Ein (Blog)Jahr 2013 endet


Allerorten wird man dieser Tage erschlagen mit Jahresrückblicken und possierlichen Infografiken, die in möglichst komprimierter Form das letzte Jahr widergeben sollen. Auf dass wir uns alles nochmal wohlmeinend ins Gedächtnis rufen, um es dann, überwiegend, guten Gewissens von der Festplatte zu löschen. Nächstes Jahr geht schließlich alles von vorn los. Auch ich möchte auf mein 2013 zurückschauen, denn es hatte so einige literarische und persönliche Überraschungen parat, die nicht unerwähnt dem Vergessen anheimfallen dürfen.

collage1Mein Lesejahr begonnen habe ich mit Ingvar Ambjørnsens ,Den Oridongo hinauf‚. Es war ein Weihnachtsgeschenk und eine sehr lohnenswerte Lektüre. Sprachlich außerordentlich intensiv nahm das Jahr seinen Anfang auf einer abgelegenen norwegischen Insel. Kurz darauf folgten zwei absolute Ausnahmen in meiner bisherigen Blogtätigkeit. Habe ich doch den hochgelobten und vorallendingen äußerst rentablen Roman von Jojo Moyes gelesen, ,Ein ganzes halbes Jahr‚. Und mich bewusst entschieden, es nicht zu rezensieren. Zwar habe ich einen Text geschrieben, irgend etwas hat mich dann aber doch davor zurückschrecken lassen, es zu veröffentlichen. Hier ein kurzer Auszug:

Man mag es kaum glauben, da lese ich doch tatsächlich einen Liebesroman! Nicht ganz aus freien Stücken, sondern weil man hörte, wie wunderbar das Buch sein soll, sogar Sophie Kinsella ist begeistert. Wer mich ein bisschen kennt, wird wissen oder sich denken können, dass die Meinung von Sophie Kinsella für mich wenig ausschlaggebend oder aussagekräftig ist. Im Gegenteil, unter anderen Umständen wäre sie für mich möglicherweise sogar der triftigste Grund, den ich mir vorstellen kann, ein Buch nicht zu lesen.

Kurz darauf folgte meine Annäherung an den Nobelpreisträger 2012, Mo Yan. Viele Viele Diskussionen hat es nach der Verleihung des Preises gegeben, Vorwürfe der Regierungsnähe und Befürwortung von Zensur. Ich entschied mich jedenfalls, ,Die Schnapsstadt‚ lesen zu wollen – und habe es nicht geschafft. Nicht etwa aufgrund mangelnder Qualität, eher aufgrund mangelnden Zugangs. Manchmal erwischt man auch einfach den falschen Moment für ein Buch. Unter Umständen wird Mo Yan 2014 eine neue Chance bekommen.

Irgendwann im Februar verfiel ich dann auch auf die Idee, mit meiner kleinen Kamera Videos zu drehen. Inszenierte Talkshows mit Protagonisten der Weltliteratur. Den Anfang machte Don Quichote de la Mancha mit dem beruflichen Geständnis, seinen Lebensunterhalt mit Schaukämpfen gegen Windmühlen zu verdienen. (es folgte Oliver Twist im Kampf gegen den Kapitalismus, dann ließ ich die Idee erstmal wieder fallen)

Am 23.März 2013 wurde zum ersten Mal der INDIEBOOKDAY veranstaltet. Zur Unterstützung kleiner und unabhängiger Verlage wurde online dazu aufgerufen, an diesem Tag die Buchhandlung des Vertrauens aufzusuchen, um dort ein Buch aus einem eben solchen Verlag zu erwerben. Oder zwei. Oder drei. Initiiert vom mairisch-Verlag wurde dieser Tag ein großer Erfolg. Auch ich habe mir ein Buch geleistet. Philippe Claudel ,Das Geräusch der Schlüssel‚. Es gehört zur Tragik des bibliophilen Lebens, dass ich bisher noch nicht die Muße und Zeit gefunden habe, es zu lesen. Aber wie bemerkte ein Freund kürzlich so richtig: ,Mich nervt es, wenn Leute vor meinen Bücherregalen stehen und fragen, ob ich das alles gelesen habe! Natürlich habe ich das nicht alles gelesen! Ich sammle Bücher!

collage2Schon einen Monat später folgte der ,Welttag des Buches‚. Und er stand dieses Jahr ganz unter dem Motto ,Blogger schenken Lesefreude‚. Die Bloggerinen Dagmar Eckhardt und Christina Mettge hatten sämtliche Kolleginnen aus den verschiedensten Themenbereichen dazu aufgefordert, am Welttag des Buches die Verlosung eines Buches bekanntzugeben. Eines Buches, das ihnen viel bedeutet und das sie gern an andere Leser weitergeben möchten. Letztlich haben sich wohl beinahe 1000 Blogger an dieser Aktion beteiligt – ich verloste Joey Goebels ,Vincent‘ -, sodass es auch 2014 wieder heißen wird: Blogger schenken Lesefreude.

Im Mai feierte nicht nur Literaturen Bloggeburtstag, sondern startete auch mein Aufruf ,Die Kleinsten werden die Größten sein.‘. Insgesamt fast 1000-mal auf Facebook geteilt, entwickelte das Ganze fast eine beängstigend rasante Eigendynamik. Viele fanden die Idee super, wollten sich beteiligen oder sicherten Unterstützung zu. Was ursprünglich als eine Reihe gedacht war, in der Leser ihre Lieblingsbuchhandlungen vorstellen (ein Leser hat das tatsächlich getan), wuchs schnell zu einer journalistischen Aufgabe für mich. Denn mir schrieben allenfalls Inhaber von Buchhandlungen, die sich vorstellten. Aus den Informationen schrieb ich dann die Artikel. Diesen Mehraufwand hatte ich nicht einkalkuliert, sodass das Ganze etwas ins Stocken geriet. Nächstes Jahr soll das wieder etwas ambitionierter in Angriff genommen werden.

