[LiteraTour Nord] Clemens Meyer – Im Stein


Er sitzt im dunkelblauen Hemd vor roter Kulisse. Nach Abbas Khider und Ralph Dutli ist Clemens Meyer der dritte Autor, der im Rahmen der LiteraTour Nord in Lübeck aus seinem aktuellen Roman liest. ,Im Stein‚ heißt er und stand auf der Shortlist zum diesjährigen Deutschen Buchpreis. Schon nach den einleitenden Worten von Hans Wißkirchen, Direktor der Kulturstiftung der Hansestadt Lübeck, wird klar, dass ,Im Stein‚ keine leichte, beiläufige und vergnügliche Lektüre ist. Nicht nur, weil die Handlung des Romans sich überwiegend im Rotlichtmilieu abspielt, sondern auch, weil dieselbe gemütliche Lesegewohnheiten sprengt. Hier geht es fragmentarisch zu, nicht linear oder gar chronologisch, hier verweben sich Gedanken, Ideen, Gefühle. Vergangenheit und Gegenwart. Das Ganze und das Einzelne, alles und nichts. Als Clemens Meyer auf die Bühne gebeten wird, fängt er ohne Umschweife zu lesen an. Geplänkel ist seine Sache nicht.

meyerIn den klaren Nächten sehe ich gerne den Mond. Da muss ich immer an das Kinderlied denken. Meine Mutter hat mir das oft vorgesungen vorm Einschlafen. Der Mond ist aufgegangen. Wenn ich das heute höre, und das ist nicht oft, weiß nicht, wann ich das überhaupt mal höre, also dann ..Ich kann das schlecht beschreiben. In Gedanken singe ich es manchmal. Magda hat immer gesagt, „dann krieg ich Gefühl“, wenn sie meinte, dass sie traurig wird.

Meyers Stimme ist wohltuend, entwickelt einen ganz eigenen Rhythmus und Klang, denen man sich schwer entziehen kann. Ebenso, wie seine Worte einen Sog erzeugen, der mitten hinein in die Gedanken der Romanfiguren führt. Es gibt nicht die eine Hauptfigur, wohl gibt es aber Figuren, die immer wieder im Laufe des Romans auftauchen, ihm ihre Stimme leihen. Clemens Meyer stellt zwei Stimmen vor, die einer Prostituierten und die des „Vermieters“, Arnold Kraushaar, genannt AK oder ak47. Man könne einen Roman heute nur fragmentarisch erzählen, nur so das Gefühl unserer Zeit einfangen, sagte Meyer einmal in einem Interview. Und besonders eindrücklich wird diese Prämisse, als er einen Abschnitt liest, in dem es um eben diese Stadt geht, in der dieser Roman beheimatet ist. Da verschlingen sich Geräusche, visuelle und akustische Wahrnehmungen zu einem urbanen Konglomerat, das doch trotz seiner unverbundenen Elemente hervorragend eine Stadt abbildet, wie man sie erleben kann. Hupen, Lichterblinken, Stimmen, Hundegebell, ratternde S-Bahnen.

Einen „Weltenroman“ habe er schreiben wollen, sagt Clemens Meyer. Ein „Sprachkunstwerk“ erschaffen. Auffallend selten blickt er ins Publikum, so als sei er viel mehr in seinem eigenen Kosmos versunken, wolle sich nur hier und da versichern, ob die Zuhörerschaft noch auf ihren Stühlen sitzt – überraschend bedächtig und still. Im Anschluss an die Lesung erläutert Clemens Meyer, was es mit dem Titel ,Im Stein‘ auf sich habe und auf welch vielfältige Weise man ihn verstehen kann. So sei der Stein einerseits natürlich die Stadt selbst, ihre Gebäude, Mauern, Straßen. Andererseits sei es auch archäologisch zu verstehen. Auch unter unseren Füßen lagerten ja die Sedimentschichten der Vergangenheit, Überbleibsel, Relikte. Schicht für Sicht übereinander. So wollte er auch seine Figuren verstanden wissen, den ganzen Roman gar. Schnell wird deutlich, wie intensiv Meyer an seinem Buch gearbeitet hat, wie sehr er in dem aufgeht, womit er sich eigentlich seit bereits fünfzehn Jahren beschäftigt, wie er erzählt.

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Rotlichtviertel in Frankfurt am Main, Quelle: news.de

Bereits Anfang der 90er habe Meyer in einer Talkshow eine Prostituierte gesehen, die offen und selbstverständlich aus dem Alltag ihres Gewerbes erzählte. Das habe ihn damals stark beeindruckt, sagt er. Als er dann Ende der 90er auch noch einen Zeitungsartikel las, in dem es um Schüsse auf einen „Vermieterkönig“ ging, waren die zwei Grundsteine für den Roman gelegt. Lange habe er gebraucht, um sich einzufühlen in diese Parallelwelt, in die Menschen in ihr, ihre Drahtzieher, ihre „Opfer“, ihre Mitarbeiter. Gelernt habe er, nach Jahren der Recherche und vielen Gesprächen, dass es nicht die eine Prostituierte gäbe, – ..dass die Frauen (und auch mancher Mann) es aus ganz unterschiedlichen Motiven, häufig aber vollkommen selbstbestimmt täten. Ganz entgegen der Annahme vieler, Prostitution sei automatisch mit Zwang und Gewalt verbunden.

Ein „Sprachkunstwerk“ ist Meyer jedenfalls gelungen, ein Roman in der Tradition des Bewusstseinsstroms, ein Roman, der sich ganz bewusst den konventionellen Ansprüchen an einen Roman verweigert. Was Meyer natürlich auch Kritik aus dem Publikum einbringt. „Wo sind denn Ihre Figuren?“, fragt eine Zuhörerin vermeintlich orientierungslos. „Na hier im Buch!“, antwortet Meyer schon leicht ungehalten. „Lesen Sie es, dann werden Sie es sehen.“ Clemens Meyer ist mit großen Ansprüchen an seinen Roman gegangen, großen literarischen Idealen. Ob ihm das Ergebnis gelungen ist, muss jeder selbst entscheiden. Eindrucksvoll und sprachgewaltig ist ,Im Stein‚ in jeder Hinsicht.

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2 Gedanken zu “[LiteraTour Nord] Clemens Meyer – Im Stein

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