Martin Winckler – Es wird leicht, du wirst sehen

eswirdMartin Winckler ist ein französischer Arzt, Übersetzer und Schriftsteller. Bekannt wurde er mit seinem 2000 erschienenen Roman ‚Doktor Bruno Sachs‘ („La maladie de Sachs“), der verfilmt und in 14 Länder verkauft wurde. Sein neuer Roman ,Es wird leicht, du wirst sehen‘ erschien unlängst in der Übersetzung von Doris Heinemann im Kunstmann Verlag und widmet sich einem kontrovers diskutierten Thema – dem selbstbestimmten Umgang mit dem Tod.

Es ist ein Thema, über das wir alle ungern nachdenken. Es ist eine Debatte, die uns mit unserer eigenen Vergänglichkeit, der Endlichkeit unseres Lebens konfrontiert, mit der Hilflosigkeit angesichts einer schweren Krankheit. Emmanuel Zacks ist Arzt auf einer Schmerzstation. Er ist Spezialist für die verschiedensten schmerzlindernden Medikamente, Opioide und Morphine, Lokal – und Allgemeinanästhetika. Nach dem Studium lernt er die zahlreichen Erscheinungsformen von Schmerz kennen und lindern. Er hört den Menschen zu, nimmt sie wahr in ihrem Leid. Und veurteilt, im Gegensatz zu vielen anderen, nicht etwa ihren Wunsch, ihrem Leben im Elend ein Ende zu bereiten. Während andere moralische, religiöse, ehtische Bedenken äußern, den Patienten ihre Zurechnungsfähigkeit absprechen, sieht Zacks das Bedürfnis nach Selbstbestimmung, solange ein selbstbestimmtes Handeln noch möglich ist.

Was für den anderen gut ist, ist nicht unbedingt das, was ich für mich haben will. Die Frage ist nicht, ob ich ohne Arme und Beine, unter ständiger Morphiumzufuhr und mit einem aus dem Magen ragenden Röhrchen weiterleben kann. Die Frage ist, ob ich auf diese Weise weiterleben will.

Eines Tages ruft ihn ein alter Freund an. André. In einem Hotelzimmer hält er sich vor seiner Familie verborgen, sein schweres Herzleiden ist irreparabel, eine Transplantation hat er abgelehnt. Er bittet Emmanuel, einige Dinge für ihn aufzuschreiben, die er nicht mit in den Tod nehmen will – aber er bittet auch noch um einen anderen Gefallen. Zacks soll ihm das Sterben erleichtern, soll an seiner Seite wachen, bis es vorbei ist. Er willigt ein und verabreicht seinem Freund eine zu hohe Medikamentendosis. Überraschenderweise plagen ihn keine Gewissensbisse, er fühlt sich lediglich mit den Heften überfordert, in denen er Andrés Geschichte festgehalten hat. Was soll er nun damit tun?

Von diesem Punkt an bekommt Zacks immer wieder Anrufe von Todkranken, die über verschlungene Pfade von seiner nicht ganz legalen Betreuung erfahren haben. Mehrmals trifft er sich mit ihnen und ist ihnen ein vorurteilsfreier und offener Gesprächspartner, ist er für die Sterbenden das, was nahe Angehörige aufgrund ihrer emotionalen Beteiligung oft nicht sein können. Und er notiert wie ein Chronist ihre letzten Lebensbeichten. Über einen seiner Patienten lernt er auch Nora kennen, eine selbstbewusste junge Frau, in die er sich verliebt und deren Vater erst kürzlich vor Beginn seiner Leukämiebehandlung aus unerklärlichen Gründen gestorben ist. Emmanuel weiß um die Gründe, .. er war dabei.

Doch manchmal reicht alle Erleichterung, Beruhigung, Zuwendung nicht aus. Manchmal sitzt der Schmerz weder im Körper noch im Denken. Es ist eigentlich nicht mehr ein Schmerz, sondern die von einem regelrecht herausgerissenen Stück des Selbst hinterlassene Leere. Eine unergründliche, nicht zu füllende Abwesenheit. Ein Fehlen.

Martin Wincklers Roman ist ein leises, aber intensives Memento Mori, ein prosaisches Innehalten und Sinnieren darüber, was im Leben und auch im Sterben von Belang ist. Wie wollen wir gehen? Sollen wir entscheiden dürfen, so lange wir noch die Möglichkeiten haben? Warum dürfen wir, wenn wir doch im Leben für alles, was wir tun, die Verantwortung tragen, nicht auch für das Ende unseres Lebens Verantwortung übernehmen? Es sind gewichtige Fragen, die Wincklers Roman aufwirft. Die Positionen zur aktiven Sterbehilfe sind teils sehr konträr, oft auch religiös im Hinblick auf die Überzeugung geprägt, dass das Leben ein Geschenk Gottes sei. Der Schweizer Verein Dignitas sieht das schon seit längerem anders, in der Schweiz ist die Beihilfe zum Freitod, wie es heißt, unter gewissen Umständen gestattet.

