Burkhard Spinnen – Zacharias Katz

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Zach Katz – der eigentlich Zacharias Katzwinkel Smith heißt – ist ein Draufgänger. Jedenfalls ab dem Zeitpunkt, ab dem er in seinem Karibikurlaub die Nachricht erhält, nicht in die Vereinigten Staaten zurückzukehren, es bestehe akute Lebensgefahr. Kopf – und hilflos heuert der junge Mann im weißen Anzug auf einem Passagierschiff an, das auf der immer gleichen Route durch die Karibik kreuzt. So lange jedenfalls, bis der Erste Weltkrieg ausbricht. Burkhard Spinnens neuer Roman – ein Potpourri aus Geschichten.

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Leif Randt – Schimmernder Dunst über Coby County

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Eine Stadt, in der die Glückseligkeit auf der Straße liegt, eine Stadt, deren Erfolgsverwöhntheit man genauso wenig hinterfragt wie seine eigene. Leif Randt führt ein in das Pleasantville der Literatur, an dem keine Zweifel gestattet sind.

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Hans Herbert Grimm – Schlump

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Der Erste Weltkrieg ist in diesem Jahr in aller Munde, 100 Jahre sind seit seinem Beginn vergangen. Beinahe jeder größere Verlag veröffentlichte in den letzten Monaten ein Buch zum Thema, überwiegend Sachbücher, aber auch den ein oder anderen Roman. Einen Roman wie Schlump, der nun wahrlich keine Neuerscheinung, sondern eine Wiederentdeckung ist. Erstmals 1928 veröffentlicht, konnte er sich bereits zu damaliger Zeit nicht gegen seinen größten Konkurrenten durchsetzen.

Es begann – so steht es auch im Buchumschlag – mit Volker Weidermanns Erwähnung in seinem ,Buch der verbrannten Bücher‚. Jahrzehntelang galt der Schlump als vergessen und verschütt gegangen, von seinem größten Konkurrenten ,Im Westen nichts Neues‘ abgedrängt, von den Nazis mit unzähligen anderen Werken verbrannt. Es war nicht abzusehen, dass sich an seinem Verschwinden vom literarischen Horizont etwas ändern würde, nicht zuletzt auch deshalb, weil Hans Herbert Grimm sich bis nach Kriegsende nicht offen zu seiner Autorenschaft bekannte. Er fürchtete um sich, seine Lehrtätigkeit, sein Leben. Ursprünglich von Kurt Wolff verlegt, fristete der Schlump also ein Schattendasein – bis Volker Weidermann (,Ostende‚) ihn gemeinschaftlich mit Kiepenheuer & Witsch befreite.

Schlump, der eigentlich Emil Schulz heißt, ist siebzehn, als der Erste Weltkrieg ausbricht. Zunächst von derselben Kriegsbegeisterung gepackt wie ein großer Teil der Bevölkerung, setzt er sich über den Willen seiner Eltern hinweg und meldet sich freiwillig. Er hat ein sonniges und heiteres Gemüt, der Krieg kann ihn nicht schrecken. Schon deshalb nicht, weil er ihn zunächst in der französischen Kommandatur Loffrande verbringt. Als Kommandant unterstehen ihm das Dorf und seine Bewohner, für einen Siebzehnjährigen eine gewaltige Verantwortung. Aber er meistert sie. Schlump ist ein Sympathieträger in seiner Unbedarftheit, der Krieg ist weit entfernt.

Er hätte den Krieg vergessen, wenn nicht oft die Fenster so laut geklirrt hätten von den Kanonen, daß sie alle zusammenfuhren.

Doch auch Schlump wird noch die Gräuel des Krieges kennenlernen, die Unbarmherzigkeit des Schützengrabens, die Alptraumhaftigkeit des Gefechts an der Front. Er sieht seine Kameraden sterben, marschiert und hebt Gräben aus bis zur Besinnungslosigkeit, hungert, friert. In diesen Schilderungen treffen sich Grimm und Remarque, kein Heldenmut, nirgends. Nur schreiende Männer im Kanonenfeuer, fliegende Gliedmaßen, hervorquellendes Gedärm. Ein befreundeter Soldat umarmt im Gefecht einen Franzosen, während er die Handgranate scharf macht. Diese Erfahrungen sind zwar auch für Schlump einschneidend, beeinflussen ihn jedoch weniger als man erwarten könnte. Volker Weidermann schreibt selbst im Nachwort, es sei, als trage er ,ein Imprägniermäntelchen gegen diesen Krieg.‘ Eines zwar, das hier und da Risse zeigt, insgesamt aber doch erstaunlich unbeschadet bleibt.

Von Westen her, von der Front, tönte bei gutem Wetter der Kanonendonner herüber und erinnerte sie daran, daß dort täglich Tausende von jungen Menschen auf grausamste Weise ums Leben kamen. Man mußte sich daran gewöhnen, solche Gedanken fernzuhalten.

Schlump wird verletzt, deliriert im Lazarett, wird wieder in andere Einheiten versetzt, flirtet mit allerlei jungen Mädchen, macht auf mehr oder weniger zwielichtigem Wege viele tausend Mark und verliert sie. Er ist ein Hans im Glück vor trauriger Kulisse. Stilistisch gesehen ist der Schlump sehr schlicht gehalten, inhaltlich auch. Von Kriegsgeschichten, wie wir sie kennen, unterscheidet Emil Schulz allenfalls sein Lebenswille, seine unbedingte Überzeugung, dass die Welt trotz allen Elends ein lebenswerter Ort ist. Das kann man charmant finden oder engstirnig, je nachdem, wie man selbst eingestellt ist. Gut möglich, dass zur damaligen Zeit eine Einstellung wie diese lebensrettend war, immer nach vorn schauen, nur nicht zurück, – höchstens kurz zur Seite, wenn es nicht anders geht. In Schlump steckt also etwas verklärend Märchenhaftes, das von der Realität gelegentlich aufgebrochen wird. Gut geschrieben, jedoch nicht überragend. Lohnenswert, aber kein Muss.

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Hans Herbert Grimm: Schlump, Kiepenheuer & Witsch Verlag, 347 Seiten, 9783462046090, 19,99 €

Chimamanda Ngozi Adichie – Americanah

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Kaum ein Roman wird in diesen Wochen so häufig besprochen wie Chimamanda Ngozi Adichies ,Americanah‘. Dabei ist die nigerianische Schriftstellerin, die heute in Lagos und London lebt, beileibe keine Debütantin. Sie war bereits für den Booker Prize nominiert, 2007 erhielt sie den Orange Prize for Fiction. Dennoch scheint es mit Americanah eine besondere Bewandnis zu haben, es trifft einen Nerv, der literarisch sonst weit weniger berührt wird. Es handelt von alltäglichem Rassismus.

Spätestens mit Bekanntwerden der NSU-Mordserie wird die Diskussion über Rechtsextremismus neu geführt. Wie sieht sie aus, die neue Rechte? Was man jahrelang an gesellschaftlichen Rändern und im Untergrund vermutete, hat in der Mitte der Gesellschaft Fuß gefasst. Rechte Parolen sind längst nicht mehr nur Sache ungebildeter Krawallmacher. Und Rassismus findet sich ohnehin nicht mehr ausschließlich dort, wo man noch Hitlers Geburtstag feiert, Rassismus ist salonfähig – und wird oft genug gar nicht mehr als solcher erkannt. Vielleicht ist es das, was Americanah so spannend macht. Der Roman legt seinen Finger in genau diese Wunde, zeigt, dass Konstrukte wie Rasse, die Adichie rundweg ablehnt, in den Köpfen vieler noch immer unverrückbar existieren. Rassismus beginnt vielfach schon dort, wo der Hautfarbe eines Menschen besondere Bedeutung beigemessen wird.

Du musst ebenfalls nicken, wenn dir ein anderer Schwarzer in einer überwiegend weißen Gegend zunickt. Es wird das schwarze Kopfnicken genannt. Auf diese Weise sagen Schwarze: „Du bist nicht allein, ich bin auch da.“ Um schwarze Frauen, die du bewunderst, zu beschreiben, benutze immer das Wort ,STARK‘, denn von schwarzen Frauen in Amerika wird erwartet, dass sie stark sind. Wenn du eine Frau bist, dann sag bitte nicht einfach, was du denkst, wie du es aus deinem Land gewohnt bist. Denn in Amerika gelten willensstarke schwarze Frauen als FURCHTERREGEND.

