David Wonschewski – Geliebter Schmerz

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David Wonschewski ist ein deutscher Autor und Journalist. Über zehn Jahre lang war er als leitender Musikredakteur für einige der größten Sender Deutschlands tätig. Mit seinem ersten Roman ,Schwarzer Frost‚ sezierte er vor dem Hintergrund der Medienbranche unsere zutiefst nihilistische und desillusionierte Gesellschaft. Sein neuer Erzählband ,Geliebter Schmerz‚ ist, genau wie sein Vorgänger, im Periplaneta Verlag erschienen und vereint neunzehn kurze bis mittellange Geschichten rund um Schmerz, Elend und das Glück darin. Wonschewski betreibt das Kleinkunst – und Liedermachermagazin Ein Achtel Lorbeerblatt. Er lebt und arbeitet in Berlin.

,Geliebter Schmerz‚ scheint auf den ersten Blick ein unauflösliches Paradoxon zu sein. Wer liebt schon den Schmerz, abgesehen von am Leben scheiternden, ja zerschellenden Künstlern, Literaten und Musikern, denen er Katalysator für ihre künstlerische Tätigkeit ist? Die meisten von uns versuchen doch täglich, diesem ominösen Schmerz aus dem Wege zu gehen. Dem, der auf der Hand liegt, aber erst recht dem, der tiefer in uns sitzt. Damit ist jetzt Schluss. Das muss ein Ende haben.

Und ich frage euch: Was hat euch eigentlich so kaputtgemacht, dass die ganze Welt dauernd erfahren soll, wie glücklich ihr seid, aber niemand wie traurig? Warum könnt ihr öffentlich euer Lachen zeigen, niemals aber euren Kummer? Wenn ihr euch selbst so liebt und so furchtbar gut klarkommt mit eurer Menschlichkeit – warum versteckt ihr eure Tränen dann hinter Gardinen und eure Ängste hinter Fassaden? Warum tauscht ihr eure sexuellen Intimitäten in aller Öffentlichkeit aus, aber schließt euch zum Onanieren noch immer verschämt im Bad ein?

Wonschewskis Erzählungen schwanken zwischen Bösartigkeit und tief empfundenen Mitgefühl, zwischen Tragik und Komik. So kann man sich einerseits hervorragend über den lebensechten Zynismus amüsieren, der mal zwischen den Zeilen und mal äußerst offen zutage tritt, aber auch ehrlich erschüttert über einem Absatz brüten, der so treffsicher menschliche Gefühle und Abgründe auslotet, dass es einem die Sprache verschlägt. Glücklicherweise verfügt David Wonschewski über Sprachgewalt für zwei, wenn er von dem Mann erzählt, der in seinem kleinen Kiosk langsam der Welt entgleitet – oder sie ihm.

Führt ein unauffälliger Mann mittleren Alters, also ein Mann wie ich, einen Kiosk, so läuft er beständig Gefahr, unsichtbar zu werden. Denn ein jeder Moment seines Lebens wird von der gar nicht so abstrusen Möglichkeit getragen, bis zur Unkenntlichkeit zu zerbröseln zwischen all den Zeitschriften und den Tabakdosen, den Kaugummis und den Schokoladentafeln, in deren Mitte er sich tagein, tagaus befindet.

Wonschewski schreibt von Menschen, die an eine Grenze des Lebens gelangt sind, an der es keine eindeutigen Kategorien mehr gibt. Kein Gut und Böse, kein Recht und Unrecht, Situationen, in denen bewährte Beurteilungsmuster den Dienst versagen. Da ist Alison, die junge und toughe Galeristin, die ihre Einsamkeit, ihre innere Heimatlosigkeit mit dutzenden Männern zu kaschieren versucht. Da ist der Startenor Don Josef Krämer, der seinem Agenten erschrocken und außer sich mitteilt, einen Mord begangen zu haben, – wenn er auch nicht genau weiß, an wem und wann. Wir erblicken den jungen Mann, der sich in der Schlaflosigkeit der Nacht vorstellt, lebendig begraben zu sein und begegnen einem Erzähler, der es aufrichtig bedauert, den Tod seines Nachbarn fünf Wochen lang nicht bemerkt zu haben. Nicht vorrangig wegen des Nachbarn – es ist die verpasste Chance, die ihn quält.

