Leif Randt – Schimmernder Dunst über Coby County

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Eine Stadt, in der die Glückseligkeit auf der Straße liegt, eine Stadt, deren Erfolgsverwöhntheit man genauso wenig hinterfragt wie seine eigene. Leif Randt führt ein in das Pleasantville der Literatur, an dem keine Zweifel gestattet sind.

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Herbstausblicke – Junge Literatur

Wer hat noch keinen Blick geworfen in die neuen Herbstprogramme der Verlage? Wer hat sich schon ein bisschen inspirieren lassen für die kalte Jahreszeit, während er mit Shorts und Ventilator auf der Couch der Hitze davonfloss? Ich werde in den nächsten Wochen in loser Folge Tipps und Empfehlungen loslassen und ein paar Bücher ausgraben, auf die man sich freuen kann. Diesmal –

Junge Literatur und Debüts

jungeliteratur1Roman Ehrlich – Urwaldgäste (Dumont Buchverlag), Lisa Kränzler – Lichtfang (Suhrkamp), Karen Köhler – Wir haben Raketen geangelt (Hanser), Florian Wacker – Albuqurque (mairisch), Teresa Präauer – Johnny und Jean (Wallstein).

jungeliteratur2Saskia Hennig von Lange – Zurück zum Feuer (Jung und Jung), Kerstin Preiwuß – Restwärme (Berlin Verlag), Simone Lappert – Wurfschatten (Metrolit), Ela Angerer – Bis ich 21 war (Zsolnay & Deuticke), Jon Bauer – Steine im Bauch (Kiepenheuer & Witsch)

jungeliteratur3Verena Güntner – Es bringen (Kiepenheuer & Witsch), Sabrina Janesch – Tango für einen Hund (aufbau), Benjamin Lebert – Mitternachtsweg (Hoffmann & Campe), Lucy Fricke – Takeshis Haut (Rowohlt), Madeleine Prahs – Nachbarn (dtv)

Durch Klicken auf die jeweiligen Verlage gelangt ihr zu näheren Buchinformationen!

Das Frühjahr kommt immer früher.

Eigentlich sind wir ja erst mit einem Bein den Herbstprogrammen der Verlage entstiegen. Längst haben wir nicht alles gelesen, was wir uns vorgenommen haben, da trudeln schon wieder die nächsten Kataloge ein. Unermüdlich und in völliger Nichtachtung der Sachlage werden uns bereits neue Bücher präsentiert, die in Bälde erscheinen – und gelesen werden wollen. Ich habe die Weihnachtstage genutzt und Verlagsvorschauen gewälzt, um euch – gewissermaßen als Ausklang des Jahres – vorfreudig in das neue Jahr zu entlassen.

farlaneDie DVA legt im nächsten Jahr gleich mehrere interessante Bücher vor. So zum Beispiel Fiona McFarlanes ,Nachts, wenn der Tiger komt‘, das mit seiner Handlung durchaus in Konkurrenz zu einem Hitchcockstreifen treten könnte. Eine alte Dame in einem abgelegenen Haus und die ihr entgleitende Realität. Andreas von Flotow erzählt in ,Tage zwischen gestern und heute‘ von der gewaltsamen Auflösung einer Familie und dem Jungen, auf dessen Rücken sie ausgetragen wurde. flotow

Im Piper Verlag erscheint mit Ramona Ausubels ,Der Anfang der Welt‘ ein Roman, der fast wie ein Märchen anmutet. Ein kleines Dorf am Rande der Welt versucht, sich wider die Wirklichkeit gegen seinen eigenen Untergang zur Wehr zu setzen. Die Dinge neu zu erfinden. Und scheint damit implizit die Frage zu stellen, wie viel Einfluss wir haben, auf uns und unsere Realität.

ausubelDer Hanser Verlag beschenkt uns im Frühjahr mit einer wirklich glänzenden Vorschau, die man am liebsten in Gänze liebevoll zu sich nähme. So gibt unter anderem Martin Kordic, den ich in Köln bei DuMont kennenlernen durfte, mit ,Wie ich mir das Glück vorstelle‘ sein Romandebüt. Es klingt märchenhaft, herzerwärmend und skurril. kordicWer die Außenseiter liebt, wird diesen Roman wohl lesen müssen.