Wer, wie Protagonistin Ifemelu, in Nigeria aufwächst, hat den Blick von Anfang an gen Westen gerichtet. Amerika gilt als Land der Verheißungen, der beruflichen und persönlichen Möglichkeiten, während in Nigeria Korruption und Chancenlosigkeit das Leben dominieren. Wer es sich leisten kann, versucht, im Ausland zu studieren, ein Visum und ein Stipendium zu ergattern. Auch Ifemelu beginnt, in Amerika zu studieren, ihren Freund Obinze in Nigeria zurücklassend. Sie erfährt, wie hart das Leben im Land der unbegrenzten Möglichkeiten für schwarze Immigranten sein kann und wie bedeutungsvoll ihre Hautfarbe mit dem Verlassen ihres Landes geworden ist. Vorstellungsgespräche für Studentenjobs enden immer wieder mit Absagen aus fadenscheinigen Gründen.

Die Reaktionen vieler Amerikaner auf sie und ihre Hautfarbe, die Unterscheidung zwischen amerikanischen und nicht-amerikanischen Schwarzen und so einige Feinheiten im Umgang miteinander hält Ifemelu auf ihrem Blog fest. Innerhalb kürzester Zeit gewinnt sie an Bekanntheit, hat tausende Leser, Fürsprecher und Widersacher. Selten hat das Phänomen des (erfolgreichen) Bloggens in einem Roman solch einen Stellenwert gehabt, Ifemelu wird zu Kongressen und Gesprächsrunden eingeladen, ihre Meinung gewinnt an Bedeutung für den öffentlichen Diskurs. Schnell jedoch bemerkt sie, dass man sie nicht etwa einlädt, um die Wahrheit zu sagen, sondern um Fortschritte und Bemühungen öffentlicher Stellen zu bestätigen.

In Amerika gibt es Rassismus, aber keine Rassisten. Rassisten gehören der Vergangenheit an. Rassisten sind die schmallippigen fiesen Weißen in den Filmen über die Zeit der Bürgerrechtsbewegung. Es ist so: Die Manifestationen von Rassismus haben sich geändert, aber nicht die Sprache.

Neben den Betrachtungen über alltäglichen Rassismus erzählt Adichie die Liebesgeschichte zwischen Obinze und Ifemelu. Die beiden scheinen fast füreinander bestimmt, doch Amerika und dortige Vorfälle trennen sie voneinander, der Kontakt reißt ab. Adichie gelingt mit ihrem Roman ein gesellschaftliches Panorama schwarzer Einwanderer in Amerika, das durch zahlreiche Nebenfiguren auch über die persönlichen Geschichten Ifemelus und Obinzes hinausgeht. Der Leser erfährt, wie es sich als Schwarzer in Amerika (und in Nigeria) lebt – und auch wie es ist, wenn man in sein Land zurückkehrt. Als Americanah bezeichnen die Daheimgebliebenen und Heimgekehrten jene, die sich so an den amerikanischen Lebensstil angepasst, so vollumfänglich amerikanische Gepflogenheiten angenommen haben, dass sie völlig verändert zurückkommen. Ein oder eine Americanah sind. Vereinnahmt und verwandelt von Dekadenz und Überfluss. Eine andere Form des Vorurteils.

Americanah ist ein vielschichtiger Roman, der durchaus Gewicht hätte verlieren können (knapp 600 Seiten) und dennoch dieselbe Durchschlagskraft besessen hätte. Hin und wieder gerät er ins Trudeln, wirkt etwas aufgebläht, zu detailversessen. Adichie bringt das Thema Rassismus aufs Tapet, ohne dabei sensationslüstern und pathetisch zu sein, sie präsentiert uns zwei authentische Menschen mit authentischen Geschichten. Nicht zuletzt stammt Adichie selbst aus Nigeria, sie weiß, wovon sie schreibt, kehrt auch jedes Jahr für einige Zeit in ihr Land zurück,um zu recherchieren und mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Americanah ist ein Schmöker mit Anspruch, der die Lektüre lohnt und die investierten Stunden allemal wert ist.

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Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah, Fischer Verlag, aus dem Englischen von Anette Grube, 604 Seiten, 9783100006264, 24,99 €

Manuel Niedermeier – Durch frühen Morgennebel

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Zwei junge Männer lernen sich an Bord eines Forschungsschiffes kennen. Der eine Fotograf, der andere Biologe. Der eine unter allen Umständen in seine Fotografie vernarrt, der andere stetig taumelnd am Rande eines Abgrunds. Es ist ein eisschollenhaftes Treiben durch die Nordostpassage, geradewegs in die Katastrophe hinein, die das Zentrum dieses Debütromans bildet.

Ein Bild ist der Aggregatwechsel eines Moments.

