichte versucht der Erzähler, mehr zu erfahren, doch sein Vater ist am Ende. In vielerlei Hinsicht, denn er eröffnet seinem Sohn, sich am nächsten Tag das Leben nehmen zu wollen. Deshalb die Pistole. Gewissermaßen mit Billigung des Erzählers erschießt dessen Vater sich und bittet ihn nur noch, seine Hündin einschläfern zu lassen. Ohne ihn würde sie vor Trauer doch ohnehin eingehen.

Der Erzähler widersetzt sich, auch wenn er sich beinahe bis zuletzt fragt, ob diese Zuwiderhandlung einem Verrat an seinem toten Vater gleichkommt. Er nimmt Beta in seine Obhut und nicht nur das – er bricht seine Zelte in Porto Alegre ab, um in ein kleines Strandhaus nach Garopaba zu ziehen. Er will herausfinden, was wirklich mit seinem Großvater geschehen ist und stößt dabei auf ungewöhnlich großen Widerstand –

Die Fischer reden kaum mit ihm. Alle, die er auf den Tod seines Großvaters angesprochen hat, ignorieren ihn seitdem. Einige werfen ihm feindselige Blicke zu, wenn er durch die Straßen der Altstadt läuft, andere grüßen übertrieben freundlich. Manchmal hat er den Verdacht, paranoid zu sein. Er weiß nicht genau, wer wer ist, und er stellt keine Fragen mehr, zumal er sich inzwischen bedroht fühlt.

Diese schleichenden Nachforschungen werden durch den Umstand erschwert, dass unser Erzähler aufgrund eines neurologischen Defekts außerstande ist, sich Gesichter zu merken. Wen auch immer er kennenlernt, er muss sich stets an anderen körperlichen Merkmalen orientieren, denn sobald die Gesichter aus seinem Blickfeld verschwinden, vergisst er sie. Auch sein eigenes und das seiner Eltern. Niemand in Garopaba will ihm Auskunft geben, alle scheinen den Mann vergessen zu haben, der einst eine nahezu überregionale Berühmtheit gewesen zu sein scheint. Als Schwimmlehrer schlägt er sich durch und verdient etwas Geld, während er nebenbei versucht, seiner Familiengeschichte auf die Spur zu kommen.

Er hat das Gefühl, als wollte das Meer etwas von ihm, kann sich aber nicht vorstellen, was. Als gäbe es da etwas, das er vergessen hat, oder von dem ernicht mal weiß, dass er es weiß. Das Meer fragt ihn danach und scheint immer kurz davor, die Geduld zu verlieren, aber er verlässt es gerade noch rechtzeitig,bevor es einen Wutanfall bekommt.

Daniel Galera zeichnet eine im Sommer touristisch gut frequentierte, im Winter aber von Existenzsorgen und Fatalismus verschlungene Kleinstadt. Das Leben dort ist einfach und vielerorts noch von altem Aberglauben geprägt, der im normalen Alltag der Menschen verankert ist. Gegenstand dieses Aberglaubens ist auch sein Großvater. Man merkt diesem Roman seine südamerikanische Herkunft an. Zwar weniger in drückenden Temperaturen des dichten Urwalds als in stürmischer See, aber ein Hauch von Magie durchweht auch hier die Zeilen. Insbesondere, als der Erzähler sich aufgrund eines Gerüchts, sein Großvater sei noch am Leben und hause in den Höhlen der Berge, in selbige aufmacht, um ihn zu suchen. Und dabei fast zu Tode kommt.

