Wortreiche Geschenke

adventDas Weihnachtsfest naht schnellen und festen Schritts. Und wieder einmal stellt sich jeder von uns die bange Frage nach dem passenden Weihnachtsgeschenk. Trotzdem immer wieder hartnäckig der Niedergang des Lesens, des gedruckten Buches insgesamt, prophezeit wird, landen jedes Jahr eine Menge literarische Geschenke unter den heimischen Weihnachtsbäumen. Allen Unkenrufen zum Trotz verschenken wir immernoch Eintrittskarten in fremde Welten, Passierscheine für die Brücken, die aus dem Alltag hinausführen und uns andere Perspektiven eröffnen. Dennoch alljährlich dieselbe Frage: Welche Bücher verschenken? Bei rund 90.000 Neuerscheinungen jedes Jahr fällt die Entscheidung nicht leicht – und da sind noch nicht einmal die zahlreichen Klassiker eingerechnet, die bereits seit Jahrzehnten beliebt und begehrt sind. Von mir nun ein kleiner Überblick schenkenswerter Werke, von humorvoll bis tragisch, von unterhaltsam bis literarisch. Was Weihnachten unter der nadelnden Nordmanntanne liegen darf, kann, muss oder sollte. Der Einfachheit halber in Kategorien eingeteilt.

Geschichte

geschichteBücher, die sich historischen Gegebenheiten widmen oder ihre Erzählung bewusst in einer bereits vergangenen Epoche ansiedeln, gibt es viele. Ich habe drei verschiedene zusammengetragen, die auf ganz unterschiedliche Art und Weise geschichtlich sind. Robert Seethalers ,Der Trafikant‚ (Rezension) spielt im Wien der späten 30er-Jahre, kurz vor Einmarsch der Nationalsozialisten. Franz Huchel, ein sechzehnjähriger Junge aus der Provinz, wird in die Großstadt geschickt, um Geld zu verdienen. Im Tabaktrafik des Otto Trsnjek trifft er auf einen ganz besonderen Kunden – Sigmund Freud. Eine wundervolle Verquickung von Realiät und Fiktion. Ulrike Edschmid entführt uns in die späten 60er Jahre, in den terroristischen Untergrund der Bundesrepublik. ,Das Verschwinden des Philip S.‘ (Rezension) ist die wahre Geschichte des Werner Sauber, der sich bewusst in dieser Zeit für das Abtauchen entschied. Ulrike Edschmid kannte ihn gut und so gerät dieser schmale Band nicht nur zu einem beeindruckenden historisch-politischen Zeugnis, sondern auch zu einer ganz persönlichen Rückschau. DDR-Romane gibt es zur Genüge, wenige aber sind so charmant, poetisch und wahrhaftig wie Kathrin Aehnlichs ,Wenn die Wale an Land gehen‚ (Rezension). Ein Rückblick, eine Abrechnung und Jugenderinnerungen an das Aufwachsen in einem Überwachungsstaat, einem erdrückenden System.

Gesellschaft

gesellschaftAuf unsere Gesellschaft kann man ganz verschieden blicken, im Gewand einer Novelle, mit journalistisch präziser Analyse oder hintersinniger Satire. Meine drei ausgewählten Bücher in dieser Kategorie tun genau das, jedes auf seine Weise. Jonas Lüschers ,Frühling der Barbaren‚ (Rezension) erzählt vor der Kulisse des Orients den Zusammenbruch des Kapitalismus, vom Ausbruch der Barbarei unter den Menschen, die ihr Geld verlieren. Und stellt ganz nebenbei die Frage, ob die Barbarei nicht schon viel früher anfängt. Amy Waldman hält uns in ,Der amerikanische Architekt‚ (Rezension) den Spiegel vor und entlarvt mit nahezu genüsslicher Präzision tiefsitzende Vorurteile einer Gesellschaft. Was geschieht, wenn ein Mann namens Mohammed Khan ein Mahnmal für die Opfer des 11.September bauen soll? Einen ganz und gar humoristischen Blick nimmt Marc-Uwe Kling in ,Die Känguru-Chroniken‚ (Rezension) ein – der Kleinkünstker und das kommunistische Känguru sind zwar stets zum Lachen, bei genauerer Betrachtung verbergen sich aber auch hinter diesen pointierten Passagen wenig amüsante Wahrheiten. Sie sind nur nicht mehr ganz so brachial, wenn sie von einem Beuteltier ausgesprochen werden.