Wir packen uns in Watte und schmieren und Augen, Ohren und Münder zu, damit wir nur noch quietschbunte Wohlfühlmasse fressen müssen. Nur der Tod lässt sich nicht in dieses butterweiche Idiotenschema pressen, der Tod macht mit uns, was er will und wann er es will. Da können wir wegsehen, so oft wir wollen, aus dem Weg gehen werden wir ihm nie können. Wo wir ihm begegnen, sollten wir also innehalten, stehenbleiben und ihm genau zuschauen bei seinem morbiden Werk, denn bist du einmal dem Tode eines anderen begegnet, so ändert sich dein Leben. Zum Besseren. Immer nur zum Besseren.

Man kann das morbide finden, misanthropisch, zerstörerisch. Andererseits aber auch tröstlich, menschlich und heilsam auf eine Art wie es nur das Abgründige sein kann. An seinem Schmerz und dem Kampf mit seinen eigenen Dämonen kann man wachsen, das Leben erst in vollem Umfang schätzen, wenn man einmal seiner Zerbrechlichkeit begegnet und seiner Endlichkeit ins Auge gesehen hat. David Wonschewskis Erzählungen sind vielseitig, mal raue und derbe Beschreibungen von Zerrissenheit und Grenzerfahrungen am ,Point Of No Return‚. Aber auch zarte und poetische Wunderwerke, in die man sich hüllen, in denen man versinken möchte. Mit diesen Geschichten und diesen Menschen geht man freiwillig unter – um gestärkt daraus hervorzugehen.

Du warst der, der gegangen ist, Manuel. Doch als du gingst, hast du mich nicht einfach verlassen. Du gingst und nahmst unsere Sommer mit dir. Und mit diesen Sommern die Ausgelassenheit und das Lachen jener Tage. Unserer Tage. Mir, der ich immer hiergeblieben bin, hast du lediglich die Winter gelassen.

Hier entlang zu einem hochinteressanten Interview mit David Wonschewski.

[5 lesen 20] Terézia Mora – Das Ungeheuer

dasungeheuerTerézia Mora ist eine aus Ungarn stammende Autorin und Übersetzerin. Sie wuchs zweisprachig auf, ungarisch und deutsch und studierte Hungarologie und Theaterwissenschaften. An der Deutschen Film – und Fernsehakademie wurde sie außerdem zur Drehbuchautorin ausgebildet. Mora wurde für ihr Werk bereits mehrfach ausgezeichnet, zum Beispiel mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis, dem Preis der LiteraTour Nord und dem Adalbert-von-Chamisso-Preis. 2009 erschien ihr Roman ,Der einzige Mann auf dem Kontinent‚, dessen Protagonist Darius Kopp wir nun in ‚Das Ungeheuer‚ wiedertreffen. Der Roman erschien im Luchterhand Verlag und steht neben neunzehn anderen auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2013.

Ein Rundumschlag gegen das Leben ..

Das Leben kann grausam sein. Unerbittlich in seiner Härte, ungerecht und gnadenlos. Niemand hat jemals versprochen, dass es gerecht ist. Es ist ein Vegetieren, ein Kämpfen um Verlorenes, um Idyll und Schönheit, die der näheren Betrachtung ja doch nicht standhalten kann. Es wäre besser, man begänne gar nicht erst damit, leben ist eine schlechte Angewohnheit. Zu solchen Schlüssen kann man nach beinahe 700 Seiten von Terézia Moras neuem Roman ohne größere Umwege gelangen. ‚Das Ungeheuer‘ ist ein Rundumschlag gegen das Leben und Existieren, ein harter Schlag ohne jede Reue.

Darius Kopp ist 46 und arbeitslos. Ursprünglich in der Telekommunikationsbranche tätig, hat er, wie viele andere, seinen Job verloren. Doch nicht nur das, er verliert auch seine Frau. Nicht einfach so, durch einen Unfall, seine Frau Flora nimmt sich das Leben. Sie erhängt sich im Wald an einem Baum. Es dauert Tage, bis sie gefunden wird. Und Darius‘ Leben bricht in sich zusammen. Er findet nirgendwo mehr Halt und – noch viel wichtiger – auch keinen Grund, ihn überhaupt zu suchen.

Das Riesenrad dreht sich in leiernder Musik, die Liebe meines Lebens hängt im Wald von einem Baum, ich parke nicht weit davon und langweile mich. Das stell dir vor und halte es aus. Sie starb bei strahlendem Sonnenschein, hing einen Tag im Regen und einen halben im kalten Wind. Sie wurde vom Förster gefunden, drei Tage vor ihrem 38. Geburtstag.

Doch schon vor ihrem Tod war das Existieren mühsam. Flora stammt aus Ungarn und hatte es in Deutschland schwer. Mit schlechtbezahlten Jobs hält sie sich über Wasser, unmöglich zu sagen, wie viele verschiedene sie angetreten hat, bevor sie wieder entlassen wurde. Ihr fehlt die Arbeitserlaubnis, sie ist Ausländerin und bekommt das zu spüren. Männer sind ihr gegenüber stets übergriffig, Flora selbst benutzt sie, um sich herabzuwürdigen. Bevor sie Darius kennenlernt, hat sie unzählige Affären und führt ein Leben so nah am Abgrund, dass der endgültige Absturz nur eine Frage der Zeit sein kann.

mora2Nach ihrem Tod findet Darius ihre Tagebuchaufzeichnungen. Die sind, zu seiner großen Überraschung, gänzlich in Ungarisch abgefasst. Dabei hatte Flora stets so getan, als sei ihre Vergangenheit nicht von Belang und auch völlig unwichtig für sie. Er beauftragt eine junge Frau mit der Übersetzung, packt ein paar Sachen zusammen und fährt zunächst in Floras Heimatdorf. In der Hoffnung, dort etwas über sie herauszufinden, was sie ihm verständlicher, ihre Entscheidung, Selbstmord zu begehen, womöglich erträglicher macht.

Seine Freude nicht mit anderen zu teilen kann diese schmälern, aber sein Leid nicht mitteilen, also keine Hilfe erfahren zu können, kann einen umbringen.

Es bleibt nicht bei der Reise nach Ungarn. Kopp fährt weiter, nach Slowenien, Albanien, Georgien, nach Istanbul und Griechenland. Von wechselnden Mitreisenden, aber stets von den Aufzeichnungen seiner Frau begleitet, nimmt er Einblick in die Leben anderer, die ähnlich trostlos aussehen wie sein eigenes. Er trifft seinen Vater, zu dem er seit Jahren keinen Kontakt mehr hat, er deliriert mit einer schweren Hirnhautentzündung in einem kleinen albanischen Dorf vor sich hin, in das ihn eine Anhalterin namens Oda lotst. Eigentlich sucht er nach einem Ort, an dem er die Asche seiner Frau verstreuen kann, sucht er nach einem Abschluss dieser seiner Tragödie und findet nur noch mehr Tragödien.

Terézia Moras Schreiben wabert zwischen personaler und Ich-Perspektive hin und her, mal ist es wie ein steter Gedankenstrom, mal wie der Bericht eines Unbeteiligten. Die Geschichte teilt sich in die Reise Darius Kopps und in die Tagebuchaufzeichnungen seiner Frau, das eine fortlaufend im oberen Drittel der Seite, das andere im unteren. Das allein stellt einen schon vor die ein oder andereganz praktische Herausforderung – was zuerst lesen und wo stoppen? Die Tagebuchaufzeichnungen Floras geben tiefe Einblicke in ihre seelischen Befindlichkeiten und Abgründe, unter einer manisch-depressiven Psychose soll sie leiden.  Sie wird medikamentiert und therapeutisch behandelt und so finden sich im Tagebuch auch ellenlange Beschreibungen von Psychopharmaka und deren Nebenwirkungen, von den Symptomausprägungen der Depression. Keine Hoffnung. Nirgends.

Sie wissen nicht, wovon Sie reden. Wenn ich jemandem sage: ich bin zuckerkrank, fühlt er mit mir und fragt mich höchstens nach der Beschaffenheit meiner Diät oder wie sich die Spritzen anfühlen. Wenn ich jemandem sage: Ich leide unter der manisch-depressiven Krankheit, bin ich auf der Stelle durch bei ihm, denn er hat keine Lust und auch wirklich keine Kraft, sich um die Probleme anderer Leute zu scheren, er ist zu müde für eine fremde Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft, ihm gehts doch auch nicht immer gut (…)

Man fragt sich am Ende beinahe ernüchtert, worum es Terézia Mora in ihrem Roman ging. Um das Wesen der Depression, der psychischen Krankheit? Um die Anerkennung in der Gesellschaft? So viele Themen – von Ausländerfeindlichkeit über Existenzängste und die eigene Sozialisation – werden angeschnitten, dass man manchmal gar nicht weiß, wohin man zuerst blicken soll. Darius Kopp bleibt eigentümlich passiv und behäbig, seine Reise endet in einem riesigen Tumult, als er einem Kind in Griechenland versehentlich eine Autotür gegen den Kopf schlägt. Daraufhin wird er zusammengeschlagen, verprügelt, nach allen Regeln der Kunst, sein Auto wird zerlegt, im Kofferraum noch immer die Asche seiner Frau. Terézia Moras Buch ist sowohl thematisch als auch sprachlich sehr gewaltig, eine Herausforderung, der man sich gewachsen fühlen (wollen) muss. Ein bisschen ratlos lässt er einen zurück, ein bisschen erschöpft und ausgelaugt. Das Leben ist schlecht, die Menschen auch, so ist es eben. Ist es trockener Fatalismus, der einem entgegenschlägt? Die reine Absenz von Lebensmut,überhaupt von einem Leben?

Am Ende hat man nicht das Gefühl, Darius und seiner verstorbenen Frau nähergekommen zu sein. Ein Stück des Weges hat man mit ihnen zurückgelegt, dann wird man wieder stehengelassen. Zurückgelassen in seiner eigenen Existenz. Terézia Mora stellt keine Fragen und gibt keine Antworten. Sie präsentiert uns den Ausschnitt aus zwei Leben, wie es vermutlich viele gibt. Wie gehen wir damit um? Für mich ist Mora mit diesem Monumentalwerk der Lebensverneinung zwar beeindruckend, aber insgesamt doch zu vollgestopft, zu ausgeschmückt mit Details, die letztlich nirgendwohin führen als in die Schwärze depressiver Schlussfolgerungen. Die Notwendigkeit der zweigeteilten Seiten hat sich auch bis zum Ende nicht erschlossen, ohne Frage hätte man auch kapitelweise die Perspektiven wechseln können, ohne, dass der Text irgendwie an Eindringlichkeit verloren hätte.

Wer ist nun ‚Das Ungeheuer‚? Der Mensch,die Krankheit? Vielleicht.

Ein Interview mit David Wonschewski

david_wonschewski-2Im November 2012 ist dein erster Roman mit dem Titel Schwarzer Frost erschienen. Was verstehst du unter diesem Begriff?

Die Bezeichnung „Schwarzer Frost“ stammt aus der Seefahrt. Bezeichnet wird damit eine Vereisung der Schiffsaufbauten, gebildet durch Nebel oder Nieselregen. Klingt zunächst nicht sonderlich gefährlich, kann aber tatsächlich dazu führen, dass die Takelage überlastet wird und das Schiff kentert. Ziemlich fiese Angelegenheit. Mit der Seefahrt hat der Roman eher wenig zu tun, aber mir gefiel dieser Begriff, lässt er sich doch gut auf die Psyche des Menschen übertragen. Hier eine Gemeinheit, dort eine Unverfrorenheit, ab und an ein Tiefschlag – manche Menschen können so etwas wegstecken. Andere aber gehen nach und nach kaputt an sich und ihrer Umwelt, sie vereisen. Und das Kentern ist dann oftmals nicht mehr weit.

Suizid, Depression, Misanthropie: Dein Roman behandelt sehr düstere Themen. Woher rührt dein Interesse an den so genannten Schattenseiten des Lebens?

Im Grunde legst du durch deine Formulierung den Finger bereits an die entscheidende Stelle: ,so genannte Schattenseiten’. Ich frage mich: Warum werden manche Dinge, die fester und klarer Bestandteil des Lebens sind, derart dämonisiert? Ich bin der Meinung, dass es gerade diese zwanghafte Verteufelung doch sehr menschlicher Charaktereigenschaften und Handlungsweisen ist, die zum Hauptkatalysator des eigentlichen Problems werden. Ich erwarte ja gar nicht, dass Leute gute Laune haben, wenn sich jemand umgebracht hat oder sich zukünftig an ihren depressiven Phasen erfreuen, natürlich nicht. Aber ich bin überzeugt davon, dass es uns alle ein großes Stück weiterbringt, wenn wir akzeptieren, dass suizidale Tendenzen menschlich sind und Depressionen keine Fehlbildung, kein Irrläufer, sondern eine sehr natürliche, wenn nicht gar logische Angelegenheit. Ich würde sogar noch weiter gehen: So häufig wie all diese ach so negativen Dinge bei uns Menschen vorkommen, werden sie mit Sicherheit sogar ihren tieferen Sinn und Zweck haben.

Wie ist das zu verstehen? Was für einen Sinn könnten Selbstmordgedanken und Depressionen haben?

Na, den gleichen wie zum Beispiel die Angst. Oder der körperliche Schmerz. Ebenfalls zwei unfassbar blöde Angelegenheiten – aber würden wir Menschen weder die Angst noch den körperlichen Schmerz kennen, dann würden wir beide jetzt ganz sicher nicht dieses Interview führen. Denn dann wäre die Spezies Mensch vor 150 000 Jahren bereits ausgestorben. Ich bin mir sicher: Mit Depressionen verhält es sich genauso. Hätten Depressionen keine Funktion, Mama Natur hätte sie doch längst weg-evolutioniert! Aber selbst, wenn dem nicht so ist und ich mich mit meiner Theorie auf dem Holzweg befinde: umgehen müssen wir so oder so damit. Also zerre ich das Thema raus aus dem Schatten und behandle es als das, was es ist: Standard. Normalität. Meinetwegen können wir sogar den Begriff Routine verwenden. Wer so tut, als seien Depressionen und Suizide eine ganz schreckliche Ausnahme, der verschießt die Augen vor den statistischen Daten. Und sorgt mit Sicherheit für wesentlich mehr Angst und Leid als ich mit meinen 240 Seiten „Schwarzer Frost“.

Für viele Menschen dürfte es dennoch eine Herausforderung darstellen, sich diesen Themen so frontal zu nähern wie du. Hast du keine Bedenken, manchen Leser damit zu überfordern?

Nein. Ich gehe davon aus, dass die Leute, die „Schwarzer Frost“ lesen, lebenskluge Menschen sind. Wer sich für derartige Inhalte interessiert, wird sehr genau wissen, warum er das tut. Und auch einen dementsprechenden Erfahrungshintergrund besitzen. Ich bin überzeugt, dass gerade die Menschen, die selbst schon öfters am Abgrund standen und sich immer wieder aufrappeln mussten, auch die charakterstärksten von uns allen sind. Sie merken es oftmals nicht, halten sich für schwach und fehlerhaft, sind in Wahrheit aber so tough geworden, dass kaum noch etwas sie umhauen kann. Und ein Buch ganz sicher nicht. Das ist so ein Nutzen der Depression – ist man erstmal durch diverse üble Phasen hindurchgetaucht, kann man über die Pillepalle-Sorgen der anderen oftmals nur noch lachen. Sorgen, dass ich jemanden überfordere, mache ich mir also nicht. Ich gehe sogar vom genauen Gegenteil aus: Dass diejenigen, die jetzt vielleicht noch schreckhaft zusammenzucken, wenn sie das Wort „Depression“ hören, nach der Lektüre von „Schwarzer Frost“ in der Lage sind, sich dem Thema vollkommen furchtlos zu nähern. Der Mensch ist bekanntlich ein Gewohnheitstier und ich halte 240 Seiten für eine hervorragende Spanne, um etwas warm zu werden mit diesem leidigen Thema. Schreckliche Dinge sind nur so lange schrecklich, wie wir uns nicht konkret mit ihnen beschäftigen. Flüchten wir also nicht länger, sondern schauen dem Unheil direkt in die Fratze. Das wird helfen, garantiert.

„Berlin ist nicht mehr als ein Sammelsurium von Individualisten“ heißt es in Schwarzer Frost. Inwiefern ist diese Beziehungslosigkeit bzw. -unfähigkeit, die allen Charakteren in deinem Roman zu eigen ist, ein Großstadtphänomen?

Nun, für ein Großstadtphänomen halte ich das nicht, derlei Charaktere können sich auch in der Provinz herausbilden. Ich fürchte allerdings, dass Großstädte derartige Tendenzen fördern. Die „Anonymität der Großstadt“ ist ja ein alter Hut. Etwas frischer ist da schon die Erkenntnis, dass Berlin auch die deutsche Single-Hauptstadt ist. Und brandneu der jüngste Trend auf dem Immobilienmarkt: Ein-Personen-Haushalte nehmen rasend zu – in einer Geschwindigkeit, dass die Baubranche nicht mehr hinterher kommt. Ist das nicht herrlich paradox? Das Bedürfnis der Menschen, beieinander zu wohnen, steigt in dem Maße an, wie das Bedürfnis, miteinander zu wohnen, abnimmt. Da kann sich nun jeder selbst einen Reim drauf machen, was das über unseren Charakter aussagt. Meine eigene Theorie ist relativ unspektakulär: Irgendjemand hat uns diesen Floh namens „Selbstentfaltung“ ins Ohr gesetzt. Und seitdem wir Menschen diese „Selbstentfaltung“ für ein hohes Gut halten, überschätzen wir uns gewaltig. Dabei wäre das, was heute unter „Selbstentfaltung“ läuft, vor einigen Jahrzehnten noch unter „Egoismus“ einsortiert worden. Aber da mache ich mir ehrlich gesagt wenig Sorgen, denn jeder, der sich vor lauter Optimierungswahn an seiner eigenen Natur vergeht, wird mittelfristig immer depressiv. Hat die Natur ganz gut eingerichtet: Bevor du dich selbst zugrunde richtest, schaltet dein Organismus, ohne dich zu fragen, einfach alle vollkommen überhitzten Systeme aus. Zeit zum Abkühlen, Zeit, wieder zu sich zu finden, umzukehren, neue Wege zu beschreiten – das ist die Depression.

