Thomas Klugkist – Hanna und Sebastian

hanna-und-sebastian

Thomas Klugkist ist ein deutscher Autor. 1965 in Lübeck geboren, schrieb er seine Dissertation über Thomas Manns ,Doktor Faustus‘ und veröffentlichte den Essayband ,49 Fragen und Antworten zu Thomas Mann‘. Er war Ressortleiter und stellvertretender Chefredakteur im Rundfunk und lebt heute als freier Autor und Unternehmer im kulturellen Bereich in Berlin. ,Hanna und Sebastian‚ ist sein Romandebüt und erscheint im Verlag C.H. Beck.

Das Briefeschreiben hat sich im Zeitalter der SMS und E-Mails, der Facebookposts und What’s App Nachrichten zu einer romantischen Tätigkeit entwickelt, zu einer Reminiszenz an vergangene Zeiten, in denen man angesichts besonders schönen Briefpapiers oder eben des lang ersehnten Briefes an sich in Verzückung geraten konnte. Thomas Klugkist schreibt mit ,Hanna und Sebastian‘ sowas wie einen modernen Briefroman, der zwar manches Mal ein bisschen die Bodenhaftung zu verlieren droht, insgesamt aber von einer Beziehung zweier Menschen zeugt, wie jeder sie sich wünscht. Ideell und gedanklich über räumliche Grenzen hinweg spürbar.

Was meinst du? War es denn nicht das, was die Tage so reich, so frei gemacht hat, dass wir uns, von den Bedingungen unseres Treffens einmal abgesehen, ausnahmslos alles sagen konnten? Dass wir sonst gar nicht befürchten mussten, Entscheidendes im Geplapper an die Luft zu setzen, sondern sicher sein konnten, dass es weiterhin gut und sogar besser aufgehoben war, weil jetzt zwei darauf aufpassten?

Hanna und Sebastian treffen sich in Rom und verleben intensive Tage miteinander. Trotzdem das Leben sie in unterschiedliche Richtungen treibt, verlieren sie sich nicht aus den Augen und beginnen eine Art „Beziehungsexperiment“. Künftig wollen sie sich in Briefen mit dieser entwaffnenden Offenheit und Ehrlichkeit begegnen, die sie bereits in Rom so aneinander band, sie auf so kluge Weise voneinander lernen und aneinander wachsen ließ. Hanna arbeitet als Ärztin in München, Sebastian lebt als Redakteur beim Rundfunk in Berlin, doch beide sind immer auf postalischem und emotionalem Wege miteinander verbunden. Beide haben sie Partner und schaffen in ihren Briefen dennoch einen völlig abgetrennten Raum, ein Hintertürchen aus der Alltagsroutine.

Ich glaube, man liebt das Leben,wenn man dieses ewige Déjà-Vu liebt, wahrscheinlich ist das sogar der Prüfstein, ob man in der Lage ist, jeden Zopf und jede Nase achselzuckend zu begrüßen: Das hatten wir schon? Umso besser,noch einmal! Nur das Briefeschreiben fällt glücklicherweise heraus und bleibt außen vor …

In diese sprachliche, wörtliche Intimität hinein brechen Schicksalsschläge auf beiden Seiten. So leidet Hanna mit ihrer magersüchtigen Schwester, die, vom Freund der Mutter missbraucht, keinen Halt im Leben findet. Auch sie selbst wurde, wie ihre Schwester Rebecca, Opfer sexueller Gewalt seitens des Partners ihrer Mutter und ist fortan nahezu außerstande, Kontrolle in ihrem Leben abzugeben. Nachdem sie sich von ihrem Freund Markus trennt, nimmt der sich das Leben. Sebastian findet Sibylle, einen herzensguten, ja nahezu schmerzhaft perfekten Menschen, der in diesem Wohlwollen anderen gegenüber stets auch eine gewisse Distanz pflegt. Er bekommt mit ihr ein Kind und als das zweite unterwegs und die Freude groß ist, wird bei Sibylle Gebärmutterhalskrebs diagnostiziert. Sie verliert das ungeborene Kind und verweigert im Glauben an das Schicksal jede Behandlung.

Es gab schon viele, die sich auf ihrem letzten Laken gegrämt haben, dass sie zu wenig Zeit mit ihrer Frau oder ihrem Mann oder ihren alten Eltern oder ihren Kindern verbracht haben, aber ich wette, es gab verschwindend wenige, die meinten, sie hätten noch mehr Akten abarbeiten, mehr Meetings organisieren, mehr Umsatz machen sollen.

Jeder von beiden, Hanna wie Sebastian, kämpft mit seinen Dämonen, begibt sich in ungünstige Beziehungen, in allzu fordernde und kräftezehrende Situationen. Beiden gemein ist der Hang zum Philosophieren und Hinterfragen dieser Dinge und so begegnen sie sich stets mit dem Anspruch, wahr zu schreiben, auch wenn sie bereits, ganz dem modernen Zeitalter gemäß, auf SMS und E-Mails umgestiegen sind. Zwischendurch gibt es Jahre und Monate der Funkstille, dann nehmen sie ihre Korrespondenz wieder auf, vertiefen sie, spenden Trost, – und all das, obwohl sie nie mehr ein persönliches Treffen zustandebringen.

In Hanna und Sebastian spiegelt sich unser aller Bedürfnis nach einem Menschen, dem wir uneingeschränkt vertrauen, an den wir uns in schweren Zeiten anlehnen und vor dem wir kein Blatt vor den Mund nehmen müssen. Einem Menschen, dem wir uns verletzlich zeigen, den wir auch zu unseren Abgründen nehmen und ihn an seine begleiten können, in der Gewissheit, vor dem Hineinstürzen bewahrt zu sein. Hin und wieder ergehen sich beide in Debatten über Transzendenz und Körperlichkeit, über Geschlechterrollen und ihre Gültigkeit. Debatten, die ein wenig zu konstruiert und wohlformuliert wirken, fast künstlich dadurch, obwohl sie doch durchaus wichtige Punkte umreißen. Das allerdings tut der Intensität, in der Klugkist diese besondere Beziehung zweier Menschen in Sprache fasst, keinen Abbruch. Hanna und Sebastian bleiben, trotz aller Ausflüge ins Überirdische und Metaphysische, auch über ihr Zerwürfnis hinaus ein wohhltuender Gegenentwurf zu einer Gesellschaft, die mit ihren Beziehungen vielfach so pfleglich umgeht wie mit ihren Produkten.

Thomas Klugkist – Hanna und Sebastian, C.H. Beck, 432 Seiten, 9783406659607

Versandkostenfreie Onlinebestellung auf ocelot.de – einfach den Banner unten klicken:

Leaderboard

Advertisements

Närrische Pilzsammler trinken das Radio aus

Eine Liebeserklärung an Max Goldt

DSCN6312

Er ist eine moralische Instanz. Er ist ein Alltagspoet, ein Philosoph des Absonderlich-Profanen, ein Mann, bei dem sogar das Debattieren über Hautausschlag, Drogenkonsum und absurde Kneipenspiele („Wer kann die meisten KZs aufzählen“) zur Prosa gerät, vor der man niederknien möchte. Max Goldt ist der schreibende Funny van Dannen, unaufgeregt und immer ein bisschen „über den Dingen“. Das macht ihn unweigerlich zu einer Autorität in allen lebensnahen und -fernen Fragen, die die Menschheit bewegen. Oder spätestens nach der Lektüre eines Max Goldt Textes bewegen. ,Wie ich Max Goldt in den Wahnsinn trieb‚ wird unweigerlich ein Text bleiben, der niemals geschrieben wird. Max Goldt kann nicht aufgerieben oder aufgeregt werden, außer von denen, die wissen wie. Und das weiß eben keiner.

Krimi-Autorinnen heißen immer Petra, hat er mal geschrieben. Überdurchschnittlich viele Petras scheinen kriminalistisch und literarisch ambitioniert zu sein. Oelker und Hammesfahr. Immer wenn ich beide Namen lese, denke ich an Max Goldt. Wenn sich jemand wieder einmal kleiner macht als er ist, denke ich daran, dass Understatement nur eine kenntnisreichere Form der Prahlerei ist und muss lächeln. Wenn Max Goldt liest – und das ist eine der elemtarsten Zutaten eines Max-Goldt-Textes, Max Goldt selbst in akustischer Anwesenheit – ist es, als würde die Komplexität der Welt plötzlich greifbar in Text und Wort. Max Goldt macht Zwischentöne lesbar und er schreibt über alle Dinge, über die sonst keiner schreibt. In einer Art wie sonst keiner schreibt. Weil man jeden anderen dafür schelten würde, einen Text ,Metrosexualität, Transparenz und die drei dümmsten Aphorismen von Oscar Wilde‚ zu nennen.