Gaito Gasdanows ,Das Phantom des Alexander Wolf‘ galt 2013 als große Entdeckung und wurde von der Kritik und vielen Lesern mehr als wohlwollend aufgenommen. Nun erscheint bei Hanser ein weiterer Roman von ihm, – Ein Abend bei Claire. Es ist eine Liebesgeschichte aus dem Russland des frühen 20.Jahrhunderts, aber auch die Geschichte einer Fantasie, die über die Wirklichkeit hinauswächst.

Gasdanow_24471_MR.inddElisabeth de Waal ist die Großmutter von Edmund de Waal, der mit ,Der Hase mit den Bernsteinaugen‘ einen erfolgreichen, in realer Geschichte verankerten Roman geschrieben hat. Ähnlich, wie es auch seine Großmutter tat. Zsolnay und Deuticke entführt uns mit ,Donnerstags bei Kanakis‘ in das Wien der 50er-Jahre. dewaal

Besondere Freude macht auch wieder einmal Matthes & Seitz, nicht nur, weil wir uns auf ein neues Buch von Emmanuel Carrère freuen dürfen. Mit Limonow, einem prosaischen Portrait des höchst strittigen russischen, ja, „Antihelden“ hat er mich schon sehr beeindruckt. Umso mehr freue ich mich nun auf ,Alles ist wahr‘.carrere

Auch Suhrkamp wartet wieder mit allerlei Perlen auf, so zum Beispiel mit dem Roman der Bachmannpreisträgerin 2013 Katja Petrowskaja, ,Vielleicht Esther‘. Wie angekündigt erscheint der sprachmächtige Roman Ende Januar in voller Länge. Und alle, die den Ausschnitt aus Klagenfurt so mitreißend fanden wie ich, freuen sich aufrichtig darauf.esther

Im Dumont Verlag erscheint, vermutlich von Kennern und Liebhabern bereits sehnsüchtig erwartet, der neue Roman von Haruki Murakami. Ich bin ja bisher mit dem japanischen Marquez nicht so richtig warm geworden – trotzdem erwarte ich das Erscheinen von ,Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki‘ mit Freuden. Die-Pilgerjahre-des-farblosen-Herrn-Tazaki-9783832197483_xxl

Auch im Berlin Verlag gibt es wieder eine Menge zu sehen. Zählten doch James Salter und Katharina Hartwell zu den großen Erfolgen 2013, legt der Verlag im nächsten Frühjahr gewaltig nach. Unter anderem mit einem neuen Roman von Margarete Atwood namens ,Die Geschichte von Zeb‘. 0-4520806

Auch im Wallstein Verlag haben wir eine Menge zu gucken, besonders ins Auge gesprungen sind mir hier Ludwig Laher mit ,Bitter‘, die Geschichte eines Kriegsverbrechers sowie Lukas Bärfuss ,Koala‘. Die tragische Geschichte eines Selbstmords und nicht etwa die Frage, wie es sein kann, dass man sterben wollte .. viel mehr die Frage, warum man am Leben bleiben sollte. Auch das Frühjahr steht ganz im Zeichen von tragischen Familiengeschichten, von Problemen, Sorgen und Nöten. Aber, dessen kann man sich sicher sein, – nicht ohne andere Perspektiven aufzuzeigen, nicht ohne etwas mitzugeben, von dem wir zehren können, wenn die Buchdeckel zugeklappt sind.

bitterkoalaDa hier unmöglich alle Bücher aufgeführt werden können, diemeine Aufmerksamkeit erregt haben, liegt es in der Natur der Sache, dass nun so einige fehlen. Betrachtet es gewissermaßen als Vorgeschmack, als Appetithäppchen für das, was da folgen mag. Ein paar Tipps habe ich jedenfalls auch im neuen Jahr noch parat. Jetzt verlasst aber erstmal heile und am Stück 2013. Wir lesen uns dann auf der anderen Seite der Zeit!

Jochen Rausch – Krieg

kriegJochen Rausch ist ein deutscher Autor, Musiker und Journalist. In den 80er Jahren war er für den Westdeutschen Rundfunk tätig, seit 2000 ist er Wellenchef des Hörfunkprogramms von 1live. Sein Debütroman Restlicht erschien 2008, 2011 die Kurzgeschichtensammlung Trieb. Sie erschienen,wie auch sein neuester Roman, im Berlin Verlag.

