Herbstausblicke – Junge Literatur

Wer hat noch keinen Blick geworfen in die neuen Herbstprogramme der Verlage? Wer hat sich schon ein bisschen inspirieren lassen für die kalte Jahreszeit, während er mit Shorts und Ventilator auf der Couch der Hitze davonfloss? Ich werde in den nächsten Wochen in loser Folge Tipps und Empfehlungen loslassen und ein paar Bücher ausgraben, auf die man sich freuen kann. Diesmal –

Junge Literatur und Debüts

jungeliteratur1Roman Ehrlich – Urwaldgäste (Dumont Buchverlag), Lisa Kränzler – Lichtfang (Suhrkamp), Karen Köhler – Wir haben Raketen geangelt (Hanser), Florian Wacker – Albuqurque (mairisch), Teresa Präauer – Johnny und Jean (Wallstein).

jungeliteratur2Saskia Hennig von Lange – Zurück zum Feuer (Jung und Jung), Kerstin Preiwuß – Restwärme (Berlin Verlag), Simone Lappert – Wurfschatten (Metrolit), Ela Angerer – Bis ich 21 war (Zsolnay & Deuticke), Jon Bauer – Steine im Bauch (Kiepenheuer & Witsch)

jungeliteratur3Verena Güntner – Es bringen (Kiepenheuer & Witsch), Sabrina Janesch – Tango für einen Hund (aufbau), Benjamin Lebert – Mitternachtsweg (Hoffmann & Campe), Lucy Fricke – Takeshis Haut (Rowohlt), Madeleine Prahs – Nachbarn (dtv)

Durch Klicken auf die jeweiligen Verlage gelangt ihr zu näheren Buchinformationen!

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Wortreiche Geschenke

adventDas Weihnachtsfest naht schnellen und festen Schritts. Und wieder einmal stellt sich jeder von uns die bange Frage nach dem passenden Weihnachtsgeschenk. Trotzdem immer wieder hartnäckig der Niedergang des Lesens, des gedruckten Buches insgesamt, prophezeit wird, landen jedes Jahr eine Menge literarische Geschenke unter den heimischen Weihnachtsbäumen. Allen Unkenrufen zum Trotz verschenken wir immernoch Eintrittskarten in fremde Welten, Passierscheine für die Brücken, die aus dem Alltag hinausführen und uns andere Perspektiven eröffnen. Dennoch alljährlich dieselbe Frage: Welche Bücher verschenken? Bei rund 90.000 Neuerscheinungen jedes Jahr fällt die Entscheidung nicht leicht – und da sind noch nicht einmal die zahlreichen Klassiker eingerechnet, die bereits seit Jahrzehnten beliebt und begehrt sind. Von mir nun ein kleiner Überblick schenkenswerter Werke, von humorvoll bis tragisch, von unterhaltsam bis literarisch. Was Weihnachten unter der nadelnden Nordmanntanne liegen darf, kann, muss oder sollte. Der Einfachheit halber in Kategorien eingeteilt.

Geschichte

geschichteBücher, die sich historischen Gegebenheiten widmen oder ihre Erzählung bewusst in einer bereits vergangenen Epoche ansiedeln, gibt es viele. Ich habe drei verschiedene zusammengetragen, die auf ganz unterschiedliche Art und Weise geschichtlich sind. Robert Seethalers ,Der Trafikant‚ (Rezension) spielt im Wien der späten 30er-Jahre, kurz vor Einmarsch der Nationalsozialisten. Franz Huchel, ein sechzehnjähriger Junge aus der Provinz, wird in die Großstadt geschickt, um Geld zu verdienen. Im Tabaktrafik des Otto Trsnjek trifft er auf einen ganz besonderen Kunden – Sigmund Freud. Eine wundervolle Verquickung von Realiät und Fiktion. Ulrike Edschmid entführt uns in die späten 60er Jahre, in den terroristischen Untergrund der Bundesrepublik. ,Das Verschwinden des Philip S.‘ (Rezension) ist die wahre Geschichte des Werner Sauber, der sich bewusst in dieser Zeit für das Abtauchen entschied. Ulrike Edschmid kannte ihn gut und so gerät dieser schmale Band nicht nur zu einem beeindruckenden historisch-politischen Zeugnis, sondern auch zu einer ganz persönlichen Rückschau. DDR-Romane gibt es zur Genüge, wenige aber sind so charmant, poetisch und wahrhaftig wie Kathrin Aehnlichs ,Wenn die Wale an Land gehen‚ (Rezension). Ein Rückblick, eine Abrechnung und Jugenderinnerungen an das Aufwachsen in einem Überwachungsstaat, einem erdrückenden System.

Gesellschaft

gesellschaftAuf unsere Gesellschaft kann man ganz verschieden blicken, im Gewand einer Novelle, mit journalistisch präziser Analyse oder hintersinniger Satire. Meine drei ausgewählten Bücher in dieser Kategorie tun genau das, jedes auf seine Weise. Jonas Lüschers ,Frühling der Barbaren‚ (Rezension) erzählt vor der Kulisse des Orients den Zusammenbruch des Kapitalismus, vom Ausbruch der Barbarei unter den Menschen, die ihr Geld verlieren. Und stellt ganz nebenbei die Frage, ob die Barbarei nicht schon viel früher anfängt. Amy Waldman hält uns in ,Der amerikanische Architekt‚ (Rezension) den Spiegel vor und entlarvt mit nahezu genüsslicher Präzision tiefsitzende Vorurteile einer Gesellschaft. Was geschieht, wenn ein Mann namens Mohammed Khan ein Mahnmal für die Opfer des 11.September bauen soll? Einen ganz und gar humoristischen Blick nimmt Marc-Uwe Kling in ,Die Känguru-Chroniken‚ (Rezension) ein – der Kleinkünstker und das kommunistische Känguru sind zwar stets zum Lachen, bei genauerer Betrachtung verbergen sich aber auch hinter diesen pointierten Passagen wenig amüsante Wahrheiten. Sie sind nur nicht mehr ganz so brachial, wenn sie von einem Beuteltier ausgesprochen werden.

