Antonio Altarriba & Kim – Die Kunst zu fliegen

DSCN6307Antonio Altarriba ist ein spanischer Autor, Literaturprofessor und Comickünstler. Seit den frühen 80er Jahren veröffentlicht er Romane, Anthologien, Comics und Essays. Für seinen Roman La Memoria de la Nieve wurde er sogar mit dem Baskischen Literaturpreis ausgezeichnet. Auch ,Die Kunst zu fliegen‘ wurde mehrfach mit Preisen bedacht, so u.a. mit dem Premio Nacional del Comic 2010. Kim, der mit bürgerlichem Namen Joaquim Puigarnau Aubert heißt, ist ein spanischer Comickünstler, dessen satirische Comicserie Martínez el Facha bereits als Klassiker spanischer Comickunst bezeichnet wird. ,Die Kunst zu fliegen‚ erschien in der Übersetzung von André Höchemer im avant-Verlag.

Dass Comics längst ihrem unseriösen Image entwachsen sind, ist seit Art Spiegelman, Robert Crumb, Craig Thompson und Chris Ware eine anerkannte und kaum noch angezweifelte Tatsache. Kaum ein Thema, dem sich die Graphic Novel nicht widmen könnte. Joe Sacco und Guy Delisle sind allerorten bekannt für ihre eher journalistisch geprägten Veröffentlichungen. Was Antonio Altarriba dem Leser hier präsentiert, ist die Geschichte seines Vaters. Antonio Altarriba Lopes stürzte sich am 04. Mai 2001 aus dem vierten Stock des Seniorenheims, in dem er lebte. Neunzigjährig, vom Leben ausgezehrt, psychisch entkräftet und von starker Medikation verwirrt, ist das die einzige Entscheidung, die er wachen Geistes und im Reinen mit sich selbst noch treffen kann.

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Gleich zu Beginn verblüfft diese Graphic Novel mit einem erzählerischen Kniff, der nicht eben häufig anzutreffen ist. Zunächst aus der Sicht des Sohnes berichtet, wandelt sie sich schrittweise zur Ich-Perspektive. Antonio Altarriba Lopes hinterließ seitenweise Aufzeichnungen über sein Leben und Leiden, über all das, was ihm festzuhalten wert und wichtig erschien. Auf der Basis dieser Schriftstücke entwirft sein Sohn eine Biographie des Vaters, die gleichzeitig das Schicksal unzähliger Spanier spiegeln dürfte, die unter General Franco in den Bürgerkrieg zogen, im Zweiten Weltkrieg kämpften oder vor den bis 1975, zum Tode Francos,währenden diktatorischen Verhältnissen ins Exil gingen.

Niemand weiß, wie ein Mann in seinem Alter und Zustand die Heimaufsicht austricksen,im vierten Stock durch ein Fenster klettern und sich in die Tiefe stürzen konnte. Doch ich weiß es. Nur ich kann wissen, wie er es tat, ..denn ich war zwar nicht dabei, doch ich war in ihm. Ich bin immer in ihm gewesen, denn ein Vater besteht aus seinen möglichen Kindern.

Als Sohn einer Bauernfamilie lernt Antonio Altarriba Lopes schon früh harte Arbeit und Entbehrungen kennen. Mit acht Jahren verließ er die Schulbank und wurde zur Feldarbeit abgestellt, seinen Wissensdurst jedoch verliert er nie. Er wächst unter einem harten und unbeugsamen Vater auf, umgeben von Kämpfen um Besitz und Auskommen. Um der engen Dörflichkeit und der überall spürbaren Feindseligkeit untereinander zu entkommen – so errichten die Bauern hohe Mauern um ihre Felder, um ihren Besitz zu sichern – versucht er sein Glück in Saragossa. Arbeitet dort als Lieferant, scheitert. Die Häme in seinem Heimatdorf Penaflor ist ihm sicher, als er mit leeren Händen zurückkehrt. Nachdem jedoch sein Freund Basilio bei einem Unfall mit einem selbstgebauten Fahrzeug ums Leben kommt, beschließt Antonio Altarriba Lopes dem Dorf und seiner Familie den Rücken zu kehren. Nach Basilios Tod hält ihn wenig.

