Burkhard Spinnen – Zacharias Katz

zacharias

Zach Katz – der eigentlich Zacharias Katzwinkel Smith heißt – ist ein Draufgänger. Jedenfalls ab dem Zeitpunkt, ab dem er in seinem Karibikurlaub die Nachricht erhält, nicht in die Vereinigten Staaten zurückzukehren, es bestehe akute Lebensgefahr. Kopf – und hilflos heuert der junge Mann im weißen Anzug auf einem Passagierschiff an, das auf der immer gleichen Route durch die Karibik kreuzt. So lange jedenfalls, bis der Erste Weltkrieg ausbricht. Burkhard Spinnens neuer Roman – ein Potpourri aus Geschichten.

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[LiteraTour Nord] Mirko Bonné – Nie mehr Nacht

Nach einer weihnachtlich-neujährlichen Pause, die alle Beteiligten sich redlich verdient haben, startet die LiteraTour Nord mit einem Autor ins Jahr 2014, der nach Ralph Dutli und Clemens Meyer schon der dritte ist, dessen Werk im Gespräch für den Deutschen Buchpreis 2013 stand. Dieses Mal las Mirko Bonné aus seinem Roman ,Nie mehr Nacht‘ (Schöffling Verlag). Sogar auf die Shortlist hatte es Bonnés Roman geschafft, gewonnen hat letztlich Terézia Mora. Doch an diesem Montagabend wird glasklar erkennbar, beinahe zwangsläufig, weshalb Mirko Bonnés Roman einer der ganz besonderen des letzten Jahres ist, ein Roman über Verlust und Wiederentdecken, ein Roman so präzise und poetisch wie ein Gedicht.

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Schon zu Beginn wird deutlich, dass Bonnés Sprache innert kürzester Zeit eine Sogkraft und Plastizität entwickelt, der schwerlich zu entkommen ist. Er lese den Anfang heute nicht, sagt Bonné. Er habe nun dreiundvierzig Lesungen mit diesem Buch bestritten und meistens habe er bereits nach dieser Anfangspassage eine weinende Frau im Publikum. Das wolle er vermeiden. Zwar schmunzelt er ein bisschen dabei und sein Publikum beantwortet dieses leise Lächeln, doch das Bewusstsein, wie wenig daran ist, worüber sich unbeschwert lächeln ließe, bleibt gegenwärtig. Markus Lee, Protagonist in ,Nie mehr Nacht‚, hat gerade seine Schwester Ira durch Selbstmord verloren. Mit Autoabgasen nahm sie sich in der Garage das Leben und hinterließ Jesse, Markus Lees Neffen. Mit dem reist er in die Normandie, um dort im Auftrag eines Hamburger Kunstmagazins Brücken zu zeichnen, die bei Eintreffen der Alliierten im Sommer 1944 prägende, gewichtige Rollen spielten.

Nie_mehr_Nacht_Mirko_Bonné_470x768Markus und Jesse haben sich wenig zu sagen. Zwischen ihnen ragt, gewaltig wie ein unpassierbares Gebirge, Iras Tod. Markus Lee erzählt von einer Belgiendurchfahrt, von einem prägenden Ereignis seiner Jugend und wenn Bonné diese Durchfahrt und das Gespräch zwischen Onkel und Neffe durch seine Stimme zum Leben erweckt, scheint sie ganz real, scheint sie gerade zu geschehen, während man nur einige Meter entfernt steht. Immer wieder sucht Mirko Bonné mit Blicken Kontakt zum Publikum, er ist ein ausgezeichneter Leser, was nach der Lesung und einem gespannten Staunen auch die erste Rückmeldung ist, die Bonné erhält.

Sein Protagonist Markus Lee hält sich länger in der Normandie auf als beabsichtigt und beginnt, sich vom Leben zu verabschieden. Er will verschwinden, alles veräußern, was er besitzt, bis nur noch sein Leben, sein Existieren und einige Gegenstände, die er am Leibe tragen kann, übrig bleiben. Trotz aller Tragik endet der Roman mit einem Hoffnungsschimmer, der Möglichkeit eines Weiterlebens. Auch mit einem Verlust, der kaum zu verkraften oder jemals zu verwinden ist. Als Mirko Bonné endet, ist es still im Saal. In allen bewegt sich etwas, sie müssen die Sprache, die Bilder, ihre eigenen Gefühle sortieren, sacken lassen. Keine Lesung der LiteraTour Nord hat bisher eine Stimmung wie diese erzeugt, – Nachdenklichkeit, Hochachtung, Bewunderung, Stille im besten Sinne.