Es ist kein leichtfüßiges Buch, das Martin Winckler, als Arzt mit vielen der beschriebenen Situationen vertraut, hier vorlegt. Es ist ein Roman, der nachwirkt und trotz seines gringen Umfangs schon seiner Thematik wegen Spuren hinterlässt. Fragen. Auch Emmanuel, als Erzähler mitunter fast zutraulich und verbindlich, leidet im Alter an Krebs – wir alle sterben, schreibt er, aber wir sollten entscheiden können, wie. Alles in einem ein lesenswertes, ein fast schüchternes Buch über die Macht von Geschichten und ein selbstbestimmtes Leben!

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Horst Evers – Wäre ich du, würde ich mich lieben

978-3-87134-762-7.jpg.677057Horst Evers (eigentlich Gerd Winter) ist ein deutscher Autor und Kabarettist. Aufgewachsen in Niedersachsen studierte er an der FU Berlin Germanistik und Publizistik. 1990 gründete er mit Freunden die Lesebühnenshow „Dr. Seltsams Frühschoppen„. 2002 gewann er den Deutschen Kabarettpreis, 2008 den Deutschen Kleinkunstpreis. Seine Texte werden regelmäßig auf Radio Eins von ihm vorgetragen. In gedruckter Form erscheinen sie im Rowohlt Verlag.

Inmitten einer schnelllebigen und wenig verlässlichen Zeit der permanenten Um – und Neugestaltung muss es Autoren geben, die uns Felsen in der Brandung sind. Autoren, von denen wir wissen, dass sie stets und ständig genau die Qualität produzieren, für die man sie so liebt. Autoren, die einen mutmaßlich niemals negativ überraschen würden, weil sie im Vollbesitz ihrer humoristischen Kräfte und eines erstaunlich sicheren Händchens für Pointen des Alltags sind. Autoren wie Horst Evers eben.

Vor meinem inneren Auge erscheint ein Bild aus der Vergangenheit. Ich kannte mal eine Katja. Mit Anfang zwanzig war ich einige Wochen mit ihr zusammen. Sie war sprunghaft, extrem temperamentvoll und wirklich anstrengend. „Wäre ich du, würde ich mich lieben“, hatte sie irgendwann gesagt, „weil sonst hält man das mit mir nicht lange aus.“ Das stimmte. Obwohl ich es trotzdem nicht lange ertragen habe, hat mir ihr Rat später oft geholfen. Wenn etwas wirklich nicht mehr auszuhalten ist, hilft nur noch Liebe.

Auch mit seiner neuesten Textsammlung ‚Wäre ich du, würde ich mich lieben‚ beweist Horst Evers wieder einmal, dass er ein brillianter Beobachter des Alltäglichen ist. Einer, dem es in wenigen Sätzen höchst lässig und nonchalant gelingt, selbst der scheinbar belanglosesten Situation sozialen Mit-und Nebeneinanders (wie auswärtige, auf Fahrrädern in Schrittempo die Berliner Innenstadt begutachtende Besucher aus dörflichen Regionen) noch eine humoristische Note abzuringen. Es ist ganz egal, ob das genau so passiert ist, gleichgültig, ob Evers noch etwas dazu erfindet, das tägliche Leben Evers 2.0 überflügelt die Realität spielend. So zum Beispiel, als die Nachbarskatze Hildegard von Bingen stets tote Mäuse vor die Tür legt, die er, phantasievoll wie er ist, auch als potentielle Drohungen der Mafia verstehen könnte.

Ich hätte das Ganze bald wieder vergessen, wäre es nicht drei Tage später nochmal erheblich ekliger geworden. Da liegt nämlich erneut eine Maus auf der Fußmatte. Diesmal jedoch schon einigermaßen zerfetzt. In quasi vier Teilen läppert sie so über die Fußmatte. O guck mal, denke ich, die Mafia stottert!

Ob er in einem französischen Einkaufszentrum der Zukunft anderen Kunden einen Cappuccino aus dem fortschrittlichen Automaten hustet oder dem visionären Jungunternehmer eines Dschuhs-Hostels in Berlin die Chicorée-Salami aufschwatzt, die er alljährlich seit zwanzig Jahren von der Mutter einer Ex-Freundin zugesandt bekommt, stets ist es ein Vergnügen diesen, zugunsten der Komik, leicht verwandelten Situationen beizuwohnen. Horst Evers Texte sind so abgefasst, dass man denkt: Hey, sowas kann ich auch schreiben, um nach einigen erfolglosen Versuchen ernüchtert festzustellen, dass es dafür eben doch einen Horst Evers braucht. Denn wenige beherrschen den Ernst bei aller Komik (oder umgekehrt?) so brilliant wie er.

Ein Bekannter aus der IT-Branche erzählte mir kürzlich: Die erfolgversprechendste Lösungsstrategie für plötzlich auftretende, kaum erklärliche Anwendungsprobleme bei Computerprogrammen sei die sogenante Ehua-Routine. Ehua ist hier tatsächlich mal ein deutscher Begriff und steht für: „Einfach hoffen und abwarten“. Bei technischen Problemen sei dies der Heilungsansatz mit der mit Abstand höchsten Erfolgsquote.