Familie

familieAuch mit Familien beschäftigt sich die Literatur immer wieder gern, am liebsten mit ihrem Niedergang, ihrer Auflösung. Wen interessiert die Rama-Werbefamilie? Spannend wird es doch dort, wo die Fassade bröckelt. So auch in meinen drei Büchern zum Thema Familie. Peter Buwalda hat mit ,Bonita Avenue‚ (Rezension) bereits die Sprengung des Familiären vorgenommen. Geheimnisse, Schweigen, gescheiterte Eltern-Kind-Beziehungen und die Explosion einer Feuerwerksfabrik, – ein sprachgewaltiger Roman, der mich sehr beeindruckt hat. ,Meine Mutter war hässlich‚ lautet der erste Satz aus Sarah Strickers ,Fünf Kopeken‚. (Rezension) Hier geht es aber keineswegs um ästhetische Abwägungen, es ist die Geschichte einer Mutter, erzählt von ihrer Tochter mit beißendem Witz und tragischem Ernst. Eine ganz besondere Erzählstimme und ein höchst gelungenes Debüt! Joachim Meyerhoffs ,Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war‚ (Rezension) greift im Titel nicht nur das Trügerische an Erinnerungen und ihre ständige Unzuverlässigkeit auf, sondern erzählt aus seiner Kindheit, von dem Aufwachsen auf dem Gelände einer psychiatrischen Klinik und den Auswirkungen auf seine Familie.

Pure Poesie

pure poesieManch ein Buch packt mit einer Sprache, die so beeindruckend ist, so tief reicht und sich noch lange nach Beendigung der Lektüre ins uns verankert, dass wir es am liebsten noch ganz lange bei uns haben wollen. So geschehen mit den drei Romanen dieser Kategorie. Katharina Hartwells ,Das Fremde Meer‚ (Rezension) hat in Bloggerkreisen hohe Wellen geschlagen, vermutlich ist es _das_ Litblogbuch des Jahres. In zehn verschieden-gleichen (kein Widerspruch!) Geschichten das Schicksal zweier Menschen und ihre Liebe zueinander, in einem Buch die heilende Kraft des Erzählens. Auch Dina Nayeris ,Ein Teelöffel Land und Meer‚ (Rezension) entfaltet eine facettenreiche und bildhafte Sprache vor dem Hintergrund der iranischen Revolution. Zwei Schwestern, die sich verlieren, ein Mädchen, das lange gegen die Wahrheit ankämpft und schließlich beginnt, zu akzeptieren. Ein Familienroman, ein Geschichtsroman, einfach ein herrliches Stück Literatur! Wolfgang Sofsky macht uns durch ,Einzelgänger‚ (Rezension) mit so einigen Eigenbrötlern bekannt. Mal in märchenhafter Form, mal als klassische Erzählung, aber immer in so kraftvoller und eindringlicher Sprache, dass man sich kaum wehren kann. Prädikat: Literarisch beinahe unbezahlbar!

Graphic Novel

graphic novelAuch im Bereich der Graphic Novel hat sich dieses Jahr wieder einiges getan. Mit meinen drei Empfehlungen in dieser Kategorie kann man bei Liebhabern der zeichnerischen (Wort)kunst eigentlich wenig falsch machen. Begonnen mit Mana Neyestanis erschütterndem Bericht ,Ein iranischer Alptraum‚ (Rezension), der seine Inhaftierung in eines der berüchtigtsten Gefängnisse des Irans allein aufgrund einer Karikatur dokumentiert über das Kafka-Porträt (Rezension) von David Mairowitz und Robert Crumb – das indessen locker jedem Literaturlexikon das Wasser reichen kann – bishin zu Guy Delisle und seinen ,Aufzeichnungen aus Jerusalem‚. (Rezension) Delisle ist nach wie vor für jeden ein Muss, der sich mit anderen Ländern und anderen politischen Systemen beschäftigen will. Ob nun in Pjöngjang, Birma oder eben Jerusalem – Guy Delisle liefert immer einen vorurteilsfreien Blick auf eine, uns oft fremde, Gesellschaft und Kultur.

Musik, Musik, Musik

collageliedermacherIch wäre ja nicht ich – und Redakteurin eines kleinen, feinen Musikmagazins -, wenn ich nicht auch in diesem Bereich Schätze hätte, die sich durchaus mit einem guten Buch kombinieren lassen. Sechs Favoriten habe ich für dieses Jahr ausgewählt, sechs wirklich hervorragende Alben für solche, die die Liedermacherei, die Kleinkunst, das Handgemachte an Musik mögen. Begonnen mit Dota Kehrs neuem Album ,Wo soll ich suchen‚ (anhörbar: ,Du musst dich nicht messen‚), über Wenzels ,Widersteh, solang du’s kannst‚, das deutlich harte und politische Worte anschlägt (anhörbar: ,Warten in C.‘), Frank Viehwegs ,Aus der Welt‚, das politische Lieder und unpolitische verbindet (anhörbar: ,Seltener Vogel‚) und Carsten Langners ,Steh nicht im Goldenen Buch der Stadt – Langner singt Hausin‘, das auf brilliante Weise Texte des niedersächsischen Dichters Manfred Hausin vertont. Bishin zu Matthias Brodowys ,Best-of‘ Bis es euch gefällt (anhörbar: UFOS über Berlin) und Bodo Wartkes Klaviersdelikte live aus Bremen. (Trailer zur DVD, dieselbe Audio-Spur mit Moderationen ist auch auf der Live Doppel-CD ..oder man kauft vielleicht auch die DVD)