Die Ankunft in der Stadt datiert sich vermutlich kurz vor Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges, der 1936 mit dem Putsch Francos gegen das demokratisch gewählte System der Zweiten Spanischen Republik begann und bis 1939 andauern sollte. Kurz darauf brach der Zweite Weltkrieg aus. Antonia Altarriba Lopes sieht sich nicht auf Seiten Francos, für ihn bilden die Kämpfe und Gewalttaten in der Stadt nur eine Fortsetzung der dörflichen Rivalitäten und Auseinandersetzungen. Sein Onkel Segundo, der vom Chauffeur des Bürgermeisters zum „Müllmann“ degradiert wurde, erzählt in familiärer Runde, was er da tatsächlich zu transportieren gezwungen ist.

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Antonio Altarriba Lopes läuft zu den Anarchisten über, flieht schließlich ins französische Exil und kämpft dort in der Résistance gegen die deutsche Besatzung. Es ist ein Leben voller Entbehrungen, Schmerzen und Leid. Auch im Spanien der Nachkriegszeit, das von Korruption und krummen Machenschaften zusammengehalten wird, kann er nicht Fuß fassen. Um sein Überleben zu sichern, muss er schließlich Werte und Überzeugungen zugunsten der herrschenden Gegebenheiten verwerfen. Er wird „innerer Emigrant“, wie viele andere Spanier, die nach den Kriegen keinerlei Perspektive und Möglichkeit mehr sahen, dem herrschenden System etwas entgegenzusetzen. Sie passen sich an, um nicht unterzugehen.

Antonio Altarriba und Kim haben in dieser Graphic Novel nicht nur hervorragende erzählerische und grafische Arbeit geleistet, mit der Geschichte des Antonio Altarriba Lopes haben sie auch ein Stück spanische Geschichte anhand persönlicher Erfahrungen rekapituliert. Wer sich bisher mit diesem Teil europäischer Geschichte nicht eingehend beschäftigt hat, bekommt einen ersten Einblick in Abläufe und Strukturen. Die eindrücklichen Zeichnungen verbildlichen die lebensnahe Sprache Antonio Altarribas auf ganz hervorragende Weise, insbesondere, wenn Vorstellung und Wirklichkeit verschwimmen. Die letzten Lebensjahre seines Vaters im Heim, der Rückzug aus der Welt werden dabei so plastisch dargestellt, dass man nicht umhin kann, die Last dieses Mannes zu spüren. Eines Mannes, der plötzlich der Überzeugung ist, ein Maulwurf fresse sich durch seine Brust.

Es nährt sich von meinem Kummer darüber, was ich nicht sein konnte. Ich habe weder die Sonne erreicht noch meine Flugrichtung beibehalten. Deshalb zehrt ein blindes Bodentier von mir.

Eine Graphic Novel, die mit ihrem außergewöhnlich großen Format und gut 200 Seiten aus den Veröffentlichungen herausragt, eine Geschichte, die herausfordert, die Familiengeschichte eines Einzelnen und die Lebensgeschichte vieler.

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Mairowitz & Montellier – Der Process

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Chantal Montellier ist eine französische Autorin und Comiczeichnerin. Sie studierte an der Ecole des Beaux-Arts in St.Etienne und arbeitete als Lehrerin für Bildende Kunst. Montellier engagiert sich politisch.

David Zane Mairowitz ist ein amerikanischer Schriftsteller. Er studierte Englische Literaturgeschichte, Philosophie und Theaterwissenschaft. Neben seinen journalistischen Arbeiten hat er auch Theaterstücke, Kurzgeschichten und Hörspiele verfasst. Seit 1966 lebt Mairowitz in Europa, in Avignon und Berlin.

Übersetzt wurde der dieser Adaption zugrunde liegende Text von Anja Kootz, erschienen ist er im Knesebeck Verlag.

