Ivica Djikic – Ich träumte von Elefanten

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Ivika Djikic ist ein bosnischer Autor und Journalist. Sein 2003 erschienener Debütroman ,Circus Columbia‚ wurde verfilmt und erzählt die Geschichte eines jungen Bosniers, der nach dem Ende kommunistischer Führung in seine kleine Heimatstadt zurückkehrt und sich, kurz vor Ausbruch der Balkankriege, in dieser neuen Gesellschaft nicht zurechtfinden kann. ,Ich träumte von Elefanten‘, erschienen in der Übersetzung von Patrik Alac im Kunstmann Verlag, widmet sich nun der Zeit nach dem Krieg, – und mit ihr einer familiären Tragödie und einem zerfallen(d)en Land.

Ich hatte ihr nicht alles erzählt, was ich wusste, aber genug, um alle von ihren Sesseln aufspringen zu lassen. Ich erwähnte nicht viele Namen. Ich sprach über einige unserer Morde. Über die Kriterien, nach denen die Leute ausgewählt wurden, und über die Methoden, mit denen wir die Serben töteten. Über nächtelange Folter. Die Zeitung veröffentlichte alles, alles was ich gesagt, das heißt, alles, was Nada aufgeschrieben hatte. Das ganze Land hörte wieder von mir, überall fanden sich Fotos von mir.

Kurz danach werden viele Kroaten wieder von dem Mann hören, der sich einer Journalistin gegenüber so freimütig über die Massaker an zahllosen Serben äußert. Jedoch nicht etwa, weil man ihm die Ehrlichkeit dankt. Andrija Sucic, ehemaliger Angehöriger der präsidialen Leibgarde, wird vor seinem Haus kaltblütig erschossen. Leblos liegt er in einer Lache seines Blutes, als sein Sohn Bosko Krstanovich die Bilder im Fernsehen sieht. Er ist schockiert und wie erstarrt, obwohl er doch seinen Vater niemals leibhaftig getroffen hat.

In den Nachrichten erfuhr ich vom Tod meines heimlichen Vaters. Ich war gerade aufgewacht, als das Abendjournal begann. Ich hatte lange geschlafen. Ich drehte den Ton auf. Mein Vater war die erste Meldung dieses 17.Oktobers 1999.

Bosko Krstanovich arbeitet beim kroatischen Geheimdienst in der Abteilung für organisiertes Verbrechen und ist sich relativ schnell sicher, dass hinter dem Tod seines Vaters die Mächtigen stecken, denen das Gerede des verwirrten und traumatisierten Susic gefährlich werden könnte. Bosko beginnt gemeinsam mit Mara Ištuk, einer jungen Staatsanwältin, die den Tod eines gewissen Jadran Rimuc verhandelt, Nachforschungen über den Tod seines Vaters anzustellen. Der hatte sich zuletzt nahezu krankhaft der Pflege eines Elefantenweibchens gewidmet, um seine Kriegsverbrechen aufzuwiegen und sein tobendes Gewissen zu beruhigen. Als das Geld für Futter und Unterbringung nicht mehr genügt, lässt er sich von der Regierung bezahlen, seine Familie hat er längst verloren.

Ivica Djikic führt den Leser in einen nahezu undurchdringlichen Dschungel aus Korruption, Gewalt und Kriminalität, auf einen irren Nachkriegstrip, der zwischen Zagreb und Frankfurt hin – und herpendelt. Günstlinge des Systems, Flüchtlinge, Abgeordnete und Regierungsbeamte versuchen ihren Platz in einem Land zu finden, das nach den Balkankriegen in viele einzelne Länder zerfallen ist. Jugoslawien gibt es nicht mehr, von nun an ist es von höchster Bedeutung, ob man Serbe, Kroate oder Bosnier ist.

Jadran Rimac war Kroate, und er war sich dessen bewusst. Er wusste auch, dass sein bester Freund Aleksandar Markovic Bumbar ein Serbe war, aber er konnte darin keinen hinderlichen Umstand für ihre Freundschaft erkennen. Jetzt arbeiteten beide für sich und für Jugoslawien, und für das Regime des Landes, das alles tat, damit sich die Menschen weniger als  Kroaten oder Serben fühlen, mehr als Jugoslawen. Die Mühe war vergeblich.

