Martin Kordić – Wie ich mir das Glück vorstelle

martin-kordicMartin Kordić ist ein deutscher Autor und Lektor. 1983 in Celle geboren, studierte er am Institut für Literarisches Schreiben an der Universität Hildesheim und der Universität Zagreb. Er war Herausgeber der Literaturzeitschrift BELLA triste und künstlerischer Leiter des Literaturfestivals Prosanova. ,Wie ich mir das Glück vorstelle‚ ist sein erster Roman, erschienen im Hanser Verlag.

Viktor ist anders. Anders als die meisten Kinder seines Alters. Als er von seiner Oma mit der Schinkengabel aus dem Bauch seiner Mutter geholt und gerade noch davor bewahrt wird, beim Betreten der Welt einen Genickbruch zu erleiden, ist er schief und schräg. Er muss ein Korsett tragen, die sogenannte ,Rückenspinne‘, die durch stetigen Druck dauerhaft nässende Wunden an seinem Rücken hervorruft. In Viktors Land ist Krieg, den er, von seiner Familie getrennt, mit dem einbeinigen Dschib, einem Hund namens Tango und dem rothaarigen Mädchen zu überleben versucht.

Seine Familie verliert Viktor bei einem vom Militär angeordneten Umzug, vom Dorf der Glücklichen, wie es genannt wird, auf die andere Seite des Flusses. Den einbeinigen Dschib indessen lernt Viktor auf einem Friedhof kennen. ,Seine Augen gucken nirgendwo richtig hin. im Gesicht sind ganz viele Falten. Der Junge hat die Haare und das Gesicht von einem Opa und die Haut von einem Wüstenmenschen.‘ Dschib ist ein verwahrloster Hütchenspieler, der Viktor über’s Ohr hauen will, – was ihm unglücklicherweise misslingt. Fortan ziehen die beiden gemeinsam durch die Ruinen eines Landes, schlafen in einer alten Baracke, deren Fenster sie mit Pappe verkleben, sammeln Granatsplitter, Schmuck und Kleidung.

Der einbeinige Dschib kämpft gegen alle und sagt: Die Sniper schießen immer genau an mir vorbei. Das machen die mit Absicht, das machen die nur mit uns Dschibs. Statt dass die mich einfach mal abknallen.

Zwischen diese Episoden mit dem einbeinigen Dschib mischen sich auch immer wieder Erinnerungen an Viktors Familie. An das Zusammenleben auf engstem Raum, mit Onkeln, Tanten, deren Kindern, den Eltern und den Großeltern. Ein Fernsehteam besucht die Familie, hält ihr Elend filmisch fest, zeigt Viktors Oma bei der Zubereitung von Teigschnecken. Ist der Vater anfangs noch zuhause, wird er schließlich zum Militärdienst einberufen und kehrt nur noch sporadisch zurück. Er ist verändert, in sich gekehrt und wenn er da ist, darf niemand mit ihm sprechen.

Der Vater ist der gute Krieger und Fibovier ist das gute Gewehr. Mit Fibovier erschießt der Vater viele Menschen, die ihn auch erschießen wollen. Der Vater ist schneller als die anderen. Der Vater kann Menschen erschießen,die noch gar nicht wissen, dass der Vater die schon sieht.

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Akribisch hält Viktor seine Erlebnisse auf einem Block fest, mit einem alten Bleistift, für den, der diese Geschichte liest. Wer auch immer das sein mag. Martin Kordićs Roman entfaltet durch die kindliche Perspektive auf den Bosnienkrieg eine ungeahnte Kraft. Der kleine Viktor versteht keine politischen Zusammenhänge, er begreift nicht, warum gekämpft wird, er versucht nur, zu überleben und sieht die Ereignisse völlig wertfrei so, wie sie sind. Wo ein Erwachsener womöglich Schönfärberei betriebe oder ideologisch beeinflusst wäre, ist Viktor unnachahmlich nüchtern. Und gerade durch diese Nüchternheit entsteht ein unglaublich präzises Bild der Zustände, in denen der Junge lebt. Einsamkeit, stetige Angst, Hunger und Elend.

Ich muss durch die Straßen ziehen, in die sich keiner mehr traut. Ich muss alles einsammeln, was der einbeinige Dschib für uns gebrauchen kann. Ich soll vor allem Geschosse und Raketenteile suchen. Ich muss aufpassen. Es kann immer sein, dass da noch was in die Luft fliegt, wenn ich das anfasse. Ich verstecke mich hinter einer Mauer. Dann schmeiße ich ein paar Steine auf das Metall und gucke, was passiert.

