Verlosung zu ,Sieben Sprünge vom Rand der Welt‘

Im März erschien Ulrike Draesners Roman ,Sieben Sprünge vom Rand der Welt‘, ein Roman über das Vergessen und Erinnern, über eine Nachkriegsgeneration, in der die Traumata ihrer Eltern und Großeltern weiterleben. Für mich ein sehr komplexes, hochpoetisches und wichtiges Buch – meine Rezension könnt ihr hier nochmal nachlesen. Nun habe ich die Freude, drei von Ulrike Draesner signierte Exemplare verlosen zu dürfen.

Draesner

Was müsst ihr dafür tun? Eigentlich nichts weiter, als diesen Beitrag zu kommentieren. Was reizt euch besonders an diesem Roman? Bis zum 16.04. habt ihr Zeit, an der Verlosung teilzunehmen. Dann wird ausgelost. Viel Erfolg!

[5 lesen 20] Terézia Mora – Das Ungeheuer

dasungeheuerTerézia Mora ist eine aus Ungarn stammende Autorin und Übersetzerin. Sie wuchs zweisprachig auf, ungarisch und deutsch und studierte Hungarologie und Theaterwissenschaften. An der Deutschen Film – und Fernsehakademie wurde sie außerdem zur Drehbuchautorin ausgebildet. Mora wurde für ihr Werk bereits mehrfach ausgezeichnet, zum Beispiel mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis, dem Preis der LiteraTour Nord und dem Adalbert-von-Chamisso-Preis. 2009 erschien ihr Roman ,Der einzige Mann auf dem Kontinent‚, dessen Protagonist Darius Kopp wir nun in ‚Das Ungeheuer‚ wiedertreffen. Der Roman erschien im Luchterhand Verlag und steht neben neunzehn anderen auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2013.

Ein Rundumschlag gegen das Leben ..

Das Leben kann grausam sein. Unerbittlich in seiner Härte, ungerecht und gnadenlos. Niemand hat jemals versprochen, dass es gerecht ist. Es ist ein Vegetieren, ein Kämpfen um Verlorenes, um Idyll und Schönheit, die der näheren Betrachtung ja doch nicht standhalten kann. Es wäre besser, man begänne gar nicht erst damit, leben ist eine schlechte Angewohnheit. Zu solchen Schlüssen kann man nach beinahe 700 Seiten von Terézia Moras neuem Roman ohne größere Umwege gelangen. ‚Das Ungeheuer‘ ist ein Rundumschlag gegen das Leben und Existieren, ein harter Schlag ohne jede Reue.

Darius Kopp ist 46 und arbeitslos. Ursprünglich in der Telekommunikationsbranche tätig, hat er, wie viele andere, seinen Job verloren. Doch nicht nur das, er verliert auch seine Frau. Nicht einfach so, durch einen Unfall, seine Frau Flora nimmt sich das Leben. Sie erhängt sich im Wald an einem Baum. Es dauert Tage, bis sie gefunden wird. Und Darius‘ Leben bricht in sich zusammen. Er findet nirgendwo mehr Halt und – noch viel wichtiger – auch keinen Grund, ihn überhaupt zu suchen.

Das Riesenrad dreht sich in leiernder Musik, die Liebe meines Lebens hängt im Wald von einem Baum, ich parke nicht weit davon und langweile mich. Das stell dir vor und halte es aus. Sie starb bei strahlendem Sonnenschein, hing einen Tag im Regen und einen halben im kalten Wind. Sie wurde vom Förster gefunden, drei Tage vor ihrem 38. Geburtstag.

