Herbstausblicke – Junge Literatur

Wer hat noch keinen Blick geworfen in die neuen Herbstprogramme der Verlage? Wer hat sich schon ein bisschen inspirieren lassen für die kalte Jahreszeit, während er mit Shorts und Ventilator auf der Couch der Hitze davonfloss? Ich werde in den nächsten Wochen in loser Folge Tipps und Empfehlungen loslassen und ein paar Bücher ausgraben, auf die man sich freuen kann. Diesmal –

Junge Literatur und Debüts

jungeliteratur1Roman Ehrlich – Urwaldgäste (Dumont Buchverlag), Lisa Kränzler – Lichtfang (Suhrkamp), Karen Köhler – Wir haben Raketen geangelt (Hanser), Florian Wacker – Albuqurque (mairisch), Teresa Präauer – Johnny und Jean (Wallstein).

jungeliteratur2Saskia Hennig von Lange – Zurück zum Feuer (Jung und Jung), Kerstin Preiwuß – Restwärme (Berlin Verlag), Simone Lappert – Wurfschatten (Metrolit), Ela Angerer – Bis ich 21 war (Zsolnay & Deuticke), Jon Bauer – Steine im Bauch (Kiepenheuer & Witsch)

jungeliteratur3Verena Güntner – Es bringen (Kiepenheuer & Witsch), Sabrina Janesch – Tango für einen Hund (aufbau), Benjamin Lebert – Mitternachtsweg (Hoffmann & Campe), Lucy Fricke – Takeshis Haut (Rowohlt), Madeleine Prahs – Nachbarn (dtv)

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Das Frühjahr kommt immer früher.

Eigentlich sind wir ja erst mit einem Bein den Herbstprogrammen der Verlage entstiegen. Längst haben wir nicht alles gelesen, was wir uns vorgenommen haben, da trudeln schon wieder die nächsten Kataloge ein. Unermüdlich und in völliger Nichtachtung der Sachlage werden uns bereits neue Bücher präsentiert, die in Bälde erscheinen – und gelesen werden wollen. Ich habe die Weihnachtstage genutzt und Verlagsvorschauen gewälzt, um euch – gewissermaßen als Ausklang des Jahres – vorfreudig in das neue Jahr zu entlassen.

farlaneDie DVA legt im nächsten Jahr gleich mehrere interessante Bücher vor. So zum Beispiel Fiona McFarlanes ,Nachts, wenn der Tiger komt‘, das mit seiner Handlung durchaus in Konkurrenz zu einem Hitchcockstreifen treten könnte. Eine alte Dame in einem abgelegenen Haus und die ihr entgleitende Realität. Andreas von Flotow erzählt in ,Tage zwischen gestern und heute‘ von der gewaltsamen Auflösung einer Familie und dem Jungen, auf dessen Rücken sie ausgetragen wurde. flotow

Im Piper Verlag erscheint mit Ramona Ausubels ,Der Anfang der Welt‘ ein Roman, der fast wie ein Märchen anmutet. Ein kleines Dorf am Rande der Welt versucht, sich wider die Wirklichkeit gegen seinen eigenen Untergang zur Wehr zu setzen. Die Dinge neu zu erfinden. Und scheint damit implizit die Frage zu stellen, wie viel Einfluss wir haben, auf uns und unsere Realität.

ausubelDer Hanser Verlag beschenkt uns im Frühjahr mit einer wirklich glänzenden Vorschau, die man am liebsten in Gänze liebevoll zu sich nähme. So gibt unter anderem Martin Kordic, den ich in Köln bei DuMont kennenlernen durfte, mit ,Wie ich mir das Glück vorstelle‘ sein Romandebüt. Es klingt märchenhaft, herzerwärmend und skurril. kordicWer die Außenseiter liebt, wird diesen Roman wohl lesen müssen.

Gaito Gasdanows ,Das Phantom des Alexander Wolf‘ galt 2013 als große Entdeckung und wurde von der Kritik und vielen Lesern mehr als wohlwollend aufgenommen. Nun erscheint bei Hanser ein weiterer Roman von ihm, – Ein Abend bei Claire. Es ist eine Liebesgeschichte aus dem Russland des frühen 20.Jahrhunderts, aber auch die Geschichte einer Fantasie, die über die Wirklichkeit hinauswächst.