Als Viktor auch den einbeinigen Dschib verliert und plötzlich ganz auf sich allein gestellt mit seinem Hund umherzieht, wird er von zwei Schwestern der Gebetsgemeinschaft der Söhne Marias zu deren Siedlung gebracht. Dort wird Tag für Tag gebetet und auf einen Berg gepilgert, wo man die Erscheinung Marias erwartet. Dieser Roman ist, trotz seiner Kürze, nicht ganz leicht verdaulich. Während um Viktor herum alles zerfällt, während er alles verliert, muss dieser Junge sich behaupten. Kordić hat für diesen harten Stoff die richtige, wenn auch ungewöhnliche Perspektive gefunden. Und in Viktor einen ganz besonderen Protagonisten, der einem unweigerlich ans Herz wachsen muss. Es ist das Märchen eines Jungen, der trotz aller Zerstörung noch immer die Vorstellung des Glücks wagt.

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Ein Artikel über Martin Kordićs Debüt in der Literarischen Welt.

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Jochen Rausch – Krieg

kriegJochen Rausch ist ein deutscher Autor, Musiker und Journalist. In den 80er Jahren war er für den Westdeutschen Rundfunk tätig, seit 2000 ist er Wellenchef des Hörfunkprogramms von 1live. Sein Debütroman Restlicht erschien 2008, 2011 die Kurzgeschichtensammlung Trieb. Sie erschienen,wie auch sein neuester Roman, im Berlin Verlag.

Eine abgelegene Hütte hoch in den Bergen, Schnee, widrige Wetterverhältnisse, graue Wolken, ein Mann und ein Hund. Aus diesen Bestandteilen setzt sich zunächst die Kulisse von Jochen Rauschs neuem Roman zusammen. Auf den ersten Seiten sammelt sich bereits eine Beklemmung, die fast mit Händen zu greifen, eine Einsamkeit, die schmerzlich zu spüren ist. Arnold Steins hat sich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen, lebt in Isolation und Vergangenheit, die einander bedingen.

In den Nächten hört er Schüsse, wenn es denn Schüsse sind. Manchmal hört er auch Schreie. Aber wenn Arnold die Tür aufzieht, nicht weiter als einen Spalt nur, dann sind da nichts als die Dunkelheit und das Rauschen des Waldes, das harmlose Gluckern des Bachs und ein gelegentliches Knacken im Geäst. Hin und wieder schwingt sich ein Vogel auf und schlägt mit den Flügeln. Seit Arnold auf dem Berg ist, verging nicht eine Nacht ohne Schüsse und Schreie.

Wie viele Menschen hat Arnold Steins sich in die Einsamkeit geflüchtet, um zu vergessen. Und wie viele Menschen erlebt er genau durch dieses Zurückgeworfensein auf sich selbst ein fatales Abgleiten in seine Erinnerungen. Sein Sohn Chris hat sich vor einigen Monaten dazu entschlossen, Berufssoldat zu werden. Freiwillig in ein Kriegsgebiet zu gehen. Zu ,den Männern mit den Bärten‚, wie er seinem Vater in den E-Mails aus dem Lager schreibt. Aus Afghanistan vermutlich. Alle verzweifelten Versuche, den Sohn doch zu einem Studium oder wenigstens dem Verbleib in Deutschland zu überreden, bleiben fruchtlos. Er wird schon heil zurückkommen, sagen sich alle.

Zwei Wochen später mailte der Junge ein Foto. Chris im Kampfanzug. Er hockt auf einem Klappstuhl. Auf seinen Knien ein Helm mit Sprechfunkapparatur. An seinem Gürtel hängt eine Handgranate. Am Stuhl lehnt ein Gewehr. Die Stiefel des Jungen sind staubbedeckt. Hinter Chris erhebt sich ein gewaltiges, nacktes Gebirge aus braunen und grauen Felsen. Die deutsche Fahne flattert am Mast, und die Abendsonne schimmert einen rötlichen Glanz auf sein Gesicht.

Kaum ist Chris aufgebrochen, befinden seine Eltern sich im Ausnahmezustand. Arnold hört einen permanenten Pfeifton, Karen, seine Frau, beginnt in beunruhigend großen Mengen Cognac zu trinken. Er riecht es, aber sagt nichts. Jeder muss auf seine Art mit dieser Folter zurechtkommen, jeden Tag könnte jemand kommen, begleitet von einem betroffen dreinblickenden Geistlichen. Jeden Tag könnte jemand die Todesnachricht überbringen. Als es dann tatsächlich passiert, nur wenige Wochen vor Chris‘ geplanter Rückkehr, fallen Arnold und Karen in eine Art Schockstarre. Als kurze Zeit später auch Karen stirbt, geht Arnold in die Berge.