Galeras Schreibstil ist atmosphärisch und dicht. Mühelos können wir uns vorstellen, unsere Bahnen durch das eisige Meer zu ziehen oder im strömenden Regen wochenlang mit einem Hund an der Seite durch die Wälder zu streifen. Der Erzähler ist ein Eigenbrötler, ein Skeptiker, ein zurückgezogener Mensch, der sich nach dem Selbstmord des Vaters nicht etwa in Trauer, sondern in felsenfeste Überzeugungen flüchtet, die sein einsames Leben regeln. In südmaerikanischer Literatur schwingt stets etwas Traumhaftes, im Sinne von Surreales, das wir manchmal mehr sinnbildlich begreifen müssen, so auch hier. Einige Gegebenheiten spotten mit Leichtigkeit jeder Wahrscheinlichkeit täglichen Lebens, aber darum geht es womöglich nicht. ,Flut‚ ist die Geschichte eines Mannes, der seine Wurzeln sucht und sie nicht findet, eines Mannes, der sich, in ganz wörtlichem Sinne, nicht einmal selbst im Spiegel erkennt und im Laufe des Romans auch wenig Entwicklung durchläuft. Der Roman ist ein modernes, südamerikanisches Märchen, das, für meine Begriffe, sein Potential an dieser oder jener Stelle nicht genügend ausnutzt, insbesondere die Charakterentwicklung des Erzählers betreffend. Intensiv und bildgewaltig bleibt Daniel Galeras Roman aber dennoch, beiläufig die Frage nach Identität, Herkunft und Familie aufwerfend, die Beziehung der Elemente zueinander beleuchtend. Eine gelungene Komposition (mit Hund)!

Das Leben ist nichts für Amateure.

Ulrike Edschmid – Das Verschwinden des Philip S.

Edschmid

Ulrike Edschmid ist eine deutsche Autorin. Sie studierte sowohl Literaturwissenschaft und Pädagogik in Berlin und Frankfurt als auch an der Deutschen Film – und Fernsehakademie in Berlin. Viele von Edschmids Arbeiten basieren auf realen Personen oder Gegebenheiten. So sprach sie für ihre ersten Werke mit den Frauen berühmter Literaten und befragte sie zu deren Leben, in Wir wollen nicht mehr darüber reden beschäftigt sie sich mit dem tiefen Graben, der als Schatten des Nationalsozialismus das im Aufbau befundliche Nachkriegsdeutschland  durchzieht. Als Basis dafür dienen hunderte Briefe zwischen ihrem Schwiegervater und dessen Frau. Im hier vorliegenden Werk thematisiert sie den Weg ihres alten Freundes Werner Sauber in den Untergrund.

Für alle, die sich mit der 68er-Generation und deren radikalisierten Ausläufern beschäftigen wollen oder beschäftigt haben, ist dieses Buch sicherlich ein Gewinn. Ich habe mich vor Jahren intensiv mit der RAF beschäftigt, mit deren Zustandekommen, der Studentenrevolte. Ich sah bis spät in die Nacht Gesprächsrunden mit Rudi Dutschke und Daniel Cohn-Bendit, versuchte mich an Herbert Marcuse und scheiterte, las Bernward Vesper, Stefan Austs Baader Meinhof Komplex und Gerd Koenens Vesper,Ensslin und Baader. Etwas gab und gibt es an dieser Zeit, das mich nachhaltig fasziniert und so stieß ich auf dieses Buch von Ulrike Edschmid, Roman als Bezeichnung ist hierfür vielleicht irreführend, vielmehr sind es Erinnerungen, in ein prosaisches Gewand gekleidet. Wer war Werner Sauber, bevor er in den Untergrund ging? Wer war er, bevor beide sich kennen und lieben lernten? Und wie viel von sich selbst kann man für eine große Sache aufopfern, ohne die Realität aus den Augen und den Boden unter den Füßen zu verlieren?

Philip S. kommt im Spätsommer 1967 nach Berlin. Er trägt einen Anzug, der nicht zu seinem Alter passt, und einen Vornamen, der nicht in seinem Ausweis steht. Mit dem schmalen Bart, der seinem ländlichen Gesicht eine altmodische Strenge verleiht, ähnelt er dem Basler Bonifacius Amerbach, wie ihn der jüngere Hans Holbein vor etwa fünfhundert Jahren gemalt hat. Er ist zwanzig, und es scheint, als hätte er sein Alter bereits mit weitausholenden Schritten durchquert. Aber er bewegt sich nicht mit fliegenden Rockschößen, eher bedächtig und die Augenblicke dehnend, als müsse er sie ausschöpfen bis auf den Grund.

Er studierte in Berlin an der Deutschen Film – und Fernsehakademie, stammte aus reichem Schweizer Elternhaus, sein Bruder Peter Sauber ist ein Formel-1-Pionier, Rennstallbesitzer, Konstrukteur von Sportwagen. Philip Werner Sauber sticht heraus mit seiner künstlerischen Begabung, mit seinem Hang zur Fotografie und zum Film. 1968 drehte er Der einsame Wanderer, einen Kurzfilm, der an der Akademie zunächst wenig Beachtung fand und vorallendingen von der politischeren Fraktion der Studenten für wenig zielführend im Kampf gegen Imperialismus und Vietnamkrieg gehalten wurde. Doch spätestens mit dem Attentat auf Rudi Dutschke wird Sauber politisiert, rückt er ab von einem rein ästhetischen Gesichtspunkt seiner Arbeit, hin zu einem zielgerichteten.