Doch schon vor ihrem Tod war das Existieren mühsam. Flora stammt aus Ungarn und hatte es in Deutschland schwer. Mit schlechtbezahlten Jobs hält sie sich über Wasser, unmöglich zu sagen, wie viele verschiedene sie angetreten hat, bevor sie wieder entlassen wurde. Ihr fehlt die Arbeitserlaubnis, sie ist Ausländerin und bekommt das zu spüren. Männer sind ihr gegenüber stets übergriffig, Flora selbst benutzt sie, um sich herabzuwürdigen. Bevor sie Darius kennenlernt, hat sie unzählige Affären und führt ein Leben so nah am Abgrund, dass der endgültige Absturz nur eine Frage der Zeit sein kann.

mora2Nach ihrem Tod findet Darius ihre Tagebuchaufzeichnungen. Die sind, zu seiner großen Überraschung, gänzlich in Ungarisch abgefasst. Dabei hatte Flora stets so getan, als sei ihre Vergangenheit nicht von Belang und auch völlig unwichtig für sie. Er beauftragt eine junge Frau mit der Übersetzung, packt ein paar Sachen zusammen und fährt zunächst in Floras Heimatdorf. In der Hoffnung, dort etwas über sie herauszufinden, was sie ihm verständlicher, ihre Entscheidung, Selbstmord zu begehen, womöglich erträglicher macht.

Seine Freude nicht mit anderen zu teilen kann diese schmälern, aber sein Leid nicht mitteilen, also keine Hilfe erfahren zu können, kann einen umbringen.

Es bleibt nicht bei der Reise nach Ungarn. Kopp fährt weiter, nach Slowenien, Albanien, Georgien, nach Istanbul und Griechenland. Von wechselnden Mitreisenden, aber stets von den Aufzeichnungen seiner Frau begleitet, nimmt er Einblick in die Leben anderer, die ähnlich trostlos aussehen wie sein eigenes. Er trifft seinen Vater, zu dem er seit Jahren keinen Kontakt mehr hat, er deliriert mit einer schweren Hirnhautentzündung in einem kleinen albanischen Dorf vor sich hin, in das ihn eine Anhalterin namens Oda lotst. Eigentlich sucht er nach einem Ort, an dem er die Asche seiner Frau verstreuen kann, sucht er nach einem Abschluss dieser seiner Tragödie und findet nur noch mehr Tragödien.

Terézia Moras Schreiben wabert zwischen personaler und Ich-Perspektive hin und her, mal ist es wie ein steter Gedankenstrom, mal wie der Bericht eines Unbeteiligten. Die Geschichte teilt sich in die Reise Darius Kopps und in die Tagebuchaufzeichnungen seiner Frau, das eine fortlaufend im oberen Drittel der Seite, das andere im unteren. Das allein stellt einen schon vor die ein oder andereganz praktische Herausforderung – was zuerst lesen und wo stoppen? Die Tagebuchaufzeichnungen Floras geben tiefe Einblicke in ihre seelischen Befindlichkeiten und Abgründe, unter einer manisch-depressiven Psychose soll sie leiden.  Sie wird medikamentiert und therapeutisch behandelt und so finden sich im Tagebuch auch ellenlange Beschreibungen von Psychopharmaka und deren Nebenwirkungen, von den Symptomausprägungen der Depression. Keine Hoffnung. Nirgends.

Sie wissen nicht, wovon Sie reden. Wenn ich jemandem sage: ich bin zuckerkrank, fühlt er mit mir und fragt mich höchstens nach der Beschaffenheit meiner Diät oder wie sich die Spritzen anfühlen. Wenn ich jemandem sage: Ich leide unter der manisch-depressiven Krankheit, bin ich auf der Stelle durch bei ihm, denn er hat keine Lust und auch wirklich keine Kraft, sich um die Probleme anderer Leute zu scheren, er ist zu müde für eine fremde Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft, ihm gehts doch auch nicht immer gut (…)