Eine abgelegene Hütte hoch in den Bergen, Schnee, widrige Wetterverhältnisse, graue Wolken, ein Mann und ein Hund. Aus diesen Bestandteilen setzt sich zunächst die Kulisse von Jochen Rauschs neuem Roman zusammen. Auf den ersten Seiten sammelt sich bereits eine Beklemmung, die fast mit Händen zu greifen, eine Einsamkeit, die schmerzlich zu spüren ist. Arnold Steins hat sich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen, lebt in Isolation und Vergangenheit, die einander bedingen.

In den Nächten hört er Schüsse, wenn es denn Schüsse sind. Manchmal hört er auch Schreie. Aber wenn Arnold die Tür aufzieht, nicht weiter als einen Spalt nur, dann sind da nichts als die Dunkelheit und das Rauschen des Waldes, das harmlose Gluckern des Bachs und ein gelegentliches Knacken im Geäst. Hin und wieder schwingt sich ein Vogel auf und schlägt mit den Flügeln. Seit Arnold auf dem Berg ist, verging nicht eine Nacht ohne Schüsse und Schreie.

Wie viele Menschen hat Arnold Steins sich in die Einsamkeit geflüchtet, um zu vergessen. Und wie viele Menschen erlebt er genau durch dieses Zurückgeworfensein auf sich selbst ein fatales Abgleiten in seine Erinnerungen. Sein Sohn Chris hat sich vor einigen Monaten dazu entschlossen, Berufssoldat zu werden. Freiwillig in ein Kriegsgebiet zu gehen. Zu ,den Männern mit den Bärten‚, wie er seinem Vater in den E-Mails aus dem Lager schreibt. Aus Afghanistan vermutlich. Alle verzweifelten Versuche, den Sohn doch zu einem Studium oder wenigstens dem Verbleib in Deutschland zu überreden, bleiben fruchtlos. Er wird schon heil zurückkommen, sagen sich alle.

Zwei Wochen später mailte der Junge ein Foto. Chris im Kampfanzug. Er hockt auf einem Klappstuhl. Auf seinen Knien ein Helm mit Sprechfunkapparatur. An seinem Gürtel hängt eine Handgranate. Am Stuhl lehnt ein Gewehr. Die Stiefel des Jungen sind staubbedeckt. Hinter Chris erhebt sich ein gewaltiges, nacktes Gebirge aus braunen und grauen Felsen. Die deutsche Fahne flattert am Mast, und die Abendsonne schimmert einen rötlichen Glanz auf sein Gesicht.

Kaum ist Chris aufgebrochen, befinden seine Eltern sich im Ausnahmezustand. Arnold hört einen permanenten Pfeifton, Karen, seine Frau, beginnt in beunruhigend großen Mengen Cognac zu trinken. Er riecht es, aber sagt nichts. Jeder muss auf seine Art mit dieser Folter zurechtkommen, jeden Tag könnte jemand kommen, begleitet von einem betroffen dreinblickenden Geistlichen. Jeden Tag könnte jemand die Todesnachricht überbringen. Als es dann tatsächlich passiert, nur wenige Wochen vor Chris‘ geplanter Rückkehr, fallen Arnold und Karen in eine Art Schockstarre. Als kurze Zeit später auch Karen stirbt, geht Arnold in die Berge.

Jochen Rauschs Roman spielt sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart. Sowohl die Entscheidung seines Sohnes als auch Arnolds Rückzug in die Berge werden von Rausch intensiv geschildert. Und je näher beide Erzählstränge sich kommen, desto mehr verschwimmen sie. Arnolds Hund wird mit einem Bolzen angeschossen, in seine Hütte wird eingebrochen. Bedroht ihn dort, in der Einöde dieser Berghütte, tatsächlich ein Wahnsinniger? Arnold befindet sich, so glaubt er immer mehr, im Kriegszustand gegen einen Unbekannten. Und dabei womöglich viel mehr im Krieg gegen sich selbst und seine Erinnerungen, die er nicht loslassen kann.

Die Mülltonnen in Reih und Glied, nach Farben sortiert. Die Autos unter den Carports. Alles perfekt. Alles wie immer. All das, was an Bösem geschieht auf der Welt, geschieht an anderen Orten und nicht an einem wie diesem.

In einer nüchternen, schnörkellosen und dadurch nur umso eindringlicheren Sprache beschreibt Jochen Rausch das Schicksal derer, die zurückbleiben, ebenso Opfer des Krieges, indirekte, weit entfernte. Er beschreibt den Kampfzustand, in dem sich ein jeder befindet, der schwere Verluste verkraften, Unbegreifliches begreifen muss. Ein Roman, der nachdenklich stimmt, der den Leser in diese Abgeschiedenheit hineinzieht, in der Vergangenheit und Gegenwart ineinander verlaufen. Kommt das Ende des Romans auch mit der Brechstange – und hätte es da eines filigraneren Instruments bedurft – ist und bleibt die Lektüre ein wirkmächtiges und intensives Leseerlebnis!

Wortreiche Geschenke

adventDas Weihnachtsfest naht schnellen und festen Schritts. Und wieder einmal stellt sich jeder von uns die bange Frage nach dem passenden Weihnachtsgeschenk. Trotzdem immer wieder hartnäckig der Niedergang des Lesens, des gedruckten Buches insgesamt, prophezeit wird, landen jedes Jahr eine Menge literarische Geschenke unter den heimischen Weihnachtsbäumen. Allen Unkenrufen zum Trotz verschenken wir immernoch Eintrittskarten in fremde Welten, Passierscheine für die Brücken, die aus dem Alltag hinausführen und uns andere Perspektiven eröffnen. Dennoch alljährlich dieselbe Frage: Welche Bücher verschenken? Bei rund 90.000 Neuerscheinungen jedes Jahr fällt die Entscheidung nicht leicht – und da sind noch nicht einmal die zahlreichen Klassiker eingerechnet, die bereits seit Jahrzehnten beliebt und begehrt sind. Von mir nun ein kleiner Überblick schenkenswerter Werke, von humorvoll bis tragisch, von unterhaltsam bis literarisch. Was Weihnachten unter der nadelnden Nordmanntanne liegen darf, kann, muss oder sollte. Der Einfachheit halber in Kategorien eingeteilt.

Geschichte

geschichteBücher, die sich historischen Gegebenheiten widmen oder ihre Erzählung bewusst in einer bereits vergangenen Epoche ansiedeln, gibt es viele. Ich habe drei verschiedene zusammengetragen, die auf ganz unterschiedliche Art und Weise geschichtlich sind. Robert Seethalers ,Der Trafikant‚ (Rezension) spielt im Wien der späten 30er-Jahre, kurz vor Einmarsch der Nationalsozialisten. Franz Huchel, ein sechzehnjähriger Junge aus der Provinz, wird in die Großstadt geschickt, um Geld zu verdienen. Im Tabaktrafik des Otto Trsnjek trifft er auf einen ganz besonderen Kunden – Sigmund Freud. Eine wundervolle Verquickung von Realiät und Fiktion. Ulrike Edschmid entführt uns in die späten 60er Jahre, in den terroristischen Untergrund der Bundesrepublik. ,Das Verschwinden des Philip S.‘ (Rezension) ist die wahre Geschichte des Werner Sauber, der sich bewusst in dieser Zeit für das Abtauchen entschied. Ulrike Edschmid kannte ihn gut und so gerät dieser schmale Band nicht nur zu einem beeindruckenden historisch-politischen Zeugnis, sondern auch zu einer ganz persönlichen Rückschau. DDR-Romane gibt es zur Genüge, wenige aber sind so charmant, poetisch und wahrhaftig wie Kathrin Aehnlichs ,Wenn die Wale an Land gehen‚ (Rezension). Ein Rückblick, eine Abrechnung und Jugenderinnerungen an das Aufwachsen in einem Überwachungsstaat, einem erdrückenden System.

Gesellschaft

gesellschaftAuf unsere Gesellschaft kann man ganz verschieden blicken, im Gewand einer Novelle, mit journalistisch präziser Analyse oder hintersinniger Satire. Meine drei ausgewählten Bücher in dieser Kategorie tun genau das, jedes auf seine Weise. Jonas Lüschers ,Frühling der Barbaren‚ (Rezension) erzählt vor der Kulisse des Orients den Zusammenbruch des Kapitalismus, vom Ausbruch der Barbarei unter den Menschen, die ihr Geld verlieren. Und stellt ganz nebenbei die Frage, ob die Barbarei nicht schon viel früher anfängt. Amy Waldman hält uns in ,Der amerikanische Architekt‚ (Rezension) den Spiegel vor und entlarvt mit nahezu genüsslicher Präzision tiefsitzende Vorurteile einer Gesellschaft. Was geschieht, wenn ein Mann namens Mohammed Khan ein Mahnmal für die Opfer des 11.September bauen soll? Einen ganz und gar humoristischen Blick nimmt Marc-Uwe Kling in ,Die Känguru-Chroniken‚ (Rezension) ein – der Kleinkünstker und das kommunistische Känguru sind zwar stets zum Lachen, bei genauerer Betrachtung verbergen sich aber auch hinter diesen pointierten Passagen wenig amüsante Wahrheiten. Sie sind nur nicht mehr ganz so brachial, wenn sie von einem Beuteltier ausgesprochen werden.

