Daniel Galera – Flut


daniel_galera_flutDaniel Galera ist ein brasilianischer Autor und Übersetzer. Er gründete gemeinsam mit zwei Freunden den Verlag Livros do Mal, der vorwiegend junge Autoren publiziert. Er übersetzte bereits Bücher von Zadie Smith, David Foster Wallace und Jonathan Safran Foer ins Portugiesische. Mit Flut, seinem vierten Roman und dem ersten, der auf Deutsch erscheint, gelang ihm in Brasilien der große Durchbruch. Mittlerweile gilt er als einer der wichtigsten jungen brasilianischen Autoren. Flut erschien unlängst in der Übersetzung von Nicolai von Schweder-Schreiner im Suhrkamp Verlag.

Es ist eine nahezu surreale Szene, mit der Galera diesen poetisch-magischen Roman eröffnet. Ein namenloser Erzähler besucht seinen Vater und findet den, mit einer Waffe hantierend, in seinem Sessel vor, flankiert von seiner Hündin Beta, die ihn viele Jahre seines Lebens treu begleitete. Die Fragen des Erzählers nach der Pistole werden beiseitegeschoben, er komme schon noch zu dem Punkt, an dem dieselbe eine Rolle spiele, erwidert der Vater. Nur Geduld. Zuerst erzählt der von seinem Vater, dem Großvater des Erzählers, den der nie kennenlernen konnte. Eines Tages sei er einfach verschwunden, so jedenfalls hat man es dem Erzähler auf Nachfrage stets erklärt. Sein Vater streut nun ganz andere Andeutungen in diese alte Wunde. Der Großvater, genannt ‚der Gaucho‚ sei in einem kleinen brasilianischen Küstenstädtchen namens Garopaba ermordet worden. Fassungslos von dieser Version der Geschichte versucht der Erzähler, mehr zu erfahren, doch sein Vater ist am Ende. In vielerlei Hinsicht, denn er eröffnet seinem Sohn, sich am nächsten Tag das Leben nehmen zu wollen. Deshalb die Pistole. Gewissermaßen mit Billigung des Erzählers erschießt dessen Vater sich und bittet ihn nur noch, seine Hündin einschläfern zu lassen. Ohne ihn würde sie vor Trauer doch ohnehin eingehen.

Der Erzähler widersetzt sich, auch wenn er sich beinahe bis zuletzt fragt, ob diese Zuwiderhandlung einem Verrat an seinem toten Vater gleichkommt. Er nimmt Beta in seine Obhut und nicht nur das – er bricht seine Zelte in Porto Alegre ab, um in ein kleines Strandhaus nach Garopaba zu ziehen. Er will herausfinden, was wirklich mit seinem Großvater geschehen ist und stößt dabei auf ungewöhnlich großen Widerstand –

Die Fischer reden kaum mit ihm. Alle, die er auf den Tod seines Großvaters angesprochen hat, ignorieren ihn seitdem. Einige werfen ihm feindselige Blicke zu, wenn er durch die Straßen der Altstadt läuft, andere grüßen übertrieben freundlich. Manchmal hat er den Verdacht, paranoid zu sein. Er weiß nicht genau, wer wer ist, und er stellt keine Fragen mehr, zumal er sich inzwischen bedroht fühlt.

Diese schleichenden Nachforschungen werden durch den Umstand erschwert, dass unser Erzähler aufgrund eines neurologischen Defekts außerstande ist, sich Gesichter zu merken. Wen auch immer er kennenlernt, er muss sich stets an anderen körperlichen Merkmalen orientieren, denn sobald die Gesichter aus seinem Blickfeld verschwinden, vergisst er sie. Auch sein eigenes und das seiner Eltern. Niemand in Garopaba will ihm Auskunft geben, alle scheinen den Mann vergessen zu haben, der einst eine nahezu überregionale Berühmtheit gewesen zu sein scheint. Als Schwimmlehrer schlägt er sich durch und verdient etwas Geld, während er nebenbei versucht, seiner Familiengeschichte auf die Spur zu kommen.

Er hat das Gefühl, als wollte das Meer etwas von ihm, kann sich aber nicht vorstellen, was. Als gäbe es da etwas, das er vergessen hat, oder von dem ernicht mal weiß, dass er es weiß. Das Meer fragt ihn danach und scheint immer kurz davor, die Geduld zu verlieren, aber er verlässt es gerade noch rechtzeitig,bevor es einen Wutanfall bekommt.

Daniel Galera zeichnet eine im Sommer touristisch gut frequentierte, im Winter aber von Existenzsorgen und Fatalismus verschlungene Kleinstadt. Das Leben dort ist einfach und vielerorts noch von altem Aberglauben geprägt, der im normalen Alltag der Menschen verankert ist. Gegenstand dieses Aberglaubens ist auch sein Großvater. Man merkt diesem Roman seine südamerikanische Herkunft an. Zwar weniger in drückenden Temperaturen des dichten Urwalds als in stürmischer See, aber ein Hauch von Magie durchweht auch hier die Zeilen. Insbesondere, als der Erzähler sich aufgrund eines Gerüchts, sein Großvater sei noch am Leben und hause in den Höhlen der Berge, in selbige aufmacht, um ihn zu suchen. Und dabei fast zu Tode kommt.

Galeras Schreibstil ist atmosphärisch und dicht. Mühelos können wir uns vorstellen, unsere Bahnen durch das eisige Meer zu ziehen oder im strömenden Regen wochenlang mit einem Hund an der Seite durch die Wälder zu streifen. Der Erzähler ist ein Eigenbrötler, ein Skeptiker, ein zurückgezogener Mensch, der sich nach dem Selbstmord des Vaters nicht etwa in Trauer, sondern in felsenfeste Überzeugungen flüchtet, die sein einsames Leben regeln. In südmaerikanischer Literatur schwingt stets etwas Traumhaftes, im Sinne von Surreales, das wir manchmal mehr sinnbildlich begreifen müssen, so auch hier. Einige Gegebenheiten spotten mit Leichtigkeit jeder Wahrscheinlichkeit täglichen Lebens, aber darum geht es womöglich nicht. ,Flut‚ ist die Geschichte eines Mannes, der seine Wurzeln sucht und sie nicht findet, eines Mannes, der sich, in ganz wörtlichem Sinne, nicht einmal selbst im Spiegel erkennt und im Laufe des Romans auch wenig Entwicklung durchläuft. Der Roman ist ein modernes, südamerikanisches Märchen, das, für meine Begriffe, sein Potential an dieser oder jener Stelle nicht genügend ausnutzt, insbesondere die Charakterentwicklung des Erzählers betreffend. Intensiv und bildgewaltig bleibt Daniel Galeras Roman aber dennoch, beiläufig die Frage nach Identität, Herkunft und Familie aufwerfend, die Beziehung der Elemente zueinander beleuchtend. Eine gelungene Komposition (mit Hund)!

Das Leben ist nichts für Amateure.

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