James Salter – Alles, was ist

james_salterJames Salter ist ein amerikanischer Autor. Er studierte an der Militärakademie West Point und trat 1945 in die Air Force ein. Zwölf Jahre diente er dort, in den USA, im Pazifik und in Korea. 1956 erschien sein erster Roman ‚The Hunters‚, der vor dem Hintergrund von rund 100 Einsätzen in Korea geschrieben wurde. 1998 erhielt Salter den Faulkner Award. Alles, was ist, erschienen im Berlin Verlag, übersetzt von Beatrice Howeg, kam beinahe übrraschend, hatte Salter doch seit acht Jahren kein Buch mehr veröffentlicht.

Ganz unbestritten ist James Salter ein großer Erzähler. Von manch einem bereits auf eine Stufe gestellt mit Flannery O’Connor und Tennesse Williams weiß er in ruhigem und gemäßigtem Ton sein Publikum zu fesseln, kann er mit klassisch traditioneller Erzählkunst begeistern. In seinem neuen Roman gibt Salter uns Einblick in das Leben Philipp Bowmans. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte er als Teil der Navy in der Schlacht um Okinawa. Er ist geachtet und respektiert, daran lässt Salter keinen Zweifel aufkommen, als er mit genau dieser Schlacht seinen Roman beginnen lässt.

Der Krieg im Pazifik war anders als der Rest. Allein die Entfernungen waren enorm. Es gab nichts außer endlosen Tagen auf See und fremdartige Namen von Orten, die tausend Meilen auseinanderlagen. Es war ein Krieg der vielen Inseln, es galt, sie Japan zu entwinden, eine nach der anderen.

Durch Kamikazeflieger getroffen sinkt das Schiff, manche können sich retten, unter ihnen auch Bowman, andere widerum finden im Pazifik den Tod. Nach Beendigung des Krieges wieder in New York, muss er sein Leben neu organisieren. Er beginnt, in einem kleinen Verlag namens Braden und Baum als Lektor zu arbeiten und trifft in einer Bar am St.Patrick’s Day zufällig eine hinreißende Dame. Vivian Amussen ist ihr Name und sie wird Bowmans erste Frau werden. Eine Frau, von der er sich nicht vorstellen kann, dass jemals eine andere ihren Platz einnehmen wird. Die beiden heiraten überstürzt, im Überschwang und voller idealistischer Vorstellungen, die sich jedoch im Laufe der Zeit nicht bewahrheiten. Viel mehr sind es Luftschlösser, aus denen lanngsam die Luft entweicht.

Es war sinnlos mit ihr zu reden. Er konnte sich kaum dazu bringen, sich neben sie ins Bett zu legen.Das Gefühl der Entfremdung war so stark. Er zitterte fast, er konnte nicht schlafen. Schließlich hatte er sein Kissen genommen und sich auf die Couch gelegt. Jetzt gab es die Gegenwart des anderen nicht mehr, wenn auch nur unsichtbar, das Bewusstsein seiner Stimmungen oder Gewohnheiten.

Vivian kehrt zu ihren Eltern zurück, um ihre Mutter, die einen Schlaganfall erlitten hat, zu pflegen, Bowman schlägt einen anderen Weg ein. In der Verlagsbranche erreicht er langsam ein gewisses Renomée, man vertraut auf ihn und sein Urteilsvermögen. Braden und Baum gewinnt an Einfluss. Und Bowman taumelt durch sein Leben. Neue Frauen betreten es, die ihm stets wie das Wunderbarste erscheinen, das er sich vorstellen kann. Doch nichts ist von Dauer. Er betrügt, er wird betrogen, er enttäuscht und wird enttäuscht. Es ist der Lauf der Dinge, könnte man meinen und eine stete Suche nach Glück und Zufriedenheit, die immer nur phasenweise zu einem Ziel findet.

Manchmal gab es Verlegerpartys mit jungen Frauen in schwarzen Kleidern mit leuchtenden Gesichtern, die sich ein Leben davon versprachen, Mädchen, die in kleinen Apartments wohnten mit Kleiderbergen neben dem Bett und Fotografien vom Sommer, die sich an den Rändern wellten. Er liebte seine Arbeit. Das Leben war gemächlich und doch definiert.

Alles, was ist beschreibt – nomen est omen – tatsächlich ein Leben mit allem, was ist. Mit Liebe und Tod, Erfolg und Absturz, Beginn und Abschied. Es liest sich wie ein Querschnitt durch die Erfahrungen eines durchschnittlichen Mannes, den die gleichen Begierden und Dämonen plagen wie die meisten von uns. Salter verursachte im Feuilleton wahre Begeisterungsstürme, von denen ich nur bedingt mitgerissen werde. Es ist ein solide erzählter und facettenreicher Roman, in dem höchtwahrscheinlich eine Menge von Salter selbst steckt, war er doch genauso wie sein Protagonist beim Militär und durch seine schriftstellerische Tätigkeit mit dem Verlagswesen verbunden. Dennoch fehlte beim Lesen hin und wieder das Salz in der Suppe und so gerät die Lektüre von Alles, was ist zwar schmackhaft, könnte nach meinem Dafürhalten aber etwas Nachwürzung vertragen. Bowman bleibt eigentümlich fern, seine Frauen und die seiner Freunde, sind, abgesehen von Vivian, stetig wechselnde Nebenbesetzung. Mal heißen sie Viviane und Christine, dann Anet und Ann. Ein Kommen und Gehen ohne Beständigkeit, gänzlich ungewiss, ob Bowman selbst darunter leidet oder für sich den Beschluss gefasst hat, jede Möglichkeit zu ergreifen, wenn sie sich ihm bietet. ,Das Leben war gemächlich‚, schreibt Salter und genauso liest es sich auch.

