Paco Roca – Der Winter des Zeichners

pacorocaPaco Roca ist ein spanischer Comiczeichner. Für seine Graphic Novel „Arrugas“ (dt. Runzeln), die den Verlauf einer Alzheimer-Erkrankung thematisiert, wurde er vom spanischen Kulturministerium mit dem Nationalen Comic Preis ausgezeichnet. Der Winter des Zeichners erschien in der Übersetzung von André Höchemer im September 2012 im Reprodukt Verlag.

Die 50er-Jahre in Spanien. Franco reagiert das Land mit eiserner Hand und diktatorischem Selbstverständnis. Nach dem Zweiten Weltkrieg wirtschaftlich und politisch isoliert, lebt man weitgehend in dem Gefühl der Ohnmacht gegenüber dem politischen System. 1946 hatte Franco sogar die Monarchie wieder eingeführt, jedoch ohne jemals einen König zu ernennen. In diesem gesellschaftlich doch eher sumpfigen Klima feiert der Verlag Bruguela große Erfolge. 1910 noch unter dem Namen El Gato Negro gegründet, gehört er zu den erfolgreichsten Verlagshäusern Spaniens. Er machte das Taschenbuchformat populär und veröffentlichte erfolgreiche Magazinreihen wie z.B. Pulgarcito.

PulgarcitoB01Der Beruf des Comiczeichners war zwar durchaus angesehen und als Handwerk akzeptiert, die Bezahlung und der Umgang mit Urheberrechten waren allerdings in weiten Teilen der spanischen Verlagswelt verbesserungsbedürftig. Den Autoren und Zeichnern wurden die Rechte an ihren eigenen Figuren verwehrt, um die hohe Auflage der verschiedenen Reihen und Magazine aus dem Hause Bruguela zu halten, arbeiteten viele im Akkord, ohne sich davon jedoch viel mehr als das Nötigste leisten zu können. Im Sommer 1957 beschließen deshalb fünf der besten Comiczeichner Bruguelas ihr eigenes Magazin herauszubringen, Tio Vivo. Paco Roca erzählt nun in eindringlichen Bildern die Geschichte dieser fünf Männer, deren Unternehmen zwar erfolglos blieb – etwa ein Jahr später mussten sie zu Bruguela zurückkehren und ihre Jobs dort wieder aufnehmen -, die aber für ihre Zeit etwas Außergewöhnliches wagten.

Winter_18Roca unternimmt innerhalb der Graphic-Novel Zeitsprünge, die er auch farblich deutlich voneinander abgrenzt. Ist der Sommer 1957, in dem noch Hoffnung und Aufbruchsstimmung vorherrschten, stets in warme Farben getaucht, kommt der Winter 1958, in dem alles wieder ist, wie es zuvor war, in tristem grau-blau daher. Bruguela beherrscht die Lieferwege und Speditionen, die fünf Zeichner müssen bald feststellen, dass ihr Magazin, „das erste und einzige von Autoren geführte“, wie sie sagen, an kaum einem Kiosk überhaupt erhältlich ist. Sie kämpfen gegen Windmühlen.

Rocas Zeichenstil ist ein sehr ruhiger und fast traditioneller, die Farbgebung sehr stimmungsvoll, die Figuren authentisch. Man springt mit Roca von Gegenwart zu Vergangenheit und zurück, gönnt es den Zeichnern Carlos Conti, Guillermo Cifré, Josep Escobar, Eugenio Giner und José Peñarroya, ihren Plan erfolgreich in die Tat umzusetzen, sieht sie nur ungern scheitern. Paco Rocas Leidenschaft für den Comic wurde durch die Erzeugnisse des Bruguela Verlags geweckt und so verbindet ihn nicht nur ein berufliches, sondern auch ein ganz persönliches Interesse mit dieser Geschichte, die er in einfühlsame Bilder umsetzt. Der Winter des Zeichners, darüber hinaus auch mit einem Nachwort von Antoni Guiral und einem ausführlichen Personenregister bedacht, ist somit eine sehr empfehlenswerte Momentaufnahme der spanischen Comicszene der Nachkriegszeit und ein Einblick in eines der erfolgreichsten spanischen Verlagshäuser.

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Guy Delisle – Pjöngjang

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Guy Delisle ist ein kanadischer Comiczeichner. Er studierte Kunst am Sheridan College in Toronto und arbeitete nach seinem Abschluss bei einem Animationsstudio. Er ist bekannt für seine dokumentarischen Comics, die ihn bereits nach Shenzen, Pjöngjang, Birma und eben Jerusalem geführt haben. Für Aufzeichnungen aus Jerusalem wurde er auf dem Internationalen Comic-Festival Angoulême 2012 mit dem Preis für das beste Album ausgezeichnet. Delisles Comics erscheinen im Reprodukt Verlag.

