Was ich noch lesen können will

Das zweite Stöckchen wurde mir von Nicole, Betreiberin des Blogs urwort, zugeworfen. Ein sehr schöner Blog im Übrigen, den ich ohne dieses treffsichere Stöckchen vermutlich nicht entdeckt hätte. Ich muss also dafür danken, gestockt worden zu sein. Fünf Bücher, die man (igendwann oder jetzt gleich) noch dringend lesen will, sollen es sein. Womit es sich hierbei jetzt um einen äußerst literarischen Beitrag handelt. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, keine Neuerscheinungen zu präsentieren, sondern mich ganz meinem Bauchgefühl vor dem Bücherregal zu überlassen. Sie alle fristen ihr ungelesenes Dasein eigentlich schon bedeutend zu lange.

russellBertrand Russell – ,Philosophie des Abendlandes‘

Ein Wälzer und eigentlich ein Langzeitprojekt. Nichts, wo man mal eben durchhechelt, das man in einem Rutsch verschlingt. Eher sowas, an das man sich stückweise heranpirscht. Zum Zeitpunkt des Kaufes war es mir damit außerordentlich ernst – und ich könnte nicht behaupten, dass sich daran etwas geändert hätte. Bertrand Russells Überblick über die Philosophiegeschichte soll also nicht ewig so ein Regalschmeichler bleiben.

deanerJanice Deaner – ,Als der Blues begann‘

Janice Deaner begegnete mir mal in der öffentlichen Bibliothek, auf dem Regal mit den aussortierten Exemplaren. Es ist die Geschichte einer Familie und ihrer Geheimnisse, aus der Sicht der zehnjährigen Maddie erzählt. Als der Blues begann ist Deaners Debütroman. Zum damaligen Zeitpunkt hat mich wohl unweigerlich das Versprechen eines dunklen Familiengeheimnisses angezogen (vom Blues ganz abgesehen). Ich mag Familien – wenn es in ihnen diese unausgesprochenen Dinge gibt.

kubinAlfred Kubin – ,Die andere Seite‘

Wie Alfred Kubin den Weg in mein Regal gefunden hat, weiß ich nicht mehr genau. Vermutlich in ähnlicher Weise wie Samjatin, der auch schon lange gelesen werden will. In ,Die andere Seite‚ erhält ein Mann die nie dagewesene Möglichkeit, in ein Traumreich überzusiedeln. Und stellt ernüchtert fest, dass es sich um einen strikten Überwachungsstaat handelt, in dem sich der klassische Kampf zwischen Gut und Böse anbahnt. Diese Geschichte erschien erstmals 1909 und darf guten Gewissens als Klassiker ihres Genres angesehen werden.

dickensCharles Dickens – ,Der Raritätenladen‘

Ich habe viel von Dickens gelesen, aber mitnichten alles. ,Der Raritätenladen‘ – in dieser wundervollen Insel-Taschenbuchausgabe – wartet seit geraumer Zeit darauf, von mir gelesen zu werden. Die kleine Nelly muss mit ihrem Großvater, der sich von einem Halsabschneider Geld geliehen und es darauf beim Spielen wieder verloren hat, vor eben jenem fliehen und seinen Raritätenladen zurücklassen. Dickens gehört zu meinen Lieblingsautoren, dementsprechend bin ich mittlerweile der Überzeugung, dass mich nichts von ihm enttäuschen könnte.

jazzMichael Jacobs – ,All that Jazz‘

Mehr Sachbücher zu lesen, war mal so ein Vorsatz – der eigentlich noch immer gilt, an dessen Umsetzung es aber gelegentlich hapert. Gemäß dieser Prämisse habe ich mir also dieses Buch zugelegt, was auf anschauliche Weise in die Geschichte der Jazzmusik einführt, von New Orleans bis Bebop, alles dabei – und doch habe ich mich ihm noch nicht gewidmet. Es wird Zeit.

Blogstöckchen haben es ja so an sich, weitergeworfen zu werden. Da mir aber mittlerweile der Überblick darüber fehlt, wer denn was schon wo beantwortet hat, lasse ich es einfach hier liegen und lade jeden Vorbeikommenden dazu ein, es aufzuheben. Vielleicht auch, um mal einen kleinen Einblick in die Regale und die ungelesenen Schätze darin zu gewähren.

Die Sonntagsleserin #KW5

sonntagsleserin

Da schließt man die Augen an einem Sonntagabend und kaum öffnet man sie, ist wieder eine Woche vergangen. Zeitmaschinen müssen doch möglich sein. Nur, dass wir sie bisher eben noch nicht gefunden haben. Erfunden sind sie längst. Aber ganz gleich, ob nun die Zeit rast oder nicht – Zeit für gute Blogartikel findet man immer noch, irgendwo, weshalb ich auch diesen Sonntag meine liebsten präsentieren möchte. Erfunden hat diese sonntägliche Blogschau die Bücherphilosophin, mitmachen kann ausnahmslos jeder, der einen Blog betreibt und andere Blogs liest.