Familie

familieAuch mit Familien beschäftigt sich die Literatur immer wieder gern, am liebsten mit ihrem Niedergang, ihrer Auflösung. Wen interessiert die Rama-Werbefamilie? Spannend wird es doch dort, wo die Fassade bröckelt. So auch in meinen drei Büchern zum Thema Familie. Peter Buwalda hat mit ,Bonita Avenue‚ (Rezension) bereits die Sprengung des Familiären vorgenommen. Geheimnisse, Schweigen, gescheiterte Eltern-Kind-Beziehungen und die Explosion einer Feuerwerksfabrik, – ein sprachgewaltiger Roman, der mich sehr beeindruckt hat. ,Meine Mutter war hässlich‚ lautet der erste Satz aus Sarah Strickers ,Fünf Kopeken‚. (Rezension) Hier geht es aber keineswegs um ästhetische Abwägungen, es ist die Geschichte einer Mutter, erzählt von ihrer Tochter mit beißendem Witz und tragischem Ernst. Eine ganz besondere Erzählstimme und ein höchst gelungenes Debüt! Joachim Meyerhoffs ,Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war‚ (Rezension) greift im Titel nicht nur das Trügerische an Erinnerungen und ihre ständige Unzuverlässigkeit auf, sondern erzählt aus seiner Kindheit, von dem Aufwachsen auf dem Gelände einer psychiatrischen Klinik und den Auswirkungen auf seine Familie.

Pure Poesie

pure poesieManch ein Buch packt mit einer Sprache, die so beeindruckend ist, so tief reicht und sich noch lange nach Beendigung der Lektüre ins uns verankert, dass wir es am liebsten noch ganz lange bei uns haben wollen. So geschehen mit den drei Romanen dieser Kategorie. Katharina Hartwells ,Das Fremde Meer‚ (Rezension) hat in Bloggerkreisen hohe Wellen geschlagen, vermutlich ist es _das_ Litblogbuch des Jahres. In zehn verschieden-gleichen (kein Widerspruch!) Geschichten das Schicksal zweier Menschen und ihre Liebe zueinander, in einem Buch die heilende Kraft des Erzählens. Auch Dina Nayeris ,Ein Teelöffel Land und Meer‚ (Rezension) entfaltet eine facettenreiche und bildhafte Sprache vor dem Hintergrund der iranischen Revolution. Zwei Schwestern, die sich verlieren, ein Mädchen, das lange gegen die Wahrheit ankämpft und schließlich beginnt, zu akzeptieren. Ein Familienroman, ein Geschichtsroman, einfach ein herrliches Stück Literatur! Wolfgang Sofsky macht uns durch ,Einzelgänger‚ (Rezension) mit so einigen Eigenbrötlern bekannt. Mal in märchenhafter Form, mal als klassische Erzählung, aber immer in so kraftvoller und eindringlicher Sprache, dass man sich kaum wehren kann. Prädikat: Literarisch beinahe unbezahlbar!

Graphic Novel

graphic novelAuch im Bereich der Graphic Novel hat sich dieses Jahr wieder einiges getan. Mit meinen drei Empfehlungen in dieser Kategorie kann man bei Liebhabern der zeichnerischen (Wort)kunst eigentlich wenig falsch machen. Begonnen mit Mana Neyestanis erschütterndem Bericht ,Ein iranischer Alptraum‚ (Rezension), der seine Inhaftierung in eines der berüchtigtsten Gefängnisse des Irans allein aufgrund einer Karikatur dokumentiert über das Kafka-Porträt (Rezension) von David Mairowitz und Robert Crumb – das indessen locker jedem Literaturlexikon das Wasser reichen kann – bishin zu Guy Delisle und seinen ,Aufzeichnungen aus Jerusalem‚. (Rezension) Delisle ist nach wie vor für jeden ein Muss, der sich mit anderen Ländern und anderen politischen Systemen beschäftigen will. Ob nun in Pjöngjang, Birma oder eben Jerusalem – Guy Delisle liefert immer einen vorurteilsfreien Blick auf eine, uns oft fremde, Gesellschaft und Kultur.

