[LiteraTour Nord] Abbas Khider – Brief in die Auberginenrepublik

Am gestrigen Montagabend startete in Lübeck die 22. LiteraTour Nord. Den Anfang machte dieses Jahr der deutsch-irakische Autor Abbas Khider, der aus seinem aktuellen Roman „Brief in die Auberginenrepublik“ (Edition Nautilus) las. 1973 in Bagdad geboren, wurde er mit 19 Jahren aufgrund politischer Aktivitäten unter dem Regime Saddam Husseins inhaftiert, von 1993 bis 1995 saß er im Gefängnis, in dem er auch Folter mit Elektroschocks erlebte. 1996 kam er zwar frei, flüchtete aber aus dem Irak und war als illegaler Flüchtling mehrere Jahre in Libyen und Jordanien „zuhause“. Sofern auf der Flucht und in ständiger Angst vor Entdeckung überhaupt ein Gefühl von Heimat entstehen kann. Im Jahr 2000 wurde ihm in Deutschland Asyl gewährt und er begann in München Philosophie und Literaturwissenschaft zu studieren, sich einzufinden in ein Land, das zunächst, so Khider, eher als Durchgangsstation auf dem Weg zurück in den Irak dienen sollte.

abbas khiderIn „Brief in die Auberginenrepublik“ erzählt Khider von einem Brief, den der Protagonist und Exilant Salim seiner ehemaligen Geliebten Samia schreibt. Er lebt illegal als Flüchtling im lybischen Bengasi, sie noch immer in Bagdad. Die politischen Verhältnisse lassen es natürlich nicht zu, den Brief einfach an einem Postschalter aufzugeben, er muss geschmuggelt werden. Einige tausend Kilometer durch Ägypten, Jordanien und Syrien liegen vor dem kleinen Stück Papier, was im Inneren des Buches sehr anschaulich bebildert ist.

karteAuf seiner Reise geht der Brief durch viele Hände. Die Hände von Taxifahrern, Reisebürobesitzern, von Polizisten und Busfahrern. Und jeder hat etwas über das Land zu berichten, in dem er lebt oder aus dem er geflohen ist. Durch diesen cleveren Kniff gelingt es Abbas Khider wie beiläufig, ein Panorama der arabischen Welt zu entwerfen und Portraits von den Menschen zu schaffen, die wir seit dem 11.September häufig kollektiv aburteilen, von denen wir uns in unserem europäischen Sicherheitsbedürfnis soweit distanzieren, dass wir gar nicht mehr imstande sind, zu erkennen, wie ähnlich uns die Menschen in vielen Belangen doch sind. Das, sagt Abbas Khider nach der Lesung im Gespräch, war ihm sehr wichtig. Der stetigen Dämonisierung dieser Region und ihrer Bewohner das einfache Leben entgegenzusetzen. Überall sei man im Zusammenhang mit der arabischen Welt häufig ausschließlich mit Terrorismus oder Al-Qaida konfrontiert, womöglich gar mit verzerrten Vorstellungen aus 1001 Nacht. Und er fragte sich immer: Wo sind eigentlich die Menschen? Wie kann es sein, dass so viele geradestehen müssen für die Verbrechen einzelner?

Überhaupt ist Abbas Khider sehr auskunftsfreudig und sympathisch. Von der Moderatorin des Abends gefragt, wie es dazu gekommen sei, dass er auf Deutsch schreibe, holt er weit aus und findet manches Mal herrlich treffende Bilder für seinen Kampf mit der Sprache. Irgendwann, sagt er, sei es eine bewusste Entscheidung gewesen, Deutsch zu lernen. Er habe nur noch deutsche Zeitungen gelesen, deutsches Fernsehen geguckt, deutsche Musik gehört. Das Schreiben in einer Sprache, die nicht seine Muttersprache ist, sei wie ein Abenteuer gewesen und habe seine Sprachfertigkeiten enorm erweitert. Mit den Artikeln habe er sich lange gequält, gibt er zu. Wenn man nicht weiß, ob es der, die oder das Tisch heißt und womöglich eine falsche Entscheidung trifft, konstruiert man automatisch falsche Relativ – und Nebensätze. Ihm blieb nur die Möglichkeit, immer wieder nachzuschlagen, immer wieder mit der Sprache zu kämpfen. Und das ist ihm ohne Zweifel gelungen! Mit einem etwas verschmitzten Lächeln sagt er noch: „Auch das Studium hat mir geholfen, wenn man Kant, Heidegger, Nietzsche und Feuerbach im Original liest ..und versteht ..“ Das gelingt tatsächlich nicht einmal den meisten Deutschen.