Manchmal werde ich erstaunt gefragt, wieso ich mich denn nicht als Satiriker empfinde. Da ich keine Lust habe, auf diese Frage immer wieder ausführlich zu antworten, habe ich mir eine Art Esprit-Sprüchlein, einen Aphorismus zurechtgelegt: Satiriker wollen der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten. Gesellschaften sind aber wie Tiere: Sie erkennen sich im Spiegel nicht. (Max Goldt – Mind-boggling – Evening Post)

Gemeinsam mit Stephan Katz erarbeitet Max Goldt als Duo Katz&Goldt seit 1996 immer wieder herrlich absurde Comics, die so polarisierend sind wie – ja – ..Apple (also, das Unternehmen), Sauerkraut und Bodybuilding. Ihr Label Rumpfkluft bietet T-Shirts und andere Gebrauchsgegenstände mit entsprechender Verschönerung an. Manch lieblich alberne Stunde habe ich dort verbracht. Max Goldt schriebe, so sagt man ihm nach, wohl das schönste Deutsch. Unbestritten ist wahrscheinlich, dass die Lektüre eines Max-Goldt-Textes die eigene Sprachfertigkeit schlagartig um mehr als das Doppelte erhöht. Sagen Statistiker. Irgendwo. In Holzhütten im Odenwald. Max Goldt ist die textgewordene Rache an und die inhaltliche Umarmung des Gewöhnlichen, man weiß nie so genau, ob er nicht eigentlich zuhause unentwegtüber die Welt lacht, die er sieht. Vielleicht weint er auch. Vielleicht ist das auch dasselbe. Max Goldt ist der einzige Mensch, den ich mir nicht dabei vorstellen kann, wie er im Supermarkt ein Glas Gewürzgurken kauft. Gerüchtehalber gibt es ihn gar nicht.

Ich könnte die Gerüchte widerlegen.

Mache ich aber nicht.

katz und goldt

Fotostrecke Katz & Goldt, zum Ansehen feste draufklicken

Goldts Bücher erscheinen im Rowohlt-Verlag.

Thomas Glavinic – Das größere Wunder

glavinicThomas Glavinic ist ein österreichischer Autor. Bevor er zu schreiben begann, war er als Werbetexter und Taxifahrer tätig, 1998 erschien sein erster Roman „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden„, der zwar vielfach ausgezeichnet wurde, einer breiteren Öffentlichkeit aber dennoch verborgen blieb. Glavinic ist für das Spiel mit Realität und Wahrnehmung bekannt, besonders deutlich trat das wohl in seinem 2007 erschienenen Roman „Das bin doch ich“ hervor, der von einem Protagonisten namens Thomas Glavinic handelt. Mit ‚Das größere Wunder‚, erschienen im Hanser Verlag, gelang ihm schlussendlich der Sprung auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2013.

Es gibt Menschen, deren Leben mit dem Begriff ‚unkonventionell‘ wahrscheinlich unzutreffend bis mangelhaft und allerhöchstens leidlich beschrieben sind. Thomas Glavinic stellt uns einen solchen Menschen vor. Einen Menschen, dessen Leben von Anfang an Umwege und Trampelpfade den geraden Hauptstraßen vorzog. Trampelpfade auf den Mount Everest. Jonas wächst in schwierigen Verhältnissen auf. Sein Zwillingsbruder Mike leidet unter einer leichten geistigen Behinderung, seine Mutter ist schwer alkoholkrank und selten nüchtern.

Er dachte Tag und Nacht daran, wie er Mike beistehen konnte, wie er ihn vor den Hänseleien der anderen Kinder und vor der Wut seiner Mutter schützen konnte, der Wut seiner Mutter und der ihrer Freunde, die nichts übrighatten für ein Kind, das dauernd in die Hose machte, mit dem Essen herumwarf und Haushaltsgeräte kaputtschlug. Und so kam Jonas jeden Morgen zu seiner Mutter in die Küche, wo es nach Kaffee roch, im Radio Volksmusik gespielt wurde und überall leere und halbleere Rotweinflaschen herumstanden.

Diese belastende Familiensituation erreicht ihren Höhepunkt, als sich Jonas schützend vor seinen Bruder stellt und von dem derzeitigen Lebenspartner seiner Mutter, krankenhausreif geschlagen wird. „Das Affe“ nennt er ihn, weil er abgeklärt und aufrichtig empfindet, dass dieser Mann keinen Namen und schon gar keinen korrekten Artikel verdiene. Nach diesem Vorfall zieht Jonas, zunächst nur vorübergehend, glaubt er, mit seinem besten Freund Werner zu dessen Großvater, den alle nur Picco nennen. Eigentlich heißt er Leopold Brunner. So nennt ihn niemand. Für Jonas beginnen grenzenlose Zeiten auf dem Anwesen eines Mannes, der nicht nur Hauspersonal beschäftigt und eine unvorstellbare Summe Geld zu besitzen scheint, sondern auch seinen offenbar vorhandenen Einfluss zugunsten der Kinder nutzt.

