Kommen Bücher in den Himmel?

Man begegnet sich immer zweimal im Leben – oder verliert sich nie so ganz aus den Augen. Das gilt jedenfalls für mich und Nicole Pietruschka. Wir sind gemeinsam zur Schule gegangen, haben gemeinsam unser Abitur gemacht. Aber wie es manchmal so ist; es zieht die Leute in die weite Welt hinaus und so studiert Nicole heute im niederländischen Enschede Cross Media Design. Ihr Abschlussprojekt hat mit Büchern zu tun. Und damit, was aus ihnen wird, wenn sie ausgesetzt, vergessen und ausrangiert sind. Schlechte Bücher kommen vielleicht in den Himmel – gute Bücher überallhin. Und wenn nicht sie selbst, dann ihre Geschichten. Nicole erzählt mir von ihrem Projekt.

Weiterlesen

Markus Gasser – Das Buch der Bücher für die Insel

gasser

So wie es vielerorts Staaten im Staate gibt, ist dieses Stück Literatur gleichsam ein Buch im Buche. Markus Gasser, studierter Germanist und Anglist, lässt in seinem literarischen Ratgeber für einsame Eilande nicht nur manchen Werdegang kanonischer Werke, sondern vor allem die tief empfundene und gelebte Freude an Literatur auferstehen. Sie ist auf jeder Seite zu spüren, in jedem Wort zu schmecken, das man sich auf der Zunge zergehen lässt.

Ein Arzt mag voraussagen können, für welche Krankheiten sich sein Patient besonders anfällig erweisen wird – die Wirkung eines Buches aber ist nicht zu prognostizieren: Da muß jeder selbst schauen, ob er sich durchschlagen kann und wie.

Es gibt viele von ihnen. Bücher, die uns sagen, was wir lesen sollen. Bücher, die uns sagen, was wir lesen müssen, ja, dass wir lesen müssen, um nicht zugrundezugehen. Die immer etwas oberlehrerhaft anmutende Bildung diverser kanonischer Leitfäden ist nach wie vor umstritten – was taugt sie? Ist sie nützlich? Soll nicht jeder Leser selbst entscheiden dürfen? Freilich. Doch es wäre eine Schande, ihn nicht auf all das hinzuweisen, das abseits seines Weges und fern jeden Medienhypes bereits die Jahrhunderte überdauert. In seiner Auswahl ist Markus Gasser wenig überraschend – da steht ein Marcel Proust, ein Stendhal, ein Joyce und ein Nabokov. Was diesen kleinen Ratgeber so besonders und im Vergleich zu seinen Artgenossen einzigartig macht, ist nicht das was – es ist das wie.

Markus Gasser erzählt und fabuliert ,als schriebe er gerade selbst einen Roman, über einzelne Werke, die stets aus nachvollziehbaren Gründen von einem göttlichen Bibliothekar ausgewählt sind, die Zeiten zu überdauern; aber auch über deren Urheber und ihre Leiden, über die Literatur an sich und was sie so bedeutsam macht, so unabänderlich notwendig macht in unserer Welt. Mit einer Sprache, die wie ein guter Wein ist, die hinter jeder Satzbiegung unversehens eine neue Perle enthüllt, an der man sich erfreuen kann. Schleierhaft erscheint es da, dass Markus Gasser nicht schleunigst selbst einen Roman schreibt. ,Das Buch der Bücher für die Insel‘ macht Lust auf mehr, auf Literatur, auf Sprache und was dahinter liegt.

Wäre der Roman ein Mensch – und oft ist man nahe daran, auch das zu glauben – würde sich ein pulsfühlender Kardiologe Sorgen um ihn machen.

Ganz gleich, ob Markus Gasser über Marcel Prousts Hang zum Drama schreibt oder Virginia Woolfes Stimmenhören, ob über die Liebe zu den Beatles, die einen Autor ein Lebtag nicht loslässt oder die Brutalität einer homer’schen Odyssee, immer steckt darin eine unverkennbare und ansteckende Leidenschaft. Hier arbeitet niemand bloß bürokratisch eine Liste kultureller Höhenflüge ab, hier ist jemand bemüht, Geschichten um die Geschichten herum zu erzählen. Und damit – eingangs fand es Erwähnung – ein Buch im Buche zu kreieren, das mindestens dieselbe Freude bereitet, wie die besprochenen Werke selbst. ,Von einem, der den Regen in Brand setzen konnte‚, heißt es da in der Kapitelüberschrift über William Faulkner.

Ohne seine Beharrlichkeit wäre das Universum längst zusammengebrochen, aber dafür geehrt zu werden, war ihm auch wieder nicht recht.

gasser2

Dieses Buch ist eine Fundgrube. Nicht nur an schöner Literatur, sondern an schönen Gedanken und Worten, die die Literatur wie ein samtener Kokon umhüllen. Weil man öfter darin lesen und wildern muss, gibt es zwei Lesebändchen. Am liebsten, ja, würde man gern alles gleichzeitig in sich aufnehmen, doch glücklicherweise – kann man ein Buch nicht so rasch wie einen Drink hinunterstürzen.