Gasdanow_24471_MR.inddElisabeth de Waal ist die Großmutter von Edmund de Waal, der mit ,Der Hase mit den Bernsteinaugen‘ einen erfolgreichen, in realer Geschichte verankerten Roman geschrieben hat. Ähnlich, wie es auch seine Großmutter tat. Zsolnay und Deuticke entführt uns mit ,Donnerstags bei Kanakis‘ in das Wien der 50er-Jahre. dewaal

Besondere Freude macht auch wieder einmal Matthes & Seitz, nicht nur, weil wir uns auf ein neues Buch von Emmanuel Carrère freuen dürfen. Mit Limonow, einem prosaischen Portrait des höchst strittigen russischen, ja, „Antihelden“ hat er mich schon sehr beeindruckt. Umso mehr freue ich mich nun auf ,Alles ist wahr‘.carrere

Auch Suhrkamp wartet wieder mit allerlei Perlen auf, so zum Beispiel mit dem Roman der Bachmannpreisträgerin 2013 Katja Petrowskaja, ,Vielleicht Esther‘. Wie angekündigt erscheint der sprachmächtige Roman Ende Januar in voller Länge. Und alle, die den Ausschnitt aus Klagenfurt so mitreißend fanden wie ich, freuen sich aufrichtig darauf.esther

Im Dumont Verlag erscheint, vermutlich von Kennern und Liebhabern bereits sehnsüchtig erwartet, der neue Roman von Haruki Murakami. Ich bin ja bisher mit dem japanischen Marquez nicht so richtig warm geworden – trotzdem erwarte ich das Erscheinen von ,Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki‘ mit Freuden. Die-Pilgerjahre-des-farblosen-Herrn-Tazaki-9783832197483_xxl

Auch im Berlin Verlag gibt es wieder eine Menge zu sehen. Zählten doch James Salter und Katharina Hartwell zu den großen Erfolgen 2013, legt der Verlag im nächsten Frühjahr gewaltig nach. Unter anderem mit einem neuen Roman von Margarete Atwood namens ,Die Geschichte von Zeb‘. 0-4520806

Auch im Wallstein Verlag haben wir eine Menge zu gucken, besonders ins Auge gesprungen sind mir hier Ludwig Laher mit ,Bitter‘, die Geschichte eines Kriegsverbrechers sowie Lukas Bärfuss ,Koala‘. Die tragische Geschichte eines Selbstmords und nicht etwa die Frage, wie es sein kann, dass man sterben wollte .. viel mehr die Frage, warum man am Leben bleiben sollte. Auch das Frühjahr steht ganz im Zeichen von tragischen Familiengeschichten, von Problemen, Sorgen und Nöten. Aber, dessen kann man sich sicher sein, – nicht ohne andere Perspektiven aufzuzeigen, nicht ohne etwas mitzugeben, von dem wir zehren können, wenn die Buchdeckel zugeklappt sind.

bitterkoalaDa hier unmöglich alle Bücher aufgeführt werden können, diemeine Aufmerksamkeit erregt haben, liegt es in der Natur der Sache, dass nun so einige fehlen. Betrachtet es gewissermaßen als Vorgeschmack, als Appetithäppchen für das, was da folgen mag. Ein paar Tipps habe ich jedenfalls auch im neuen Jahr noch parat. Jetzt verlasst aber erstmal heile und am Stück 2013. Wir lesen uns dann auf der anderen Seite der Zeit!

Michael Frayn – Willkommen auf Skios

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Michael Frayn (*1933) ist ein britischer Schriftsteller. Er studierte Französisch und Russisch in Cambridge, ein Jahr jedenfalls, bevor er zur philosophischen Fakultät überlief. Seine Arbeiten wurden bereits mehrfach ausgezeichnet, u.a. sein Schauspiel Kopenhagen, das einen fiktiven Dialog auf der Basis eines weniger fiktiven Treffens zwischen Werner Heisenberg und Niels Bohr beschreibt. Es entfachte bei seinem Erscheinen 1998 eine Debatte über die Verantwortlichkeit von Wissenschaft und erhielt einen Tony Award und den Prix Molière. Mit Demokratie schrieb Frayn 2003 ein Stück über Willy Brandt und die Guillaume-Affäre.

Wie würden wir uns wohl fühlen, wenn jemand, einfach so, weil es sich eben gerade ergäbe, unsere Identität annähme? Plötzlich glaubte uns niemand mehr, dass wir wir wären, egal, wie sehr wir uns ins Zeug legten, um das Gegenteil zu beweisen. In etwa so ergeht es dem armen Dr. Norman Wilfred, der auf Skios einen Vortrag über Wissenschaftsmanagement halten soll. Er ist ein Mann mittleren Alters, glatzköpfig und schon ein bisschen abgehalftert, mit etwas mehr Körperumfang und einem Vortrag in seinem Handgepäck. Bei der Fred-Toppler-Stiftung soll er Managern, Wirftschaftsweisen, deren Frauen und anderen Wissenschaftlern erklären, wie man Forschung und die Verteilung von Geldern individuell optimiert und den Gegebenheiten anpasst. Oder sowas. Käme da nicht ein Mann namens Oliver Fox dazwischen, der vermutlich die größte nicht-wissenschaftliche Katastrophe in einem wissenschaftlichen Umfeld auslöst.