Schon durch Adam Johnsons Das geraubte Leben des Waisen Jun Do ist Nordkorea wieder mehr in den Fokus der literarischen Welt gerückt. 2003 verbrachte Guy Delisle zwei Monate als Supervisor für eine Trickfilmproduktion in der Hauptstadt eines der bizarrsten Länder der Welt. Seine Erfahrungen hat er in diesem Comic festgehalten, das an seine Erfahrungen in Shenzhen, China, anschließt. Was auch immer wir von Nordkorea zu wissen glauben, wir erfahren es immer aus zweiter oder dritter Hand. Delisle gelingt es, mit seinen einfachen und bisweilen metaphorischen Bildern einen Einblick zu gewähren, den eine lediglich geschriebene Dokumentation der Erlebnisse nicht leisten könnte.

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Bereits bei seiner Ankunft wird er durchsucht und befragt, mit einem langen Katalog an Verhaltensregeln konfrontiert, denen er unbedingt Folge zu leisten habe. Führen Sie Medikamente mit oder Trinken Sie kein Leitungswasser sind da noch die harmloseren Empfehlungen. Das Mitführen eines Handys ist untersagt, genauso wie Radios. Es ist verboten, allein etwas zu unternehmen, stets muss man von einem Führer und einem Dolmetscher – oder wenigstens einem von beiden – begleitet werden. Trinkgeld ist verboten, keine Witze über den großen Führer – das versteht sich von selbst. Bei seiner Ankunft werden Delisle Blumen geschenkt, die freilich nicht für ihn bestimmt sind, sondern für die Niederlegung vor der zweiundzwanzig Meter hohen Bronzestatue Kim-Il Sungs.

pjoengjang_7Nordkorea ist ein Land, in dem die Propaganda Realität geworden ist. An jeder Wand hängen Bilder Kim-Il Sungs und Kim-Jong Ils. Jeder Bewohner Pjöngjangs trägt am Revers eine kleine Anstecknadel, die einen der beiden Diktatoren zeigt – oder gar beide. Immer wieder fallen Delisle Menschen in der Stadt auf, die scheinbar sinnlose Tätigkeiten verrichten. Eine Autobahn mit dem Besen reinigen, den Rasen mit der Sense stutzen oder eine Brücke zur Hälfte ultramarin anstreichen. „Freiwillige“ sind sie, sagt man. Hier und da werden sie bei ihrer Arbeit mit Propagandaliedern und Parolen beschallt. Die Nordkoreaner verneigen sich in Demut und Dankbarkeit vor dem Großen Führer. Zwar besitzt Pjöngjang ein Kino, jedoch werden dort ausschließlich Filme gezeigt, die Propagandazwecken dienen und die Gräueltaten der Japaner oder Amerikaner und den Heldenmut der Koreaner thematisieren. Viele sind tief davon berührt, immer wieder. Wer sich einmal die Szenen angesehen hat, die sich nach dem Tod Kim-Il Sungs auf den Straßen abspielten, muss unweigerlich zu derselben Frage gelangen, die auch Delisle immer wieder auf der Zunge brennt ..

Glauben sie selbst an diesen ganzen Schwachsinn, den man ihnen auftischt? Im Museum der Freundschaft, das paranoiderweise in einen Berg hineingebaut worden ist, besichtigt Delisle zahlreiche Exponate aus dem Ausland. Geschenke an den Großen Führer, Zeitungsartikel über den Großen Führer. Sieht man all das ohne Hintergedanken, könnte man glauben, was die nordkoreanische Führung ihrem Volk seit Jahrzehnten als die Wahrheit zu verkaufen sucht. Nordkorea ist eine der stärksten und stolzesten Nationen der Welt – und der Rest der Welt sieht das ganz genauso.

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Trotzdem in den Zeichnungen und Beobachtungen Delisles immer wieder sein ganz besonderer Humor mitschwingt, bleibt Pjöngjang ein beklemmendes Zeugnis politischer Verblendung und Machtmissbrauchs nahezu unerträglichen Ausmaßes. Die Straßen sind gespenstisch leer, jeder kennt seine Rolle, weiß um sein Ziel. Dem Großen Führer und der Nation zu dienen. Jeder Bürger ein Aufziehpüppchen in einem Spiel, das er nicht durchschaut. Delisle zeigt sich hier erneut als grandioser Beobachter, der uns ein Stück dieses Landes zeigt und es damit erfahrbarer für uns macht. Mitnichten verständlicher. Aber wir haben den Eindruck, etwas mehr gesehen, den Menschen dort ein kleines Stückchen nähergerückt zu sein. Nordkorea ist ein unumstößlicher Beweis für die Macht von Propaganda.