Thomas Glavinic – Das größere Wunder

glavinicThomas Glavinic ist ein österreichischer Autor. Bevor er zu schreiben begann, war er als Werbetexter und Taxifahrer tätig, 1998 erschien sein erster Roman „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden„, der zwar vielfach ausgezeichnet wurde, einer breiteren Öffentlichkeit aber dennoch verborgen blieb. Glavinic ist für das Spiel mit Realität und Wahrnehmung bekannt, besonders deutlich trat das wohl in seinem 2007 erschienenen Roman „Das bin doch ich“ hervor, der von einem Protagonisten namens Thomas Glavinic handelt. Mit ‚Das größere Wunder‚, erschienen im Hanser Verlag, gelang ihm schlussendlich der Sprung auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2013.

Es gibt Menschen, deren Leben mit dem Begriff ‚unkonventionell‘ wahrscheinlich unzutreffend bis mangelhaft und allerhöchstens leidlich beschrieben sind. Thomas Glavinic stellt uns einen solchen Menschen vor. Einen Menschen, dessen Leben von Anfang an Umwege und Trampelpfade den geraden Hauptstraßen vorzog. Trampelpfade auf den Mount Everest. Jonas wächst in schwierigen Verhältnissen auf. Sein Zwillingsbruder Mike leidet unter einer leichten geistigen Behinderung, seine Mutter ist schwer alkoholkrank und selten nüchtern.

Er dachte Tag und Nacht daran, wie er Mike beistehen konnte, wie er ihn vor den Hänseleien der anderen Kinder und vor der Wut seiner Mutter schützen konnte, der Wut seiner Mutter und der ihrer Freunde, die nichts übrighatten für ein Kind, das dauernd in die Hose machte, mit dem Essen herumwarf und Haushaltsgeräte kaputtschlug. Und so kam Jonas jeden Morgen zu seiner Mutter in die Küche, wo es nach Kaffee roch, im Radio Volksmusik gespielt wurde und überall leere und halbleere Rotweinflaschen herumstanden.

Diese belastende Familiensituation erreicht ihren Höhepunkt, als sich Jonas schützend vor seinen Bruder stellt und von dem derzeitigen Lebenspartner seiner Mutter, krankenhausreif geschlagen wird. „Das Affe“ nennt er ihn, weil er abgeklärt und aufrichtig empfindet, dass dieser Mann keinen Namen und schon gar keinen korrekten Artikel verdiene. Nach diesem Vorfall zieht Jonas, zunächst nur vorübergehend, glaubt er, mit seinem besten Freund Werner zu dessen Großvater, den alle nur Picco nennen. Eigentlich heißt er Leopold Brunner. So nennt ihn niemand. Für Jonas beginnen grenzenlose Zeiten auf dem Anwesen eines Mannes, der nicht nur Hauspersonal beschäftigt und eine unvorstellbare Summe Geld zu besitzen scheint, sondern auch seinen offenbar vorhandenen Einfluss zugunsten der Kinder nutzt.

Ist schon für viele normal aufwachsende Menschen die Kindheit gewissermaßen eine Zeit der Narrenfreiheit, haben Werner und Jonas alle erdenklichen Möglichkeiten. So probieren sie aus, wie lange man es aushält, ohne sich zu waschen, Jonas trinkt eine Flasche Olivenöl und wankt damit, obwohl er sich mehrfach übergibt, durch den Garten. Die beiden rasen mit einem Rollstuhl, in dem Jonas aufgrund mysteriöser Fieberschübe viele Wochen zubringt, einen steilen Abhang, „die Piste“, hinunter. Bereits Jonas‘ Jugend ist geprägt von Grenzerfahrungen und dem Austesten derselben. Wie weit kann ich gehen? Was ist größer als ich?

Gleich bist du tot, dachte er.
Es war ein Moment, über den er später oft nachdachte. Was er dabei gefühlt hatte, als er merkte, wie dünn die Wand zwischen Leben und Tod war, als er in diesen Sekunden, die ihm vorkamen wie Minuten, mit erschütternder Klarheit erkannte,  dass alle Sicherheit Illusion war.

Bei einer dieser waghalsigen Manöver stirbt sein Freund Werner und als die Verluste in Jonas‘ Leben sich häufen, flieht er. Durch seinen Ziehgroßvater mit genügend finanziellem Polster ausgestattet, reist er um die Welt. Kaum eine Stadt, die er nicht besucht, die er nicht in sich aufnimmt auf der Suche nach Sinn und Erfüllung. Norwegen,Frankreich, Italien, Japan – keinen Ort lässt er unbesucht, ja, er quartiert sich sogar in Prypjat ein, der ukrainischen Geisterstadt nahe Tschernobyl. Er lässt eine Viermastbark eigens für sich anfertigen und kauft eine Insel, er lässt einen alten Container aus Neuseeland in seine Heimat verschiffen und das Ganze wieder retour. Außerdem – und das bildet, neben den Kindheitserinnerungen den zweiten Erzählstrang des Romans – versucht er, den Mound Everest zu besteigen. Alles, um einen Sinn im Leben zu finden, die Leere zu füllen, sich selbst zu überflügeln und Marie zu vergessen, die Liebe seines Lebens.

Eines ist klar: Thomas Glavinics Roman ist inhaltlich gewaltig, ein ziemlicher Brocken, schwer zu verdauen. Ein Superlativ jagt den nächsten und noch mit gebrochener Rippe, halluzinierend und vollkommen entkräftet lässt sich Jonas von niemandem davon abbringen, den Gipfel zu besteigen. Notfalls allein. Er ist ein Mann der Extreme, ein Mann, der in seiner Verzweiflung und Verbissenheit fast überzeichnet, mindestens aber übersteigert und fast krankhaft wirkt. Immer öfter beschleicht einen das Gefühl, er wisse gar nicht, wonach er suche, er trete im wahrsten Sinne des Wortes einfach die Flucht nach vorn an. So träumt er auch immer wieder von hohen Wellen, die ihn überspülen, mächtigen Wassermassen, denen er hilflos ausgeliefert ist. Thomas Glavinic lotet mit Jonas Grenzen aus. Im wahrsten Sinne des Wortes gipfelnd in der Besteigung, in der Bezwingung des Mount Everest. Und findet er am Ende, was er sucht?

Eines jedenfalls kehrt im Ausgleich für erfrorene Gliedmaßen zu ihm zurück – Marie. Ein bitterer Beigeschmack mischt sich in die atemberaubend geschilderten letzten Szenen des Erfolges. Jonas hat nicht nur den Berg, sondern auch sich selbst bezwungen. Aber wofür? Für eine Frau? Immer wieder setzt er wissentlich und leichtsinnig sein Leben auf’s Spiel, ohne am Ende tatsächlich klüger, gemäßigter oder beruhigter zu sein. Insofern ist man nahezu geneigt, es als „das größere Wunder“ zu bezeichnen, dass Jonas Glavinics Roman lebend überstanden hat. Sprachlich und szenisch zweifelsohne beeindruckend, überzeichnet mir Thomas Glavinic die Suche nach Sinn und Einklang mit sich selbst doch zu sehr, sodass die Geschichte mehr zu einem Liebesdrama um einen Adrenalin-Junkie verkommt. Mit Sicherheit gänzlich ohne das tatsächllich zu beabsichtigen. Es gab viele begeisterte Stimmen zu diesem Roman, denen ich mich leider nur bedingt anschließen kann.

Irgendwann wirst du ganz oben sein.
Aber was machst du dann? Außer wieder runtergehen und noch immer du sein?

John Williams – Stoner

stonerJohn Williams (1922-1994) war ein amerikanischer Autor und Herausgeber. Er studierte Englische Literatur, lehrte an der University of Denver und unterrichtete bis zu seiner Emeritierung 1985 im Rahmen desdortigen Creative Writing Programs. Williams war außerdem Gründer der Literaturzeitschrift Denver Quarterly. Für Augustus, einen historischen Roman über Kaiser Augustus, wurde Williams 1973 mit dem National Book Award ausgezeichnet. Stoner erschien erstmals 1965 und wurde nun, fast fünfzig Jahre später, von Bernhard Robben ins Deutsche übertragen. Es erscheint im Deutschen Taschenbuchverlag.

Stoner ist ein Roman, wie ihn das Leben schreibt. Wer sich einen Moment Zeit für die Biographie John Williams‘ nimmt, wird feststellen, dass ihn sehr viele Gegebenheiten mit dem etwas lakonischen Professor für Englische Literatur verbinden. Aufgewachsen auf der Farm seiner Eltern war es für William Stoner ein ungeschriebenes Gesetz,eines Tages seinem Vater als Farmer nachzufolgen. Nahezu widerwillig lässt er sich auf den Vorschlag ein, an der Universität Agrarwirtschaft zu studieren, es ist weniger eine Leidenschaft, denn eine Notwendigkeit, die ihn dazu treibt. Mit Interesse und Pflichtbewusstsein absolviert er sein Studium, bis er eines Tages in ein Seminar des Literaturprofessors Archer Sloane gerät. Und Archer Sloane gelingt es, in dem der Geisteswissenschaft nicht zugeneigten und einfachen William Stoner die feurige Liebe zur Literatur zu entfachen.

Im zweiten Semester dieses Studienjahres meldete sich William Stoner aus beiden Grundkursen Naturwissenschaft ab und schied auch aus dem Studiengang Agarwirtschaft aus, stattdessen belegte er Einführungskurse in Philosophie und Frühgeschichte sowie zwei Kurse in englischer Literatur. Im Sommer kehrte er wieder auf die Farm seiner Eltern zurück und half dem Vater bei der Ernte; sein Studium an der Universität erwähnte er mit keinem Wort.

Es soll noch einige Zeit ins Land gehen, bis William Stoner seinen Eltern von dem Entschluss berichtet, nicht auf die elterliche Farm zurückzukehren. Unterdessen führt er das Leben eines strebsamen Studenten, leidenschaftlich vernarrt in die Sache, für die er arbeitet. 1914 erhält Stoner seinen Abschluss, der erste Weltkrieg bricht aus, von dem Amerika allerdings zunächst eigentümlich unberührt bleibt. Es ist ein fernes Beben auf dem europäischen Kontinent, eine schleichende gesellschaftliche Veränderung, die in ihrer historischen Tragweite selbstredend noch niemandem bewusst ist. Stoner beginnt, selbst zu unterrichten, womöglich auch, um einem Leben außerhalb der Universitätsmauern zu entkommen ..so sieht es jedenfalls sein Freund Dave Masters.

„Auch du gehörst zu den Unzulänglichen – du bist der Träumer, der Verrückte in einer noch verrückteren Welt, Don Quichotte des Mittleren Westens, der, wenn auch ohne Sancho, unter blauem Himmel herumtollt. Du bist klug genug – jedenfalls klüger als unser gemeinsamer Freund. Doch trägst du den Makel der alten Unzulänglichkeit. Du glaubst, hier wäre etwas, das es zu finden gilt. Nun, draußen in der Welt würdest du bald eines Besseren belehrt, denn du bist gleichfalls zum Scheitern bestimmt, auch wenn du nicht gegen die Welt ankämpfst.“

Vor diesem universitären Panorama eröffnet uns John Williams nun die Lebensgeschichte des William Stoner, einem durchsetzungsfähigen, aber doch eher lakonischen Träumers, der vieles in seinem Leben fast gleichgültig annimmt und erträgt, ein Mann, der sein Schicksal empfängt, wie es eben kommt. Die Hochzeit mit seiner Frau Edith ist überstürzt, seine Frau eine höchst exaltierte und überspannte Person, zu der er niemals das Verhältnis aufbauen wird, das ihm zum Zeitpunkt der Hochzeit einmal vorschwebte. Die beiden bekommen eine Tochter, um die sich Stoner deutlich mehr sorgt als seine Frau, sie leben nebeneinander her, manchmal in bösartiger Feindseligkeit, manchmal so gleichgültig und unbeteiligt wie zwei Fremde.

In den Krieg zieht Stoner nicht, während die Universität sich langsam leert. Zur damaligen Zeit eine zweifellos unpopuläre Entscheidung, die William Stoner jedoch im vollsten Bewusstsein für ihre Richtigkeit trifft. John Williams erzählt nicht nur ein Leben, er erzählt einen Werdegang, erzählt eine Zeitspanne, die, hätte er ausschweifen wollen, mühelos drei Bücher gefüllt hätte. Und doch wählt er so prägnante Momente im Leben des William Stoner, das wir ohne größere Hindernisse durch dessen Leben flanieren, hier und da Halt machen, dabei sind. Auch John Williams wuchs auf einer Farm auf und lehrte lange Jahre an der Universität, Vieles von dem, was er erlebte, wird sich in der einen oder anderen Form in diesem Roman wiederfinden. Es ist ein unaufgeregter Roman, der sich nicht die Frage zu stellen scheut, was ein erfülltes Leben ist. Wie sieht es aus? Kann ich trotz so einigen bedenklichen Entscheidungen am Ende sagen, dass ich ein gutes Leben gelebt habe?

John Williams schreibt mit Stoner einen Lebens – und Universitätsroman, ein Zeitzeugnis ganz ohne jeden Pathos und jede verklärende Spielerei. Williams schreibt es, wie es ist, unverblümt, ungeschminkt, manchmal fast eine Spur zu fatalistisch. So fasst er den Alkoholismus von Stoners Tochter Grace in eine so kurze wie prägnante Feststellung:

Und Stoner sah ein, dass sie, ganz, wie sie behauptet hatte, in ihrer Verzweiflung beinahe glücklich war; sie würde ihr Leben ruhig zu Ende leben, würde ein wenig mehr trinken, Jahr um Jahr, und sich gegen das Nichts betäuben, zu dem ihr Leben geworden war. Er war froh, dass sie wenigstens das hatte,dankbar dafür, dass sie trinken konnte.

Ein amerikanischer Erzähler mit einem Hauch von Bitternis.