Damit verabschiede ich mich, – auf einen erfolgreichen Geschenkekauf! Wer die Bücher online bestellen möchte, der tut das am besten bei den lieben ocelots im Shop. (klick)

Horst Evers – Wäre ich du, würde ich mich lieben

978-3-87134-762-7.jpg.677057Horst Evers (eigentlich Gerd Winter) ist ein deutscher Autor und Kabarettist. Aufgewachsen in Niedersachsen studierte er an der FU Berlin Germanistik und Publizistik. 1990 gründete er mit Freunden die Lesebühnenshow „Dr. Seltsams Frühschoppen„. 2002 gewann er den Deutschen Kabarettpreis, 2008 den Deutschen Kleinkunstpreis. Seine Texte werden regelmäßig auf Radio Eins von ihm vorgetragen. In gedruckter Form erscheinen sie im Rowohlt Verlag.

Inmitten einer schnelllebigen und wenig verlässlichen Zeit der permanenten Um – und Neugestaltung muss es Autoren geben, die uns Felsen in der Brandung sind. Autoren, von denen wir wissen, dass sie stets und ständig genau die Qualität produzieren, für die man sie so liebt. Autoren, die einen mutmaßlich niemals negativ überraschen würden, weil sie im Vollbesitz ihrer humoristischen Kräfte und eines erstaunlich sicheren Händchens für Pointen des Alltags sind. Autoren wie Horst Evers eben.

Vor meinem inneren Auge erscheint ein Bild aus der Vergangenheit. Ich kannte mal eine Katja. Mit Anfang zwanzig war ich einige Wochen mit ihr zusammen. Sie war sprunghaft, extrem temperamentvoll und wirklich anstrengend. „Wäre ich du, würde ich mich lieben“, hatte sie irgendwann gesagt, „weil sonst hält man das mit mir nicht lange aus.“ Das stimmte. Obwohl ich es trotzdem nicht lange ertragen habe, hat mir ihr Rat später oft geholfen. Wenn etwas wirklich nicht mehr auszuhalten ist, hilft nur noch Liebe.

Auch mit seiner neuesten Textsammlung ‚Wäre ich du, würde ich mich lieben‚ beweist Horst Evers wieder einmal, dass er ein brillianter Beobachter des Alltäglichen ist. Einer, dem es in wenigen Sätzen höchst lässig und nonchalant gelingt, selbst der scheinbar belanglosesten Situation sozialen Mit-und Nebeneinanders (wie auswärtige, auf Fahrrädern in Schrittempo die Berliner Innenstadt begutachtende Besucher aus dörflichen Regionen) noch eine humoristische Note abzuringen. Es ist ganz egal, ob das genau so passiert ist, gleichgültig, ob Evers noch etwas dazu erfindet, das tägliche Leben Evers 2.0 überflügelt die Realität spielend. So zum Beispiel, als die Nachbarskatze Hildegard von Bingen stets tote Mäuse vor die Tür legt, die er, phantasievoll wie er ist, auch als potentielle Drohungen der Mafia verstehen könnte.

Ich hätte das Ganze bald wieder vergessen, wäre es nicht drei Tage später nochmal erheblich ekliger geworden. Da liegt nämlich erneut eine Maus auf der Fußmatte. Diesmal jedoch schon einigermaßen zerfetzt. In quasi vier Teilen läppert sie so über die Fußmatte. O guck mal, denke ich, die Mafia stottert!

Ob er in einem französischen Einkaufszentrum der Zukunft anderen Kunden einen Cappuccino aus dem fortschrittlichen Automaten hustet oder dem visionären Jungunternehmer eines Dschuhs-Hostels in Berlin die Chicorée-Salami aufschwatzt, die er alljährlich seit zwanzig Jahren von der Mutter einer Ex-Freundin zugesandt bekommt, stets ist es ein Vergnügen diesen, zugunsten der Komik, leicht verwandelten Situationen beizuwohnen. Horst Evers Texte sind so abgefasst, dass man denkt: Hey, sowas kann ich auch schreiben, um nach einigen erfolglosen Versuchen ernüchtert festzustellen, dass es dafür eben doch einen Horst Evers braucht. Denn wenige beherrschen den Ernst bei aller Komik (oder umgekehrt?) so brilliant wie er.

Ein Bekannter aus der IT-Branche erzählte mir kürzlich: Die erfolgversprechendste Lösungsstrategie für plötzlich auftretende, kaum erklärliche Anwendungsprobleme bei Computerprogrammen sei die sogenante Ehua-Routine. Ehua ist hier tatsächlich mal ein deutscher Begriff und steht für: „Einfach hoffen und abwarten“. Bei technischen Problemen sei dies der Heilungsansatz mit der mit Abstand höchsten Erfolgsquote.