Zwei Tage später, am elften April, trifft ein Mann im Interzonenzug am Bahnhof Zoo ein. Er kommt mit dem Plan, einen bekannten Studentenführer zu töten. Er trägt zwei Pistolen bei sich, eine unter der Jacke, eine zweite in einer Tasche. In der Tasche befindet sich auch die Bildzeitung, die seit langem eine Hetzjagd auf den  Studentenführer betreibt. Der Mann schießt, als der Studentenführer mit dem Fahrrad von der Johann-Georg-Straße auf den Kurfürstendamm einbiegt. Der Getroffene stürzt vom Fahrrad, reißt sich die Schuhe von den Füßen und die Uhr vom Handgelenk. Er ruft nach seiner Mutter, nach seinem Vater.

Rudi Dutschke wird das Attentat überleben, aber das Sprechen und Schreiben neu lernen müssen. Einige Jahre später wird er in der Badewanne einen epileptischen Anfall erleiden – eine Folge der Schüsse in den Kopf – und ertrinken. Philip Sauber beginnt immer öfter auf Kundgebungen zu gehen und sich an Demonstrationen zu beteiligen. Er distanziert sich von der Eulenspiegelei der Kommune 1, aber auch von der Radikalität der sich langsam formierenden RAF. Er ist im Umfeld der Bewegung 2.Juni aktiv (benannt nach dem Tag, an dem der Polizist Karl-Heinz Kurras Benno Ohnesorg niederschoss) Sie drucken kritische Zeitungen, gegen den Vietnamkrieg und den amerikanischen Präsidenten, sie beschädigen Autos, sprayen auf Häuserwände, geben befreundeten Aktivisten Rückendeckung. So auch Ulrike Edschmid, bis zu einem gewissen Punkt. Sie hat einen kleinen Sohn. Als sie einmal für einige Wochen fälschlicherweise wegen eines Vergehens anderer inhaftiert wird, kann sie nur noch an ihren Sohn denken. Nach diesem Gefängnisaufenthalt ist vieles anders. Sauber zieht es in den Untergrund, Edschmid zurück in ihr Leben.

Bis zu dem Tag, an dem er es tat, glaubte ich nicht, dass er es tun würde. Ich sehe, wie er das wenige, was er besitzt, aufgibt, ich nehme wahr, was unter meinen Augen vorgeht. Aber ich habe keinen Zugang mehr zu dem inneren Ort, an dem seine Vorstellung zum Entschluss und schließlich zur Tat reift. Es ist der Bereich, wo es nur ihn gibt und niemand sonst. Und weil in seinem Leben alles eine Form hat, entwirft er wie in einem Szenenwechsel eine Vorstellung von seiner zukünftigen Existenz als Mensch im Untergrund. Und wie er seinem Leben als Künstler eine perfekte Gestalt gegeben hat, muss auch sein Leben im Untergrund stimmen, bis in die letzte Einzelheit.

Am 9. Mai 1975 stirbt Philip Werner Sauber bei einem Schusswechsel mit der Polizei. Er war achtundzwanzig Jahre alt. Ulrike Edschmid nähert sich mit diesem einfühlsamen Buch der radikalisierten Studentenbewegung der 68er von einer ganz anderen Seite. Von der menschlichen. Sie hat Bezug zu diesem Mann, den andere nur als Terroristen von Fahndungsplakaten kannten. Und sie nutzt diese persönliche Verflechtung, um Einblick zu gewähren in das, was die Menschen damals bewegte. Für mich ist dieses Buch nicht  nur ein wichtiges Stück persönliche Erinnerung, sondern auch ein literarisch anspruchsvoller Rückblick in das Deutschland der 60er und 70er-Jahre.

