[5 lesen 20] Joachim Meyerhoff – Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war


meyerhoffJoachim Meyerhoff ist ein deutscher Schauspieler, Regisseur und Autor. Seit seiner Ausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule in München war er bereits an zahlreichen Theatern als Ensemblemitglied beschäftigt. So zum Beispiel am Staatstheater Kassel, am Maxim Gorki Theater in Berlin und seit 2005 auch am Wiener Burgtheater. Sein Projekt „Alle Toten fliegen hoch„, die Geschichte seiner Familie episodisch in sechs Teilen auf die Bühne gebracht, erfreut sich großer Beliebtheit. Der erste Teil, ‚Amerika‚ erschien 2011 bei Kiepenheuer und Witsch in Buchform und beschreibt die Erlebnisse während seines Auslandsjahres in den USA. ‚Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war‚ erschien erst kürzlich und markiert den zweiten Teil, die Geschichte seiner Kindheit. Es steht neben neunzehn anderen Romanen auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2013.

Für die meisten von uns ist die Psychiatrie ein Ort, dessen Vorhandensein wir tapfer leugnen. Es gibt ihn, in jeder größeren Stadt, aber so lange nicht wir selbst oder unsere Freunde oder Angehörigen unter einer Erkrankung leiden, die eine Unterbringung dort erfordert, bleiben sie für uns finstere Mahnmale für die Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit psychischer Gesundheit. Für Joachim Meyerhoff jedoch ist die Lage eine ganz andere. Sein Vater ist Direktor der Kinder – und Jugendpsychiatrie Hesterberg in Schleswig und wohnt mit seiner Familie in einem Haus direkt auf dem Anstaltsgelände. Er wächst auf mit den Eigentümlichkeiten und Abnormitäten, fällt abends vor dem akustischen Hintergrund schreiender Patienten in einen ruhigen Schlaf oder reitet auf ihren Schultern durch den anstaltseigenen Park.

An den beiden Toren und auch vor den Haupteingängen der Gebäude spielten sich oft dramatische Szenen ab. Entweder weigerten sich die frisch Eingelieferten, das Gelände bzw. das Gebäude zu betreten, klammerten sich an ihre Angehörigen und traten nach den Pflegern, oder aber Patienten wehrten sich mit Händen und Füßen, das Gelände bzw. das Gebäude zu verlassen, klammerten sich an die Pfleger und traten nach den Angehörigen. Sowohl der Weg in die Psychiatrie hinein wie auch der aus ihr heraus war für viele der blanke Horror.

Liebevoll, manchmal komisch und manchmal anrührend beschreibt Meyerhoff das Aufwachsen in einer Umgebung, die manche nach heutigen Maßstäben womöglich als eher ungewöhnlich bis ungeeignet bezeichnen würden. Die Familie Meyerhoff, bestehend aus Joachim und seinen zwei Brüdern sowie seinen Eltern, ist originell und hat über die Jahre die ein oder andere charmante Eigenheit ausgeprägt. So ist es üblich, am Essenstisch „Superfamilie“ zu spielen, eine Art Wissensquiz, in dem jeder sein Spezialgebiet hatte, über das er ausführlich von Herman Meyerhoff, dem Bildungs-Buddha, wie Meyerhoff ihn nennt, befragt wird. Es gibt häufig Innereien zu essen. Zur Familie gehört ein Landseer, ein seltener höchst wasseraffiner Hund mit Schwimmhäuten zwischen den Ballen und im Zimmer von Meyerhoffs älterem Bruder stehen mehrere Hundert-Liter-Aquarien, die sein Refugium stets in ein bläulich-grünes Licht tauchen.

Mein Vater war ein an seinen Sessel gefesselter Bildungsnomade, graste mit seinem Was-ich-einmal-lese-vergesse-ich-nie-wieder-Verstand Wissensgebiet für Wissensgebiet ab und wurde zum übergewichtigen Universallexikon. Nie wieder habe ich einen Menschen gesehen, der sich mit solch unstillbarem Heißhunger in Bücher hineinfraß.

Doch die familiäre Fassade, von der der junge Joachim noch glaubt, sie sei unzerstörbar, gewissermaßen unsinkbar wie ein massives, jedem Sturm trotzendes Schiff, bekommt Risse. Den Status der Ehe seiner Eltern kann er stets an deren Schlafzimmer und der Stellung der Betten ablesen. Stehen sie an den jeweils gegenüberliegenden Wänden, zwischen ihnen eine unüberwindbare Schlucht aus Teppichboden, sieht es böse aus. Als Meyerhoffs mittlerer Bruder bei einem Autounfall stirbt, bricht die Familie langsam auseinander. Kurze Zeit später erkrankt auch der über alles geliebte Familienhund.

In dem Hund meines verunglückten Bruders hatte etwas aus einer früheren Zeit überlebt. Dieser hinkende, große, hechelnde Hund verband auch mich mit meinen Brüdern, meinen Eltern,mit einer Zeit, als ich noch fest daran glaubte, wir wären eine unzerstörbare Familie. Wir, die wir alle um den Tisch herum saßenund Fragen beantworten mussten. Wir, die Superfamilie. Ohne den Hund wären wir tatsächlich nur noch zu dritt im Haus: Vater, Mutter, erwachsenes Kind. Dieser todkranke Hund, das wurde meiner Mutter und mir auf dem Gehweg klar, hielt mit seinen gehechelten Speichelfäden die Reste unserer Familie zusammen.