Familie

familieAuch mit Familien beschäftigt sich die Literatur immer wieder gern, am liebsten mit ihrem Niedergang, ihrer Auflösung. Wen interessiert die Rama-Werbefamilie? Spannend wird es doch dort, wo die Fassade bröckelt. So auch in meinen drei Büchern zum Thema Familie. Peter Buwalda hat mit ,Bonita Avenue‚ (Rezension) bereits die Sprengung des Familiären vorgenommen. Geheimnisse, Schweigen, gescheiterte Eltern-Kind-Beziehungen und die Explosion einer Feuerwerksfabrik, – ein sprachgewaltiger Roman, der mich sehr beeindruckt hat. ,Meine Mutter war hässlich‚ lautet der erste Satz aus Sarah Strickers ,Fünf Kopeken‚. (Rezension) Hier geht es aber keineswegs um ästhetische Abwägungen, es ist die Geschichte einer Mutter, erzählt von ihrer Tochter mit beißendem Witz und tragischem Ernst. Eine ganz besondere Erzählstimme und ein höchst gelungenes Debüt! Joachim Meyerhoffs ,Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war‚ (Rezension) greift im Titel nicht nur das Trügerische an Erinnerungen und ihre ständige Unzuverlässigkeit auf, sondern erzählt aus seiner Kindheit, von dem Aufwachsen auf dem Gelände einer psychiatrischen Klinik und den Auswirkungen auf seine Familie.

Pure Poesie

pure poesieManch ein Buch packt mit einer Sprache, die so beeindruckend ist, so tief reicht und sich noch lange nach Beendigung der Lektüre ins uns verankert, dass wir es am liebsten noch ganz lange bei uns haben wollen. So geschehen mit den drei Romanen dieser Kategorie. Katharina Hartwells ,Das Fremde Meer‚ (Rezension) hat in Bloggerkreisen hohe Wellen geschlagen, vermutlich ist es _das_ Litblogbuch des Jahres. In zehn verschieden-gleichen (kein Widerspruch!) Geschichten das Schicksal zweier Menschen und ihre Liebe zueinander, in einem Buch die heilende Kraft des Erzählens. Auch Dina Nayeris ,Ein Teelöffel Land und Meer‚ (Rezension) entfaltet eine facettenreiche und bildhafte Sprache vor dem Hintergrund der iranischen Revolution. Zwei Schwestern, die sich verlieren, ein Mädchen, das lange gegen die Wahrheit ankämpft und schließlich beginnt, zu akzeptieren. Ein Familienroman, ein Geschichtsroman, einfach ein herrliches Stück Literatur! Wolfgang Sofsky macht uns durch ,Einzelgänger‚ (Rezension) mit so einigen Eigenbrötlern bekannt. Mal in märchenhafter Form, mal als klassische Erzählung, aber immer in so kraftvoller und eindringlicher Sprache, dass man sich kaum wehren kann. Prädikat: Literarisch beinahe unbezahlbar!

Graphic Novel

graphic novelAuch im Bereich der Graphic Novel hat sich dieses Jahr wieder einiges getan. Mit meinen drei Empfehlungen in dieser Kategorie kann man bei Liebhabern der zeichnerischen (Wort)kunst eigentlich wenig falsch machen. Begonnen mit Mana Neyestanis erschütterndem Bericht ,Ein iranischer Alptraum‚ (Rezension), der seine Inhaftierung in eines der berüchtigtsten Gefängnisse des Irans allein aufgrund einer Karikatur dokumentiert über das Kafka-Porträt (Rezension) von David Mairowitz und Robert Crumb – das indessen locker jedem Literaturlexikon das Wasser reichen kann – bishin zu Guy Delisle und seinen ,Aufzeichnungen aus Jerusalem‚. (Rezension) Delisle ist nach wie vor für jeden ein Muss, der sich mit anderen Ländern und anderen politischen Systemen beschäftigen will. Ob nun in Pjöngjang, Birma oder eben Jerusalem – Guy Delisle liefert immer einen vorurteilsfreien Blick auf eine, uns oft fremde, Gesellschaft und Kultur.