Ein Bücherherbst

… wie er im Buche steht

Wer im Buchhändlerischen oder Verlegerischen tätig ist, wird die letzten Wochen vor allem mit dem Wälzen und Sichten von Verlagsvorschauen verbracht haben. Vorfreude und die bange Frage, in welcher Zeit man sich eigentlich mit all dem beschäftigen soll, was da wieder auf einen einströmen wird, wechselten sich regelmäßig ab. Vieles steht dieses Jahr im Zeichen des diesjährigen Gastgeberlandes der Frankfurter Buchmesse – Brasilien. Ich habe mal eine kleine (!) Auswahl von Büchern zusammengestellt, die auf Anhieb mein Interesse geweckt haben – und erhebe natürlich keinerlei Anspruch auf „Vollständigkeit“. Man könnte mit den teils doch hochinteressanten Herbstprogrammen vermutlich einen eigenen Blog füllen!

kehlmann_daniel_-_f Bei Rowohlt erscheint ein neuer Roman von Daniel Kehlmann, ein Roman über drei Brüder, die alle auf ihre Art und Weise Hochstapler und Betrüger sind. Ein Roman im unmittelbaren Umfeld der Finanzkrise, ein Familienroman der besonderen Art. Auch von Horst Evers („Wäre ich du, würde ich mich lieben„) dürfen wir einen neuen Erzählband erwarten, ebenso wie von Paul Auster. austerIm Wallstein Verlag erwartet uns ein Roman, der zum ersten Mal in den 1920ern erschien. Nächstes Jahr jährt sich der Beginn des Ersten Weltkrieges, ein trauriges Jubiläum steht an. Ernst Glaeser hat mit 1902 die Stimmung, die vor dieser ersten Katastrophe des 20.Jahrhunderts herrschte, in einem Roman verarbeitet. Nicht aus heutiger Sicht, sondern aus der Sicht eines Jugendlichen der damaligen Zeit.

glaeserEbenfalls im Wallstein Verlag wird Patrick Roths Schilderung seines geplanten Zusammentreffens mit Charlie Chaplin erscheinen. Zwar nicht zum ersten Mal, wie man bemerken muss, aber neu aufgelegt zum 125. Geburtstag Chaplins. Im Luchterhand Verlag erscheint Terézia Moras Roman „Das Ungeheuer“, die Geschichte eines Mannes, der alles verlor. Und sich auf den Spuren seiner Frau wiederfindet. mora

Auch Matthes & Seitz hat, wie gewöhnlich, wieder viele spannende Neuerscheinungen im Programm. Unter anderem ein neues Buch von Édouard Levé, der bereits mit „Selbstmord“ ein so unkonventionelles wie emotional forderndes geschrieben hat. Nun erscheint „Autoportrait“, die Kunst der Selbstobduktion in literarischem Gewand. Ebenso spannend dürfte der Bericht eines italienischen Kunstverständigen namens Ranucci Bianchi Bandinelli ausfallen.bandinelli

„Hitler, Mussolini und ich“ erzählt die wahre Geschichte Bandinellis, der 1938 aufgrund seiner Sprachkenntnisse gebeten wird, Hitler und Mussolini bei ihrem Staatsbesuch in Italien durch die Museen Roms und Florenz‘ zu führen. Es gibt bereits eine Dokumentation über Bandinelli, bzw. dieses doch sehr spezielle Zusammentreffen. Ich war untröstlich, dass ich sein Tagebuch nur auf Französisch finden konnte, umso dankbarer bin ich nun dem Matthes & Seitz Verlag, dass es auf Deutsch erscheint! Bei Kiepenheuer & Witsch erscheint ein neuer Roman von Uwe Timm. timmAuch sein Roman beschäftigt sich mit einem Mann, der alles verloren hat und nun sein Dasein, wie ein Eremit, als Vogelwart auf einer abgelegenen in der Elbmündung verbringt – bis ein Anruf dieses wohlstrukturierte Leben gründlich durcheinanderwirbelt. Im Schöffling Verlag erscheinen schwerpunktmäßig zur Buchmesse gleich zwei Romane von Clarice Lispector („Nahe dem wilden Herzen“ und „Der Lüster“) sowie eine Biographie über sie.lispector

Auch im Hinblick auf Graphic Novels dürfen wir uns über spannende Neuerscheinungen freuen. So erscheint im Reprodukt Verlag eine Graphic Novel von Paco Roca namens „Kopf in den Wolken“. Ein Comic über das Altwerden und Altsein, über das Vergessen und Erinnerung.RG1cubierta.indd

Mit Eric Drookers „Flut“ erscheint im avant Verlag ein eher düsteres und dystopisches Werk in beinahe holzschnittartigem Stil. New York wird von der Flut verschlungen, ein einsamer Mensch streift durch die Großstadt, auf der Suche nach Sinn und Vergnügen. Ein apokalyptischer Großstadt-Comic besonderer Art. Ebenfalls mit Naturkatastrophen beschäftigt sich der Kunstmann Verlag, in Form des Romans „Vor dem Sturm“ von Jesmyn Ward.ward

Es ist ein Roman über einen Hurrikan, der sich über dem Mississippi-Delta zusammenbraut und über eine Familie, die gemeinsam versucht, dieser drohenden Katastrophe zu entkommen. Kristopher Jansma erzählt in seinem im Graf Verlag erscheinenden Roman „Die Flecken des Leoparden“ von einem Schriftsteller, den die (Selbst)Zweifel auf eine Reise um die Welt schicken. „Wer kann schon aus seiner Haut?“, ist der Untertitel des Romans, manchmal ermöglicht das Reisen ja den nötigen Abstand. jansma

Auch der Dumont Verlag bietet wieder einige Schätze. So zum Beispiel Andreas Schäfers Roman „Gesichter“, der von dem mehr oder weniger unfreiwilligen Zusammentreffen eines Kreuzfahrtreisenden mit einem Flüchtling berichtet. Der Familienurlaub in Griechenland wird rasch von dieser – in doppeltem Sinne – flüchtigen Begegnung überschattet. schäfer