Jochen Rauschs Roman spielt sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart. Sowohl die Entscheidung seines Sohnes als auch Arnolds Rückzug in die Berge werden von Rausch intensiv geschildert. Und je näher beide Erzählstränge sich kommen, desto mehr verschwimmen sie. Arnolds Hund wird mit einem Bolzen angeschossen, in seine Hütte wird eingebrochen. Bedroht ihn dort, in der Einöde dieser Berghütte, tatsächlich ein Wahnsinniger? Arnold befindet sich, so glaubt er immer mehr, im Kriegszustand gegen einen Unbekannten. Und dabei womöglich viel mehr im Krieg gegen sich selbst und seine Erinnerungen, die er nicht loslassen kann.

Die Mülltonnen in Reih und Glied, nach Farben sortiert. Die Autos unter den Carports. Alles perfekt. Alles wie immer. All das, was an Bösem geschieht auf der Welt, geschieht an anderen Orten und nicht an einem wie diesem.

In einer nüchternen, schnörkellosen und dadurch nur umso eindringlicheren Sprache beschreibt Jochen Rausch das Schicksal derer, die zurückbleiben, ebenso Opfer des Krieges, indirekte, weit entfernte. Er beschreibt den Kampfzustand, in dem sich ein jeder befindet, der schwere Verluste verkraften, Unbegreifliches begreifen muss. Ein Roman, der nachdenklich stimmt, der den Leser in diese Abgeschiedenheit hineinzieht, in der Vergangenheit und Gegenwart ineinander verlaufen. Kommt das Ende des Romans auch mit der Brechstange – und hätte es da eines filigraneren Instruments bedurft – ist und bleibt die Lektüre ein wirkmächtiges und intensives Leseerlebnis!

Linus Reichlin – Das Leuchten in der Ferne

Linus Reichlin ist ein deutscher Autor. 1985 begann er zunächst Reportagen und Essays zu schreiben, später erreichte er mit der literarischen Kolumne Moskito in der Weltwoche größere Bekanntheit. 2009 wurde Reichlin mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. Sein Roman Der Assistent der Sterne wurde außerdem 2010 zum Wissenschaftsbuch des Jahres in der Sparte Unterhaltung gekürt. Reichlin lebt in Berlin.

Sind alltägliche Routine und die damit einhergehende Gleichförmigkeit des Erlebten nicht manchmal lähmend? Ist es mitunter nicht unerträglich, immer dieselben Laufwege abzugehen, Tag für Tag, Woche für Woche? Jeden Morgen denselben Menschen im Bus zu begegnen, jeden Tag dieselben Häuserfassaden im Vorbeigehen zu mustern? Moritz Martens jedenfalls ergeht es so. Er ist Journalist, Kriegsreporter und Auslandskorrespondent, doch schon länger bleiben die Aufträge aus, seine Ehe ist zerbrochen, er fühlt sich allein und vom täglichen Einerlei erdrückt. Zwar hat er seine Liebschaften, doch auch die stimmen ihn hinsichtlich des „Sesshaftwerdens“ nicht versöhnlicher. Er liebt gutes Essen und teuren Wein, überhaupt die komfortablen Vorzüge unserer westlichen Welt. Doch eigentlich zieht es ihn mehr hinaus in die Krisengebiete dieser Welt, ins Archaische und Ursprüngliche.

Die Kollegen, die Artikel gegen Fluglärm schrieben, taten das Ihre, um die Welt ruhiger zu machen oder gerechter, was auch immer. Man tat sich keinen Gefallen, wenn man das gering schätzte, und vor allem nicht, wenn man andererseits die Gefahren verkannte, die der Kontakt mit dem Ungewöhnlichen, dem Schrecklichen mit sich brachte. Das Schreckliche veränderte den Maßstab für die Bedeutung der Dinge. Alles, was weniger schrecklich war, wurde auch als weniger bedeutend empfunden, manchmal selbst die Liebe und das Vertrauen. Das Schreckliche nahm für sich in Anspruch, das einzig Bedeutsame zu sein, alles andere wurde als im Vergleich dazu banal herabgestuft. Wenn man dem nachgab, war man verloren, es war der erste Schritt in die Obsession, in die arrogante Geringschätzung des Alltagslebens und der Arbeit anderer.

Fast wie gerufen kommt da Miriam Khalili, die ihm, als er sie kennenlernt, eine nahezu unfassbare Geschichte erzählt. In der Wüste Afghanistans gibt es eine Gruppe Taliban, angeführt von dem ungewöhnlich brutalen Dilawar Barozai, in deren Reihen ein Mädchen ist, das nun aus Afghanistan fliehen wolle. Es sei als Junge verkleidet und in höchster Gefahr, der Talibanführer würde sie töten, wenn er wüsste, dass sie als Frau mit ihnen marschiert. Martens als Journalist wittert eine großartige Geschichte und willigt ein, trotz der hohen Geldforderungen und ohne weiter zu recherchieren. Er ist nur froh, endlich wieder seine Sachen zu packen und ins Abenteuer aufzubrechen. Sein Blick für Gefahr scheint von dem unbedingten Bedürfnis nach dem Unüberschaubaren gewichen und so lässt er sich auch von Widersprüchen, in die sich Miriam nach und nach verstrickt, nicht von der Reise abhalten.