Und so sind auch die Fragen, die sich nach der Lesung ergeben, größtenteils solche, die sich auf Bonnés Arbeitsweise beziehen. Woher er seine Inspiration nehme, wie er zu seiner kraftvollen Sprache gelange. Und Bonné antwortet überraschend, dass er sich sehr durch andere Bücher inspirieren lasse. Sie brächen etwas in ihm auf, womit er weiterarbeiten könne, etwas, woran er womöglich zuvor jahrelang nicht gedacht habe. Nur an der Frau namens Lilith entzündet sich eine kleine Diskussion, ist dieser Name doch deutlich in der dunkleren Mythologie zu verorten. Seine Lektorin, so Bonné, habe ihm auch ganz dringend davon abgeraten, diesen Namen zu verwenden. Er sei so vorbelastet. Aber alte Prägungen müsse man manchmal auch durchbrechen.

Durchbrochen hat Mirko Bonné mit seiner Lesung den Alltag, das graue Einerlei. Zwischen tieftraurigen Passagen, die aber so anmutig in Sprache gekleidet waren, dass man den Hut davor ziehen muss, blitzten auch immer wieder humorvolle und charmante Nebensätze auf, wegweisende Lichter in einem dunklen Tal. Als ich mir ,Wie wir verschwinden‚ signieren lasse, neben mir Mirko Bonné mit einem dunklen Schal, den nur ein Autor tragen kann, sage ich: Danke für diese Sprache, sie ist wunderschön. Er lächelt und sagt: Das hat mir auch noch niemand gesagt.

Dann wird es höchste Zeit, Herr Bonné.

Amy Waldman – Der amerikanische Architekt

Waldman

Amy Waldman ist eine amerikanische Autorin und Journalistin. Sie arbeitete lange bei der New York Times, leitete dort das Südasien-Büro und war Korrespondentin für The Atlantic. Der amerikanische Architekt ist ihr Romandebüt, erschien im Verlag Schöffling & Co und wurde von Brigitte Walitzek ins Deutsche übersetzt. Amy Waldman arbeitet bereits an ihrem zweiten Roman.

Ich habe selten einen so dichten, psychologisch raffinierten und durchdachten Roman gelesen. Man merkt Amy Waldman an, dass sie aus dem Journalismus kommt, ihre Charaktere sind realistisch, die Geschichte perspektivenreich. Wie ein Potpourri aus Eindrücken und Meinungen erscheint der Roman, verwebt  zu einer beeindruckenden Studie Amerikas und seiner Bewohner nach dem 11.September 2001. Ausgangssituation der Geschichte ist die Planung einer Gedenkstätte, die zu Ehren der Opfer des 11.Septembers gebaut werden soll. Man hat die Öffentlichkeit dazu aufgerufen, sich mit ihren Entwürfen anonym an der Ausschreibung zu beteiligen. Die New Yorker spüren, dass der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist.

Aber es gab auch patriotische Erwägungen. Je länger das Gelände ungenutzt blieb, desto mehr wurde es zum Symbol der Niederlage, der Kapitulation, etwas, worüber „sie“, wer immer „sie“ sein mochten, sich lustig machen konnten. Eine Erinnerung daran, dass Amerika einen Teil seiner Größe eingebüßt hatte, und an seine neue Anfälligkeit für Angriffe fanatischer Banden, die in jeder Hinsicht, außer, wenn es um Mord ging, nur Mittelmaß waren.

Eine Jury würde sich, nach Sichtung der Einsendungen, für einen Gewinner entscheiden. Erst dann wird das Geheimnis um dessen Identität gelüftet – und genau an dieser Stelle setzt Amy Waldmans kleines Gedankenexperiment an. Denn es ist keineswegs ein durchschnittlicher amerikanischer Bürger, es ist ein Mann namens Mohammad Khan. Offensichtlich ist er Muslim, möglicherweise sogar ein praktizierender, ein Anhänger des Glaubens, der direkt in das Herz Amerikas zielte, hinein in das Selbstverständnis eines ganzen Landes. Die Jury ist schockiert und beginnt, hitzig zu diskutieren, ob sie diesen Gewinner überhaupt bekanntgeben kann, ohne Tausende von Angehörige vor den Kopf zu stoßen.

Einigen der Jurymitglieder kommen wir näher, so beispielsweise Claire Burwell, die bei den Anschlägen ihren Ehemann verloren hat und seitdem ihre zwei Kinder allein großzieht. Sie sitzt als Vertretrin der Angehörigen in der Jury und ist zunächst von dem Siegerentwurf auch völlig begeistert. Ein Garten soll es sein, ein Werden und Vergehen, ein Monument, das der Pflege bedarf, genauso, wie die Erinnerung an die Opfer stete Aufgabe der Hinterbliebenen sein sollte.

Das Konzept des Gartens war denkbar einfach: ein von Mauern eingefasster quadratischer , streng geometrisch untergliederter Raum. In der Mitte lud ein etwas erhöhter Pavillon zur Besinnung ein. Zwei breite, rechtwinklig aufeinandertreffende Kanäle viertelten das sechs Hektar große Gelände. Gehwege innerhalb der vier Quadranten bildeten zusammen mit den Bäumen, den echten und denen aus Stahl, die wie in einer Baumschule in Reih und Glied ausgerichtet waren, ein Raster. Die Namen der Opfer sollten auf den Innenflächen der weißen, neun Meter hohen Umfassungsmauer aufgelistet werden, so angeordnet, dass das Textfeld den Umriss der zerstörten Gebäude ergab.