Guy Delisle – Aufzeichnungen aus Jerusalem

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Guy Delisle ist ein kanadischer Comiczeichner. Er studierte Kunst am Sheridan College in Toronto und arbeitete nach seinem Abschluss bei einem Animationsstudio. Er ist bekannt für seine dokumentarischen Comics, die ihn bereits nach Shenzen, Pjöngjang, Birma und eben Jerusalem geführt haben. Für Aufzeichnungen aus Jerusalem wurde er auf dem Internationalen Comic-Festival Angoulême 2012 mit dem Preis für das beste Album ausgezeichnet. Delisles Comics erscheinen im Reprodukt Verlag.

Für ein Jahr reist Guy Delisle mit seiner Frau, die für Ärzte ohne Grenzen arbeitet, nach Jerusalem. Und ein bisschen ist es wie die Reise in eine andere Welt. Während er seinen väterlichen und häuslichen Pflichten nachkommt, beginnt Delisle sich intensiv und vor Ort mit dem Nahost-Konflikt auseinanderzusetzen. Gemeinsam mit vielen anderen Mitarbeitern der MSF und zahlreicher NGOs (Non Governmental Organization) wohnt er in einer Siedlung in Ost-Jerusalem und besucht verschiedenste zentrale Orte in Israel und Palästina, um mit den Menschen zu sprechen, sich selbst ein Bild zu machen. Dabei gelangt er in die Viertel ultraorthodoxer Juden, in die heiligen Stätten christlichen und muslimischen Glaubens, auf den Tempelberg und an die Klagemauer.

ramadanEine von Delisles größten Qualitäten ist die Aufgeschlossenheit und Menschlichkeit, mit der er allem begegnet, was er nicht kennt. Er will verstehen, er will aus so vielen Perspektiven wie möglich betrachten, was sich in dem Land abspielt, das Juden, Christen und Muslime gleichermaßen als heilig erachten. Bei ihm gibt es keine Voreingenommenheit. In mehr oder weniger kurzen Episoden wird man Zeuge humorvoller oder berührender Momente der Verständigung, die manchmal auch ganz ohne Sprache auskommen. So ist er auch in Jerusalem, als 2008 die Operation Gegossenes Blei , die in Reaktion auf wiederholte Angriffe auf Isreal ins Leben gerufen wurde, erneut erhebliche Unruhen am Gaza-Streifen entfacht. Diese Auseinandersetzung galt als die schwerste seit dem Sechstagekrieg 1967 und forderte innerhalb weniger Wochen mehrere tausend Opfer.

Hin und wieder muss man auch unweigerlich schmunzeln angesichts all der verschiedenen Religionsgruppen und der dadurch zwangsläufig entstehenden absurden Situationen. So fahren Delisle und einer seiner Begleiter versehentlich am Sabbat mit dem Auto durch das Viertel Mea Shearim, in dem ultraorthodoxe Juden leben und beschwören damit versehentlich einen kleinen Aufstand derer herauf, die sich überhaupt auf der Straße aufhalten. An anderer Stelle reist er, um einen Workshop zu geben, zur Universität Jerusalems, die sich ironischerweise außerhalb der riesigen Mauer befindet, die das Land durchzieht. Was in Zeiten vor diesem gigantischen Bauwerk menschlichen Scheiterns eine Viertelstunde beansprucht hätte, dauert nun um ein Vielfaches länger, weil man gezwungen ist, einen riesigen Umweg zu fahren. In einem seiner Kurse gerät er an seine Grenzen, als eine komplett verschleierte Teilnehmerin ihm sagt, ihr Glaube verbiete ihr das Zeichnen von menschlichen Figuren oder Tieren.

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Fast könnte man angesichts vieler kleinlicher Auseinandersetzungen den Eindruck bekommen, dass diese Menschen ohne die Dogmatismen ihrer jeweiligen Glaubensrichtungen wesentlich friedlicher zusammenleben könnten. Im Kleinen, auf den Kinderspielplätzen, ist schon möglich, was im Großen seit Jahrzehnten nicht mehr funktioniert. Wer sich für den Nah-Ost-Konflikt interessiert, dem sei dieses präzise und vielfältige Werk unumwunden ans Herz gelegt. Ähnlich wie Mana Neyestanis Ein iranischer Albtraum und Maximilien Le Roys Die Mauer gibt es tiefen Einblick in ein gespaltenes und von immerwährenden Konflikten erschüttertes Land. Nach der Lektüre dieses Comics hat man das Gefühl, wenigstens ein bisschen mehr zu verstehen. Und das ist angesichts der Komplexität der dort herrschenden Umstände schon eine grandiose Leistung. Lest Delisle, der mit offenen Augen durch dieses Land geht!