Musik, Musik, Musik

collageliedermacherIch wäre ja nicht ich – und Redakteurin eines kleinen, feinen Musikmagazins -, wenn ich nicht auch in diesem Bereich Schätze hätte, die sich durchaus mit einem guten Buch kombinieren lassen. Sechs Favoriten habe ich für dieses Jahr ausgewählt, sechs wirklich hervorragende Alben für solche, die die Liedermacherei, die Kleinkunst, das Handgemachte an Musik mögen. Begonnen mit Dota Kehrs neuem Album ,Wo soll ich suchen‚ (anhörbar: ,Du musst dich nicht messen‚), über Wenzels ,Widersteh, solang du’s kannst‚, das deutlich harte und politische Worte anschlägt (anhörbar: ,Warten in C.‘), Frank Viehwegs ,Aus der Welt‚, das politische Lieder und unpolitische verbindet (anhörbar: ,Seltener Vogel‚) und Carsten Langners ,Steh nicht im Goldenen Buch der Stadt – Langner singt Hausin‘, das auf brilliante Weise Texte des niedersächsischen Dichters Manfred Hausin vertont. Bishin zu Matthias Brodowys ,Best-of‘ Bis es euch gefällt (anhörbar: UFOS über Berlin) und Bodo Wartkes Klaviersdelikte live aus Bremen. (Trailer zur DVD, dieselbe Audio-Spur mit Moderationen ist auch auf der Live Doppel-CD ..oder man kauft vielleicht auch die DVD)

Damit verabschiede ich mich, – auf einen erfolgreichen Geschenkekauf! Wer die Bücher online bestellen möchte, der tut das am besten bei den lieben ocelots im Shop. (klick)

James Salter – Alles, was ist

james_salterJames Salter ist ein amerikanischer Autor. Er studierte an der Militärakademie West Point und trat 1945 in die Air Force ein. Zwölf Jahre diente er dort, in den USA, im Pazifik und in Korea. 1956 erschien sein erster Roman ‚The Hunters‚, der vor dem Hintergrund von rund 100 Einsätzen in Korea geschrieben wurde. 1998 erhielt Salter den Faulkner Award. Alles, was ist, erschienen im Berlin Verlag, übersetzt von Beatrice Howeg, kam beinahe übrraschend, hatte Salter doch seit acht Jahren kein Buch mehr veröffentlicht.

Ganz unbestritten ist James Salter ein großer Erzähler. Von manch einem bereits auf eine Stufe gestellt mit Flannery O’Connor und Tennesse Williams weiß er in ruhigem und gemäßigtem Ton sein Publikum zu fesseln, kann er mit klassisch traditioneller Erzählkunst begeistern. In seinem neuen Roman gibt Salter uns Einblick in das Leben Philipp Bowmans. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte er als Teil der Navy in der Schlacht um Okinawa. Er ist geachtet und respektiert, daran lässt Salter keinen Zweifel aufkommen, als er mit genau dieser Schlacht seinen Roman beginnen lässt.

Der Krieg im Pazifik war anders als der Rest. Allein die Entfernungen waren enorm. Es gab nichts außer endlosen Tagen auf See und fremdartige Namen von Orten, die tausend Meilen auseinanderlagen. Es war ein Krieg der vielen Inseln, es galt, sie Japan zu entwinden, eine nach der anderen.

Durch Kamikazeflieger getroffen sinkt das Schiff, manche können sich retten, unter ihnen auch Bowman, andere widerum finden im Pazifik den Tod. Nach Beendigung des Krieges wieder in New York, muss er sein Leben neu organisieren. Er beginnt, in einem kleinen Verlag namens Braden und Baum als Lektor zu arbeiten und trifft in einer Bar am St.Patrick’s Day zufällig eine hinreißende Dame. Vivian Amussen ist ihr Name und sie wird Bowmans erste Frau werden. Eine Frau, von der er sich nicht vorstellen kann, dass jemals eine andere ihren Platz einnehmen wird. Die beiden heiraten überstürzt, im Überschwang und voller idealistischer Vorstellungen, die sich jedoch im Laufe der Zeit nicht bewahrheiten. Viel mehr sind es Luftschlösser, aus denen lanngsam die Luft entweicht.

