Der Bachmannpreis für Tex Rubinowitz

rubinowitz-540x304

Der letzte Lesungstag in Klagenfurt war einer, der durchaus das Schmunzeln und Lachen erlaubte. Katharina Gerickes ,Down Down Down- To The Queen Of Chinatown‚ über Bühnenreife und die Unsäglichkeit von Liebe, erhielt heute letztlich den Mr. Heyns Ernst-Willner-Preis. Auch der frischgebackene Bachmann-Preisträger Tex Rubinowitz und sein etwas hingeschnodderter Text ,Wir waren niemals hier‚ über eine vergebliche Beziehung erntete mehr als einmal lautes Lachen. Einzig Georg Petz und sein Millefleurs musste sich am gestrigen Tag harte Kritik gefallen lassen. Zwar bekundete die Jury überwiegend Respekt für den Anspruch, den der Text stelle, sehe diesen aber literarisch und handwerklich keineswegs innerhalb des Textes verwirklicht. Leider scheitere er auf ganzer Linie an sich selbst. Dennoch: Der letzte Lesungstag war ein kleiner Lichtblick in einem Wettbewerb, der überwiegend so staubtrocken und theoretisiert verlief, wie man es literarischen Veranstaltungen vielfach zu Unrecht vorwirft.

Weiterlesen

Der erste Tag am Wörthersee

38. TDDL 2014

Der erste Tag des Klagenfurter Wettlesens am beschaulichen Wörthersee ist vorüber. Problembeladen war er, thematisch beschwerlich. Von Tod und Krankheit über Nerzzucht vor dem Hintergrund des Dritten Reiches, von Bürokratenpossen über die Leiden des Mutterseins, schließlich endend in wieder erwachenden Leidenschaften stürmischer Jugendjahre auf einem trockenen Geschäftskongress.

Weiterlesen

Kommen Bücher in den Himmel?

Man begegnet sich immer zweimal im Leben – oder verliert sich nie so ganz aus den Augen. Das gilt jedenfalls für mich und Nicole Pietruschka. Wir sind gemeinsam zur Schule gegangen, haben gemeinsam unser Abitur gemacht. Aber wie es manchmal so ist; es zieht die Leute in die weite Welt hinaus und so studiert Nicole heute im niederländischen Enschede Cross Media Design. Ihr Abschlussprojekt hat mit Büchern zu tun. Und damit, was aus ihnen wird, wenn sie ausgesetzt, vergessen und ausrangiert sind. Schlechte Bücher kommen vielleicht in den Himmel – gute Bücher überallhin. Und wenn nicht sie selbst, dann ihre Geschichten. Nicole erzählt mir von ihrem Projekt.

Weiterlesen

Klagenfurt 2014, – Das Wettlesen beginnt wieder

logobachmann100_v-TeaserAufmacherLetztes Jahr stand noch zu befürchten, dass es den Bachmannpreis nicht länger geben wird, dass er zu einem Auslaufmodell gehörte, das sich der Österreichische Rundfunk nicht mehr leisten will. Es wurde heftig diskutiert und protestiert,schlussendlich ist er geblieben. Mit (fast) allen seinen Eigenheiten, so, wie wir ihn kennen. Übermorgen wird er eröffnet, am Donnerstag werden die ersten Teilnehmer lesen und sich vor Publikum dem Juryurteil stellen. Eben fast ein bisschen wie bei einer Castingshow – bloß literarisch und besser! Dieses Mal lesen:

Weiterlesen

Zu Besuch bei Hoffmann und Campe

HOCA-Logo_RGB

Es ist sonnig, als ich auf der Suche nach dem Harvesterhuder Weg schnurstracks in die falsche Richtung laufe. Ich bin eben kein Hamburger. Andernfalls wäre das nicht passiert. Aber ich, man muss es mir zugute halten, bemerke meinen Irrtum schnell genug. Nahe der Alster und in äußerst schicker Gegend liegt das Verlagsgebäude von Hoffmann und Campe. Ganz bescheiden versteckt es sich ein wenig abseits der Straße als wollte es gar nicht gefunden werden. Außer von denen, die wissen, wo es liegt. Hoffmann und Campe ist ein traditionsreicher Verlag, bereits seit 1781 existiert er, damals noch in Verbindung mit einer Buchhandlung. Es war in früheren Zeiten üblich, beide Zweige miteinander zu koppeln. Heute, wo immer mehr Buchhandlungen ihre Pforten schließen müssen und viele Verlagsgruppen sich zu riesigen Konzernen zusammenschließen, undenkbar.

hoca-verlagsgebaeudeVerlegte Hoffmann und Campe – letztlich ein Gemeinschaftsprojekt zweier Buchhändler – zunächst überwiegend zeitgeschichtliche und politische Werke, ist der Verlag heute besonders bekannt für den Hausautoren Siegfried Lenz. Gab es anfangs noch wenig Belletristik, hat sich Hoffmann und Campe über die Jahre ein beachtliches Belletristik-Programm aufgebaut, nicht zuletzt auch mit dem Imprint Atlantik, das Anfang des Jahres das Licht der Öffentlichkeit erblickte. Mit einer überraschenden Blogger-Aktion feierte Atlantik seinen Einstand in der Buchbranche.

Während ich noch sinniere und etwas nervös auf das von Bäumen geschützte Gebäude zulaufe, öffnet sich dort eine Tür und ich kann hineinschlüpfen. Hell und freundlich ist das mehrgeschossige Haus, die Sonne wirft vorsichtig etwas Licht durch das mittige Dachfenster. Ich melde mich an und kurz darauf begrüßt mich Ute Nöth, verantwortlich für den Bereich E-Publishing und in der digitalen Welt hervorragend vernetzt. Offen und freundlich zeigt sie mir ihr kleines Büro und lädt mich zu einem kurzen Rundgang durch den Verlag ein. Es ist Mittagszeit, doch ein paar Kollegen verschiedenster Abteilungen treffen wir dennoch an. Kollegen aus der Presse, dem Lektorat und der Herstellung. Egal, in welches Zimmer mich Ute Nöth führt, ich werde freundlich und herzlich begrüßt. Im Büro des Lektorats steht eine Kiste voller unverlangt eingesandter Manuskripte. Tagesgeschäft in einem größeren Verlag.

collagehoca

Wie viel Arbeit hinter der Produktion eines Buches steckt, wie viele Menschen daran beteiligt sind, kann man erst nach einem Verlagsbesuch so richtig ermessen. Zweifelsohne haben Verlagsmitarbeiter jedoch die schönsten Büros – wo sich bei manch anderem ausschließlich Aktenordner aneinanderreihen, steht hier Buch an Buch. Nach unserem Rundgang haben wir uns auch etwas zu essen verdient – Ute Nöth und ich schlagen den Weg Richtung Kantine ein, die sich der Verlag mit einer angrenzenden Werbeagentur teilt. Als wir gerade vor dem Fahrstuhl stehen, öffnen sich mit einem Zischen die Türen und Daniel Kampa tritt heraus. Er grüßt freundlich, erzählt sogar, dass er unlängst in Lübeck war, im Buddenbrookhaus. Jahrelang war Kampa Verleger bei Diogenes, seit letztem Jahr lenkt er nun die verlegerischen Geschicke von Hoffmann und Campe. Ich indessen freue mich, ihm doch noch diesen kurzen Moment begegnet zu sein.