Ist schon für viele normal aufwachsende Menschen die Kindheit gewissermaßen eine Zeit der Narrenfreiheit, haben Werner und Jonas alle erdenklichen Möglichkeiten. So probieren sie aus, wie lange man es aushält, ohne sich zu waschen, Jonas trinkt eine Flasche Olivenöl und wankt damit, obwohl er sich mehrfach übergibt, durch den Garten. Die beiden rasen mit einem Rollstuhl, in dem Jonas aufgrund mysteriöser Fieberschübe viele Wochen zubringt, einen steilen Abhang, „die Piste“, hinunter. Bereits Jonas‘ Jugend ist geprägt von Grenzerfahrungen und dem Austesten derselben. Wie weit kann ich gehen? Was ist größer als ich?

Gleich bist du tot, dachte er.
Es war ein Moment, über den er später oft nachdachte. Was er dabei gefühlt hatte, als er merkte, wie dünn die Wand zwischen Leben und Tod war, als er in diesen Sekunden, die ihm vorkamen wie Minuten, mit erschütternder Klarheit erkannte,  dass alle Sicherheit Illusion war.

Bei einer dieser waghalsigen Manöver stirbt sein Freund Werner und als die Verluste in Jonas‘ Leben sich häufen, flieht er. Durch seinen Ziehgroßvater mit genügend finanziellem Polster ausgestattet, reist er um die Welt. Kaum eine Stadt, die er nicht besucht, die er nicht in sich aufnimmt auf der Suche nach Sinn und Erfüllung. Norwegen,Frankreich, Italien, Japan – keinen Ort lässt er unbesucht, ja, er quartiert sich sogar in Prypjat ein, der ukrainischen Geisterstadt nahe Tschernobyl. Er lässt eine Viermastbark eigens für sich anfertigen und kauft eine Insel, er lässt einen alten Container aus Neuseeland in seine Heimat verschiffen und das Ganze wieder retour. Außerdem – und das bildet, neben den Kindheitserinnerungen den zweiten Erzählstrang des Romans – versucht er, den Mound Everest zu besteigen. Alles, um einen Sinn im Leben zu finden, die Leere zu füllen, sich selbst zu überflügeln und Marie zu vergessen, die Liebe seines Lebens.

Eines ist klar: Thomas Glavinics Roman ist inhaltlich gewaltig, ein ziemlicher Brocken, schwer zu verdauen. Ein Superlativ jagt den nächsten und noch mit gebrochener Rippe, halluzinierend und vollkommen entkräftet lässt sich Jonas von niemandem davon abbringen, den Gipfel zu besteigen. Notfalls allein. Er ist ein Mann der Extreme, ein Mann, der in seiner Verzweiflung und Verbissenheit fast überzeichnet, mindestens aber übersteigert und fast krankhaft wirkt. Immer öfter beschleicht einen das Gefühl, er wisse gar nicht, wonach er suche, er trete im wahrsten Sinne des Wortes einfach die Flucht nach vorn an. So träumt er auch immer wieder von hohen Wellen, die ihn überspülen, mächtigen Wassermassen, denen er hilflos ausgeliefert ist. Thomas Glavinic lotet mit Jonas Grenzen aus. Im wahrsten Sinne des Wortes gipfelnd in der Besteigung, in der Bezwingung des Mount Everest. Und findet er am Ende, was er sucht?

Eines jedenfalls kehrt im Ausgleich für erfrorene Gliedmaßen zu ihm zurück – Marie. Ein bitterer Beigeschmack mischt sich in die atemberaubend geschilderten letzten Szenen des Erfolges. Jonas hat nicht nur den Berg, sondern auch sich selbst bezwungen. Aber wofür? Für eine Frau? Immer wieder setzt er wissentlich und leichtsinnig sein Leben auf’s Spiel, ohne am Ende tatsächlich klüger, gemäßigter oder beruhigter zu sein. Insofern ist man nahezu geneigt, es als „das größere Wunder“ zu bezeichnen, dass Jonas Glavinics Roman lebend überstanden hat. Sprachlich und szenisch zweifelsohne beeindruckend, überzeichnet mir Thomas Glavinic die Suche nach Sinn und Einklang mit sich selbst doch zu sehr, sodass die Geschichte mehr zu einem Liebesdrama um einen Adrenalin-Junkie verkommt. Mit Sicherheit gänzlich ohne das tatsächllich zu beabsichtigen. Es gab viele begeisterte Stimmen zu diesem Roman, denen ich mich leider nur bedingt anschließen kann.