Ende Juli meldete sich dann Mara von buzzaldrins Blog bei mir, – ob ich nicht Lust hätte, mit ihr und drei anderen Bloggerinnen die Longlist des Deutschen Buchpreises zu lesen. Ziemlich begeistert sagte ich schließlich zu und aus dieser großartigen Idee wurde das Projekt  ‚5 lesen 20‚. Ich finde ja, dass das schon meiner sympathischen und charmanten Kolleginnen wegen nach Wiederholung schreit und bin gespannt, was nächstes Jahr noch kommt. An dieser Stelle möchte ich mich auch nochmal herzlich bei Philippe Genêt und Lotte Droß vom Team Deutscher Buchpreis für die sensationelle Zusammenarbeit (und die Weihnachtsgrüße!) bedanken!

hollandmarple

Elsie Holland & Jane Marple

Der Sommer indessen stand für mich ganz im Zeichen des Theaters. So war ich in einer kleinen Rolle auf der hiesigen Freilichtbühne in Agatha Christies ,Die Schattenhand‚ zu sehen. Als Elsie Holland war ich nicht nur linkisches Dienstmädchen mit größter Bibelkenntnis, sondern auch Mordopfer. Unterstützt von dem einen oder anderen Pyrotechniker durfte ich an sechs Abenden dramatisch in die Luft fliegen.

Ende August wurde dann in Köln das Blogger-Ego gestreichelt. Der DuMont-Verlag lud rund 20 Literaturblogger und deren Begleiter zur Vorstellung des diesjährigen Herbstprogramms ein. Kein Verlag hat zuvor sowas gewagt, es war eine neue und frische Idee, die es sogar zu einem kleinen Artikel im Börsenblatt gebracht hat. Hier habe auch ich meine Eindrücke verschriftlicht, auch diese Veranstaltung ist eigentlich dringend wiederholungsbedürftig.

Ich habe dem BuchMarkt ein Online-Interview geben dürfen (als Reaktion auf ,Der Kretin ist immer der Buchhändler‘), ich habe bei Gesine von Prittwitz und einigen anderen Rede und Antwort gestanden und viele nette Menschen getroffen, denen ich ohne diesen Blog sehr wahrscheinlich niemals begegnet wäre. Das Folgende kurz und übersichtlich, für alle, die schon entnervt nach unten scrollen, um das Ende des Textes zu suchen.

Top 5 Bücher 2013

1.Jonas Lüscher – Frühling der Barbaren
2.Peter Buwalda – Bonita Avenue
3.Dina Nayeri – Ein Teelöffel Land und Meer
4.Amy Waldman – Der amerikanische Architekt
5.Katharina Hartwell – Das fremde Meer

5 Enttäuschungen und Ärgernisse 2013

1.Jonas Jonasson – Die Analphabetin,die rechnen konnte
2.Madison Smartt Bell – Die Farbe der Nacht
3.Dave Shelton – Bär im Boot
4.Alix Ohlin – In einer anderen Haut
5.Christof Kessler – Wahn

Knapp 85 Bücher habe ich dieses Jahr gelesen und damit beinahe doppelt soviel wie 2012. Die obligatorische Jahresstatistik zeigt einen durchaus respektablen Aufwärtstrend – mit so einem Satz könnten auch Vorstandssitzungen bei der Telekom oder Mercedes Benz beginnen. Aber ganz ehrlich –

statistik…habt Dank für euer Interesse, eurer Dabeisein, euer Mitmachen und Kommentieren. Und zum Abschluss möchte ich nochmal auf den – meines Erachtens – sträflich ignoriertesten Beitrag dieses Jahres hinweisen. Bodo Wartke feat. Sophokles. Wer also um die Weihnachtsfeiertage nochmal Langeweile hat, möge einen Blick darauf und auf das folgende Interview mit Herrn Wartke werfen. Auf ein ereignisreiches und tolles Lesejahr 2014! Es wird mein erstes Jahr auf einer Buchmesse werden. Ich bin gespannt!

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11 Gedanken zu “Ein (Blog)Jahr 2013 endet

  1. Ein ereignisreiches Jahr! Zwei deiner Highlights hab ich noch auf der Wunschliste, yey. „In einer anderen Haut“ fand ich auch nicht so prickelnd … mal sehen, was das neue Jahr so bringt. Alles Liebe für 2014!

  2. Ich wusste gar nicht, dass Du Videos gedreht hast. Was man nicht alles so verpasst, wenn man sich nicht ständig auf YouTube herum treibt. Darf ich fragen, warum die damit aufgehört hast?

    LG, Katarina 🙂

    • Weil ich meine Kamera für zu schlecht hielt (mittlerweile habe ich eine neue) und mir ein bisschen die Ideen ausgingen. Weil ich nicht mehr wusste, ob ich das nicht doch irgendwie peinlich finde, obwohl die Resonanz doch ganz positiv ausfiel. Eine Mischung aus mangelndem Know-How und künstlerischem Selbstzweifel. 😉

  3. Pingback: Das war 2013 - Der Literatourismus.net-Jahresrückblick von Sophie Weigand

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