Es gäbe noch so einiges mehr, dementsprechend behalte ich mir vor, möglicherweise einen zweiten Artikel zum Bücherherbst zu veröffentlichen. Hiermit sei aber ein erster Einblick gewährt in die Vielfältigkeit der verschiedenen Herbstprogramme. Und angesichts dieser Bücherfülle wäre man fast geneigt, sich auf eine einsame Insel zurückzuziehen – als Vogelwart oder auch nicht -, um sich ganz darauf einzulassen. Ich wünsche uns an dieser Stelle schonmal allen einen ganz genussvollen literarischen Herbst mit vielen tollen Entdeckungen und Leseerlebnissen. An „Stoff“ wird es uns jedenfalls nicht mangeln!

Peter Buwalda – Bonita Avenue

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Peter Buwalda ist ein niederländischer Autor. Er arbeitete für eine Musikzeitschrift und als Verlagslektor, bevor er Bonita Avenue, seinen ersten Roman, veröffentlichte. Viereinhalb Jahre arbeitete er daran. Er wurde für neun renommierte Preise nominiert, vier davon gewann er auch, u.a. den Anton-Wachter-Preis für den besten Debütroman 2012. 2013 ist der Roman schließlich im Rowohlt-Verlag auf Deutsch erschienen, aus dem Niederländischen übersetzt von Gregor Seferens.

Bereits im Vorfeld, noch vor Veröffentlichung dieses Romans, sah man sich mit wirkmächtigen und höchst gewichtigen Vergleichen im Zusammenhang mit Buwaldas Stil konfrontiert. Wie ein niederländischer Jonathan Franzen sei er, Bonita Avenue gar das Pendant zu Philip Roths ‚Amerikanisches Idyll‘. Infolgedessen erwartete man eine Menge, psychologisch brilliante Kompositionen, die Dekonstruktionen von heimeliger Wirklichkeit, die Autopsie von Familie. All das liefert Peter Buwalda in einem absoluten Meisterstück literarischen Schaffens, in einem Buch, das bisher mühelos auf den oberen Plätzen für mein Buch des Jahres rangiert.

Buwalda selbst spricht davon, dass sein Roman sich mit der Fragestellung auseinandersetzt, was passiert, wenn die eigenen Kinder sich gegen ihre Eltern richten. Das geschieht zwar, aber mitnichten in einer platten oder gar oberflächlichen Weise. Buwalda gräbt tiefer. Siem Sigerius, ein mathematisches Naturtalent, arbeitet als Leiter einer Universität. Sein Leben ist intakt, er ist erfolgreich. Mal abgesehen davon, dass seine Frau Tineke vielleicht ein paar Kilos zuviel hat und die beiden in gegenseitigem Einvernehmen eher eine Mentalität des Nebeneinanderlebens pflegen, ist er genau das, was man sich vorstellt unter einem Menschen, in dessen Leben alles am rechten Ort ist. Seine Töchter Joni und Janis (benannt nach Joni Mitchell und Janis Joplin) blicken zu ihm auf, so wie jeder das tut. Aaron, Fotograf und Partner Jonis, gehört praktisch zur Familie. Doch es dauert nicht lange, bis einem bewusst wird, dass hinter dieser harmonischen Fassade eine ganze Menge Sprengstoff lagert.

Betrug? Natürlich. Aber in diesem Bauernhaus logen alle. Die gesamte Familie rang verstohlen mit der Wahrheit. Obwohl er wusste, dass es eine fadenscheinige Entschuldigung war, sagte er sich, dass jeder im Bauernhaus seine Geheimnisse gehabt hatte – Sigerius, Tineke, Joni, er , jeder verschwieg etwas. Wie lange hatte er nicht gewusst, dass Janis und Joni gar nicht Sigerius‘ Töchter waren? Lange. Und am liebsten hätte man es ihm nie gesagt. Über die tatsächlichen Familienbande wurde nicht gesprochen. Manchmal konnte der Eindruck entstehen, dass sie darüber selber nichts mehr wussten.

Hin und wieder spürt man die Dissonanz, spürt man die falschen Töne in der scheinbar perfekten Komposition. Als die Feuerwerksfabrik in Enschede explodiert (basierend auf einer realen Begebenheit, im Mai 2000 geschah in Enschede tatsächlich genau das), explodiert auch all der Sprengstoff innerhalb der Familie Sigerius, was ich für eine großartige und gelungene Allegorie halte! Ausgehend von dem Punkt, an dem Siem Sigerius begreift, dass seine Tochter Joni mit Aaron eine Erotikseite im Internet betreibt, verzweigt sich das Geflecht aus Schuld, Angst und Vorwürfen immer weiter durch die Familie. Auf der Internetseite finden sich delikate Bilder Jonis, die Siem bei seinen Streifzügen durch einschlägige Seiten im Netz bemerkt. Zunächst glaubt er, er müsse sich geirrt haben, das könne nicht seine Tochter sein, auch wenn eine gewisse Ähnlichkeit unbestreitbar vorhanden ist. Doch dann bestätigt sich sein Verdacht, als er ins Haus Aarons und Jonis einsteigt und auf dem Dachboden alles findet, was er auch von den Fotos kennt. Dort wird er von seiner Tochter und Aaron überrascht, die früher aus dem Urlaub zurückkehren, in den Siem sie geschickt hat.