Es war sinnlos mit ihr zu reden. Er konnte sich kaum dazu bringen, sich neben sie ins Bett zu legen.Das Gefühl der Entfremdung war so stark. Er zitterte fast, er konnte nicht schlafen. Schließlich hatte er sein Kissen genommen und sich auf die Couch gelegt. Jetzt gab es die Gegenwart des anderen nicht mehr, wenn auch nur unsichtbar, das Bewusstsein seiner Stimmungen oder Gewohnheiten.

Vivian kehrt zu ihren Eltern zurück, um ihre Mutter, die einen Schlaganfall erlitten hat, zu pflegen, Bowman schlägt einen anderen Weg ein. In der Verlagsbranche erreicht er langsam ein gewisses Renomée, man vertraut auf ihn und sein Urteilsvermögen. Braden und Baum gewinnt an Einfluss. Und Bowman taumelt durch sein Leben. Neue Frauen betreten es, die ihm stets wie das Wunderbarste erscheinen, das er sich vorstellen kann. Doch nichts ist von Dauer. Er betrügt, er wird betrogen, er enttäuscht und wird enttäuscht. Es ist der Lauf der Dinge, könnte man meinen und eine stete Suche nach Glück und Zufriedenheit, die immer nur phasenweise zu einem Ziel findet.

Manchmal gab es Verlegerpartys mit jungen Frauen in schwarzen Kleidern mit leuchtenden Gesichtern, die sich ein Leben davon versprachen, Mädchen, die in kleinen Apartments wohnten mit Kleiderbergen neben dem Bett und Fotografien vom Sommer, die sich an den Rändern wellten. Er liebte seine Arbeit. Das Leben war gemächlich und doch definiert.

Alles, was ist beschreibt – nomen est omen – tatsächlich ein Leben mit allem, was ist. Mit Liebe und Tod, Erfolg und Absturz, Beginn und Abschied. Es liest sich wie ein Querschnitt durch die Erfahrungen eines durchschnittlichen Mannes, den die gleichen Begierden und Dämonen plagen wie die meisten von uns. Salter verursachte im Feuilleton wahre Begeisterungsstürme, von denen ich nur bedingt mitgerissen werde. Es ist ein solide erzählter und facettenreicher Roman, in dem höchtwahrscheinlich eine Menge von Salter selbst steckt, war er doch genauso wie sein Protagonist beim Militär und durch seine schriftstellerische Tätigkeit mit dem Verlagswesen verbunden. Dennoch fehlte beim Lesen hin und wieder das Salz in der Suppe und so gerät die Lektüre von Alles, was ist zwar schmackhaft, könnte nach meinem Dafürhalten aber etwas Nachwürzung vertragen. Bowman bleibt eigentümlich fern, seine Frauen und die seiner Freunde, sind, abgesehen von Vivian, stetig wechselnde Nebenbesetzung. Mal heißen sie Viviane und Christine, dann Anet und Ann. Ein Kommen und Gehen ohne Beständigkeit, gänzlich ungewiss, ob Bowman selbst darunter leidet oder für sich den Beschluss gefasst hat, jede Möglichkeit zu ergreifen, wenn sie sich ihm bietet. ,Das Leben war gemächlich‚, schreibt Salter und genauso liest es sich auch.

Katharina Hartwell – Das fremde Meer

hartwellKatharina Hartwell ist eine deutsche Autorin. Sie studierte Anglistik und Amerikanistik, seit 2010 ist sie Studentin des Deutschen Literaturinstituts in Leipzig. 2009 erhielt sie den MDR-Literaturpreis, 2013 wurde sie Sylter Inselschreiberin. Das Fremde Meer ist Katharina Hartwells erster Roman, erschienen im Berlin Verlag.

Ich gehöre zu den Menschen, die glauben, dass sie sich schützen können, wenn sie mit dem Schlimmsten rechnen, dass die Katastrophen immer nur die treffen, die nicht auf sie vorbereitet sind. Dass man ihnen entkommen kann, wenn man sie erwartet.

Jan und Marie lernen sich unkonventionell kennen; fast prosaisch erscheint es, als er aus dem steckengebliebenen Universitäts-Paternoster springt und auf ihr landet. Er sei plötzlich vom Himmel gefallen, sagen sie manchmal, wenn man sie nach ihrem ersten Zusammentreffen fragt, das für Marie mit einer leichten Gehirnerschütterung im Krankenhaus endet. Es ist eine dieser Liebesgeschichten, die wie für Hollywood geschrieben zu sein scheinen, die eigentlich auch nur in Hollywood so passieren. Wären da nicht der Unfall und die Notwendigkeit, zu erzählen. Von Anfang an, sich langsam dem Unaussprechlichen nähernd.