Die Jury verabredet Stillschweigen über das Ergebnis, bis sie die Situation geklärt haben, doch man kann sich vorstellen, dass diese Abmachung schnell von jemandem unterlaufen wird. Alyssa Spier, eine Reporterin der Couleur, wie sie hierzulande vermutlich die BILD-Zeitung beschäftigt, ist eine junge Frau mit Komplexen, eine Frau mit dem unbedingten Wunsch, ihre Geschichten auf den Titelblättern zu sehen, dafür bedient sie sich jedes noch so streitbaren Verhaltens. Sie wird diejenige sein, die zuerst die Juryentscheidung an die Öffentlichkeit bringt und innerhalb des Romans begegnet man ihr immer wieder, wenn die Situationen wiederholt eskalieren. Sie ist der Zunder, sie facht die Emotionen immer weiter an, bis selbst ihr die Geschnisse entgleiten. Doch auch in Mohammad Khans leben gewährt Waldman uns Einblick, in das Leben eines ambitionierten jungen Architekten, der, in Amerika geboren und aufgewachsen, mitnichten praktizierender Muslim ist, der dem Glauben keinen großen Stellenwert in seinem Leben einräumt. Dennoch wird er, auch nach 9/11, mit völlig anderen Augen gesehen, besonders an Flughäfen.

„Lieben Sie dieses Land, Mohammad?“
„So wie Sie auch.“ Die Antwort schien ihnen nicht zu gefallen.
„Welche Einstellung haben Sie zum Dschihad?“
„Gar keine.“
„Vielleicht könnten Sie uns zumindest sagen, was Dschihad bedeutet. Mein Kollege hier ist nicht so gut in Fremdsprachen.“
„Ich weiß nicht, was Dschihad bedeutet. Ich habe den Ausdruck noch nie benutzt.“

Amy Waldmans Roman ist vielschichtig. Einer seiner großen Qualitäten ist es, aus vielen verschiedenen Perspektiven auf das „Problem“ zu blicken. So erfährt man nicht nur über das Leben einiger Jurymitglieder und kann sich auf dieser Basis seine eigenen Gedanken darüber machen, wie sie zu ihrer Meinung gelangen, wir sehen auch Menschen, die sich an der Katastrophe zu bereichern versuchen, die ihre persönlichen Eitelkeiten innerhalb der Debatte befriedigen, wir erleben die Menschen, die unmittelbar von den Feindseligkeiten betroffen sind – und so setzt sich nach und nach ein vollkommen realistisches Universum zusammen, dem wir zweifellos zusprechen, mindestens ebenso wahrscheinlich zu sein wie das, was tatsächlich passierte.

Sind es zunächst nur böse Worte, steigert sich die Gewalt, je intensiver und persönlicher die Debatten werden. Es kommt zu tätlichen Angriffen, Beschimpfungen und Demonstrationen. Und man fragt sich fortwährend: Was hättest du gedacht? Wie hättest du gehandelt? Einige der vertretenen Meinungen machen mich wütend, lassen mich nur fassungslos mit dem Kopf schütteln. Einen Menschen seines Namens wegen für die Verbrechen anderer derselben Herkunft verantwortlich zu machen, ist genauso simplifizierend, wie die Überzeugung, dass jeder Deutsche doch sicherlich tief in seinem Herzen noch immer ein alter Nazi sei. Und doch hat sich das Misstrauen gegenüber Muslimen (oder auch schlicht Menschen, die dem Aussehen nach welche sein könnten, da wird ja häufig nicht mehr so genau unterschieden) auch in Deutschland etabliert und bildet zu oft den Deckmantel für Alltagsrassismus.

Wem vertrauen wir und warum? – ist eine zentrale Frage des Romans. Weshalb misstraut man diesem Mohammad Khan, der sich niemals irgendetwas hat zuschulden kommen lassen? Allein wegen seines Namens? Wie gehen wir mit nationalen Katastrophen um und wie beeinflussen sie unsere Wahrnehmung? Ist Mohammads Entwurf anfangs nur ein Garten, wird er im Zuge der stetigen Interpretation von außen plötzlich zu einem Paradiesgarten für Märtyrer, zu der Verbildlichung dessen, was sich die Attentäter erträumten. Amy Waldmans Buch ist mutig, brilliant und psychologisch hochintelligent, mit Sicherheit eines der Highlights dieses Jahres! Auch der englische Titel regt aufgrund seiner Mehrdeutigkeit zum Nachdenken an – The Submission lautet er, was im Deutschen sowohl die Unterwerfung als auch die Einreichung bedeuten kann.

Hier ein Interview mit Amy Waldman.