In dieser Situation stehen bereits alle Komponenten für die bevorstehende Explosion bereit, sie ist unabwendbar. Nicht nur für Joni ist dieser Moment ein wahrgewordener Albtraum, auch für Siem selbst ist es eine entwürdigende Szenerie. Steht er doch nicht nur erzürnt auf dem Dachboden, sondern trägt stattdessen einen Slip seiner Tochter, die Hand in einem dieser weichen und seidenen Nylonstrümpfe. So stehen sich beide gegenüber, unfähig, das Offensichtliche zu begreifen, das sich vor ihren Augen abspielt.

Sie sind im Albtraum des jeweils anderen.

Von nun an versucht jeder der drei Beteiligten, zu vertuschen, zu vergessen, zu verdrängen, was geschehen ist. Joni flieht nach Amerika, Aaron in eine Psychose, Siem in furchtbare Existenzängste. Wir erfahren außerdem von Siems leiblichem Sohn Wilbert, von dem niemand in der Familie gern spricht, der nahezu totgeschwiegen wird. Wilbert saß im Gefängnis, wegen Totschlags, Wilbert hat immer Probleme gemacht, war widerspenstig und verhaltensauffällig, auf Wilberts Rücken wurden viele Schlachten ausgetragen, die die Familienmitglieder vielleicht untereinander hätten führen müssen. Zwar wendet sich Wilbert gegen seinen Vater, aber sein Vater wendet sich auch gegen ihn, in vielerlei Hinsicht. Als besonders beeindruckend und ergreifend empfand ich die Schilderungen, die sich mit Aarons psychotischem Empfinden auseinandersetzten. Immer hat er zu Siem aufgesehen, Siem, seinem Judolehrer, Siem, dem Mann der alles im Griff hatte, ein strahlender Alleskönner – nun glaubt er, Siem verachte ihn, Siem suche ihn heim, wolle sich rächen. Diese Urängste brechen sich in schrecklichen Halluzinationen und Wahnvorstellungen Bahn.

Wie eine Qualle trieb er in der Zeit, still pulsierend, als wäre nicht nur Roombeek, sondern die ganze Welt explodiert und rotierte nur noch sein Wohnzimmer auf einer Umlaufbahn um die Sonne. Seiner Schlaflosigkeit ließ er freien Lauf, Tag und Nacht verloren ihre Bedeutung, sein Wachzustand ging allmählich über in einen unergründlichen Rhythmus kurzer Schlummerphasen. Er träumte intensiv. Sein gesamtes Essen bestellte er jetzt telefonisch, und jedes Mal prügelte ihn die Türklingel aus einer unruhigen Unterwelt.

(…)
Wann immer Leute vor seiner Haustür standen, Postboten, Spendensammler – ein einziges Mal war es sein Freund Thijmen, der klingelte -, kniete er sich vor den Heizkörper hin und spähte unter den Vorhängen hindurch, um zu sehen, wer ihn bedrohte. Immerzu war da die Angst, es könnte Sigerius sein.

Bonita Avenue, benannt nach der Straße in Amerika, in der die Familie die glücklichste Zeit ihres Lebens verbrachte, bevor sie in die Niederlande zurückkehrte, lebt von einer unfassbaren Präzision sprachlicher Bilder, von einer herausragenden Beobachtungsgabe. Mehr als einmal saß ich atemlos vor diesem Text, beeindruckt, erschlagen von diesem sprachlichen Reichtum, dieser literarischen Finesse. Buwalda weiß, was er sagen will und er nimmt kein Blatt vor den Mund. Gekonnt nimmt er die Familie Sigerius auseinander, stellt die Familienmitglieder einander gegenüber, lässt uns teilhaben an ihren Ängsten und Begehrlichkeiten. Buwalda erzählt abwechselnd aus der Sicht eines personalen Erzählers, mit Fokus auf Aaron oder Siem und aus der Ich-Perspektive, der Perspektive Jonis. Das Geschehen findet auf mehreren Zeitebenen statt und so erfahren wir auch von glücklicheren Zeiten in der Bonita Avenue. Wir erfahren, wie es überhaupt soweit kommen konnte. Wie es passieren konnte, dass diese Familie auseinanderbricht, explodiert wie die Feuerwerksfabrik, von der nicht viel übrig bleibt als Ruinen und Asche. Ein hervorragender, intelligenter, sprachlich brillianter Roman, den ich nur jedem ans Herz legen kann, der sich für Familiengeschichten begeistern kann. Nur starke Nerven muss man haben, um der Druckwelle dieser Explosion standzuhalten.

Hier geht es zu Teil 2 und zu Teil 3.

Max Goldt – Die Chefin verzichtet

Max Goldt (eigentlich Matthias Ernst) ist ein deutscher Autor, Musiker & Zeichner. Er sang in dem NDW-Umfeld beheimateten Duo Foyer des Arts. Er schrieb Kolumnen für das Satiremagazin Titanic und veröffentlicht regelmäßig in Buchform Zusammenstellungen seiner Kolumnen. Seit 1996 arbeitet er mit dem Zeichner Stephan Katz zusammen – sie treten als Duo Katz&Goldt in Erscheinung.

Uff. Was könnte ich über Max Goldt sagen, was noch nicht gesagt wurde? Wie kann ich seinen literarischen Verdienst so zusammenfassen, dass es nicht klingt als hätte ich unter Aufbietung all meiner kriminellen Energien eine Imkerei ausgeraubt, um dem Herrn Goldt den gesamten dort verfügbaren Honigbestand ums Maul zu schmieren? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur eines – wer bisher nichts von Max Goldt gelesen hat, hat etwas Grandioses verpasst!