Die Geschichte um Bosko Krstanovich und seinen Vater Andrija Susic wird aus mehreren Perspektiven in zeitlich alternierenden Episoden erzählt. In der Gegenwart steht der gewaltsame Tod des Vaters im Vordergrund, dahinter eröffnet Djikic ein Panorama kroatischer Geschichte Anfang der 90er Jahre, das in seiner Fülle beachtlich und besonders ist. Insbesondere die kroatischen Flüchtlinge in Frankfurt, die verzweifelt versuchen, mit kriminellen Machenschaften ihr Überleben (und das ihrer Familie in der Heimat) zu sichern, haben hier einen besonderen Stellenwert, – bilden sie doch beinahe eine mafiöse Parallelgesellschaft neben deutschem Alltags(er)leben. Dieser intensive und komplex geschriebene Roman bietet einen detaillierten und hochinteressanten Einblick in die Entwicklung eines der ehemaligen Balkanstaaten und zeigt, was es bedeuten und wie tiefgreifend es das Leben verändern kann, die eigene Heimat zu verlieren und mit den Wunden eines Krieges zu leben. ,Ich träumte von Elefanten‚ ist eine spannende Mixtur aus Politkrimi und Roman, der das Lesen fraglos lohnt.

Das Restaurant ,Nerevta‘ war der Treffpunkt vieler Südländer, denen das Lokal  von Jure Vokic die stärkste Verbindung mit ihrem Herkunftsland bedeutete: Das war der Ort, an dem sie die ungelenk geschriebenen Briefe aus der Heimat empfingen, oder fettige Pakete voll Balkannahrung, oder zu Tode erschrockene Verwandte mit großen Erwartungen: in der Gegenrichtung reisten vielfach gefaltete Briefumschläge mit Geld, Kisten voll Waschmittel und ab und zu eine Tafel Schokolade, die auf dem Weg ihren Aggregatzustand wechseln sollte.

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Ivica Djikic – Ich träumte von Elefanten, 239 Seiten, Kunstmann Verlag, 978-3-88897-860-9

Roman Simić – Von all den unglaublichen Dingen

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Roman Simić ist ein kroatischer Autor und Verlagslektor. Simić war Herausgeber der wichtigsten kroatischen Literaturzeitung Quorum und ist noch Organisator und Programmdirektor des Festival Of European Short Story. Er gewann bereits mehrfach den Goran Preis für junge Dichter. Ich habe bereits Simićs ersten Erzählband ,In was wir uns verlieben‚ hier besprochen, ,Von all den unglaublichen Dingen‚ erschien im September 2013 wie sein Vorgänger bei Voland und Quist in der Übersetzung von Brigitte Döbert.

,Wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen‚, schrieb Ludwig Wittgenstein. Vielleicht könnte man diesen Leitsatz etwas modifizieren und sagen: Wovon man nicht reden kann, darüber muss man schreiben. Von unglaublichen, unsagbaren Dingen, die erst mittels Sprache Gestalt annehmen. So jedenfalls erscheint es einem, wenn man Roman Simićs Erzählungen liest. Sie alle handeln von Menschen in Einsamkeit, in Extremsituationen, abgeschnitten von der Alltäglichkeit. In allen seinen Geschichten spielt der Kroatienkrieg Anfang der 90er eine zentrale Rolle, wie ein konstanter Ton unterlegt er die verschiedenen Schicksale. Nicht um die Gräuel des Krieges geht es, jedenfalls nicht vorrangig, es geht um die Menschen. Darum, wie der Krieg sie verändert, selbst wenn der einige Kilometer weit entfernt ist und sich nur durch gelegentliches Sirenengeheul ins Bewusstsein bringt.