Musik, Musik, Musik

collageliedermacherIch wäre ja nicht ich – und Redakteurin eines kleinen, feinen Musikmagazins -, wenn ich nicht auch in diesem Bereich Schätze hätte, die sich durchaus mit einem guten Buch kombinieren lassen. Sechs Favoriten habe ich für dieses Jahr ausgewählt, sechs wirklich hervorragende Alben für solche, die die Liedermacherei, die Kleinkunst, das Handgemachte an Musik mögen. Begonnen mit Dota Kehrs neuem Album ,Wo soll ich suchen‚ (anhörbar: ,Du musst dich nicht messen‚), über Wenzels ,Widersteh, solang du’s kannst‚, das deutlich harte und politische Worte anschlägt (anhörbar: ,Warten in C.‘), Frank Viehwegs ,Aus der Welt‚, das politische Lieder und unpolitische verbindet (anhörbar: ,Seltener Vogel‚) und Carsten Langners ,Steh nicht im Goldenen Buch der Stadt – Langner singt Hausin‘, das auf brilliante Weise Texte des niedersächsischen Dichters Manfred Hausin vertont. Bishin zu Matthias Brodowys ,Best-of‘ Bis es euch gefällt (anhörbar: UFOS über Berlin) und Bodo Wartkes Klaviersdelikte live aus Bremen. (Trailer zur DVD, dieselbe Audio-Spur mit Moderationen ist auch auf der Live Doppel-CD ..oder man kauft vielleicht auch die DVD)

Damit verabschiede ich mich, – auf einen erfolgreichen Geschenkekauf! Wer die Bücher online bestellen möchte, der tut das am besten bei den lieben ocelots im Shop. (klick)

Advertisements

Francesca Segal – Die Arglosen

segal

Francesca Segal ist eine englische Autorin und Journalistin. Sie ist die Tochter von Erich Segal, der 1970 mit Love Story seinen Durchbruch als Autor feierte. Sie veröffentlichte u.a. Artikel im Granta Magazine, dem Guardian und dem Daily Telegraph. Die Arglosen ist Segals Debüt. Es wurde bereits mit dem Costa First Novel Award, dem National Jewish Book Award und dem Sami Rohr Preis ausgezeichnet. Bei uns in Deutschland erscheint es im Kein & Aber Verlag in der Übersetzung von Verena Kilchling.

Als arglos wird gemeinhin der bezeichnet, der blauäugig annimmt, ihm könne nichts Schlimmes widerfahren. Gottvertrauen könnte man vielleicht sagen, es wird schon alles gut gehen. Und es hat den Anschein, als würden Adam und Rachel, ein junges Paar der jüdischen Gemeinde Hampstead Garden Suburb, tatsächlich ihr Leben so gestalten, wie sie und ihre Familien es Monate, wenn nicht bereits Jahre im Voraus geplant haben. Sie sind frisch verlobt und stecken gerade mitten in den Hochzeitsvorbereitungen, als Rachels unkonventionelle Cousine aus Amerika anreist und durch die Familie fegt wie ein Wirbelsturm. Im Gegensatz zu Rachel, die das Geordnete und Vorhersehbare in ihrem Leben liebt, ist Ellie chaotisch und durch ihre Freizügigkeit bei vielen in der Gemeinde nicht gut angesehen.

Was ihr Äußeres anging, unterschied sie sich ebenso deutlich von ihrer Cousine. Rachel strotzte geradezu vor Gesundheit. Ihre Haut war rosig, ihre glatten dunklen Haare schimmerten, und auf ihren gepflegten Fingernägeln glänzte Nagellack von Chanel. Ellie hingegen hatte vor der Synagoge ziemlich ausgebrannt ausgesehen, wie er fand, obwohl sie erst zweiundzwanzig war.Ihm waren ihre abgekauten Nägel und die entzündeten Nagelhäutchen aufgefallen, die tiefen Augenringe.