In der Kantine essen und plaudern wir ungezwungen, kaum zu glauben eigentlich, dass man sich das erste Mal begegnet. Es macht nicht den Anschein. Auf dem Rückweg zum Büro gibt mir Ute noch einige Leseexemplare, darunter die neuen Romane von Benjamin Lebert (,Mitternachtsweg‚) – im Verlag seien sie alle ganz verliebt in den charmanten Benjamin – und Stephanie Bart (,Deutscher Meister‚) Letzteren legt sie mir ganz besonders ans Herz. Hoffmann und Campe kann mit Fug und Recht behaupten, diesen Herbst eines der spannendsten Programme zu haben – hier kann man in den Vorschauen stöbern und sich zum Beispiel auch über Neuauflagen Agatha Christies und Christopher Isherwoods freuen. Bepackt und glücklich wende ich mich dem Ausgang zu. Hoffentlich sehe man sich bald wieder, sagt Ute noch. Ganz bestimmt sogar, sage ich. Der Herbst wird noch spannend.

hoffmanncampe

Quo vadis, Literaturkritik?

quo vadis

Wozu das eigentlich alles? Was darf, soll, muss Literaturkritik? Und was gilt es unter allen Umständen zu vermeiden? Brauchen wir eigentlich Literaturkritik? Ist sie nicht immer nur ein subjektiver Eindruck, ist ein aus der Lektüre hervorgegangenes Werturteil nicht sowieso immer Geschmacksfrage? Gestern wurde im Literarischen Zentrum Göttingen angeregt darüber diskutiert, vornehmlich von Stefan Mesch (Journalist, Buchkritiker, Blogger) und Harun Maye (Literatur – und Medienwissenschaftler). Mara von Buzzaldrins war dabei und hat einen Bericht geschrieben, der nachdenklich stimmt und genug Stoff für Diskussionen, auch über die Veranstaltung hinaus, bietet.

Es sollte um die Demokratisierung von Literaturkritik gehen, um die Freiheit jedes Einzelnen, sich zu Literatur zu äußern und gehört zu werden. Was früher den intellektuell angehauchteren Stammtischen vorbehalten war, darf und kann nun dank des Internets weit über Städte – und Ländergrenzen hinaus verbreitet werden. Ob das eine Errungenschaft oder doch eher die schicksalhafte Heraufbeschwörung jener Geister ist, die man rief und nicht mehr beseitigen kann – darüber gehen die Meinungen auseinander. Schon Sigrid Löffler sagte in einem Interview, die Literaturkritik sei nichts für Laien, für lesende Hausfrauen und Dilettanten. Etwas diplomatischer sagte sie es zwar, doch letztlich blieb die Quintessenz: Literaturkritik sollte in den Händen derer bleiben, die sich qua ihrer Ausbildung ein fachlich fundiertes Urteil erlauben können.

Auch Harun Maye äußert nun Bedenken hinsichtlich dieser Demokratisierung. Zu oft seien Rezensionen in Buchblogs bemühte Kopien des Feuilletons oder gar ausgeschmücktere Klappentexte. Großartig, toll, fantastisch, langeweilig und öde – tiefer dringen viele Rezensionen von Literaturblogs nicht in die Materie ein. Die Gräben scheinen unüberwindbar. Die klassische Literaturkritik sieht ihre Autorität schwinden – viele Verlage bemerken stirnrunzelnd, dass sie sich gar nicht mehr so sicher sind, wie viele Leser ein Artikel im Feuilleton tatsächlich erreicht – und neigen womöglich, bedingt durch eben diesen Verlust, dazu, sich durch Literaturblogs in ihrer Berufsehre gekränkt zu sehen. Wozu haben sie jahrelang studiert, wenn nun eine Hausfrau zwischen Kind füttern und Wäsche aufhängen, iihr „Totaaaal toll und wunderschön, kauft unbedingt dieses Buch“ in die Tasten haut. Es mangelt vielfach an Offenheit, am Interesse aneinander. Manchmal ist es vielleicht auch ein Generationenkonflikt, der sich leise in dieser Debatte Bahn bricht.