Man fragt sich am Ende beinahe ernüchtert, worum es Terézia Mora in ihrem Roman ging. Um das Wesen der Depression, der psychischen Krankheit? Um die Anerkennung in der Gesellschaft? So viele Themen – von Ausländerfeindlichkeit über Existenzängste und die eigene Sozialisation – werden angeschnitten, dass man manchmal gar nicht weiß, wohin man zuerst blicken soll. Darius Kopp bleibt eigentümlich passiv und behäbig, seine Reise endet in einem riesigen Tumult, als er einem Kind in Griechenland versehentlich eine Autotür gegen den Kopf schlägt. Daraufhin wird er zusammengeschlagen, verprügelt, nach allen Regeln der Kunst, sein Auto wird zerlegt, im Kofferraum noch immer die Asche seiner Frau. Terézia Moras Buch ist sowohl thematisch als auch sprachlich sehr gewaltig, eine Herausforderung, der man sich gewachsen fühlen (wollen) muss. Ein bisschen ratlos lässt er einen zurück, ein bisschen erschöpft und ausgelaugt. Das Leben ist schlecht, die Menschen auch, so ist es eben. Ist es trockener Fatalismus, der einem entgegenschlägt? Die reine Absenz von Lebensmut,überhaupt von einem Leben?

Am Ende hat man nicht das Gefühl, Darius und seiner verstorbenen Frau nähergekommen zu sein. Ein Stück des Weges hat man mit ihnen zurückgelegt, dann wird man wieder stehengelassen. Zurückgelassen in seiner eigenen Existenz. Terézia Mora stellt keine Fragen und gibt keine Antworten. Sie präsentiert uns den Ausschnitt aus zwei Leben, wie es vermutlich viele gibt. Wie gehen wir damit um? Für mich ist Mora mit diesem Monumentalwerk der Lebensverneinung zwar beeindruckend, aber insgesamt doch zu vollgestopft, zu ausgeschmückt mit Details, die letztlich nirgendwohin führen als in die Schwärze depressiver Schlussfolgerungen. Die Notwendigkeit der zweigeteilten Seiten hat sich auch bis zum Ende nicht erschlossen, ohne Frage hätte man auch kapitelweise die Perspektiven wechseln können, ohne, dass der Text irgendwie an Eindringlichkeit verloren hätte.

Wer ist nun ‚Das Ungeheuer‚? Der Mensch,die Krankheit? Vielleicht.

Franz Hohler – Gleis 4

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Franz Hohler ist ein Schweizer Autor, Kabarettist und Liedermacher. Er studierte an der Universität Zürich Germanistik und Romanistik. Schon während des Studiums führte er sein erstes Soloprogramm pizzicato auf, das sich als so erfolgreich erwies, dass Hohler beschloss, das Studium abzubrechen und von seiner Kunst zu leben. Im März feierte Hohler seinen 70.Geburtstag, ihm zu Ehren veröffentlichte der Luchterhand Verlag bereits Anfang des Jahres den Erzählband „Der Geisterfahrer“.

Stellen wir uns vor, wir befänden uns mit schwerem Gepäck auf einem gut besuchten Bahnhof. Vor uns eine unerhört steile Treppe, neben uns ein Koffer, den wir lieber durch die Luft dirigieren als diese steile Anhöhe hinaufschleppen wollen. Unversehens taucht neben uns ein älterer Herr auf und bietet an, den Koffer zu tragen. Ein Gentleman der alten Schule, denken wir und willigen nach einigen Sekunden Bedenkzeit erfreut ein. Es gibt sie noch, die guten Menschen, die Helfer ohne Hintergedanken, werden wir denken, während der Mann uns voraus nach oben schreitet. Scheinbar mühelos und guter Dinge.

Der Mann rollte den Koffer zum Rand des Bahnsteigs, ließ ihn stehen und machte eine galante Geste zu Isabelle hin. „Vielen Dank“, sagte sie, „das war aber sehr nett.“ Der Angesprochene nickte lächelnd, doch anstatt den Kopf wieder hochzuheben, ließ er ihn auf die Brust sinken, hielt sich einen Moment am Kofferbügel fest und fiel dann der Länge nach hin. Sein Schädel schlug mit einem bösen Geräusch auf dem Boden auf, und er blieb mit geöffnetem Mund und geschlossenen Augen liegen. Der eine Arm ragte ein bisschen über die Bahnsteigkante hinaus, auch die Mappe wäre beinahe auf das Geleise hinuntergefallen.