Wer von ‚Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war‚ lediglich kurzweilige und humoreske biographische Episoden erwartet, wird überrascht sein, mit welch beeindruckender Authentizität und Tiefe Joachim Meyerhoff sein Leben durchleuchtet und in einer herrlich unverkrampften Sprache vor uns ausbreitet. Obwohl diese tragisch-komische Familiengeschichte mitnichten alltäglich ist, kann man doch immer wieder Versatzstücke ausmachen, die man selbst kennt und erlebt hat. Joachim Meyerhoff ist ein begnadeter Erzähler im klassischen Sinne und er erzählt eine Geschichte, die ohne Zweifel das Potential hat, Zuhörerscharen stundenlang mühelos zu fesseln. Mal lacht man, mal schmunzelt man und mal hält man inne, traurig und ein bisschen erschüttert. Denn wie jedes Leben macht auch das der Meyerhoffs im Hinblick auf schmerzliche Verluste, Abschiede und Krankheit keine Ausnahme. ‚Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war‘ wird mit großer Sicherheit den Buchpreis nicht gewinnen, vermutlich auch nicht auf der Shortlist landen, dafür ist der Text bedeutend zu unüblich. Die Nominierung allein ist aber, zweifellos, trotz ihrer Unüblichkeit berechtigt. Meyerhoffs Text ist erfrischend, lebensnah, berührend und von einer Sprache, die noch einige Seiten hätte dauern können! Eine deutliche Leseempfehlung!

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8 Gedanken zu “[5 lesen 20] Joachim Meyerhoff – Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war

  1. Liebe Sophie,
    und während ich Deine schöne und positive Besprechung lese, und Du noch einmal deutlich erklärst, dass Meyerhoff zurecht auf der Longlist steht, frage ich mich, welche weiteren Chancen Du für den Text hast. — Und schon kommt Deine Antwort, als hättest Du meine Frage gehört. Ich werde dann wohl Deine Leseempfehlung befolgen, obwohl ich ja eigentlich sterbende Hunde nicht haben kann.
    Viele Grüße, Claudia

    • Liebe Claudia,
      ich bin ja auch ein großer Hundefreund und hatte bis vor zwei Jahren auch einen, ich kann sowas auch schlecht lesen. Aber glücklicherweise macht es ja keinen riesigen Teil des Buches aus, sodass man sich da nicht allzu sehr quält.
      Das Buch ist wirklich eindrucksvoll und lebensnah, aber eben stilistisch und inhaltlich wohl keines, das den Buchpreis gewänne.
      Liebe Grüße

  2. Liebe Sophie,
    schon wieder eine Hundegeschichte und dann gleich ein sterbender Hund? Oh nein, ich weiß nicht, ob ich das verkrafte. Gefreut habe ich mich aber über deine Besprechung, mit der du untermauerst, dass sich Meyerhoff scheinbar zu recht auf der Liste wiederfindet. Ich war über seine Nominierung ja zunächst doch überrascht.

    Liebe Grüße
    Mara

    • Liebe Mara,
      ich war ja auch überrascht, wie du weißt. Aber in diesem Buch steckt eben eine ganze Menge mehr als bloß skurille Geschichten von Psychiatrieinsassen. Es ist eine authentische Familiengeschichte, gewissermaßen auch das Zerbrechen einer Familie, die Geschichte eines Vaters, der mit den Kranken immer besser umgehen konnte als mit den „Normalen“, es klingen die Zustände der Psychiatrie in den 70ern und die zum Teil menschenunwürdige Unterbringung der Patienten an. Es ist eben überraschend vielschichtig und sprachlich geschliffen .. was den Hund anbelangt, so kann man es ertragen, denke ich. 😉

      LG

  3. Ich war schon über Meyerhoffs Einladung zum Bachmannpreis überrascht – nun auch die Longlist für den Buchpreis, Chapeau! Seine Performance in Klagenfurt fand ich sehr gelungen, der Text an sich hat beim zweiten Lesen für mich nur bedingt standgehalten. Unterhaltsam ja, aber der Tiefgang fehlte mir. Das hat sicher auch etwas mit dem Episodenhaften zu tun, dass die Wettbewerbsbeiträge unweigerlich an sich haben.
    Hier scheint das nun anders zu sein, deiner Rezension entnehme ich zwar, dass auch dies eine kurzweilige Lektüre ist, die oft genug zum Schmunzeln anregt, aber trotzdem hat die Geschichte auch Substanz. Klar, Familiengeschichten gibt es schon zuhauf, aber es gibt eben auch kaum eine wichtigere Institution als die Familie – und es gibt in jeder einzelne Familie unzählige kleine Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden. Erst recht, wenn das Setting so ein ungewöhnliches ist wie bei Meyerhoff. Gut klingt’s!
    Und ja, ich stimme dir zu, zur Shortlist wird’s vermutlich nicht reichen, zu einem der Preise, die beim Bachmann-Wettbewerb vergeben werden, hat’s ja letztendlich auch nicht gereicht.

    • Sicherlich ist Meyerhoff nicht mit einigen anderen Titeln zu vergleichen, schon aufgrund seiner klar autobiographischen Ausrichtung nicht. Ich hatte ja auch erst ein bisschen Sorge, es würdeein Potpourri aus skurillen Psychiatrieerlebnissen, was einenvielleicht mal zum Schmunzeln bringt, sich aber eben auch wahnsinnig schnell abnutzt. Aber es ist erfreulicherweise dann doch mehr geworden als das. „Preisverdächtig“ ist es allerdings tatsächlich nicht.

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