Hier scheint aber, bei den studierten Literaturkritikern, durchaus ein Missverständnis darüber vorzuherrschen, was Literaturblogs sind und wie sie funktionieren. Vielleicht in ähnlicher Weise, wie E-Books die mehr oder weniger entmaterialisierte Bedrohung des gedruckten Buchs sind, bedeuten Literaturblogs die schändliche Verwässerung einer Intellektuellendomäne. Aber eben genauso, wie E-Books eine Ergänzung zum gedruckten Buch bieten, können Literaturblogs eine Ergänzung zum klassischen Feuilleton sein, das sich oft trocken und gleichförmig den immer selben Büchern annimmt. Vertreter kündigen bei ihren Besuchen bereits an, dieses oder jenes Buch, noch gar nicht erschienen, bekäme richtig gute Presse. Wie viel Authentizität steckt noch in diesem kleinen abgezirkelten Betrieb? Literaturblogger können hier eine erfrischende Gegenkultur sein – hier können Bücher Platz finden, die in den Feuilletons nicht erwähnt werden, Romane, die schon einige Jahre auf dem Buckel haben und deshalb längst aus dem Radar der konventionellen Presse verschwunden sind. Hier gilt es, stets aktuell zu sein und das Neuerscheinungskarrussel mit anzutreiben, – Blogger können entschleunigen!

Fraglos gibt es im Bereich der Literaturblogs massive Qualitätsschwankungen. Die, das ist vollkommen unbestritten, gibt es aber in den Printmedien und jedem anderen denkbaren Bereich, in dem Menschen etwas schaffen und ausstellen, in ähnlicher Weise. Das Problem liegt hierbei nicht in der fragwürdigen Qualität so mancher, sondern in der Neigung vieler, diese Erscheinungen als stellvertretend für eine ganze Masse anzusehen, die sich um eine andere Darstellung von Literatur bemüht. Statt nach denen zu suchen – und es gibt sie – besinnt man sich lieber auf seine ersten Eindrücke. Dabei gibt es genügend Informationsmöglichkeiten – hier sei nur die Interviewreihe von Gesine von Prittwitz genannt, die sich schon seit langem mit der bibliophilen Bloggerwelt beschäftigt. Und weshalb – auch an anderer Stelle wurde diese Frage bereits gestellt – lässt man überwiegend Menschen über Literaturblogs diskutieren, die selbst keinen betreiben oder nur wenig mit der Szene zu tun haben? Auf einer Schulung Klaus Bramanns, der Lehrbücher für werdende Buchhändler verlegt und Buchhandelsunternehmen berät, sagte der auf die Frage, wie er das Phänomen Social Reading beurteile, staubtrocken: „Diese Frage habe ich mal ausgelassen, weil ich das alles für vollkommen überbewertet halte.“ Kein Interesse. Die Schotten sind dicht.

Das Feuilleton kopieren zu wollen, wie Harun Maye es vielen Literaturblogs vorwarf, ist vielleicht gar nicht so sehr Anliegen der Literaturblogger. Einige fühlen sich aber womöglich, aus oben dargelegten Gründen, dazu genötigt – denn vielfach ist es ja das Feuilleton, das ernstgenommen wird, während Literaturbloggern von fachlicher Seite die Kompetenzen für ihr Tun angesprochen werden. Weshalb Literaturblogs nicht als parallele Strömung begreifen? Als das Angebot und die Möglichkeit, über Literatur zu sprechen, für Literatur zu begeistern? Weshalb nicht den Mittelweg finden zwischen intelektuell-analytischer Betrachtung im Feuilleton und der etwas persönlicheren Form der Besprechung im Literaturblog? Für beides gibt es ein Publikum, in beiden Bereichen gibt es talentierte und leidenschaftliche Menschen. Weshalb lieber Grabenkämpfe austragen, statt sich gegenseitig zu inspirieren? Vielleicht sind manche Denkmuster da doch zu festgefahren, der Tellerrand zu hoch, um darüberzuschauen. Noch. Man soll ja niemals nie sagen.

Ein interessanter Artikel zum Thema findet sich auch auf Philea’s Blog.