Max Goldt ist eine Koryphäe der Alltagsbetrachtung, des scheinbar (!) Belanglosen, ein in nahezu rührender Vertrautheit mit dem Absurden schaffender Lapidarpoet. Auffällig sind natürlich zunächst immer die abstrusen Titel seiner Kolumnensammlungen – „Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens“, „Ä“, „Quiet Quality“, „Die Radiotrinkerin“ und viele mehr. In den Büchern selbst geht es hinsichtlich der Kapitalüberschriften auch nicht gesitteter zu. In oben abgebildetem Werk finden sich demnach Texte folgenden Namens – Fast vierzig zum Teil recht coole Interviewantworten ohne die dazugehörigen dummen Fragen und Ich hatte – verzeihen Sie! – nie darum gebeten, im Schatten einer Stinkmorchel Mandoline spielen zu dürfen.

Trotzdem der Goldt-Unkundige nun vielleicht der Auffassung sein könnte, der Mann albert sinnlos mit Sprache herum wie ein Kind mit seinem Möhrenbrei, muss der Kenner kühl kalkuliert konstatieren: Der Sprachwahnsinn hat Methode! Egal, was Goldt anfängt, er bringt es sinnvoll zu Ende und entfernt sich niemals besonders weit vom Alltagserleben eines jeden Menschen. Jedenfalls inhaltlich nicht. Sprachlich schon, aber gerade seine pointierte und überaus ästhetische Sprache machen die humorvollen Betrachtungen doppelt angenehm zu lesen.

Ein kleiner Ausschnitt aus den „fast vierzig zum Teil recht coolen Interviewantworten ohne die dazugehörigen dummen Fragen„:

12. Wie? Die Deutschen gaben 2009 dreimal soviel für Wellensittiche aus wie für Bildung? Das glaube ich nicht! Ach so, Sie sagten Wellness! Ich hatte Wellensittiche verstanden.

16. Meine internationale Karriere beschränkte sich bislang überwiegend darauf, dass ich meine Selbstgespräche mitunter auf englisch führe.

20. Ich bin ein durch und durch philantropischer Kulturpessimist. Dass das ein Paradoxon ist, hoffe und befürchte ich in gschmeidiger Abwechslung.

29. Den höchst unglücklichen Zustand, dass einem die Intelligenz nichts einbringt als Überlegenheitsgefühle, habe ich vor mindestens zwanzig Jahren überwunden. Es ist nicht mein Problem, dass Sie das nicht merken.

Neben diesen Interviewantworten finden sich Texte über „Emotion“ und „Inspiration“ (oder besser, über den gesellschaftlich mittlerweile inflationären Gebrauch solcher großen Worte), über den Tod dreier  großer Künstler, Degenhardt, Kreisler & Loriot und die Feststellung, dass es nahezu unmöglich wäre, eine kritische Biographie über Loriot zu schreiben. Sprachkritik, Talkshows, Sexy-Lecker-Geil-Menschen und der degenerierende Hauch von Glamour, alles findet in diesem schmalen Büchlein Platz. Man schmunzelt und lacht – ab und an auch laut, wie meine Nachbarn möglicherweise festgestellt haben -, man schüttelt den Kopf, nur um ihn kurz darauf wieder bejahend auf und ab zu bewegen. Max Goldt ist ein Phänomen. Und interessanterweise auch eine Autorität auf seinem Gebiet. Max Goldt ist – und hier bastle ich noch eine Anspielung auf das Buch hinein – wie Sarah Wagenknecht. Man glaubt einfach nicht, dass er auch mal zutiefst kleinbürgerliche und menschliche Sachen tut. Im Baumarkt Schrauben kaufen oder sowas.

Und anders als seine auf die Bühne gemogelten fiktiven Kollegen verwendet der reale und heutige Kleinbürger niemals ulkige Ausdrücke wie „Schlüpfer“ und „Bohnenkaffee“ – sein Wortschatz ist ein Schrottplatz klischeebehafteten Jugendslangs der achtziger Jahre: „geil“ und „krass“ und „ätzend“ und so weiter. Er ist das Produkt einer widerstandslos hingenommenen Popkultursozialisation, ein sich wohl fühlendes Opfer. Er ist tätowiert, motorisiert, umfassend desinteressiert und allzeit bereit, zustimmend zu johlen oder empört zu schnauben, vor allen Dingen aber ist er, insbesondere sind sie, die „Mädels“ – wie im Kleinbürgerjargon Frauen genannt werden – „sexy“.

Was soll ich noch weiter sagen? Kauft diese Bücher! Geht auf seine Lesungen, ich durfte schon eine genießen. Q.e.d.!

Eowyn Ivey – Das Schneemädchen

Eowyn Ivey ist eine nordamerikanische Schriftstellerin. Sie studierte Journalismus und Kreatives Schreiben, arbeitete jahrelang als Redakteurin beim Frontiersman Newspaper und ist heute Buchhändlerin. Das Schneemädchen ist ihr Debütroman.

Die Geschichte basiert auf der russischen Märchengestalt Snegurotschka (zu deutsch: Schneemädchen oder auch Schneeflöckchen)  Die bekannteste Geschichte entstammt der Märchensammlung Alexander Afanassjews, die von 1855 bis 1863 in acht Heften erschienen ist. Ein altes Ehepaar, das kinderlos geblieben ist, wünscht sich sehnlichst ein Kind. Eines Tages beobachten sie andere Kinder beim Bauen eines Schneemanns und beschließen gemeinsam, ein Mädchen aus Schnee zu bauen. Es erwacht zum Leben und verbringt den Winter mit dem alten Ehepaar, bis es, wenn der Frühling naht, wieder ins Gebirge verschwindet.