Clemens ist Fotograf. Gemeinsam mit Meteorologen, Biologen und Seeleuten ist er auf dem Weg nach Wrangler Island, einer kleinen Insel im Arktischen Ozean, nahe Sibirien. Er will fotografieren, den Moment herauslösen aus der fließenden Zeit, ihn konservieren und retten vor der Vergänglichkeit. An Bord trifft er auf John, einen Biologen, der sich studienbedingt mit dem Kommunikationsverhalten von Belugawalen beschäftigt. Die Population soll vor Wrangler Island besonders hoch sein, deshalb nimmt er an dieser sechsmonatigen Expedition teil. Schnell bemerkt Clemens die Instabilität seines Kabinengenossen. Er schläft nur wenige Stunden in der Nacht, wälzt sich im Bett herum, spricht im Schlaf in fremder Sprache, schreckt schreiend hoch.

Rollender Seegang beizte das Polarmeer grau. Kein Unterschied mehr zwischen Himmel und Ozean, kein Anhaltspunkt, wo der eine begann, der andere endete. Und überall Schneeflocken, weißes Flimmern.Es roch nach Salz, nach Kälte.

Parallel zu der voranschreitenden Expedition, die zusehends vom langsam zufrierenden Meer bedroht wird, erfahren wir in der Rückschau mehr von Johns Dämonen, die ihn in der Verlassenheit der Arktis bedrohen. Seine Freundin Laura, die er auf einem Konzert kennenlernt, ihre beginnende Affäre, die Entfremdung von ihrem Freund Philipp, den sie ohnehin nur mehr an Wochenenden sieht. Wochenenden, an denen er wie besessen an Drehbüchern schreibt, die er danach vernichtet, völlig versunken und verloren in einer alternativen Wirklichkeit. Eines Abends dann, als sie mit John ihre Wohnung betritt, kommt es zur Eskalation – wenn die auch bei Manuel Niedermeier immernoch merkwürdig beiläufig daherkommt.

Während das Forschungsschiff immer tiefer in vereistes Gelände vordringt, versucht Clemens, seinem Freund dessen Geheimnis zu entlocken, ihn zum Reden zu bringen, irgendwann zwischen zwei Zigaretten, die er unaufhörlich raucht. Und eines Abends, das Schiff sucht gerade einen Weg aus dichtem Eis, bekommt John einen Brief von Laura – und geht, vor Clemens‘ Augen, über Bord. Statt ihn zu retten – oder wenigstens den Versuch zu unternehmen – zückt er seine Kamera und bannt Johns letzten Moment auf Film. Der letzte Moment, bevor John von der Strömung erfasst und unter das Eis gezogen wird.

Ich habe gesehen, wie er fällt, ganz langsam. Sein Körper kippte über die Reling. Ich müsste nur drei Schritte nach vorne machen und ihn festhalten … Doch ich schaue ihm eine Ewigkeit zu.

Sowohl Clemens als auch John werden – bedingt durch ihre Leidenschaften – jeweils Schuldige in einer Tragödie. Ob sie tatsächlich anders gekonnt hätten, ob sie tatsächlich schuldig sind oder nur unweigerlich beteiligt an der schicksalhaften Entscheidung eines anderen, bleibt offen und zu diskutieren. Manuel Niedermeiers Prosa ist dicht, so komprimiert wie die Eisblöcke, die fortwährend den Bug des Schiffes rammen. Manchmal fast auf Stichsätze verkürzt, verzichtet diese Sprache auf jede Verzierung, – sie ist kühl und direkt. Passend zur Umgebung.

Nichtsdestotrotz hätte ein bisschen Beiwerk diesem Debütroman gut getan. Hin und wieder mangelt es an Hintergrundinformation, weshalb John im Traum immer wieder etwas auf Lakota – einem Sioux-Dialekt – murmelt, bleibt weitgehend ungeklärt, genauso wie Johns „Unfall“ oder gar seine bewusste Entscheidung, wie auch Clemens‘ Untätigkeit. Wenig erfährt der Leser überhaupt von ihm und seinem Charakter, abgesehen von seiner Begeisterung für Fotografie. ,Durch frühen Morgennebel‚ zeigt gute inhaltliche und stilistische Ansätze, besticht durch atmosphärische Beschreibungen, die den Leser teilhaben lassen an dieser besonderen Arktis-Expedition. Insgesamt lässt der Roman aber leider zu viel unversucht und unausgesprochen, um wahrhaft überzeugend zu sein.

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Manuel Niedermeier: Durch frühen Morgennebel, C.H. Beck Verlag, 219 Seiten, 9783406659546, 18,95 €