Ich denke: So selten sie an die Oberfläche dringen mag, unser ganzes Leben ist von ihr bestimmt – unserer Vergangenheit. Deine und meine Geschichten, verflochten, abends auf der Couch, nach der Arbeit, wenn wir ins Kino gehen, vorm Fernseher, nach dem Liebemachen- es wäre schön, sie loszuwerden, wenigstens für kurze Zeit, aber wie?

Da ist der junge Mann, der im Zoo sitzt und Briefe an seine Liebe schreibt. Briefe voll Fragilität und den Geschichten zweier Liebender, deren Familien durch den Krieg schwer erschüttert wurden. ,All unsere Geschichten bringe ich in diesen Zoo, damit sie an die frische Luft kommen, denn die verschwindet manchmal zwischen uns.‘, schreibt der Erzähler, den Brief allerdings schickt er niemals ab, händigt er nicht aus. Manchmal lähmt ein Schweigen zur falschen Zeit noch lange über die Situation hinaus.

Simić erzählt von einem Vater und seiner Tochter, die eigentlich nichts voneinander wissen. Die Tochter besucht das Elternhaus regelmäßig mit einem Veilchen im Gesicht, ihre Partner schlagen sie. Ich überlege, wie gut wir uns kennen. Ich weiß von ihr nicht mehr als ich sehe., gesteht der erzählende Vater, während auch ihn ein Leiden plagt, von dem niemand etwas weiß. Er hat Krampfanfälle, kann jeden Moment zu Boden stürzen, sich ernsthaft verletzen und niemand wüsste, was mit ihm geschieht. Die Stimmung ist bedrückend, keine Nähe und Vertrautheit möglich.

roman-simic-coverAber wenn sie ganz ehrlich gewesen wäre und ganz genau, dann war dieser Krieg in ihrer Erinnerung kein richtiger Krieg, er war ein Hintergrundgeräusch, zwei, drei Donnerschläge im Hinterland, das gelegentliche Heulen der Sirenen, leere Strände, nichts von Bedeutung. Die Schnaken waren blutrünstiger, das Kind lauter als er. Der wahre Krieg war woanders, dachte sie, alles Wichtige passiert in uns.

Etwas hat die Protagonisten auseinandergerissen, versprengt in kleine Gruppen, auf kleine Inseln, mit sich hadernd. Vielleicht ist es der Krieg und die permanente Bedrohung der eigenen Existenz, vielleicht sind es falsche Entscheidungen, die falschen Menschen. Ein junges Paar besucht gemeinsam die Nachbarn, die im Café überraschend auf die beiden zukamen und um Gesellschaft baten. Das schicke sich nicht, aber er sterbe gerade. So sitzt der alte Nachbar mit den knochigen Knien im Trainingsanzug am offenen Fenster und stirbt, während seine Frau und das junge Paar auf dem Balkon über Dinge reden, die es nicht gibt.

Wir saßen also auf dem Balkon und redeten über ein Pferd, das es nicht gab, mit einem Mann, den es bald nicht mehr geben würde, und seiner Freundin, einer dicken, schweißgebadeten Frau, die nichts dramatisierte, am wenigsten den Tod, schwer zu sagen ob wegen langjähriger Erfahrung, Lehrern, Psychologen, Jahren der Geduld.

Ein Mann besucht den Ex-Partner seiner Frau im Irrenhaus, wo der düstere Poeme auf Toilettenpapier schreibt. Eine Frau fährt mit ihrer Tochter immer gegen den Strom, immer dorthin, wo sonst niemand ist. Simićs Kurzgeschichten sind von einer intensiven Authentizität und Besonderheit, dass man in ihnen verschwinden, sich von der beeindruckenden Stimmung, die manchmal fast ins Surreale schwappt, mitreißen lassen möchte. Was ist wichtig? Was zählt im Leben angesichts des Todes? Was bedeutet unsere Vergangenheit und wie beeinflusst sie unsere Zukunft? All die kleinen und großen Dinge des Lebens finden ihren Platz in diesen Erzählungen, manchmal mit trockenem Humor, immer aber mit einer feinen Beobachtungsgabe und einem Sinn für die kurzen, vorbeihuschenden Augenblicke. Eine lohnenswerte Lektüre!