„Ich habe bisher geglaubt, hier in Jordanien gehe es euch gut. Hier gibt es alles. Bei uns gibt es kaum Essen. Seit dem Handelsembargo haben wir keine grandiose Auswahl. Wir essen nur noch Auberginen. Die Jungen im Irak haben unserem Land einen neuen Zusatznamen gegeben: ‚Auberginenrepublik‘. Das ganze Jahr ernähren wir uns allein von dieser Eierpflanze. Meine Frau versucht ständig, etwas Neues aus den Auberginen zu kreieren: Auberginen-Bällchen, Auberginen-Suppe, Auberginen gekocht, gegrillt oder gebraten. Sogar aus der Schale der Auberginen produziert sie Chips.(..)“

Nach der Zukunft der arabischen Welt gefragt, erzählt Abbas Khider, dass er während der ägyptischen Revolution 2011 mit vielen tausend anderen auf dem Tahir-Platz saß, protestierend gegen die Regierung unter Husni Mubarak. Alle wären sich einig gewesen, dass sie nur einige Tage dort bleiben und sich den Aufforderungen, den Platz zu räumen, widersetzen müssten. Unterstützer brachten Brot, von dem sich die Demonstranten ernährten. McDonalds, sagt Khider, gäbe es auch, das allerdings sei mehr ein Laden für die Oberschicht, für den normalen Bürger kaum bezahlbar. Und dennoch kam eine Frau zu ihm, reichte ihm ein kleines Paket und sagte: „Das ist der Cheeseburger der Revolution.“ Abbas Khider glaubt daran, dass sich in der arabischen Welt etwas ändern kann, dass die Menschen nach Ägypten und Tunesien begreifen, dass sie eine Wahl haben. Sie schöpfen Hoffnung. Eine Hoffnung, die es über Jahrzehnte hinweg gar nicht gab. Es wird Zeit brauchen, so wie auch die Gründung einer Familie Zeit braucht.

Er selbst sei mittlerweile in Deutschland angekommen. Zwar habe er den Irak nochmal besucht, bei diesem Besuch aber festgestellt, dass es diesen Irak, in den er zurückzukehren hoffte, nur in seinem Kopf gab. Die Realität sah völlig anders aus. Und so lebt Abbas Khider heute in Berlin und liefert uns mit seinen Romanen einen wichtigen und authentischen Einblick in das Leben im arabischen Raum, in das Leben in einer Diktatur, in einem repressiven System. Neben ,Brief in die Auberginenrepublik‘ sind von ihm noch zwei weitere Romane erschienen. ,Der falsche Inder‘ erzählt von der Flucht eines jungen Irakers aus seinem Land, ,Die Orangen des Präsidenten‚ von einem Leben im Regime Saddam Husseins. Wir brauchen Geschichtenerzähler wie Abbas Khider, die unser verzerrtes Bild glätten und unseren Horizont erweitern. Ihm ist es geglückt, summiert die Moderatorin des gestrigen Abends, aus persönlichen Erfahrungen allgemeingültige Geschichten zu extrahieren.

Ich bin nach dieser Lesung sehr gespannt auf Abbas Khiders Bücher! Ein gelungener LiteraTour-Nord-Auftakt!

Andreas Schäfer – Gesichter

gesichterAndreas Schäfer ist ein deutscher Autor und Journalist. Er studierte Germanistik sowie Kunst – und Religionswissenschaft und arbeitete für die Berliner Zeitung. Seit 2006 schreibt Schäfer für den Tagesspiegel. 2009 nahm er am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb teil, 2010 stand er mit seinem Roman „Wir vier“ auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. ,Gesichter‘ ist sein neuester Roman und Ende August im DuMont Verlag erschienen.

Gabor Lorenz ist ein erfolgreicher Neurologe. In einer Berliner Klinik forscht er auf dem Gebiet der Prosopagnosie, der Gesichtsblindheit. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und ein hübsches Haus. Die Unfähigkeit, Gesichter wiederzuerkennen – eine Fähigkeit, die die meisten von uns für so selbstverständlich halten wie das Binden von Schuhen – treibt im Augenblick wohl viele Literaten um. Vielleicht, weil ihre Ursachen weitgehend ungeklärt sind, weil noch immer nicht klar bestimmbar scheint, welche Hirnareale dafür zuständig sind, Menschen auch nach Jahren noch aus einer Masse Fremder heraus erkennen zu können, trotzdem Zeit oder Krankheit womöglich einige Veränderungen am Antlitz des geliebten Menschen vorgenommen haben. Wie nehmen gesunde Menschen Gesichter wahr? Wonach unterscheiden sie? Mit solchen und ähnlichen Fragen beschäftigt sich Gabor Lorenz gewöhnlich, bis ihn ein scheinbar unbedeutender Vorfall aus seiner Routine reißt.