Man könnte fast meinen, wir erlebten dieser Tage sowas wie ein Kafka-Revival. Die Veröffentlichen häufen sich, das Interesse an seinem Schaffen ist bis heute ungebrochen, wenn es auch die Leserschaft spaltet. Anders als es Mairowitz gemeinsam mit Robert Crumb getan hat, wird hier nun mit Montellier ein bestimmtes Werk Kafkas in den künstlerischen Fokus gerückt. Es ist, neben der Verwandlung, vermutlich das bekannteste des tschechisch-deutschen Schriftstellers. Der Prozess.

Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne, dass er etwas Böses getan hatte, wurde er eines Morgens verhaftet. So beginnt Kafkas posthum veröffentlichter Roman rund um den Prokuristen Josef K., der sich unversehens in den Fängen einer justiziellen Maschinerie wiederfindet, die er unmöglich überblicken kann. Eines Tages stehen diese beiden Wächter in seinem Zimmer und verkünden seine Verhaftung. Was er getan habe und wann ihm der Prozess gemacht würde, könnten sie nicht sagen.

process2Zwar wird er in ein heruntergekommenes Viertel gebeten, um dort befragt zu werden, doch die hierarchischen Strukturen dieses gerichtlichen Schreckgespenstes durchdringt er nicht. Nie gelangt er zu denen, die wirklich verantwortlich für seine Verhaftung sind und dementsprechend auch seinen Freispruch bewirken könnten. Er wirft sich in die Arme zahlreicher Frauen, sucht in ihnen gleichermaßen Schutz wie sie ihn abstoßen. Es ist kein Geheimnis, dass Kafka sein Leben lang ein sehr ambivalentes Verhältnis zu Frauen hatte, im Prozess spiegelt sich das besonders deutlich.

Ist der Roman als solcher schon düster genug, schafft Montellier durch ihre stark kontrastierten und teils beinahe holzschnittartigen Illustrationen eine Atmosphäre, die zwischenzeitlich so symbolüberladen ist, dass man sich unweigerlich an einen schlechten Traum erinnert fühlt. Viele detaillierte Zeichnungen von Körperteilen, von Augen und Händen lassen viele Szenen gehetzt wirken, fast wie im Delirium. Es gelingt, das Holzschnittartige von Kafkas Figuren, die dem Leser immer auf eine eigentümliche Art fremd bleiben, in Bilder umzusetzen.

processDurch viele Bilder geistern der Tod und eine Menge Uhren. Josef K.s Zeit läuft ab, von Seite zu Seite. Die überdeutlich ausgestalteten Ausrufezeichen und Fragezeichen in den Panels lassen das Ganze ein bisschen an Kraft verlieren, ein bisschen ins Cartooneske driften, das nicht so ganz zu der alptraumhaften und surrealen Stimmung der restlichen Zeichnungen passen mag. Es ist natürlich kein Zufall, dass Protagonist Josef K. wie Kafka aussieht, der biographische und emotionale Anteil an seinen Werken ist unleugbar, unübersehbar. Keine Erzählung lässt sich tatsächlich von ihm und seinem Empfinden entkoppeln, oft schrieb Kafka nachts wie ein Besessener.

Montelliers und Mairowitz‘ Adaption von Kafkas Werk ist gelungen, wenn sie stilistisch bisweilen auch etwas gewöhnungsbedürftig daherkommt. Das Tempo ist rasant und nach Beendigung der Lektüre fühlt man sich wie nach einer hektischen Irrfahrt, einer kurzen wahnhaften Episode, die so schnell endet wie sie begonnen hat. Für treue Anhänger und Kafkainteressierte ist es zweifellos einen Blick wert und immer wieder in positiver Weise überraschend, wenn Kafkas sprachlicher Stil seine zeichnerische Entsprechung findet.

Guy Delisle – Aufzeichnungen aus Jerusalem

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Guy Delisle ist ein kanadischer Comiczeichner. Er studierte Kunst am Sheridan College in Toronto und arbeitete nach seinem Abschluss bei einem Animationsstudio. Er ist bekannt für seine dokumentarischen Comics, die ihn bereits nach Shenzen, Pjöngjang, Birma und eben Jerusalem geführt haben. Für Aufzeichnungen aus Jerusalem wurde er auf dem Internationalen Comic-Festival Angoulême 2012 mit dem Preis für das beste Album ausgezeichnet. Delisles Comics erscheinen im Reprodukt Verlag.