Kein einziges Mal, seit sie im Camp waren, hatte er Miriam forografieren gesehen. Das fand er ungewöhnlich, auch für eine Fotografin, die wie sie lange nicht mehr in ihrem Beruf gearbeitet hatte. Fotografen waren immer neugierig auf Motive, auch wenn es nicht direkt mit ihrer Arbeit zusammenhing, sie knipsten dauernd irgendwas, aus privatem Vergngügen. Er steckte die Hand in Miriams Tasche. Es war ein Vergehen, aber er wollte nicht verzeihen, ohne zu wissen, was. Er schob die Kleider beiseite, tastete darunter nach einer Kamera. Zuerst suchte er nur oberflächlich, dann gründlich. Da war keine Kamera.

Es zeigt sich schnell, dass die Geschichte rund um die Bacha Posh nur ein Vorwand war und es eigentlich um Miriams Mann geht, der von den Taliban festgehalten wird. Sie wollen ihn freikaufen und wieder aus Afghanistan verschwinden, doch nach einem Zwischenfall werden sie von Dilawar Barozai und seinen Männern der Spionage verdächtigt. Sie sehen schon dem Tod ins Auge, da opfert sich Martens für Miriam, ihren Mann und ihren kleinen Sohn Sinan. Er wird monatelang mit den Taliban durch unwegsames Gelände streifen, er wird Zeuge einer Steinigung und es wird sein Leben komplett verändern.

Linus Reichlin erzählt hier die Geschichte eines Mannes, der, für mich, mitnichten ein Sympathieträger ist. Selbst angesichts der größten Katastrophen kann er an guten Wein denken und vorzügliches Essen, an seinen eigenen Adrenalinkick oder den Roomservice irgendeines Hotels. Er war bisher immer in der angenehmen Lage, eine desolate und gefährliche Situation jederzeit verlassen zu können, in jedem Krisengebiet der Welt konnte er abends doch immer wieder mit anderen Journalisten an einer Hotelbar sitzen und froh darüber sein, dass sein Leben ein anderes, ein sichereres ist. Und diese Sicherheit solange ausreizen, bis es ihn wieder ins Abenteuer treibt. Gefangen bei den Taliban hat er diese Möglichkeit nicht, er muss sich arrangieren, er muss dem ins Auge blicken, was er zuvor häufig mehr als eigenes Freizeitvergnügen verstanden hat, denn als grausame Realität.

Er war sein Leben lang in unbequemen Weltgegenden unterwegs gewesen, aber noch nie hatte sich die Freiwilligkeit so ins Gegenteil verkehrt wie jetzt, noch nie war er so entfernt gewesen von einer Hotelbar. Die Hotelbar, in die man sich zurückzieht, am Tresen andere Journalisten, die mit denselben Erlebnissen nicht fertigwerden wie man selbst. Du trinkst mit ihnen, was das Land an alkoholischen Getränken bietet, du hörst draußen vor dem Hotel die Schüsse. Morgen gehst du wieder raus, schaust zu, wie sie einander töten, aber du weißt, an der Hotelbar triffst du abends die Menschen, die wissen, wovon du sprichst und warum du mit ihnen reden willst, sie wollen es auch.

Nach den Monaten mit den Taliban ändert sich diese Einstellung grundsätzlich. Es werden andere Dinge wichtig, es reduziert sich alles auf Empfindung, auf Sinneswahrnehmung, das logische und dezidierte Nachdenken spielt plötzlich keine Rolle mehr, ist gar hinderlich beim bloßen Überlebenskampf. Plötzlich beginnt er, die betenden Taliban um ihn herum besser zu verstehen – es ist alles, was sie haben. Linus Reichlin ist ein sprachlich ausgefeilter und sehr interessanter Roman gelungen, der das Leben in Afghanistan mal von einer ganz anderen Seite beleuchtet und durchaus Fragen darüber aufwirft, wie wir, die wir weit entfernt von diesem Konflikt leben, eigentlich damit umgehen. Es war angenehm, mit Moritz Martens keinen bloßen Betroffenheitsjournalisten vorzufinden, sondern einen, an dessen Habitus man sich reiben, dessen Handeln man in Frage stellen kann. Bisher wurde Reichlin ja sehr unterschiedlich besprochen, ich kann nur sagen: Das Lesen lohnt sich!