Die Klappentexterin hat sich mit einem Klassiker in modernem Gewand beschäftigt, genau genommen mit Guy de Maupassants ,Stark wie der Tod‘, der mit Zeichnungen von Jim Avignon bei der Edition Büchergilde erschienen ist. ,Ein Kunstwerk betrachtet man für gewöhnlich ja nicht nur mit einem kurzen Augenaufschlag, sondern mit großer Entdeckerfreude‚, schreibt die Klappentexterin – und zu entdecken gab es offenbar nicht nur eine besondere Geschichte, sondern auch wundervolle Illustrationen.

Bei Ein Jahrhundert lesen gab es eine sehr humorvolle Besprechung zu einem eher unbekannteren Werk Gerhart Hauptmanns. ,Es ist ein bisschen wie auf der Titanic. Ein Schiff mit lauter illustren Leuten fährt in Windeseile von Europa nach New York.‘, – wenn eine Rezension so beginnt, muss man einfach weiterlesen. Generell ist Nele Thiemanns Blog – eine literarische Reise durch das 20.Jahrhundert – immer einen Besuch wert, einen Roman aus jedem Jahr des Jahrhunderts. Zeitreisen eben.

Bei Norman Weiß von notizhefte gab es ein einen grandiosen historischen Brückenschlag, von 1813 über 1913 bis 2013. Von Napoleon über Kaiser Wilhelm II bis internationaler Terrorismus und Bankenkrise. Schon ein ehrgeiziges Vorhaben für ein ganzes Posting, unterfüttert mit der entsprechenden Literatur, von Nipperdey über Illies und Blom über Clark. Ach, ..lest selbst, der Artikel ist einfach ganz fürchterlich (gut) gelungen!

Bei Kaffeehaussitzer Uwe Kalkowski kommt einfach alles anders. Vielleicht aber auch schlimmer. Stephen Frys ,Geschichte machen‘ ist ein Roman, der uns in aller Konsequenz vor Augen führt, was hätte passieren können, wenn wir in der Lage wären, Geschichte „zu machen“, uns einzumischen. Hitler ist tot, bevor er Unheil anrichten konnte. Aber vielleicht richtet es dann einfach ein anderer an. (auch bei Zeitreisen sagt man ja immer, man solle bloß nichts anstellen,  was die Zukunft verändert ..nur nichts anfassen oder die eigenen Eltern auf die Straße schubsen)

Ada Mitsou hat beschlossen, sich dieses Jahr mehr ihren ungelesenen Büchern zu widmen, statt stetig neue anzuhäufen, die man „irgendwann“ einmal lesen wird – oder vielleicht auch nicht. Sie wirft einen durchaus kritischen Blick auf das Hamstern von Büchern, auf das Hetzen durch eine Lektüre, von der nichts hängenbleibt, weil man gedanklich schon wieder beim nächsten Buch ist. Nun lässt sie ihren ersten Monat ohne nennenswerte Bucherrungenschaften revue passieren – und stößt sehr interessante Gedanken an! Literarische Entschleunigung.

Bei 54books gab es, man mag es kaum glauben, den deutlichen Beweis gegen die angeblich unter Rechtsgelehrten grassierende Pest der Humorlosigkeit. Ein Richter des Arbeitsgerichts Detmold verfasste seine Urteilsbegründung tatsächlich gänzlich in Reimform. Nicht nur Humor haben die Juristen, dichten können sie auch – und so habe ich mich herrlich über dieses poetische Kleinod gefreut, ..fand es sich doch dort, wo man es, siehe Vorurteil oben, gar nicht vermutet hätte.

Bei Claudia von dasgraueSofa findet sich eine hervorragende Rezension zu Brigitte Kronauers ,Gewäsch und Gewimmel‘, ein 600 Seiten starkes Gewisper und Gerede hinter Hecken und Rücken und überhaupt. ,(…)der Leser wird nach der Lektüre ganz vorsichtig werden auf dem Büroflur und im Supermarkt‚. ..bei dieser fulminanten Besprechung aber ist keinerlei Vorsicht geboten, man kann sich getrost auf sie stürzen und genießen.

Bei Ein Achtel Lorbeerblatt gabs die CD des Monats Februar. Sebastian Krämers Tüpfelhyänen – Oder die Entmachtung des Üblichen. (jaja, Rezension war von mir, aber psst) Lange hat mich ein Album nicht mehr so beeindruckt, ..weshalb ich mal ein bisschen mogle und hier Sebastian Krämer präsentiere. Ein Genie. Unbedingt anhören bitte!