Für ein Jahr reist Guy Delisle mit seiner Frau, die für Ärzte ohne Grenzen arbeitet, nach Jerusalem. Und ein bisschen ist es wie die Reise in eine andere Welt. Während er seinen väterlichen und häuslichen Pflichten nachkommt, beginnt Delisle sich intensiv und vor Ort mit dem Nahost-Konflikt auseinanderzusetzen. Gemeinsam mit vielen anderen Mitarbeitern der MSF und zahlreicher NGOs (Non Governmental Organization) wohnt er in einer Siedlung in Ost-Jerusalem und besucht verschiedenste zentrale Orte in Israel und Palästina, um mit den Menschen zu sprechen, sich selbst ein Bild zu machen. Dabei gelangt er in die Viertel ultraorthodoxer Juden, in die heiligen Stätten christlichen und muslimischen Glaubens, auf den Tempelberg und an die Klagemauer.

ramadanEine von Delisles größten Qualitäten ist die Aufgeschlossenheit und Menschlichkeit, mit der er allem begegnet, was er nicht kennt. Er will verstehen, er will aus so vielen Perspektiven wie möglich betrachten, was sich in dem Land abspielt, das Juden, Christen und Muslime gleichermaßen als heilig erachten. Bei ihm gibt es keine Voreingenommenheit. In mehr oder weniger kurzen Episoden wird man Zeuge humorvoller oder berührender Momente der Verständigung, die manchmal auch ganz ohne Sprache auskommen. So ist er auch in Jerusalem, als 2008 die Operation Gegossenes Blei , die in Reaktion auf wiederholte Angriffe auf Isreal ins Leben gerufen wurde, erneut erhebliche Unruhen am Gaza-Streifen entfacht. Diese Auseinandersetzung galt als die schwerste seit dem Sechstagekrieg 1967 und forderte innerhalb weniger Wochen mehrere tausend Opfer.

Hin und wieder muss man auch unweigerlich schmunzeln angesichts all der verschiedenen Religionsgruppen und der dadurch zwangsläufig entstehenden absurden Situationen. So fahren Delisle und einer seiner Begleiter versehentlich am Sabbat mit dem Auto durch das Viertel Mea Shearim, in dem ultraorthodoxe Juden leben und beschwören damit versehentlich einen kleinen Aufstand derer herauf, die sich überhaupt auf der Straße aufhalten. An anderer Stelle reist er, um einen Workshop zu geben, zur Universität Jerusalems, die sich ironischerweise außerhalb der riesigen Mauer befindet, die das Land durchzieht. Was in Zeiten vor diesem gigantischen Bauwerk menschlichen Scheiterns eine Viertelstunde beansprucht hätte, dauert nun um ein Vielfaches länger, weil man gezwungen ist, einen riesigen Umweg zu fahren. In einem seiner Kurse gerät er an seine Grenzen, als eine komplett verschleierte Teilnehmerin ihm sagt, ihr Glaube verbiete ihr das Zeichnen von menschlichen Figuren oder Tieren.

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Fast könnte man angesichts vieler kleinlicher Auseinandersetzungen den Eindruck bekommen, dass diese Menschen ohne die Dogmatismen ihrer jeweiligen Glaubensrichtungen wesentlich friedlicher zusammenleben könnten. Im Kleinen, auf den Kinderspielplätzen, ist schon möglich, was im Großen seit Jahrzehnten nicht mehr funktioniert. Wer sich für den Nah-Ost-Konflikt interessiert, dem sei dieses präzise und vielfältige Werk unumwunden ans Herz gelegt. Ähnlich wie Mana Neyestanis Ein iranischer Albtraum und Maximilien Le Roys Die Mauer gibt es tiefen Einblick in ein gespaltenes und von immerwährenden Konflikten erschüttertes Land. Nach der Lektüre dieses Comics hat man das Gefühl, wenigstens ein bisschen mehr zu verstehen. Und das ist angesichts der Komplexität der dort herrschenden Umstände schon eine grandiose Leistung. Lest Delisle, der mit offenen Augen durch dieses Land geht!

David Zane Mairowitz & Robert Crumb – Kafka

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David Zane Mairowitz ist ein amerikanischer Schriftsteller. Er studierte Englische Literaturgeschichte, Philosophie und Theaterwissenschaft. Neben seinen journalistischen Arbeiten hat er auch Theaterstücke, Kurzgeschichten und Hörspiele verfasst. Seit 1966 lebt Mairowitz in Europa, in Avignon und Berlin.

Robert Crumb ist ein amerikanischer Künstler und gehört wohl zu den bekanntesten und bedeutendsten Illustratoren und Comickünstlern der letzten Jahrzehnte. Gerade im Bereich der Underground-Comics, der Comics, die in Klein – oder Selbstverlagen veröffentlicht wurde, wirkte er schon in den 60ern tatkräftig mit. 1999 wurde Crumb auf dem Comic-Festival in Angoulême für sein Lebenswerk ausgezeichnet.
Lange war dieses Werk über Kafka nicht mehr erhältlich, nun hat der Berliner Reprodukt Verlag es in neuem Gewand wieder veröffentlicht.

An Kafka scheiden sich ja bekanntlich die Geister. Die einen halten den tschechisch-.deutschen Schriftsteller für überschätzt, die anderen für genial. Die einen sehen sein Werk als nahezu zwanghafte Auseinandersetzung mit verschiedensten Autoritäten, die anderen einen kleinen Jungen, der verzweifelt gegen die Übermacht seines Vaters kämpft. In allem mag vielleicht ein Körnchen Wahrheit stecken. Aber was wohl nahezu jeden erfasst, der Kafka liest – und dabei ist es auch völlig gleichgültig, ob es sich um einen seiner Romane oder eine Kurzgeschichte handelt – ist die beklemmende und albtraumhafte Stimmung. Kafka ist niemand, der mit einer besonders ausgeschmückten oder poetischen Sprache beeindruckt, viel eher bleibt sie bei ihm oft kühl und distanziert. Eher ist es das unvergleichliche Gefühl von Bedrohung, das zwischen den Zeilen umherzieht, das ihn ausmacht, das viele bei der Lektüre schwer verdaulich finden.

Kafka1Mairowirz und Crumb haben keine Graphic Novel im klassischen Sinne geschaffen. Mehr so etwas wie eine bebilderte Biographie, die die verschiedenen Lebensstationen Kafkas mit eindrücklichen Illustrationen untermauert. Beginnend mit seiner Jugend in Prag, seiner ambivalenten Haltung zu Judentum und Religion im Allgemeinen – bereits Ende des 19 Jahrhunderts gab es in Prag antisemitische Ausschreitungen, die stark an das erinnern, was vierzig Jahre später unter den Nationalsozialisten folgen sollte – und seiner übermächtigen Angst vor seinem Vater erstreckt sich das Panorama bis heute und beleuchtet die verschiedenen Stufen der Rezeption, die Kafka ungewollt durchlaufen hat. Unter den Kommunisten verboten, dient er der Stadt Prag heute als durchaus unverzichtbare Einnahmequelle.

Die eigentliche Gefahr der Kafka-Interpretation der tschechischen Dissidenten mag aber vielleicht darin gelegen haben, dass sie ihn für einen Realisten hielten. Die wenigen, die ein ins Land geschmuggeltes Exemplar vom ‚Prozess‘ ergattern konnten, fanden darin kaum Unterschiede zu ihrem Alltag in der stalinistischen Tschechoslowakei mit ihren Informanten, Denunzianten und vor allem den Schauprozessen gegen ehemalige KP-Führer, die sich öffentlich zu Verbrechen bekannten, die sie nie begangen hatten.

Crumb hat als Meister seines Fachs ein außerordentlich präzises Auge für Stimmungen, gerade in den Illustrationen zu Kafkas Werken gelingt es ihm vortrefflich, den Schrecken in Kafkas Worten in Bilder umzusetzen. Mairowitz und Crumb bieten neben den biographischen Eckdaten und einigen beeindruckenden Innenansichten Kafkas, gepeist aus Briefen und Tagebuchaufzeichnungen, auch einen Querschnitt seines Gesamtwerkes und beleuchten die bekanntesten Erzählungen.

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Wir finden auch den ‚Prozess‘, ‚Der Bau‘, ‚Ein Hungerkünstler‘, ‚Das Urteil‘, ‚Das Schloss‘, ‚In der Strafkolonie‘ und ‚Amerika‘ grandios in Szene gesetzt und man fühlt sich, auch wenn man die literarischen Vorlagen bisher nicht gelesen hat, umfassend informiert. Mairowitz und Crumb beweisen Gefühl für das Wesentliche der Geschichten, für die Essenz – und was könnte sich besser zur Darstellung dieser Essenzen eignen als die Illustration?

Man kann dem Reprodukt-Verlag nur für die Neuauflage dieses großartigen Werkes danken. Es ist Graphic-Novel, Biographie, Literaturlexikon und Geschichtsbuch in einem und kann für die Menschen, die beginnen, sich mit Kafkas Werk auseinanderzusetzen, einen unverzichtbaren Einstieg in die Gedankenwelt dieses sehr sensiblen und häufig als unzugänglich gebrandmarkten Schriftstellers liefern. 1993 erschien dieses Werk erstmals, möglicherweise wurde ihm damals auch nicht die Aufmerksamkeit zuteil, die es verdient hätte. Mit der Wiederveröffentlichung ändert sich das hoffentlich, denn mit diesem Buch ist die Graphic Novel endgültig ihrem Lustigen-Taschenbuch-Image entwachsen!

Cécil & Brunschwig – Holmes (1)

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Luc Brunschwig studierte Werbung und Marketing. Seit 1989 entwickelte er gemeinsam mit Laurent Hirn erfolgreiche Comicserien. Cécil studierte an der Kunstakademie in Bordeaux und arbeitete als Grafiker, Illustrator und Journalist. Auch er veröffentlichte bereits mehrere Comics, die ihm in Frankreich u.a. den Comicpreis der französischen Buchhändler eintrugen. (auf Deutsch erschienen z.B. Das Schmetterlingsnetzwerk mit Eric Corbeyran im Splitter-Verlag) Für beide ist die Holmes-Serie das bisher größte Projekt.

Hin und wieder erwähne ich meine Liebe zum größten Meisterdetektiv aller Zeiten, meine Bewunderung für diesen von Logik und Ratio durchdrungenen Mann, den scheinbar keine Emotion in seinen Deduktionsfertigkeiten beirren kann. In meinem Zimmer prangt ein Sherlock-Holmes-Plakat, in meinem Regal steht eine Gesamtausgabe, bei meinen DVDs steht die gesamte Granada Serie mit Jeremy Brett. Es war gewissermaßen irgendwas zwischen notwendig und zwingend, dass dieses Comic in mein Regal wandert, zumal es sich hinsichtlich der Ausgangslage durchaus an Conan Doyle hält.

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1891 stürzt Sherlock Holmes mit seinem Erzfeind Professor Moriarty, dem Strippenzieher allen ungesühnten Verbrechens Londons zu dieser Zeit, die Reichenbachfälle hinab und gilt fortan als tot. Das war ursprünglich auch von Conan Doyle so beabsichtigt, denn der Detektiv wuchs ihm über den Kopf. Er hielt den historischen Roman für das edelste Genre, in dem man sich bewegen kann und so fühlte er sich durch Holmes empfindlich in dem gestört, was er eigentlich für erstrebenswert hielt. Er ließ ihn also sterben (in „Sein letzter Fall“), was nicht nur zu öffentlicher Trauer und Bittbriefen wildfremder Menschen führte – der ein oder andere hielt Holmes und Watson gar für reale Menschen -, sondern ihm auch den Zorn seiner Mutter einbrachte. Er erweckte ihn also wieder zum Leben (in „Das leere Haus“) und schrieb sogar nach Holmes‘ Ableben die bekannteste Geschichte rund um den Meister – Der Hund der Baskervilles.