Er ist auf dem Rückweg, von einer griechischen Urlaubsinsel mit der Fähre zurück in die Heimat, als er einen Mann beobachtet, der in einen offenen LKW springt und so unbemerkt mit dem Fahrzeug an Bord gelangt. Verwahrlost sieht er aus,gleichzeitig aber auch überraschend routiniert bei seinem Sprung an Deck. Es sind nur Sekunden, die sich in Gabor Lorenz‘ Erinnerung einbrennen.

Der Himmel war niedrig, wolkenverhangen. Auf der Straße hinter dem Stacheldrahtzaun rauschte der Feierabendverkehr. Die Obsttüte schlug gegen seine Oberschenkel, während Gabor der Gangway zustrebte, mit einem erhebenden Gefühl des Auserwähltseins und einem darüber vor Schreck geschrumpftem Herzen, das, hart wie eine Holzkugel, gegen die Innenseite seines Brustkorbs hämmerte.

Etwas später, die Fähre hat schon abgelegt, macht sich Gabor Lorenz auf sie Suche nach dem Mann, der unbemerkt an Bord gelangte. Er findet ihn auf dem LKW-Deck und wirft ihm, vielleicht aus Mitgefühl, vielleicht auch Hilflosigkeit die Tüte mit Bananen zu, die er, eigentlich für seinen Sohn gekauft, noch immer mit sich trägt. Am Ende der Überfahrt wird ihm nicht nur bewusst, dass sich die Postkarten, die er traditionsgemäß aus dem Urlaub an sich selbst verschickt noch in der Tüte befinden, auch der Flüchtling wird entdeckt und in Handschellen abgeführt. Nicht ohne zufällig seinen Nachnamen erfahren zu haben. Und vermutlich in dem Glauben, Lorenz habe ihn verraten.

Er dachte an den Mann von der Fähre, immer wieder versuchte er, sich sein Gesicht zu vergegenwärtigen, aber es gelang ihm nicht mehr, als wäre er mittlerweile so nah gekommen, dass er ihn nicht mehr erkennen konnte. Als säße er in den Wipfeln der Bäume vor dem Haus, im Zittern unter seiner Haut.

Wieder zurück in Berlin erhält Lorenz seine Postkarten zugesandt. Abgestempelt erst in Italien, dann in München, schließlich in Berlin. Er ist sich sicher, dass der Flüchtling sie ihm schickt, dass der Mann, von dem er nur noch seinen wütenden und fassungslosen Gesichtsausdruck im Gedächtnis behalten hat, sich an ihm rächen will. Gabor Lorenz entwickelt eine nahezu paranoide Wahrnehmung und als auch noch seine vierzehnjährige Tochter Nele spurlos verschwindet, scheint alles auf eine furchtbare Katastrophe zuzusteuern.

Andreas Schäfer hat einen Roman über den Moment geschrieben, in dem das Leid anderer plötzlich in die eigene geordnete Lebenswirklichkeit eindringt. Die griechische Urlauberinsel wird von Flüchtlingen überrannt, sie kommen aus der Türkei und angrenzenden Staaten. Manchen gelingt die Flucht, andere sterben dabei. Wie erschütternd real diese Lage ist, zeigte sich gerade wieder im Falle der verunglückten Flüchtlinge vor Lampedusa. Die Inselbewohner in Andreas Schäfers Roman aber sind alles andere als erfreut, sie machen sich Gedanken um fallende Grundstückspreise und ausbleibende Touristen. Menschliches Elend sehen sie allenfalls bei sich selbst.

Dem Flüchtlingsdrama stellt Andreas Schäfer noch ein familiäres an die Seite, indirekt beinflusst durch das große Ganze. Das bringt den Roman zwar ordentlich in Fahrt und verleiht ihm plötzlich unerwartet kriminalistische Züge, wirkt aber in der schnörkellosen „Auf-den-Punkt“-Prosa Schäfers wie ein Fremdkörper, der überraschend den Fokus verschiebt. Woran erkennen wir die, die wir lieben? Müssen wir Menschen (er)kennen, um ihr Elend zu sehen? Für Gabor Lorenz sehen die Flüchtlinge, die er auf der Insel Patras erblickt und die wie Vieh und ohne Pässe auf die Fähre geschleust werden, alle gleich aus. Wie für einen Gesichtsblinden. Dabei verstecken sich hinter diesen Gesichtern oft ähnliche Dramen, wie Lorenz sie in seinem unmittelbaren Umfeld erfährt. Man hätte sich gewünscht, mehr über diese Dramen zu erfahren.