[5 lesen 20] Judith Kuckart – Wünsche

wünscheJudith Kuckart ist eine deutsche Autorin, Regisseurin und Choreographin. Sie studierte Literatur – und Theaterwissenschaften in Köln und Berlin, arbeitete als Assistentin am Choreographischen Theater in Heidelberg und gründete das Tanztheater Skoronel. Seit Anfang der Neunzigerjahre veröffentlicht sie auch Romane und Erzählungen. Für ihre Werke wurde Kuckart mehrfach ausgezeichnet, so u.a. 2012 mit dem Anette-von-Droste-Hülshoff-Preis. Wünsche erscheint im DuMont Verlag und steht neben neunzehn anderen Romanen auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2013.

Wir alle erinnern uns noch an den Werbespot eines bekannten Optikers, in dem zwei Männer mittleren Alters völlig entspannt und im Einklang mit sich selbst in einem kleinen Boot sitzen und die Natur betrachten. ,Wenn du dein Leben noch einmal leben könntest, würdest du alles nochmal genauso machen?‘ ist die ketzerische Frage, die letztlich ganz nonchalant zum Werbeslogan leitet. Der Gefragte antwortet überraschend mit ,Nein‚, was uns, die wir doch im Alter die Weisheit zu erlangen trachten, alles, was geschehen sei, sei schon gut so gewesen, ein bisschen stört. Vielleicht beneiden wir aber auch den Mut, mit der bisher „weggelebten“ Lebenszeit so hart ins Gericht zu gehen. Ähnlich tut es auch Judith Kuckarts Protagonistin Vera Conrad, die an ihrem 46. Geburtstag im Schwimmbad den Ausweis einer fremden Frau an sich nimmt und sang – und klanglos nach London verschwindet. Ihren Mann Karatsch und ihren Sohn Jo einigermaßen achtlos zurücklassend.

Als Vera das Hotel City View verlässt, ist es halb elf. Am Waschbecken ihres Zimmers hat sie vergeblich Seife gesucht und dann das Zitronenduschgel von Salomé Schreiner benutzt, die Cold Creme von Salomé Schreiner aufgetragen und deren Lippenstift. Eine panikfreie Leere war danach auf ihrem Gesicht, das sie aus dem Spiegel anschaute. Ich, hat sie gedacht, ICH ist eine plausible Fälschung.

Zuhause werden die üblichen Mettbrötchen geschmiert, mit und ohne Zwiebeln. Der große Beamer wird aufgebaut, denn alljährlich an Silvester wird in trauter Runde der Film präsentiert, in dem Vera als Zwölfjährige mitspielte. Geduldig wartet man auf die Heimkehr der Mutter, der Frau, doch das Warten bleibt vergebens und Vera verschwunden.

Sie ahnte, dass Filmwirklichkeit eine Droge für sie sein könnte. Ja, Vera wäre gern beim Film geblieben, sowie andere gern zuhausebleiben.

Parallel zu dieser drastischen Zäsur in einem bisher durchschnittlichen Leben eröffnet Friedrich Wünsche, Erbe eines kleinen Mode – und Kurzwarenimperiums und damaliger Schauspielkollege Veras, seinen Laden neu. Für ihn heißt es künftig Zurück in die Vergangenheit. So lässt er wieder alte Drehtüren einbauen, Wände einreißen und den Charme einer Zeit auferstehen, die längst vorbei ist. Was seine kürzlich verstorbene Mutter wohl dazu gesagt hätte, ob ein solches Unternehmen wirtschaftlich überhaupt tragfähig wäre, fragt ihn die Lokalpresse. Es ginge nicht immer nur um Gewinn, sagt Wünsche.

Veras Verschwinden löst eine Welle von Veränderungen aus, nicht nur für ihre unmittelbaren Angehörigen. Ihr Mann – und ehemaliger Ziehvater – Karatsch wird zurückgelassen, als sein Sohn Jo zur See fährt. Meret, die exaltierte und etwas eigenartige Schwester Friedrich Wünsches beginnt, ihr promiskuitiv-gewagtes Lebenskonzept zu hinterfragen und sich ihrer alten Freundin Vera wieder anzunähern. Aus verschiedenen Blickwinkeln werden die Leben der Menschen aus Veras engstem Umkreis ausgeleuchtet, nicht immer zu deren Vorteil. Als Vera schlussendlich zurückkehrt, ist einiges anders.

Alle leben so. Die Stadt, in der man groß geworden ist, bleibt die Stadt, an der alle weiteren gemessen werden. Ist Heimat eigentlich dort, wo man herkommt, oder dort, wo man hinwill?