Ellie ist in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen. Als sie acht Jahre alt ist, wird ihre Mutter Jackie bei einem Bombenattentat in Tel Aviv getötet, ihr Vater Boaz zieht sich völlig in sich selbst zurück und begibt sich, als Ellie sechzehn ist, auf eine lange Reise durch die Welt. Ellies Welt hingegen beginnt aus dem Gleichgewicht zu geraten. Sie nimmt Drogen, hat Affären mit wesentlich älteren Männern, lässt sich von ihnen aushalten und dreht einen erotischen Film, der sie letztlich ihr Studium an der Universität kostet. Trotz aller Interventionen ihrer liebenden Verwandten aus London gerät Ellie auf das, was man so gemeinhin auch die schiefe Bahn nennt.

An Jom Kippur, einem der höchsten jüdischen Feiertage, ist Ellie plötzlich wieder in London. Und mit dieser Ankunft beginnt für Adam vermutlich die härteste Probe seines bisher so vorhersehbaren Lebens. Durch Ellie wird ihm plötzlich bewusst, dass es noch mehr im Leben gibt als sich stetig aneinanderreihende Familienfeste und starre Traditionen. Mit einem Mal fühlt er sich gefangen, gezwängt in ein Leben, das ihm viel zu eng erscheint, um darin zu atmen. Er verliebt sich Hals über Kopf in die Cousine seiner Frau und ist beinahe bereit, sein bisheriges Leben auf einen Schlag für sie zu beenden.

Oberflächlich betrachtet ist ,Die Arglosen‚ eine gescheiterte Liebesgeschichte, eine Geschichte über das Aufbegehren eines Mannes, der sich, besonders nach der Hochzeit, in einem Leben wiederfindet, das er sich so ganz anders vorgestellt hat. Vor einer Entscheidung stehend, die alles verändern kann. Gräbt man aber tiefer, steckt jede Menge jüdisches Leben und jüdischer Witz in diesem Buch.

Als Dan London erstmals seine Freundin Willa zu den Jaffas zum Sabbatmahl mitgebracht hatte, hatte Willa ihren Wunsch bekundet, zum Judentum zu konvertieren, und gefragt, was sie dafür alles lernen müsse. Lawrence hatte gescherzt: „Ach, da ist nicht wirklich viel dabei. Im Prinzip lässt sich jeder jüdische Feiertag so erklären: Man hat versucht uns umzubringen. Vergeblich. Lasst uns essen.“

Wir werden Zeuge einer jüdischen Gemeinde, die, anders als es im Christentum bisweilen üblich ist, eng zusammensteht wie eine riesige große Familie. Hilfsbereitschaft, Offenherzigkeit und Traditionsbewusstsein gehen Hand in Hand. Und das, was Adam als starres Korsett erlebt, wandelt sich am Ende, auch für ihn, in ein stabiles Fundament, aus bedingungsloser Einmischung wird bedingungslose Unterstützung.

Als Mittelmeervolk sind Juden von Haus aus gesellig und mitteilsam, und so ist bei ihnen genau wie bei Griechen, Italienern oder Türken eine Mahlzeit nur dann eine Mahlzeit, wenn man mit mindestens zwanzig Personen am Tisch sitzt, die einem viel bedeuten (oder mit denen man zumindest verwandt ist). Jaffa führte selbst für eine Jüdin ein ungewöhnlich offenes Haus. Sie nannte gleich mehrere sechzig Liter fassende Suppentöpfe ihr Eigen, und Rachel war in dem Glauben aufgewachsen, dass man Hühnchen nur im Sechserpack kaufen konnte.