Adam Johnson – Das geraubte Leben des Waisen Jun Do

Jundo

Adam Johnson ist ein amerikanischer Autor. Er studierte Journalismus an der Arizona State University und schloss danach ein Schreibstudium ab, heute unterrichtet er an der Stanford University Creative Writing. The Orphan Master’s Son, wie der Originaltitel des hier vorgestellten Buches lautet, erschien in den USA 2012 und stieg schon nach wenigen Tagen in die Bestsellerlisten ein. Johnson erhielt bereits zahlreiche Preise und Stipedien.

Im Trailer des Buches heißt es beinahe geheimnisvoll: Das rätselhafteste Land der Welt – Nordkorea. Tatsächlich ist wohl kaum jemand von uns imstande, zu ermessen, wie ein Leben in Nordkorea aussehen muss, völlig abgeschnitten von westlicher Lebensart, separiert vom Rest der Welt. Nordkorea ist ein trauriges Überbleibsel sozialistischer Diktatur, ist das, was von Stalins Gulags und den Stasi-Gefängnissen der DDR übrig geblieben ist. Wenn ich an Nordkorea denke, muss ich mich immer unweigerlich an eine Dokumentation erinnern, die ich zwar bereits vor Jahren gesehen habe, deren beklemmendes Gefühl ich aber noch heute spüren kann. Ständige Überwachung, Hab-Acht-Stellung, Gleichschaltung, Kollektiverfahrung vor Individualität. Adam Johnson ist für die Recherche seines Buches nach Nordkorea gereist – und so gelingt es ihm auch, diese Beklemmung einzufangen, von der man nicht sicher ist, ob die Bewohner sie auch noch spüren. Oder ob die sich nicht vielmehr von der Fremdheit ausländischer Besucher bedroht fühlen.

Der Protagonist Pak Jun Do wächst in einem Waisenhaus auf, obwohl er kein Waisenkind ist. Sein Vater ist der Leiter des Waisenhauses, seine Mutter ist lange verschwunden. Ihm wird keine Sonderbehandlung zuteil und so bekommt er, wie alle anderen Waisenkinder, den Namen eines nordkoreanischen Märtyrers, der im Kampf gegen den Imperialismus fiel, bevor er selbst ein Kind in die Welt setzen konnte. Waisenkinder haben in Nordkorea einen schlechten Stand und werden für die gefährlichsten Aufgaben herangezogen. Nach einem Brand im Waisenhaus Frohe Zukunft wird Pak Jun Do dazu verpflichtet, gemeinsam mit Offizier So Japaner nach Nordkorea zu verschleppen. Entführungen wie diese hat es in den 70er Jahren tatsächlich gegeben, man wollte unter anderem an japanische Pässe herankommen, um Spione nach Japan schicken zu können, bzw. spezielles Wissen über das Leben in Japan in Erfahrung bringen.

Es war einmal ein Japaner. Er führte seinen Hund aus. Und dann war er weg, war nirgendwo. Für die Menschen, die ihn kannten, würde er für immer im Nirgendwo sein. So war es Jun Do früher immer mit den Jungen gegangen, die von den Männern mit chinesischem Akzent ausgesucht wurden. Eben waren sie noch da, und dann waren sie weg und verschwunden, wie Bo Song, im Nirgendwo. So dachte er über die meisten Menschen – sie tauchten in seinem Leben auf wie Findelkinder an der Türschwelle, nur um dann später wie von einer großen Flut weggespült zu werden.

Pak Jun Do wirkt bei den Entführungen mit, zwar nicht voller Überzeugung, aber auch nicht widerwillig. Was auch immer geschieht, sein Leben scheint stets in den Händen einer höheren Macht zu liegen. Nach einigen Entführungen wird er auf ein Fischerboot namens Junma abkommandiert, auf dem er den Funkverkehr der umliegenden Gewässer abhören soll. Er freundet sich mit der Mannschaft an, doch nachdem er den Zweiten Maat dabei beobachtete, wie er sich absetzt und nach der Rückkehr an Land gemeinsam mit seinen Kameraden der Lüge überführt wird – ja, für diese Lüge ließ er sich sogar den Arm von einem Haifisch zerfleischen -, kehrt er nicht an Bord der Junma zurück, sondern fliegt, auch aufgrund seiner Sprachkenntnisse, mit einigen Abgesandten nach Texas, um dort den amerikanischen Senator zu treffen.

Für uns hat die Geschichte größere Bedeutung als die Person. Wenn ein Mann nicht zu seiner Geschichte passt, dann ist es der Mann, der sich ändern muss.