Ein Hund bellt, zwar übel gelaunt, doch in 5.1 Dolby Surround.

[Sebastian Krämer – Kino von außen]

Einen schönen Sonntag und lest gut!

Weitere Sonntagsleser

Bücherphilosophin
widerstandistzweckmaessig
Sätze&Schätze
buchpost
Zaunreiterin
dasgraueSofa

Literaturen stöckelt

Zum ersten Mal in meinem Bloggerdasein ist es passiert. Unverhofft fliegt mir ein ,Stöckchen‘ entgegen, von dem ich mich immernoch frage, wie es zu seinem Namen kam. Während mir also Petra von Philea’s Blog die hölzerne Einladung zum Apportieren zuwirft, – entscheide ich mal, das mitzumachen. In Form von Fragen. Die dann auch gar nicht mehr so hölzern daherkommen.

DSCN6316Welches Buch liest du momentan?

Tatsächlich lese ich mehrere Bücher gleichzeitig. Mein Langzeitprojekt sind Christopher Clarks ,Die Schlafwandler‚. Leider komme ich dazu im Augenblick so gut wie gar nicht, weil es eben doch viel Zeit und viel Konzentration beansprucht. Ich lese Alice Munros ,Die Liebe einer Frau‚, weil ich Anfang Februar zum ersten Mal einen Literaturkreis besuche und dort dieses Buch gelesen wird. Traf sich gut, wo ich mir Alice Munro doch schon länger mal ansehen wollte. Anouk Markovits ,Ich bin verboten‚ liegt noch für die booknerds auf meinem Tisch, die Geschichte einer Frau und ihr Aufwachsen in einer traditionellen und streng jüdisch orthodoxen Familie. Außerdem war ich unlängst in der Bibliothek (warum auch immer ich sowas mache) und habe Joe Saccos Reportagen mitgenommen.

Warum liest du das Buch? Was magst du daran?

Christopher Clark und Joe Sacco lese ich wegen meines ganz grundsätzlichen Interesses an Geschichte und Politik. Wie wir alle versuche ich gelegentlich eben auch, die Welt um mich herum zu verstehen und Zusammenhänge zu begreifen, sich einen Eindruck davon zu verschaffen, wie es zu anderer Zeit oder an anderen Orten der Welt zuging, kann ein guter Anfang sein. Munro lese ich aus Interesse an ihrem Werk und – siehe oben – für den Literaturkreis. Anouk Markovits, weil ich, zugegeben, wenig über strenggläubige Juden weiß und hoffe, mir einen Eindruck vom Leben unter diesem Umständen zu verschaffen.

Wurde dir als Kind vorgelesen? Kannst du dich an eine der Geschichten erinnern?

Ich vermute, dass mir vorgelesen wurde. Mein Gedächtnis ist eine ganz eigene Angelegenheit, deren Schilderung für sich schon ein Buch füllen könnte. Ich weiß aber, dass ich als Kind bereits ein Buch auswendig vortragen konnte, ohne des Lesens mächtig gewesen zu sein. Das war für Fremde immer höchst beeindruckend, fast eine Zirkusnummer. Es war ,Die Schöne und das Ungeheuer‚.

Gibt es einen Protagonisten oder eine Protagonistin, in den /die du mal regelrecht verliebt warst?

Nein. Ich breche da wahrscheinlich auch mit allen bibliophil-romantischen Vorstellungen und Klischees, aber tatsächlich hat’s mich bisher nie so getroffen. Es gibt reale Menschen, für die ich schwärme, aber fiktive? Bedaure!

In welchem Buch würdest du gern leben wollen?

Ich glaube, nur in einem einzigen Buch zu leben, wäre auch nicht spektakulärer als in der Realität zu leben. Irgendwann wäre ja alles wieder genauso gewöhnlich und profan wie jetzt. Der Reiz des Lesens besteht ja gerade darin, die Realitäten immer wieder zu wechseln. Dementsprechend – wohl in keinem. Wenn ich aber müsste, würde ich in die Baker Street 221b einziehen. Als Sherlock-Holmes-Fan muss das so sein.

Ein Lieblingssatz aus einem Buch?

Einen konkreten Satz habe ich gerade nicht, aber wenn der graue Herr in ,Momo‚ Herrn Fusi seine Lebenszeitverschwendung vorrechnet, läufts mir jedes Mal wieder kalt den Rücken runter.

Da ich ja jetzt auch andere Menschen mit Stöcken bewerfen muss, mh. Bewerfe ich mal deep read und imBuchsitzen. (das ist kein Gewaltakt!)