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Ich finde deine Erzähltechnik sehr interessant. Der Leser wird geradezu gezwungen, sich mit den Gedanken des Erzählers auseinanderzusetzen. Gedanken, die ständig zirkulieren, sich wiederholen, dann doch wieder etwas Neues, scheinbar Belangloses aufgreifen – und die alle in eine Selbstanalyse münden, die den Leser zum Widerspruch reizen muss. Hattest du von Anfang an vor, diese Ich-Perspektive für Schwarzer Frost durchzuziehen, oder lässt sich der Roman auch „von außen“ erzählen?

Das schließt ein wenig an meine vorherige Antwort an. Mir ging es darum, einen Erzähler zu haben, der zwar bereits die ersten depressiven Schüsse vor den Bug erhalten hat – aber noch nicht zu der Einsicht gelangt ist, dass er offenbar etwas ändern muss. Daher agiert er noch sehr egoistisch, wenngleich dieser Egoismus längst etwas Verlorenes an sich hat. Er befindet sich also in diesem sehr gefährlichen Niemandsland, in dem die Entfremdung von sich und der Menschheit bereits ihren Höhepunkt erreicht hat. In ihm schreit bereits alles nach Handlung, nach Aktion, nach Tat – aber er hat keinerlei Ahnung, was zu tun ist. Im Grunde ist er blind, er stochert überall herum, in der verzweifelten Hoffnung, irgendwas zu greifen zu kriegen. Ich glaube genau diese Übergangsphase ist es, in der Menschen zu Amokläufern oder aber Selbstmördern werden. Wenn diese Phase nur kurz dauert, dann gleiten sie ins vollkommene Schwarz, aus dem sie sich aber anschließend als kurierter und geläuterter Mensch emporarbeiten können. Zieht sich diese Phase aber hin, dann werden sie zu tickenden Zeitbomben. Um diesen kurzen Moment abzupassen, habe ich diese Erzählweise gewählt. Der Moment, in dem sich entscheidet, ob man sich selbst oder aber wahllos jemanden anderen richtet. Für mich sind Amokläufer und Selbstmörder zwei Seiten der gleichen Medaille. Beide betteln um Erlösung, um nur irgendwie aus dieser Zwischenphase zu entkommen.

Das mit dem Widerspruch, der sich während der Lektüre zunehmend in manchem Leser regen könnte, ist mir persönlich sogar der wichtigste Aspekt der Geschichte. Hängt aber natürlich vom subjektiven Erfahrungsbackground des Lesers ab, wie stark oder auch schwach er das wahrnehmen wird. Von ,außen’ hätte der Roman aber nicht erzählt werden können. Depressive Menschen sind in der Tat sehr kopflastige Charaktere, deren Wahnsinn sich zwischen den Ohren abspielt. Thomas Bernhard hat einmal gesagt, er hält wenig davon, in seinen Büchern das zu beschreiben, was eh jeder sieht. Seitenlange Beschreibungen der Szenerie zum Beispiel oder lauter Handlungen. Das merkt man seinen Romanen auch an, die meisten davon sind ein einziges Kopfkino; der Versuch, die Gedanken eines Menschen sichtbar zu machen. Zumindest für einen Roman lang erschien mir dieser Ansatz nicht nur enorm sympathisch, sondern auch überaus effektiv.

In deinem Roman verfolgen wir die Gedanken eines Menschen, der beim Radio arbeitet und der sein Arbeitsumfeld als Panoptikum von Großstadtneurotikern beschreibt. Du hast selber jahrelang beim Radio gearbeitet. Lässt sich der Roman auch als Abrechnung mit deiner ehemaligen Branche lesen?