Es versteht sich beinahe von selbst, dass Adam, schlussendlich, nach vielem Hin und Her und einem Seitensprung, an der Seite seiner Frau bleibt, während Ellie nach Amerika zurückkehrt. ,Die Arglosen‚ ist ein Buch voller liebenswerter Charaktere, das einen tiefen Einblick in die jüdische Mentalität gewährt. Am Ende allerdings steht man doch etwas ratlos vor dem (nahezu erwarteten) Happy-End und fragt sich, welchen Zweck diese Erfahrung für Adam nun hatte. Hat sie ihn reifen lassen? Hat sie ihn seiner Familie nähergebracht? Wohin sollte diese Geschichte gehen? Viele kleine(re) Erzählstränge ranken sich um Ellie, Rachel und Adam und doch ist man am Ende geneigt, ,Die Arglosen‚ für eine ganz nette Familien – und Liebesgeschichte zu halten, für eine Momentaufnahme. Viel mehr nicht.

Jonas T. Bengtsson – Wie keiner sonst

Bengtsson

Jonas Bengtsson ist ein dänischer Autor. Für seinen ersten Roman Aminas Briefe wurde er 2005 mit dem Dänischen Debütantenpreis ausgezeichnet. 2007 folgte sein zweiter Roman Submarino, der von Thomas Vinterberg verfilmt wurde. Wie keiner sonst ist sein dritter Roman. Frank Zuber übersetzte ihn aus dem Dänischen ins Deutsche.

Dieser Roman ist, da wird er seinem Namen zweifellos gerecht, in der Tat wie keiner sonst, den ich in der letzten Zeit gelesen habe. Es war mein erster Roman von Jonas Bengtsson, doch es kostet nicht viel Zeit, herauszufinden, dass Bengtsson eine Vorliebe für Geschichten vom Rande der Gesellschaft hat, Geschichten von Menschen, deren Leben aus den Fugen geraten ist, die sich längst abgewandt haben von dem, was man gemeinhin unter Normalität versteht. In seinen Romanen geht es um Gewalt, um Schmerz, um Krankheit und Sucht. Stets dreht es sich um die Suche nach Halt und Geborgenheit unter denkbar schlechtesten Bedingungen. So auch in seinem neuesten Roman Wie keiner sonst, erschienen im Kein & Aber Verlag.

Wir begleiten einen siebenjährigen Jungen und seinen Vater in ein völlig chaotisches Leben. Es ist geprägt von ständigen Umzügen, die der Vater seinem Sohn niemals erklärt. Irgendwann ist es einfach immer soweit und sie müssen wie Nomaden weiterziehen, in kleine Absteigen und Bruchbuden ohne Namensschilder. Der Ich-Erzähler geht nicht zur Schule, obwohl er es sich doch von Herzen wünscht, sein Vater bringt ihm stattdessen das Nötigste bei, hier ein bisschen Rechnen und da ein bisschen Geschichte.

Ein Geräusch weckt mich auf. Wie ein Tier, das sich zum Sterben in unsere Küche gelegt hat. Ich weiß, was es ist, und dass es noch weitergehen wird. Vielleicht zehn Minuten, bis die Sonne aufgeht. Mein Vater liegt zusammengekrümmt auf der Pritsche. Sein T-Shirt ist nass vor Schweiß. Er krallt sich fest in die Decke, es wäre nicht das erste Mal, das er einen Bezug zerreißt. Ich streichle ihm über die Haare, die langen, verschwitzten Strähnen kleben auf seiner Haut. Ich hole einen sauberen Lappen und trockne ihm Hals und Stirn. Jedes Mal, wenn wir umziehen, hoffe ich, dass die Albträume nicht mitkommen.

Mit den Umzügen einher gehen ständige Jobwechsel. Mal arbeitet „Peters“ (Peter hieße er gern, aber seinen richtigen Namen erfahren wir nicht) Vater für eine entstellte Dame im Garten, mal in einem Stripclub, mal trägt er Zeitungen aus, kümmert sich um die Lichtanlage eines Theaters und mal arbeitet er in einer Werkstatt, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Möbelstücke nicht zu restaurieren, sondern so aussehen zu lassen als seien sie Jahrzehnte alt. Mithilfe eines Bohrers, Schleifpapier und etwas Kaffeesatz nehmen „Peter“ und sein Vater einige kosmetische Eingriffe an dem in die Werkstatt gelieferten Mobiliar vor.  Manchmal vergisst man beim Lesen fast, dass die beiden wie Kleinkriminelle leben, ab und an klaut „Peters“ Vater etwas im Laden und weil er nicht krankenversichert ist, muss er den Zahnarzt überreden, seinen Sohn noch nach Praxisschluss zu behandeln. Immer tiefer wird man hineingezogen in diese Scheinwelt, in der „Peter“ zu leben gezwungen ist, bis auf der Kundgebung einer Politikerin plötzlich alles eskaliert.