Irgendwann wirst du ganz oben sein.
Aber was machst du dann? Außer wieder runtergehen und noch immer du sein?

Sarah Stricker – Fünf Kopeken

Sarah-Stricker-Fuenf-KopekenSarah Stricker ist deine deutsche Autorin und Journalistin. Sie schrieb für viele Zeitungen und Magazine, darunter die taz, die Süddeutsche, Frankfurter Allgemeine und NEON. 2009 ging sie nach Tel Aviv und berichtet seitdem von dort für deutsche Medien über Israel und für isrealische über Deutschland. Fünf Kopeken ist ihr Debütroman, und erschien im Eichborn Verlag.

Seine Verwandtschaft kann man sich nicht aussuchen. Sie kommt gewissermaßen über einen wie eine Naturkatastrophe oder eine lästige Krankheit. Man kann nur lernen, sie zu nehmen, wie sie ist und versuchen, zu verstehen. Sie aussitzen allenthalben. Fünf Kopeken erzählt die Geschichte einer deutschen Familie, die sich nach dem Krieg mit einer Modekette zu einem beträchtlichen Auskommen gearbeitet hat und dabei, wie wohl die meisten Familien dieser Zeit, das Ziel verfolgt, die Kinder mögen es einmal besser haben als man selbst. Familie Schneider legt große Maßstäbe an ihre Tochter, die Mutter der Erzählerin, an. Hässlich, wie sie war, sollte sie wenigstens etwas im Kopf haben.

Meine Mutter war zu hässlich, um der Schönheit lange nachzutrauern. Nur hübsche Mädchen verbringen Stunden vorm Spiegel, um ihre Makel auswendig zu lernen wie Vokabeln, die sie auf ein Kompliment hin runterrattern.Sie hingegen war nicht bereit, mit ihrem Aussehen zu hadern. Damit hätte sie ihm nur noch mehr Aufmerksamkeit gegeben. Und das hatte „die alte Fratze“ ja nun wirklich nicht verdient.

Um sie zu fördern und zu fordern, in manchen Familien unterscheidet sich das eine ja nicht wesentlich vom anderen, karrt ihr Vater Wagenladungen Bücher nach Hause, bereits mit drei oder vier kann sie lesen, überspringt eine Klasse, spielt mehrere Instrumente, singt und zeichnet. Sie war ein Naturtalent wider Willen und in ihr verdichten sich alle Ansprüche des Nachkriegswirtschaftswunderlandes.

Von Anfang an behandelte er meine Mutter wie eine Erwachsene in zu kurz geratenem Körper und jeder, der es nicht tat, musste sich so lange vorhalten lassen, ihre Entwicklung zu gefährden, bis er sich sich zusammen mit dem „Wauwau? Ich geb dir Wauwau“ kleinlaut trollte. In seinem Haus wurde nicht „Dada“ gegangen oder „Kaka“ gemacht, es gab kein Kinderprogramm, keine Kinderbücher, kein „dafür bist du noch zu klein“. Die Unschuld und Sorglosigkeit, von denen andere im Alter schwärmen, blieb meiner Mutter dank der unerschütterlichen Abwehr meines Großvaters fremd.

Anna, die erzählende Tochter, sitzt am Sterbebett ihrer Mutter und lässt sich ihr Leben erzählen, haarklein, vom Beginn in der pfälzischen Provinz bis nach Berlin, in dem Annas Großvater für die Ossis, die sich jetzt endlich anständig anziehen konnten, nachdem die Mauer gefallen war, einen Anreiz in Form einer weiteren Mode-Schneider-Filiale bieten will. Annas Mutter ist eine Außenseiterin, wie sie im Buche steht, Bildung und dieser Hauch von Altklugheit kommen auch in der pfälzischen Provinz nicht gut an. Im Hause Schneider gibt es keinen Müßiggang, es gibt nur der eigenen Hände Arbeit und die Erschöpfung, mit der man daraufhin hausieren gehen konnte. Annas Großvater ist überspannt, ihre Großmutter überängstlich, seit sie im Krieg vor lauter Angst aus einem Haus lief, auf das nur Sekunden später eine Bombe fiel.

Sie wusste, dass sie ihr Leben nur der Angst verdankte. Das vergaß sie ihr nie.