Viel mehr passiert auch in Eowyn Iveys Adaption der Geschichte nicht. Bloß dass sie das russische Volksmärchen auf hunderte Seiten gestreckt hat, ohne, dass irgendetwas Nennenswertes passiert. Mabel und Jack sind nach Alaska ausgewandert, um dort auf einer Farm zu leben. Die Fehlgeburt Mabels hat die beiden tief erschüttert, teilweise vielleicht sogar verbittert gemacht. Gerade Mabel ist zu Beginn der Geschichte sehr kontaktscheu und nimmt nur sehr zögerlich Kontakt zu anderen Bauern der Umgebung auf. So arbeiten und leben die beiden nebeneinander her, bis sie eines Tages, beim Fallen des ersten Schnees, ein Schneemädchen bauen, das am nächsten Tag auf wundersame Weise verschwunden ist.

Durch einige dumme Zufälle ist Mabel zunächst die einzige, die das lebendig gewordene Mädchen zu Gesicht bekommt und so geht man zunächst davon aus, es handle sich um ein Hirngespinst der alten Frau, die den Tod ihres Kindes nie verarbeiten konnte. Doch das Mädchen kommt immer öfter und gehört irgendwann zum festen Bestandteil der Familie. Auch Mabel erinnert sich an das russische Märchen und beginnt schnell zu begreifen, dass das Kind sterben wird, wenn sie es im warmen Haus einquartiert. Schmelzen, könnte man auch sagen, jedoch wird nirgendwo wirklich erwähnt, woraus das Kind besteht. Es ist blond, aber ob es nun aus Schnee besteht oder Eis, ob sie kalt ist, wenn man sie berührt, all das bleibt merkwürdig diffus.

Wenn der Frühling kommt, verschwindet sie in die Berge, um sich in die Kälte zurückzuziehen. Ivey erfindet hier noch eine Liebesgeschichte dazu und führt einen Sohn der benachbarten Bauernfamilie als Liebhaber ein. Doch worüber die beiden reden und wie sie sich verlieben, bleibt im Dunkeln. Sie treffen sich einige Male im Wald, weil sie immer mit ihrem Fuchs herumstreunt und sich offensichtlich sehr gut in der Umgebung auskennt, während er ein passionierter Jäger ist, aber irgendwann zwischen einem herbeigerufenen Schneesturm ihrerseits und einigen erlegten Tieren seinerseits muss es wohl passiert sein. Und nicht nur das – das Schneemädchen wird schwanger. Wie genau das eigentlich biologisch von statten gehen soll, weiß ich nicht. Bekommt sie nun ein Kind aus Fleisch und Blut? Eines aus Eis? Eine Mischung? Wenn ja, ist es überhaupt überlebensfähig? Auch das erfahren wir nicht. Sie ist eben schwanger.

Nachdem dies verkündet wurde, machen sich alle daran, die Hochzeit zu organisieren. Mabel wird dem Mädchen gegenüber immer besitzergreifender, weil sie sich zusehends für das Kind verantwortlich fühlt, was sie wie ihr eigenes aufgenommen hat. Doch mit Müh und Not kann sie sich bremsen und schließlich heiraten sie und der Bauernjunge. Sind glücklich. Haben ein Haus gebaut, dem noch das Dach fehlt und warten auf die Geburt ihres Kindes. Alles scheint glücklich und zufrieden, das Kind schafft es auch noch auf die Welt, doch kurz danach scheint das Schneemädchen an irgendeiner mysteriösen Krankheit zu leiden. Sie und alle anderen bangen und hoffen, doch irgendwann verschwindet sie plötzlich. Und die Geschichte endet.

Sie verschwindet so plötzlich wie sie aufgetaucht ist, wir erfahren nichts von ihr – nur von einem Mann, den sie als ihren Vater ausgibt -, sie wirkt in keiner Sekunde sympathisch, eher tatsächlich wie ein Eisklotz, vielleicht ist das konsequente Charaktergestaltung. Ich habe mich während des Lesens immer wieder gefragt: Und? Wann passiert jetzt irgendwas? Es ist eine ewige, sich ständig wiederholende Abfolge der immer  gleichen Sequenzen. Schneemädchen besucht „Eltern“, Schneemädchen streicht im Wald herum, Schneemädchen verschwindet, weil es Frühling wird, Schneemädchen kehrt zurück und besucht die Eltern, streicht im Wald herum, verschwindet. Wird schwanger, heiratet und verschwindet endgültig. Wie schon anfangs erwähnt, befällt einen das Gefühl einer erzählerischen Endlosschleife, die aber vermutlich entstehen muss, wenn man eine eigentlich recht kurze Geschichte derart überdehnt.

Man kann nicht leugnen, dass der ein oder andere Charakter einen Wandlungsprozess durchläuft. Mabel wird geselliger und findet eine Freundin, sie nimmt wieder mehr am Leben teil. Allerdings hatte ich kaum das Gefühl, dass das dem Schneemädchen geschuldet ist, sondern Esther selbst, die Frau des Nachbarn, die irgendwann einfach von Jack zum Essen eingeladen wurde, ohne Mabel vorher in Kenntnis zu setzen. Es sind Situationen, in denen unsere Ängste gar keine Zeit und Möglichkeit haben, uns zu blockieren, in denen wir über uns selbst hinauswachsen. Das passiert Mabel. Aber auf ganz natürliche Weise und nicht, weil ein eisiges Mädchen in ihr Heim Einzug hält.

Ich habe in der Geschichte nichts gefunden, was mich begeistern könnte. Außer das Ende an sich.