Der Roman erzählt eine Zeitspanne von 14 Jahren, von 1986 bis 2000 begleiten wir „Peter“, der nach der Eskalation und einigen darauffolgenden Jahren sechzehn ist, als wir ihn wiedertreffen. Er lebt ohne seinen Vater, bei seiner Mutter und seinem Stiefvater. Er ist schwierig und hat Probleme in der Schule. Niemand hat mit ihm über das gesprochen, was mit seinem Vater geschehen ist. Als eines Tages seine Großmutter anruft, läuft er von zuhause weg und begibt sich nicht nur in das Pfarrhaus in der dänischen Provinz, in dem sein Vater aufgewachsen ist, sondern auch auf die Suche nach Erklärungen für das, was seine Kindheit mehr als alles andere geprägt hat – die Krankheit seines Vaters.

„Du siehst deinem Vater ähnlich“, sagt sie. „Deine Haare sind dunkler, aber ihr habt dieselben Augen. Dieselben wie eurer Großvater. Damit meine ich nicht die Farbe.“
„Was ist mit meinem Vater geschehen?“
„Er ist krank geworden, das hat deine Großmutter sicher..“
„Aber warum ist er krank geworden?“
Ich glaube, sie will etwas sagen, aber dann nimmt sie einen tiefen Zug aus der dünnen Zigarette.
„Er ist wohl nicht der Einzige, der ein bisschen sonderbar geworden ist, weil er die Nase zu tief in seine Bücher gesteckt hat.“ Sie steht auf und geht hinein.

„Peter“ stößt auf eine beharrliche Mauer des Schweigens, mehr als Andeutungen kann er niemandem entlocken. Weder seiner Großmutter, noch seiner Tante, noch seinem sterbenden Großvater, der ihn mit seinen letzten Worten um Verzeihung bittet. In letzter Konsequenz und angesichts der Tatsache, dass die Tat seines Vaters auf dieser Kundgebung auf ewig mit seinem Namen verbunden sein wird, streift „Peter“ das letzte ab, was ihn mit seiner Vergangenheit verbindet – und wird der Maler „Mehmet Faruk“, obwohl er nicht im Entferntesten türkisch aussieht.

Nachts träume ich von einem Kohlestift, der so klein ist, dass ich ihn nur mit den Fingerspitzen halten kann. Ich werde die ganze Welt zeichnen, sonst fällt sie aus den Fugen.

Jonas Bengtssons Roman lebt von dem, was nicht gesagt wird, von dem, was unter der Oberfläche schwelt. Es gelingt ihm vortrefflich, die Dynamik einer dysfunktionalen Familie aufzuzeigen, in der ein Credo des Schweigens vorherrscht. Mit einer lakonischen und völlig unsentimentalen Sprache schafft Bengtsson eine Beiläufigkeit, die in nahezu unaushaltbarem Kontrast zu dem steht, was da passiert. Ist man zu Beginn noch der Überzeugung, „Peters“ Vater sei vielleicht ein Kleinkrimineller, wird einem mit langsamen Fortschreiten der Geschichte bewusst, dass es wohl kein Verbrechen, sondern eine schwere psychische Krankheit ist, die ihn vom Rest der Welt trennt. Dieser Roman ist beklemmend und unangenehm, bravourös setzt Bengtsson hier das Scheitern an sich selbst und seiner Umwelt in Szene. Das Ende konnte mich zwar nicht ganz überzeugen, zu konstruiert schien es mir doch, aber trotzdem bleibt dieser Roman eine gelungene und authentische Studie menschlicher und emotionaler Zerrüttung.