Literarische Notiz [2]


FSCN6325

„Ich würde dir gern von meinem Vater erzählen“, sage ich, während Henry die Zeitung säuberlich zusammenfaltet und als kleines papierenes Bündel unter das linke Tischbein zu seinen Füßen quetscht. Er sieht mich an als hätte ich ihm soeben ein umwälzendes Geständnis angekündigt, das zu verdauen er sich augenblicklich kaum imstande sieht. Doch zu meiner Überraschung brummt er zustimmend.
„Hm.“, knurrt er auf eine Art, die nichts darüber verrät, ob er mich anhören möchte. Er könnte aufrichtig interessiert sein oder einfach nur wahrnehmen. Sein Geräusch ist unverfänglich, unverbindlich. Nichts, auf das man ihn später festlegen kann.
„Ich weiß nicht,wo ich anfangen soll. Eigentlich kenne ich ihn ja gar nicht.“
Während ich das sage, sehe ich ihn gen Tischplatte schmunzeln, auf der die Maserung des Holzes endlose Kreise zieht. Wen kennen wir schon, scheint er sagen zu wollen, wem sind wir schon wirklich nahe. Sein beharrliches Schweigen ist eine magnetische Kraft, die meine Worte ganz von selbst zutage fördert. Seine unerhörte Gemütsruhe schürft in meinen Untiefen nach Gold.
„Ich glaube, ich habe ihn vor über zwanzig Jahren das letzte Mal gesehen. Ich weiß nicht einmal, wann er Geburtstag hat.“
Meine Finger beginnen die Kreise auf dem Tisch nachzuzeichnen, beharrlich und nachdrücklich, als ließe sich damit irgendetwas von dem bekräftigen, was ich gesagt habe. Ich komme mir lächerlich vor. Ist es denn wichtig zu wissen, wann der eigene Vater Geburtstag feiert? Vielleicht feiert er längst nicht mehr, vielleicht ist es ihm immer schon lästig gewesen, ein weiteres Jahr, das er atmend zugebracht hat, wie die Leistung eines Olympiasiegers zu rühmen. Ist bloßes Existieren eine rühmliche Leistung?

„Er wollte nichts mit mir zu tun haben. Obwohl er das nie so gesagt hat.“
Draußen dämmert es bereits. Henrys kurze und dickliche Finger versenken sich erneut in das schrumpelige Häufchen Tabak, das, lange auf der Fensterbank deponiert, längst so trocken ist, das vermutlich ein Sonnenstrahl ausreichte, es zu entflammen. Er bettet es säuberlich in hauchdünnes Papier, drapiert es zu einer länglichen Kolonne braunen Gestrüpps. Räuspert sich.
„Eigentlich erinnere ich mich an keinen einzigen Satz, den er je zu mir gesagt hat. Vielleicht hat er ja niemals mit mir gesprochen.“
Das Klicken des Feuerzeuges hängt kurz im Raum, bis sich der aufsteigende Rauch langsam Richtung Himmel schlängelt. Dort wird er nicht ankommen. Die alte Stuckdecke hält ihn auf.

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