Annas Mutter unternimmt zaghafte Versuche in Richtung Partnerschaft, mit Uwe, der sich plötzlich viel mehr für ihre Freundin Babsi zu interessieren scheint, mit Rudi, Heiner oder wie er auch hieß und mit Arno, der schließlich Vater der Erzählerin wird. Ein halbseidener und fast schon wehleidiger Charakter, der die toughe Schneider-Tochter, die es gewohnt ist, stets von den Kriegsgeschichten ihres Vaters auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt zu werden, immer öfter mit seinem honigsüßen Liebreiz in den Wahnsinn treibt. Die Hochzeit ist schon in Planung, als Annas Mutter sich ernstlich verliebt. In einen anderen. Überrascht, dass sie zu Gefühlen dieser Art überhaupt in der Lage ist.

Sarah Strickers charmanter und unverwechselbarer Tonfall lässt diese Familiengeschichte immer wieder zwischen Tragik und Komödie hin und her pendeln. Etwas überzeichnet lässt sie eine Familie auferstehen, wie es vermutlich nach dem Krieg viele gegeben hat, mitgerissen vom Aufschwung, zerrissen vom Krieg, verbissen werkelnd an Erfolg und Wohlstand. Sarah Stricker arbeitet diese Stimmung auf so kaltschnäuzige und humorvolle Weise heraus, dass man manchmal ganz vergisst, was sie für die Kinder bedeutete, auf deren Rücken sie ausgetragen wurde. Aus der Familiengeschichte wird nach und nach eine Liebesgeschichte, eine, wie sie eine Tochter ihrer Mutter niemals zutraut. Aber Annas Mutter liegt im Sterben und so lässt sie alle biographischen Hüllen fallen.

Fünf Kopeken ist ein herrlich vielschichtiger Roman, der seine Figuren trotz ihrer gelegentlichen Überzeichnung ernst genug nimmt, um sie authentisch wirken zu lassen. Hier und da gibt es Längen, die aber durch den erfrischenden Stil der Autorin leicht überwindbar sind. Wie viel wissen wir eigentlich von unseren Eltern? Und was hat das mit uns zu tun?, sind Fragen, die bei der Lektüre immer wieder aufkommen. Von mir eine absolute Leseempfehlung für diesen Debütroman, der mit einer bewegenden Geschichte und einer außergewöhnlichen Sprache zu begeistern weiß.

Eine weitere schöne Rezension findet sich auch bei Karthauses Bücherwelt.

Roman Simić – In was wir uns verlieben

simicRoman Simić ist ein kroatischer Schriftsteller. Er arbeitet auch als Lektor und lebt in Zagreb. Simić war Herausgeber der wichtigsten kroatischen Literaturzeitung Quorum und ist noch Organisator und Programmdirektor des Festival Of European Short Story. Er gewann bereits mehrfach den Goran Preis für junge Dichter. In was wir uns verlieben erschien 2007 in der Übersetzung von Alida Bremer bei Voland & Quist. Im September erscheint sein neuer Erzählband Von all den unglaublichen Dingen.

Ein Mann, der aufgrund eines verblichenen Fotos Ausschau hält nach seiner Familiengeschichte und seiner Herkunft. Der Erinnerungen nachspürt, sich der Beschaffenheit von Erinnerung und ihrer Fragilität nähert. So beginnt Roman Simićs erste Geschichte Ein Rahmen für den Familienlöwen.

Die Fotos schweigen hier genauso wie die Erinnerungen. Zu erwarten, dass sie uns Gründe für irgendetwas aufzeigen, für das alltägliche Chaos von Ursachen und Folgen, für den Raum, der in uns mit Kraft und Schwäche, Dankbarkeit, Schmerz, Verrat, Liebe …gefüllt und geleert wird, käme der Hoffnung gleich, dass aus dem Fotomeer der japanischen Touristen, das im Schaum der Sensationen badet, die Natur unseres Krieges oder der italienischen Renaissance aufscheinen würde und sich erklären ließe – wenn auch erst in hundert Jahren.

Ausgehend von der Fotografie eines Löwen in einem amerikanischen Zoo rekonstruiert der Protagonist Teile seines Lebens und des Lebens seiner engsten Verwandten. Wie gut kannte er sie wirklich? Was liegt womöglich in Fotos verborgen, das ihm sonst niemals aufgefallen ist? Und über allem schwebt die Frage, was Erinnerung tatsächlich meint, wie konservierbar und fehleranfällig sie ist – und wie unerlässlich trotzdem, um uns selbst zu erkennen und einzuordnen.