Wir alle wünschen uns manchmal, unser Leben nochmal zu beginnen, irgendwo neu anzufangen, wo uns niemand kennt, an einem Ort, an dem wir uns aller Altlasten entledigen können, die wir seit jeher schultern. Insofern ist die Idee Judith Kuckarts, dieses menschliche Bedürfnis und etwaig daraus erwachsende Konsequenzen für die anderen,in einen kleinen Kosmos zu verlagern, in dem die Wechselwirkungen eines vermeintlich besseren Lebens anschaulich geschildert werden können, eine sehr reizvolle. Dennoch vermochte der Funken nicht überzuspringen, dennoch blieben die Charaktere, insbesondere Vera, eigentümlich blass, obwohl sie doch die tragende Säule der Geschichte ist. Sprachlich zaubert Kuckart manchmal ganz herrliche Sätze aus dem Hut,die einem wie zarte Schokolade auf der Zunge zergehen, inhaltlich wird es hingegen mitunter dumpf und verworren, geschehen Dinge, die einem eigentümlich bis seltsam lebensfern erscheinen müssen. Aus diesem Roman mitzunehmen sind trotz aller unüberwindbaren Distanz jedoch für uns alle die Fragen: Sind wir zufrieden? Sind wir glücklich? Wie könnte ein besseres Leben aussehen? Insofern steht Vera exemplarisch für eine Lebensentscheidung, die auf den ersten Blick romantisch, auf den zweiten aber auch egoistisch anmutet. Oder ist es gar das Recht jedes einzelnen,einfach zu verschwinden, ganz ohne Abhängigkeiten? In der Diskussion über solche Fragen, also mehr in dem, was er nach sich zieht als in dem, was er präsentiert, liegen die unbestreitbaren Qualitäten dieses Romans.

Zwei weitere lesenswerte Rezension findet ihr bei Mara von Buzzaldrins und Kerstin von Atalantes Historien.

Sabine Peters – Narrengarten

narrengartenSabine Peters ist eine deutsche Autorin. Sie studierte Literaturwissenschaft, Politikwissenschaft und Philosophie. Seit 2004 lebt sie als freie Schriftstellerin in Hamburg. Sie erhielt bereits zahlreiche Preise und Stipendien, so z.B. den Ernst-Willner Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb sowie letztes Jahr den Georg-K.-Glaser-Preis. Narrengarten ist ihr mittlerweile siebtes Buch und erscheint im Wallstein Verlag.

Großstädte sind asphaltierte Abgründe. Wer hat sich nicht schon einmal gewünscht, einen kurzen Moment durch die Gedanken seiner Mitmenschen zu flanieren? Nicht durch die offensichtlichen, sondern die versteckten und verborgenen, durch die, die aus gutem Grund im Verborgenen stattfinden. Sabine Peters ermöglicht dem Leser mit Narrengarten genau solche Spaziergänge, Spaziergänge durch die Gefühls – und Gedankenwelten ganz normaler und alltäglicher Menschen.

Die Heimat gab es lange vor mir. Um sich ihr wieder zu nähern, könnte man in einem Bild vielleicht sagen, sie ging leicht gebeugt, ihr Gesicht war faltig. War sie alt? Auf jeden Fall hat sie viel gesehen. Und bestimmt war sie so, wie alle Heimaten sind, manchmal stur, engstirnig und verschlossen. Dann wieer öffnete sie unerwartet Türen zu ihren Kammern, Räumen, Ländereien, es gab immer Neues zu finden.

Alle Protagonisten bewegen sich im Großraum Hamburg, sind vielfach verflochten und verwebt miteinander wie ein alter und beständiger Teppich. Mal laufen sie zufällig auf der Straße aneinander vorbei, mal sind sie einander in anderer Weise, familiär, freundschaftlich, partnerschaftlich verbunden. Sie sind Bibliothekare, Psychotherapeuten, Pharmavertreter, alt und jung, verheiratet, ledig, obdachlos, krank oder einsam, auf der Suche nach einem Halt. Da ist die alte Frau Kaiser, deren Erinnerungen langsam verblassen, deren Augen den Geist schon aufgegeben haben. Trotzdem liegt auf ihrem Nachttisch noch immer ein Buch, selbst, wenn sie es längst schon nicht mehr lesen kann. Und sie denkt daran, wer sie einmal war, darüber nach, wer sie geworden ist.

Natürlich braucht ein alter Mensch noch Vorbilder! Man muss es lernen, die letzten Schritte zu gehen, muss das Sterben lernen, man kann doch nicht alles selbst erfinden. Auch wenn das letzte von selbst kommt.

Da ist Piet, ein erwachsener Mann noch immer in Angst vor seinem herrischen Vater –

Oben in der Dachstube kann er den Sturm vorüberziehen lassen. Er muss nichts tun als abwarten, es muss ihm nicht eng in der Kehle werden. Aber es ist ihm eng im Hals. Sein Herz schlägt darin. Es ist zu viel Herz im Hals.

Sabine Peters‘ Betrachtungen sind voll hintergründigen Witzes, voll Poesie, Offenheit und Authentizität. Ihr gelingt es, das Leben abzubilden, wie es für uns alle manchmal ist, in seiner Tragik und seiner Schönheit. Sie nähert sich großen Themen und Debatten, ohne jedoch aufdringlich den mahnenden Zeigefinger zu heben, ohne den Eindruck zu erwecken, sie nutze ihre Figuren bloß als Vehikel für eigene Ansichten. Narrengarten ist ein ganz zauberhaftes Buch, für das man sich Zeit nehmen muss, um es gebührend zu würdigen. Literarisch anspruchsvoll verwebt Sabine Peters die Lebensgeschichten der Menschen zu einem mannigfaltigen Potpourri, wie man es sich gern servieren lässt! Mal scharfzüngig, mal ganz leise und bedächtig erzählt sie uns von „Narren“, die vielleicht gar keine sind.