Sehr gute Frage, die ich mit einem klaren Nein beantworten möchte. Wer wirklich genug von etwas hat, der dürfte so souverän sein, um einfach die Tür hinter sich zu schließen und zu gehen. Da ich genau das aber offensichtlich nicht mache, landen wir wohl bei einer Form von verletzter Eitelkeit oder auch zurückgewiesener Liebe. Ja, ich liebe die Medienbranche, mache mir aber ernsthafte Sorgen um sie. Das hier nun im Detail darzulegen, würde aber definitiv den Rahmen sprengen. Ich habe eine dicke Rechnung offen. Klingt aggressiv, ist aber positiv gemeint: Ich habe definitiv nicht vor, der Branche weiter dabei zuzusehen, wie sie sich erhängt. Radio ist ein großartiges Medium, das leider das Schicksal vieler Branchen teilt: Es ist in der Vergangenheit zu oft in die Hände von Leuten geraten, denen eine kurzfristige monetäre Ausschüttung wichtiger ist als die langfristige journalistische Entwicklung. Viele Entwicklungen und Trends wurden dadurch schlichtweg verpennt. Manche Sender mögen inzwischen vielleicht bei Facebook sein und twittern, aber genau das ist doch der Anfang der Armseligkeit, wenn das eine Medium hofft, von dem anderen vor dem Fall in die Bedeutungslosigkeit gerettet zu werden. Hat Radio gar nicht nötig, Radio ist stark genug. Nein, der „Schwarze Frost“ ist keine Abrechnung. Er ist eher das Gegenteil – ein Aufruf, sich dieses spannende Medium nicht von den falschen Leuten kaputt machen zu lassen.

Du bist im Internet selbst sehr aktiv und betreibst eigene Musikforen und einen Blog. Ist die Hinwendung zur digitalen Welt ein Ersatz für deine „Radioarbeit“?

Ersatz trifft es nicht ganz. Wie oben bereits angedeutet, krankt die Radiobranche an einer ganzen Reihe Dinge. Das Internet bietet fast jedem die Möglichkeit, zum Journalisten zu werden. Ob das nun qualitativ gut oder nicht gut ist, ist eine andere Diskussion, aber der künstlerischen Vielfalt tut es enorm gut. Das Internet hat die Beschäftigung mit Musik nicht nur spannender, sondern auch wesentlich demokratischer gemacht. Gerade Blogs, von denen nur die wenigsten kommerziell unterfüttert sind, können eine zwar sehr subjektive, dafür aber auch verdammt glaubwürdige Angelegenheit sein. Ich wünschte, wir könnten das von Zeitungen, TV- und Radiosendern auch noch behaupten. Wer möglichst nah heran will an das echte Gefühl und die echte Meinung der Menschen, der muss ins Netz.
Richtig ist aber auch, dass ich nicht die Finger lassen kann vom Musikjournalismus. Wie bereits erwähnt: Ich habe die Tür hinter mir nicht geschlossen.

Wie sehen deine weiteren Pläne aus? Kann man von dir einen neuen Roman erwarten oder haben deine diversen anderen Projekte erstmal Vorrang?

Was das Schreiben angeht, so bin ich ein Gesinnungstäter. Ich schreibe dauernd, eher zu viel als zu wenig. Material habe ich also immer mehr als genug. Für Autoren wie mich besteht die Herausforderung daher eher in der Fokussierung und Bündelung. Und in der qualitativen Auswertung meiner vielen Schreibstücke. Nicht jeder Mist muss bekanntlich in gebundener Form auf die Menschen losgelassen werden. Gerade die Arbeit an „Schwarzer Frost“ hat mir aber gezeigt, dass ich mit Periplaneta ein sehr gutes Korrektiv gefunden habe. Kurzum: Ja, ich bin bereits dabei meinen Nachfolgeroman zu bearbeiten. Erzählerisch abgeschlossen ist er bereits, die Rohfassung ist im Kasten.

David Wonschewski war so freundlich, mir dieses Interview, das im Rahmen einer Empfehlung der Internationalen Thomas Bernhard Gesellschaft mit ihm geführt wurde, zu verwenden.

Vielen Dank dafür! Es steckt, wie ich finde, voller wahrer Worte.