Zwei Freunde, die in einem Krankenhaus den Toten Geschichten erzählen, Geschichten rückwärts, vom ihrem sicheren Tod bis zu ihrer unsicheren Geburt und ihrer möglichen Lebensgeschichte. Drei Männer, die sich nur ihrer Hunde wegen begegnen. Einer, der seinen Hund so viel mehr liebt als die Menschen.

Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, und darum ist der Hund zu seinem besten Freund geworden. Nicht deshalb, weil die Natur will, dass Freundschaft zwischen Wolf und Hund herrscht, sondern weil sie es nicht einrichten konnte, dass das zwischen den Menschen der Fall ist.

Da ist der Mann, der in seine Heimatstadt zurückkehrt und alles schmerzlich verändert vorfindet, abgesehen von der Distanz, die zwischen ihm und seinem Vater herrscht wie ein außergewöhnlich langer und harter Winter. Da ist der Mann, der im Treppenhaus ein Paket umklammert hält, das er seinem kleinen Sohn schenken will. Er ist betrunken, die Beziehung zu seiner Frau ist vorbei und er scheitert an dieser Zuneigungsbekundung kläglich. Weiß er doch gar nicht, was sich im Paket befindet.

Roman Simićs Erzählungen über verschiedene Spielarten von Liebe, verschiedene Beziehungen und Menschen stecken voller Poesie und leiser Zwischentöne, die man manchmal nur ganz am Rande wahrnimmt. Hier und da klingt der Krieg als leiser Grundton in einigen Geschichten an, die Verzweiflung des Verlusts, das Auseinandergerissenwerden durch ganz unterschiedliche Umstände. Manchmal kontrastiert durch ungewöhnliche Härte fängt Roman Simić das Dazwischen ein, das Ungesagte und Ungezeigte zwischen Menschen, Liebespaaren, Familien. Ein inhaltlich und besonders sprachlich beeindruckender Erzählband, der die Vorfreude auf Simićs neues Werk weckt. Wer diese Art leise-melancholischer Zwischenspiele menschlichen Miteinanders mag, wird an Roman Simić nicht vorbeikommen. Zum Glück!

Die Geschichte brauchte schleunigst, dringend und per Einschreiben ein Happy End, und ich musste mich zusammenreißen und mir schnell eines einfallen lassen.

Francesca Segal – Die Arglosen

segal

Francesca Segal ist eine englische Autorin und Journalistin. Sie ist die Tochter von Erich Segal, der 1970 mit Love Story seinen Durchbruch als Autor feierte. Sie veröffentlichte u.a. Artikel im Granta Magazine, dem Guardian und dem Daily Telegraph. Die Arglosen ist Segals Debüt. Es wurde bereits mit dem Costa First Novel Award, dem National Jewish Book Award und dem Sami Rohr Preis ausgezeichnet. Bei uns in Deutschland erscheint es im Kein & Aber Verlag in der Übersetzung von Verena Kilchling.

Als arglos wird gemeinhin der bezeichnet, der blauäugig annimmt, ihm könne nichts Schlimmes widerfahren. Gottvertrauen könnte man vielleicht sagen, es wird schon alles gut gehen. Und es hat den Anschein, als würden Adam und Rachel, ein junges Paar der jüdischen Gemeinde Hampstead Garden Suburb, tatsächlich ihr Leben so gestalten, wie sie und ihre Familien es Monate, wenn nicht bereits Jahre im Voraus geplant haben. Sie sind frisch verlobt und stecken gerade mitten in den Hochzeitsvorbereitungen, als Rachels unkonventionelle Cousine aus Amerika anreist und durch die Familie fegt wie ein Wirbelsturm. Im Gegensatz zu Rachel, die das Geordnete und Vorhersehbare in ihrem Leben liebt, ist Ellie chaotisch und durch ihre Freizügigkeit bei vielen in der Gemeinde nicht gut angesehen.

Was ihr Äußeres anging, unterschied sie sich ebenso deutlich von ihrer Cousine. Rachel strotzte geradezu vor Gesundheit. Ihre Haut war rosig, ihre glatten dunklen Haare schimmerten, und auf ihren gepflegten Fingernägeln glänzte Nagellack von Chanel. Ellie hingegen hatte vor der Synagoge ziemlich ausgebrannt ausgesehen, wie er fand, obwohl sie erst zweiundzwanzig war.Ihm waren ihre abgekauten Nägel und die entzündeten Nagelhäutchen aufgefallen, die tiefen Augenringe.