In zehn verschiedenen Geschichten begegnen sich Jan und Marie oder Miriam und Johann oder Yann und Milan, führen schicksalhafte Begegnungen sie zusammen, werden sie von Naturgewalten wieder getrennt. In einer Stadt, in der Häuser und Menschen plötzlich verschwinden, um an einem gänzlich anderen Ort wieder aufzutauchen, in einem verschneiten Wald, am Ende der Welt oder in Salpêtrière, einer Pariser Psychiatrie, entfaltet sich ein Potpourri aus verschiedenen Leben und Leiden, die letztlich doch alle die Geschichte Jans und Maries erzählen.

Randvoll mit Angst ist Jaques schon zur Welt gekommen. Es braucht nicht viel, und die Angst fließt über, deckt die Menschen, die Tiere, die Häuser und die Wälder mit einem bläulichen Schimmer ein, der sie kalt und bedrohlich werden lässt. Von Anfang an sieht Jaques sich umgeben von gefährlichen Kanten, Rissen und Löchern. Die Stimme der Mutter ist zu laut, die des Vaters zu streng, und bereits in frühen Jahren wird er oft ermahnt, sich zusammenzureißen, sich ein ordentliches Leben zuzulegen. Dass er eines Tages und so unerwartet mit dem Zusammenreißen aufhört, lässt sich nur mit der Kutsche erklären. Das zumindest glauben die Eltern. Jaques selbst vermutet, dass er auch ohne die Kutsche eines Tages und ganz ohne Vorwarnung das Zusammenreißen aufgegeben hätte.

Katharina Hartwell schreibt nicht einfach nur einen Roman. Sie fertigt ein Kaleidoskop an Geschichten, die sich an den Kanten berühren und überlappen. Sie schreibt Märchen, einen Science-Fiction Roman, Geschichten, die wie alte Volkssagen den Eindruck von traditioneller Beständigkeit vermitteln, das Gefühl geben, sie seien schon immer da gewesen und wir kennen sie alle. Mit einer artifiziellen Geschicklichkeit, die in dieser Form einzigartig ist, gelingt es ihr, die zunächst losen Geschichten zu einer großen zu verknüpfen, die letztlich in eine schmerzliche Wahrheit mündet. Was im Märchen ein Turm umrankt von Dornen und im Science-Fiction-Roman eine mysteriöse Krankheit ist, stellt sich in der Realität als ein Fahrradunfall heraus, als künstliches Koma, als alles zersprengenden und umfassenden Verlust.

Später gibt man mir deinen Player. Er sieht zerschrammt aus, und weil die Kopfhörer nicht funktionieren, denke ich zunächst, er sei kaputt. Aber als ich versehentlich auf eine der Tasten komme, leuchtet das Display auf. Auf dem Player sind 754 Lieder, und weil ich jetzt viel Zeit habe, höre ich mir jedes einzelne an. In der ersten Woche scheint es mir dringend notwendig, herauszufinden, welches Lied du gehört hast. Als würde es einen Unterschied machen, wenn ich wüsste: Deine letzte Minute hat sich aus der Straße, dem Wind und diesem einen Lied zusammengesetzt. Ich weiß es aber nicht. Ich weiß nur, was du nicht gehört hast. Das Auto hinter dir.

Katharina Hartwells Sprache ist packend, trifft punktgenau das Herz des Lesers und schickt ihn auf eine Reise durch ein fremdes Meer. Ein Meer an Geschichten, ein Meer an verschiedenen Gefühlen und Gedanken, auf eine Reise durch aufgewühltes Gewässer, an deren Ende die Wahrheit steht, an deren Ende es keine Geschichten anderer mehr braucht, um zu begreifen. Dieser Debütroman ist vortrefflich gelungen, ein fulminanter Erstling, der mit literarischer Vielfalt und Können glänzt. Es wäre nutzlos, einzelne Erzählstränge herauszugreifen, denn dieser Roman ist ein eng verwobenes Geflecht, das man nur in seiner Ganzheit begreifen kann. Eine unbedingte Leseempfehlung!

Bei Mara von BuzzaldrinsBücher findet ihr auch eine tolle Besprechung und hier ein Interview mit Katharina Hartwell.