Das aber nur am Rande. Das Comic entwickelt nun eine alternative Geschichte, was tatsächlich an den Reichenbachfällen geschehen sein könnte. Watson hatte noch eine Art Abschiedsbrief gefunden, den er in seine Berichterstattung mit einfließen ließ und der ihm half, Schlussfolgerungen über den Ablauf der Dinge zu ziehen. Da diese Serie auf drei Teile angelegt ist, wird uns nun im ersten Band erstmal der Mund wässrig gemacht, viele Dinge werden wir erst später verstehen. Mycroft Holmes, der Bruder Sherlocks, spricht Watson gegenüber davon, dass sein Bruder die letzten Jahre seines Lebens, bedingt durch seine Kokainsucht, mehr im Wahn als in der Realität verbrachte – und dass es Professor Moriarty gar nicht gibt. Er sei eine in Holmes Fantasie erschaffene Gestalt, auf die er wie besessen Jagd machte. Mycroft versucht nun, das Erbe seines Bruders zu wahren, in dem er alle Akten verbrennt, die vom geistigen Verfall des Meisterdetektivs zeugen.

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Es stellt sich bei Watsons Recherchen, die er zusammen mit Wiggins, einem Straßenjungen der Baker Street betreibt, heraus, dass es tatsächlich einen Moriarty gab. Allerdings keinen Marionettenspieler des Verbrechens, sondern einen ehemaligen Mathematikprofessor, der von Migräne geplagt in einem Haus lebt, das von Sherlock Holmes Eltern finanziert wird. Ganz bewusst spielt dieser Comic mit Erwartungen, deutet Fährten an, lässt sie wieder fallen. Zunächst ist man geneigt, zu glauben, dass Holmes durch seine Drogensucht möglicherweise nicht mehr Herr seiner Sinne war, aber so vollends überzeugt ist man davon doch nicht. Watson besucht auch Holmes‘ Eltern, Siger und Violet Holmes. Beide werden im Kanon Conan Doyles nie erwähnt, allerdings etablierten diverse Pastiche-Autoren einen familiären Hintergrund, der hier von Cécil und Brunschwig aufgegriffen wird. Siger Holmes aber ist ein gebrechlicher alter Mann, der zwischen Momenten geistiger Klarheit und Verwirrung hin und her pendelt. Man erfährt auch von einem Kampf zwischen Sherlock und Moriarty, allerdings zu einem wesentlich früheren Zeitpunkt.

Die Zeichnungen sind überwiegend in einem blau-grün gehalten – abgesehen von der Rückschauepisode, in der Holmes Eltern sich kennenlernen -, was dem Ganzen ein bisschen den Eindruck des Nebligen und Mysteriösen verleiht. Cécil und Brunschwig gelingt es in diesem ersten Teil viele Köder auszulegen, viele Fährten anzudeuten und nur eines scheint klar zu sein – irgendwas mit der klassischen Geschichte, die wir alle kennen, stimmt nicht. Dahinter steckt mehr. Irgendetwas verheimlicht seine Familie. Mir gefällt die Umsetzung sehr, schon bei Anthony Horowitz war ich ja angetan davon, wie aus doylschem Stoff ein ganz neues Geflecht aus Möglichkeiten und Geschichten entsteht, so auch hier. Die Autoren verlieren das Original niemals aus den Augen, aber wagen dennoch, hier und dort neue Wege zu eröffnen. Ich bin jedenfalls sehr gespannt, wie es weitergeht und ob Holmes tatsächlich zurückkehrt. Schließlich kann man das so schön inszenieren. (wie in der Granada Serie mit Jeremy Brett – siehe unten)

Zu den Bildern im Comic sei noch gesagt: Ich habe bei Jacoby & Stuart nach besseren Innenansichten gefragt, – also gut möglich, dass sich die Bilder in diesem Beitrag noch ändern!