Ellie ist in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen. Als sie acht Jahre alt ist, wird ihre Mutter Jackie bei einem Bombenattentat in Tel Aviv getötet, ihr Vater Boaz zieht sich völlig in sich selbst zurück und begibt sich, als Ellie sechzehn ist, auf eine lange Reise durch die Welt. Ellies Welt hingegen beginnt aus dem Gleichgewicht zu geraten. Sie nimmt Drogen, hat Affären mit wesentlich älteren Männern, lässt sich von ihnen aushalten und dreht einen erotischen Film, der sie letztlich ihr Studium an der Universität kostet. Trotz aller Interventionen ihrer liebenden Verwandten aus London gerät Ellie auf das, was man so gemeinhin auch die schiefe Bahn nennt.

An Jom Kippur, einem der höchsten jüdischen Feiertage, ist Ellie plötzlich wieder in London. Und mit dieser Ankunft beginnt für Adam vermutlich die härteste Probe seines bisher so vorhersehbaren Lebens. Durch Ellie wird ihm plötzlich bewusst, dass es noch mehr im Leben gibt als sich stetig aneinanderreihende Familienfeste und starre Traditionen. Mit einem Mal fühlt er sich gefangen, gezwängt in ein Leben, das ihm viel zu eng erscheint, um darin zu atmen. Er verliebt sich Hals über Kopf in die Cousine seiner Frau und ist beinahe bereit, sein bisheriges Leben auf einen Schlag für sie zu beenden.

Oberflächlich betrachtet ist ,Die Arglosen‚ eine gescheiterte Liebesgeschichte, eine Geschichte über das Aufbegehren eines Mannes, der sich, besonders nach der Hochzeit, in einem Leben wiederfindet, das er sich so ganz anders vorgestellt hat. Vor einer Entscheidung stehend, die alles verändern kann. Gräbt man aber tiefer, steckt jede Menge jüdisches Leben und jüdischer Witz in diesem Buch.

Als Dan London erstmals seine Freundin Willa zu den Jaffas zum Sabbatmahl mitgebracht hatte, hatte Willa ihren Wunsch bekundet, zum Judentum zu konvertieren, und gefragt, was sie dafür alles lernen müsse. Lawrence hatte gescherzt: „Ach, da ist nicht wirklich viel dabei. Im Prinzip lässt sich jeder jüdische Feiertag so erklären: Man hat versucht uns umzubringen. Vergeblich. Lasst uns essen.“

Wir werden Zeuge einer jüdischen Gemeinde, die, anders als es im Christentum bisweilen üblich ist, eng zusammensteht wie eine riesige große Familie. Hilfsbereitschaft, Offenherzigkeit und Traditionsbewusstsein gehen Hand in Hand. Und das, was Adam als starres Korsett erlebt, wandelt sich am Ende, auch für ihn, in ein stabiles Fundament, aus bedingungsloser Einmischung wird bedingungslose Unterstützung.

Als Mittelmeervolk sind Juden von Haus aus gesellig und mitteilsam, und so ist bei ihnen genau wie bei Griechen, Italienern oder Türken eine Mahlzeit nur dann eine Mahlzeit, wenn man mit mindestens zwanzig Personen am Tisch sitzt, die einem viel bedeuten (oder mit denen man zumindest verwandt ist). Jaffa führte selbst für eine Jüdin ein ungewöhnlich offenes Haus. Sie nannte gleich mehrere sechzig Liter fassende Suppentöpfe ihr Eigen, und Rachel war in dem Glauben aufgewachsen, dass man Hühnchen nur im Sechserpack kaufen konnte.

Es versteht sich beinahe von selbst, dass Adam, schlussendlich, nach vielem Hin und Her und einem Seitensprung, an der Seite seiner Frau bleibt, während Ellie nach Amerika zurückkehrt. ,Die Arglosen‚ ist ein Buch voller liebenswerter Charaktere, das einen tiefen Einblick in die jüdische Mentalität gewährt. Am Ende allerdings steht man doch etwas ratlos vor dem (nahezu erwarteten) Happy-End und fragt sich, welchen Zweck diese Erfahrung für Adam nun hatte. Hat sie ihn reifen lassen? Hat sie ihn seiner Familie nähergebracht? Wohin sollte diese Geschichte gehen? Viele kleine(re) Erzählstränge ranken sich um Ellie, Rachel und Adam und doch ist man am Ende geneigt, ,Die Arglosen‚ für eine ganz nette Familien – und Liebesgeschichte zu halten, für eine Momentaufnahme. Viel mehr nicht.