Das nahezu unvermeidbare Malheur beginnt schon am Flughafen, an dem sowohl Oliver Fox als auch Dr. Norman Wildfred ankommen und der eine jeweils für den anderen gehalten wird. Unglücklicherweise vertauschen sie auch noch ihre Koffer und diese Taxifahrer, Stavros und Spiros sprechen himmelschreiend schlechtes Englisch! Im Gegensatz zu Dr. Norman Wilfred, der zunächst der Auffassung ist, alles ginge seinen Gang – abgesehen von dem verlorenen Koffer -, weiß Oliver Fox ganz genau, was er tut, als er mit einem verschmitzten Lächeln auf die äußerst charmante Dame zustolziert, die ein Schild mit der Aufschrift „Dr. Norman Wilfred‘ in die Höhe streckt. Obwohl er nicht die geringste Ahnung von Wissenschaft oder Forschung hat, obwohl er nicht weiß, in wessen Identität er da schlüpft, begibt er sich zur Fred-Toppler-Stiftung. Ihm wird schon irgendwas einfallen, denkt er.

Und in der Tat fällt ihm eine ganze Menge ein. Durch vollkommen irrsinnige Zufälle gelingt es ihm nicht nur, sich in die Stiftung einschleusen zu lassen, sondern auch, alle Glauben zu machen, er sei Dr. Norman Wilfred. Auf fachliche Fragen antwortet er mit dem Kaffeeservice, das er zu ansehnlichen Pyramiden stapelt, alles andere streicht er mit demselben verschmitzten Lächeln beiseite wie seine blonden Haare aus der Stirn. Und alles das, während Dr. Norman Wilfred in einem Haus landet, das einer völlig Fremden gehört, in einem Landstrich der Insel, in dem er Ziegen, aber kein Frühstück vorfindet.

Nikki hatte im Laufe des Vormittags keine Zeit, öfter als zwanzigmal an Dr. Wilfred zu denken. Sie hastete zwischen Hafen und Helipad, zwischen Helipad und Flughafen hin und her. Es gab die üblichen Schwierigkeiten in letzter Minute – eine tote Katze im Joghurteimer in der Küche, der Lastwagen mit der Licht – und Tonanlage steckte auf dem Weg vom Hafen in einer Haarnadelkurve fest – und die üblichen Absagen und Änderungen in letzter Minute. Seine Exzellenz Scheich Abdul hilal bin-Taimour bin-Hamud bin-Ali al-Said hatte beschlossen, zwei Ehefrauen mehr als ursprünglich angekündigt mitzubringen. Der Bischof des Hesperiden-Archipels und von Teilen von Kronikae und Topikos drohte mit Abreise, sollte er am selben Tisch platziert werden wie der Präsident des panhellenistischen Rationalistenvereins.

Michael Frayn schreibt hier eine herrlich ironische und politisch vollkommen unkorrekte Verwechslungsgeschichte, die vor lauter blöden Zufällen nur so wimmelt. Mehrmals habe ich laut aufgelacht angesichts dieser scheinbar völlig organisch aus den verschiedensten Koinzidenzen hervorgehenden Begebenheiten. Nicht zuletzt sorgten die Taxifahrer Stavros und Spiros für viel Erheiterung, denn die beiden sehen sich so ähnlich, dass sie ebenfalls ständig verwechselt werden, darüber hinaus kutschieren sie das Personal unserer Geschichte, überwiegend Oliver Fox und Dr. Norman Wilfred, mehrmals auf Skios von A nach B und fahren dabei auch noch wiederholt aneinander vorbei.

Die Komik dieses Buches ist eine, die vollkommen meinen Nerv getroffen hat. Nun sind Verwechslungsgeschichten natürlich immer ähnlich aufgebaut, man erlebt in der Konzeption der Geschichte keine großen Überraschungen. Aber wie sie geschrieben ist, macht zweifellos den Unterschied und gibt den Ausschlag hin zu einem rundum vergnüglichen und unterhaltsamen Leseerlebnis auf sprachlich hohem Niveau! Schon allein für das furiose Finale müsste man es lesen, verblüffend! Eine völlig vorbehaltlose Empfehlung für einen tollen und humorvollen Roman über .. die Variabilität von Identität vielleicht. Und eine gewisse Autoritätsgläubigkeit.