So ergeht es Isabelle Rast, einer Altenpflegerin um die fünfzig, die sich gerade von einer Operation erholt. Sie war auf dem Weg nach Stromboli, um mit ihrer Freundin Barbara dort Urlaub zu machen, als der namenlose Mann nach dem Treppenaufstieg plötzlich oben tot zusammenbricht. Schockiert und betroffen sagt sie ihren Urlaub ab, kann sich aber nicht von diesem Vorkommnis lösen. Trägt sie eine Mitschuld? Schließlich hat der Mann ihren schweren Koffer getragen. Ging es ihm nicht gut? Hätte sie es sehen müssen? Darüber hinaus trug er keinerlei Papiere bei sich, niemand weiß, wer der hilfsbereite Mann war, der nun tot unter einer weißen Zeltplane auf dem Gleis 4 liegt.

Zu allem Überfluss stellt Isabelle, zuhause angekommen, ernüchtert fest, dass sie versehentlich die lederne Mappe des Verstorbenen mitgenommen hat, inklusive eines Handys, das plötzlich zu klingeln beginnt. Sie schließt das Telefon, warum, weiß sie auch nicht genau, in ihrem Badezimmer ans Stromnetz an, um den Akku aufzuladen und versichert sich, es gleich am nächsten Tag zur Polizei zu bringen. Bis dahin klingelt es jedoch noch einige Male und aus Neugier nimmt sie ab: „Wo ist Marcel?“, lautet die Frage am anderen Ende – „Wir wollen ihn morgen in Nordheim nicht sehen. Sag ihm das.“

Der Tote war identifiziert. Man hatte beim nochmaligen Durchsuchen seiner Kleidung doch noch etwas gefunden, nämlich ein Streichholzbriefchen in einem Brusttäschchen seines Hemdes. Darauf stand der Name eines Hotels, man hatte dort mit dem Foto des Verstorbenen nachgefragt, und zwei Frauen an der Rezeption hatten ihn erkannt. Sein Name war Martin Blancpain, ein Kanadier aus Montréal, man hatte für den Fall, dass sie sich doch täuschten, die Nacht verstreichen lassen, und als er nicht zurückkam, drang man in das Zimmer ein, fand dort auch seinen Pass und die Reiseunterlagen, die zeigten, dass er am Tag vor seinem Tod auf dem Flughafen Zürich angekommen war.

Isabelle Rasts Verwirrung wird immer größer, als man ihr diese Nachricht übermittelt. Heißt der Mann nun Marcel oder Martin? Ist er Schweizer oder Kanadier? Und von wem kommen diese anonymen Anrufe, die immer wieder auf seinem Handy eingehen? Als Isabelle schließlich gebeten wird, mit der aus Kanada anreisenden Witwe Veronique zu sprechen, verstrickt sie sich tief in die Vergangenheit des Mannes, mit dem sie doch nichts weiter verbindet als sein Tod – und ihr Koffer.

Franz Hohler erzählt eine Geschichte, die hier und dort fast kriminalistische Züge annimmt. Sein nüchterner und schnörkelloser Tonfall, verleiht den schrittweise ans Tageslicht kommenden Enthüllungen über den Toten mitunter noch viel mehr Wucht. Selbst seine Witwe weiß nichts über seine Jugendzeit und so gerät sein Ableben zur Spurensuche, die alle Beteiligten überraschen wird. Bisweilen finden sich in Hohlers Geschichte kleine Absurditäten, die nicht ganz ins Bild passen mögen. So zum Beispiel eine Voodoo-Puppe, die einer alten Freundin des Toten Kopfschmerzen bereitet, ein kleines afrikanisches Ritual und eine Menge ungewöhnlicher Zufälle. Zwar tut das der Spannung des Romans keinen Abbruch, lässt seine Stimmung aber hier und da ins Absonderliche kippen. Wer davon nicht beirrt ist, wird eine Geschichte vorfinden, die gut unterhält und uns ein bisschen daran erinnert, wie wenig wir doch eigentlich von unseren Mitmenschen wissen.