Leaderboard

versandkostenfrei bei ocelot.de bestellen

Markus Gasser: Das Buch der Bücher für die Insel, Hanser Verlag, 383 Seiten, 9783446244955, 21,90 €

Die wundersame Buchvermehrung

An Weihnachten oder äquivalenten Festtagen wünscht sich der Leser ja doch häufig neuen Lesestoff. Ganz gleich, ob er – praktisch gesehen – noch genügend hätte, über’s Jahr haben sich so viele neue Wünsche angesammelt, dass ein paar dieser Wünsche dann auch auf wundersame Weise in Erfüllung gehen (müssen). Gestartet von Sätze&Schätze begannen nun immer mehr Buchblogger, über ihre wundersame Buchvermehrung an Weihnachten zu berichten. Mit dabei sind auch Philea’s Blog und Susanne Haun. Denn wenn wir ehrlich sind, ist es doch mindestens genauso interessant, seinen eigenen Buchzuwachs zu betrachten wie den der anderen.

buchvermehrungWohlwissend, dass meine hiesigen Regale zweifellos mit dem vorhandenen Lesestoff gut ausgelastet sind, hatte ich beschlossen, mir dieses Jahr doch die eine oder andere praktiakble Lektüre zu wünschen. Bücher über das Schreiben. Von Kritiken und ganz allgemein. Und da fiel meine Wahl auf Stephan Porombka und Roy Peter Clark.

DSCN6150Stephan Porombka ist Professor für Texttheorie und Textgestaltung an der UdK Berlin und gibt mit seinem Trainingsbuch ganz konkrete Anweisungen. Schreibenlernen ist auch Arbeit, es bedeutet, mit offenen Augen und Ohren durch die Welt zu gehen, empfänglich zu sein. Denn letztlich kann man ein Werk nur dann adäquat bewerten, wenn man um den kulturellen Kontext weiß, in dem es zu lesen ist, wenn man seine Anspielungen und Referenzen versteht, wenn man zu beurteilen weiß, wovon es handelt. Und je mehr man erlebt, erfährt, liest und weiß, desto besser funktioniert die Einordnung eines Romans oder Sachtextes. Porombka empfiehlt auch das Anlegen eines Journals, in das alltägliche, journalistische und literarische Beobachtungen eingeschrieben werden. Ich nehme mir das vor, inwiefern es sich neben der Arbeit realisieren lässt, dürfte eine andere Frage sein, die ich für mich selbst beantworten muss. Roy Peter Clarks Buch ist kurzweiliger strukturiert. In 50 Kurzlektionen zeigt er Fehler und Stolpersteine des Schreibens auf und bietet in kurzen „Workshops“ Übungen zur Verbesserung. Auch Clark warnt eindringlich, ähnlich wie Stephen King und schon andere vor und nach ihm, vor dem inflationären Gebrauch von Adverbien.

Kennen Sie den Song ,Killing me softly‘? Gutes Adverb. Wie wär’s mit ,Killing me fiercly‘? Schlechtes Adverb. Suchen Sie selbst schwache Adverb-Verb-Konstruktionen, die sich durch ein starkes Verb ersetzen lassen. ,Sie lief hastig die Treppe hinunter‘ könnte zu ,Sie hastete die Treppe hinunter‘ werden. ,Er hörte heimlich zu‘ kann durch ,Er lauschte‘ ersetzt werden. Ich muss das Kapitel allerdings mit einer Einschränkung beenden. Die reichste Schriftstellerin der Welt ist J.K. Rowling, Autorin der Harry Potter Reihe. Sie liebt Adverbien, besonders, wenn es um das Sprechen geht. (…) Falls Sie mehr Geld verdienen wollen als die Queen, sollten Sie vielleicht doch lieber viele Adverbien verwenden. Falls Sie, wie ich, etwas bescheidener leben können, setzen Sie sie sparsam ein.

poundSoviel zur Theorie. Das leise Hinübergleiten von der Kritik des Gegenstandes zum Gegenstand selbst ermöglicht Ezra Pounds ABC des Lesens. Erstmals 1934 erschienen, schreibt Pound über die Arten des Lesens, über die Herangehensweise an literarische Texte. Und das selbst so literarisch, dass es eine helle Freude ist.

Ein klassisches Werk ist klassisch, nicht weil es sich gewissen Regeln des Aufbaus fügt oder zu gewissen Definitionen stimmt (von denen sein Autor höchstwahrscheinlich nie gehört hat). Es ist klassisch kraft einer gewissen ewigen und nicht kleinzukriegenden Frische.

Bücher über Bücher und das Lesen an sich haben sich schon immer großer Beliebtheit erfreut und so ist dieses schmale Bändchen von 127 Seiten ein kleines Juwel, dessen Lektüre einfach sofort Lust auf das Lesen macht. Sofern das bei Menschen wie uns noch vonnöten ist, sei der Ehrlichkeit halber doch noch angefügt. Dennoch lassen wir uns ja immer wieder gern auf’s Neue von unserer größten Leidenschaft überzeugen.

samarkandTatsächlich literarisch wird es dann mit Matthias Polityckis ,Samarkand‘. (erschienen bei Hoffmann & Campe) Da ich bisher nichts von Politycki gelesen habe, lasse ich mich einfach beizeiten von diesem Roman überraschen, der wahnsinnig nach Abenteuer und Geheimnis klingt. Ein mithin sehr unterschätztes Genre der Literatur ist die Lyrik. Sie war niemals ein Kassenschlager und sie wird wahrscheinlich auch in Zukunft nicht die Massen begeistern. Vielfach ist sie uns eher in Verbindung mit dem Deutschunterricht im Gedächtnis geblieben, stundenlanges Auswendiglernen der Bürgschaft .. von der Lehrerschaft angeregtes munteres Interpretieren bis zur Unkenntlichkeit. Dabei ist es der Lyrik eigen, Sprache zum Klingen zu bringen. Besonders im Gedicht, auf sprachlich engstem Raum, kommt der Rhythmus zum Tragen, der aus bloßen Worten Musik werden lässt. Die Büchergilde Gutenberg gibt schon länger ihre Petit Fours heraus, ihre kleinen illustrierten Gedichtbände. Und so lag unter’m Tannenbaum, aus mehr oder weniger schmerzlich gegebenem Anlass, Erich Frieds ,Was es ist‚.

friedEs ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst

Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht

Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe