Die wundersame Buchvermehrung


An Weihnachten oder äquivalenten Festtagen wünscht sich der Leser ja doch häufig neuen Lesestoff. Ganz gleich, ob er – praktisch gesehen – noch genügend hätte, über’s Jahr haben sich so viele neue Wünsche angesammelt, dass ein paar dieser Wünsche dann auch auf wundersame Weise in Erfüllung gehen (müssen). Gestartet von Sätze&Schätze begannen nun immer mehr Buchblogger, über ihre wundersame Buchvermehrung an Weihnachten zu berichten. Mit dabei sind auch Philea’s Blog und Susanne Haun. Denn wenn wir ehrlich sind, ist es doch mindestens genauso interessant, seinen eigenen Buchzuwachs zu betrachten wie den der anderen.

buchvermehrungWohlwissend, dass meine hiesigen Regale zweifellos mit dem vorhandenen Lesestoff gut ausgelastet sind, hatte ich beschlossen, mir dieses Jahr doch die eine oder andere praktiakble Lektüre zu wünschen. Bücher über das Schreiben. Von Kritiken und ganz allgemein. Und da fiel meine Wahl auf Stephan Porombka und Roy Peter Clark.

DSCN6150Stephan Porombka ist Professor für Texttheorie und Textgestaltung an der UdK Berlin und gibt mit seinem Trainingsbuch ganz konkrete Anweisungen. Schreibenlernen ist auch Arbeit, es bedeutet, mit offenen Augen und Ohren durch die Welt zu gehen, empfänglich zu sein. Denn letztlich kann man ein Werk nur dann adäquat bewerten, wenn man um den kulturellen Kontext weiß, in dem es zu lesen ist, wenn man seine Anspielungen und Referenzen versteht, wenn man zu beurteilen weiß, wovon es handelt. Und je mehr man erlebt, erfährt, liest und weiß, desto besser funktioniert die Einordnung eines Romans oder Sachtextes. Porombka empfiehlt auch das Anlegen eines Journals, in das alltägliche, journalistische und literarische Beobachtungen eingeschrieben werden. Ich nehme mir das vor, inwiefern es sich neben der Arbeit realisieren lässt, dürfte eine andere Frage sein, die ich für mich selbst beantworten muss. Roy Peter Clarks Buch ist kurzweiliger strukturiert. In 50 Kurzlektionen zeigt er Fehler und Stolpersteine des Schreibens auf und bietet in kurzen „Workshops“ Übungen zur Verbesserung. Auch Clark warnt eindringlich, ähnlich wie Stephen King und schon andere vor und nach ihm, vor dem inflationären Gebrauch von Adverbien.

Kennen Sie den Song ,Killing me softly‘? Gutes Adverb. Wie wär’s mit ,Killing me fiercly‘? Schlechtes Adverb. Suchen Sie selbst schwache Adverb-Verb-Konstruktionen, die sich durch ein starkes Verb ersetzen lassen. ,Sie lief hastig die Treppe hinunter‘ könnte zu ,Sie hastete die Treppe hinunter‘ werden. ,Er hörte heimlich zu‘ kann durch ,Er lauschte‘ ersetzt werden. Ich muss das Kapitel allerdings mit einer Einschränkung beenden. Die reichste Schriftstellerin der Welt ist J.K. Rowling, Autorin der Harry Potter Reihe. Sie liebt Adverbien, besonders, wenn es um das Sprechen geht. (…) Falls Sie mehr Geld verdienen wollen als die Queen, sollten Sie vielleicht doch lieber viele Adverbien verwenden. Falls Sie, wie ich, etwas bescheidener leben können, setzen Sie sie sparsam ein.

poundSoviel zur Theorie. Das leise Hinübergleiten von der Kritik des Gegenstandes zum Gegenstand selbst ermöglicht Ezra Pounds ABC des Lesens. Erstmals 1934 erschienen, schreibt Pound über die Arten des Lesens, über die Herangehensweise an literarische Texte. Und das selbst so literarisch, dass es eine helle Freude ist.

Ein klassisches Werk ist klassisch, nicht weil es sich gewissen Regeln des Aufbaus fügt oder zu gewissen Definitionen stimmt (von denen sein Autor höchstwahrscheinlich nie gehört hat). Es ist klassisch kraft einer gewissen ewigen und nicht kleinzukriegenden Frische.

Bücher über Bücher und das Lesen an sich haben sich schon immer großer Beliebtheit erfreut und so ist dieses schmale Bändchen von 127 Seiten ein kleines Juwel, dessen Lektüre einfach sofort Lust auf das Lesen macht. Sofern das bei Menschen wie uns noch vonnöten ist, sei der Ehrlichkeit halber doch noch angefügt. Dennoch lassen wir uns ja immer wieder gern auf’s Neue von unserer größten Leidenschaft überzeugen.

samarkandTatsächlich literarisch wird es dann mit Matthias Polityckis ,Samarkand‘. (erschienen bei Hoffmann & Campe) Da ich bisher nichts von Politycki gelesen habe, lasse ich mich einfach beizeiten von diesem Roman überraschen, der wahnsinnig nach Abenteuer und Geheimnis klingt. Ein mithin sehr unterschätztes Genre der Literatur ist die Lyrik. Sie war niemals ein Kassenschlager und sie wird wahrscheinlich auch in Zukunft nicht die Massen begeistern. Vielfach ist sie uns eher in Verbindung mit dem Deutschunterricht im Gedächtnis geblieben, stundenlanges Auswendiglernen der Bürgschaft .. von der Lehrerschaft angeregtes munteres Interpretieren bis zur Unkenntlichkeit. Dabei ist es der Lyrik eigen, Sprache zum Klingen zu bringen. Besonders im Gedicht, auf sprachlich engstem Raum, kommt der Rhythmus zum Tragen, der aus bloßen Worten Musik werden lässt. Die Büchergilde Gutenberg gibt schon länger ihre Petit Fours heraus, ihre kleinen illustrierten Gedichtbände. Und so lag unter’m Tannenbaum, aus mehr oder weniger schmerzlich gegebenem Anlass, Erich Frieds ,Was es ist‚.

friedEs ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst

Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht

Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

 

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3 Gedanken zu “Die wundersame Buchvermehrung

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