Literarische Notiz


FSCN6325

Eine gute Geschichte, sagte Henry immer, müsse nicht neu sein. Sie müsse nicht das Tor in eine fremdartige Welt sein, viel mehr als einer solchen bedürften die Menschen einer Tür in die Welt, die es bereits gab.
„Die Leute“, sagt er, während er sich geschickt mit alten Tabakresten eine Zigarette dreht, „wollen gar nicht aus der Welt hinaus. Sie wollen hinein. Dafür brauchen sie Geschichten.“
Seine Finger sind gelblich, die Fingernägel abgekaut. Während sich der beißende Rauch im Zimmer verteilt, schlägt er die Tageszeitung auf als sei das Thema bereits hinlänglich behandelt und diskutiert worden. Keine weiteren Fragen, keine Anmerkungen. So war es eben.
Tatsächlich widerspreche ich Henry selten, ganz gleich, wie absonderlich mir seine Betrachtungen erscheinen. Er ist für mich, trotz oder gerade wegen seines verkommenen Zustandes, eine Autorität in Sachen Lebensführung. Nicht die glänzenden Fassaden, die Organisationstalente und Management-Koryphäen haben verstanden, was die Welt zusammenhält oder aus den Angeln hebt. Es sind die verwohnten Gestalten, an denen sich das Leben gütlich getan, mit denen es sich am innigsten und intimsten beschäftigt hat. Alle anderen streift es nur im Vorübergehen.
Ich verlor meinen Vater lange, bevor ich ihn kennenlernen konnte. Nicht durch einen Unfall oder ein tragisches Ereignis, eine Naturkatastrophe oder ungewöhnliche Umstände. Ich verlor ihn nicht an den Tod, ich verlor ihn an das Leben, das zu führen er sich verpflichtet sah.
Ich bin die Generation Patchwork, die Generation Leistungswohlstand und Selbstverwirklichung. Nach mir kommt nicht einmal die Sintflut, nach mir kommt nichts als die Ernüchterung nach einer durchzechten Nacht. Nichts ist, wie sie es versprochen haben, nur halb so schön und doppelt so schrecklich.

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4 Gedanken zu “Literarische Notiz

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