Zurück aus Texas, wo Pak Jun Do so einige Dinge zum ersten Mal sieht, wird er in ein Gefangenenlager verbracht. Dort verliert sich seine Spur und das erste Drittel des Buches endet. Fortan wird die Geschichte aus der Sicht eines Verhörspezialisten aus Abteilung 42 erzählt. Der soll einen Mann verhören, der sich als Kommandant Ga ausgibt. (ein Volksheld und der angetraute Gatte der Volksschauspielerin Sun Moon) Der harte Teil des Buches beginnt, denn wir werden Zeuge von grausigen Verhörmethoden und tiefster menschlicher Verzweiflung.

Halten wir erst einmal die Biografie eines Klienten in der Hand, dann steht nichts mehr zwischen diesem Bürger und dem Staat. Das ist wahre Harmonie – das Prinzip, auf das unsere Nation gegründet ist. Zugegeben, manche unserer Klienten haben weit ausufernde Lebensgeschichten, deren Aufzeichnung Monate dauert. Doch wenn es etwas gibt, das in Nordkorea keine Mangelware ist, dann ist es Zeit: Wir haben alle Zeit der Welt.

Wir erfahren, was mit Pak Jun Do passiert ist, nachdem er das Straflanger betreten hat, wie es ihm gelungen ist, zu überleben, wie er eine neue Identität annehmen konnte und wie er seine große Liebe – die einzige, die er vermutlich jemals hatte – Sun Moon mithilfe eines gewagten Plans außer Landes bringt. Für immer. Die Geschichte wird rückwärts erzählt und als Leser wissen wir bereits, welchen Preis Pak Jun Do, alias Kommandant Ga, für diese Entscheidung zahlen muss. Diesen erzählerischen Kniff fand ich insofern sehr interessant, als er die Innenansichten eines weiteren Charakters ermöglicht, eines Menschen, der Rädchen innerhalb dieser diktatorischen Unterdrückungsmaschinerie ist.

Adam Johnson entzündet mit diesem Buch ein Feuerwerk. Ein Feuerwerk an Ideen, an Gefühlen und an Geschichten. Ein Feuerwerk, das mir persönlich an manchen Stellen beinahe zu laut und zu bunt ist. Unzählige kleine Erzählstränge wuseln durch den Körper der Geschichte, Pak Jun Do wird wie ein Boot auf dem Meer von einer Stelle zur nächsten getrieben, rastlos, völlig fremdbestimmt. Das hat es mir erschwert, mich mit ihm zu identifizieren, kaum war ich bei ihm, war er bereits wieder woanders. Zu bunt wird es mir, im Sinne von zu sehr ausgestaltet, wenn es um die Dialoge geht, in denen der Geliebte Führer Kim Jong Il selbst auftritt. Vielleicht werde ich hier Opfer der zahlreichen Parodien, aber ich kann mir diese Dialoge, so romanhaft sie eben auch gestaltet sind, nicht in aller Ernsthaftigkeit vorstellen – und so verlieren sie für mich ihren Reiz. Nicht alles muss man zeigen und sprachlich ausgestalten, hier hätte ich mir etwas weniger Worte gewünscht, mehr (Spiel)raum für eigene Assoziationen.

Was hat Adam Johnson bewogen, dieses Monumentalwerk von beinahe 700 Seiten ausgerechnet über Nordkorea zu schreiben? Er selbst sagt Folgendes:

Around the 2004 [U.S. Presidential] election I became fascinated with propaganda. The Bush administration was weighing heavily on me, and I remember they had the Healthy Forest Act, which actually called for increased logging and the destruction of forests. I had it in my head that such things were spin, but in studying North Korea I realized, oh no, that is propaganda.

Das ganze Interview gibt es hier. Mich hat dieses Buch überrascht, es war so vollkommen anders als ich erwartet hatte. Und so muss ich leider auch sagen, dass es mich nicht vollständig überzeugen konnte. Manche Passagen entfalten eine solche Wucht, das einem beinahe der Atem stockt, aber dann fühlt man sich auch wieder etwas alleingelassen in dieser überbordenden Fülle des Romans. Ein bisschen zu lang und ein bisschen zu ausgeschmückt für meinen Geschmack, ein bisschen zu romantisiert. Für mich kein Muss, wenn es mir auch einige schöne Lesestunden beschert hat.