[5 lesen 20] Judith Kuckart – Wünsche


wünscheJudith Kuckart ist eine deutsche Autorin, Regisseurin und Choreographin. Sie studierte Literatur – und Theaterwissenschaften in Köln und Berlin, arbeitete als Assistentin am Choreographischen Theater in Heidelberg und gründete das Tanztheater Skoronel. Seit Anfang der Neunzigerjahre veröffentlicht sie auch Romane und Erzählungen. Für ihre Werke wurde Kuckart mehrfach ausgezeichnet, so u.a. 2012 mit dem Anette-von-Droste-Hülshoff-Preis. Wünsche erscheint im DuMont Verlag und steht neben neunzehn anderen Romanen auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2013.

Wir alle erinnern uns noch an den Werbespot eines bekannten Optikers, in dem zwei Männer mittleren Alters völlig entspannt und im Einklang mit sich selbst in einem kleinen Boot sitzen und die Natur betrachten. ,Wenn du dein Leben noch einmal leben könntest, würdest du alles nochmal genauso machen?‘ ist die ketzerische Frage, die letztlich ganz nonchalant zum Werbeslogan leitet. Der Gefragte antwortet überraschend mit ,Nein‚, was uns, die wir doch im Alter die Weisheit zu erlangen trachten, alles, was geschehen sei, sei schon gut so gewesen, ein bisschen stört. Vielleicht beneiden wir aber auch den Mut, mit der bisher „weggelebten“ Lebenszeit so hart ins Gericht zu gehen. Ähnlich tut es auch Judith Kuckarts Protagonistin Vera Conrad, die an ihrem 46. Geburtstag im Schwimmbad den Ausweis einer fremden Frau an sich nimmt und sang – und klanglos nach London verschwindet. Ihren Mann Karatsch und ihren Sohn Jo einigermaßen achtlos zurücklassend.

Als Vera das Hotel City View verlässt, ist es halb elf. Am Waschbecken ihres Zimmers hat sie vergeblich Seife gesucht und dann das Zitronenduschgel von Salomé Schreiner benutzt, die Cold Creme von Salomé Schreiner aufgetragen und deren Lippenstift. Eine panikfreie Leere war danach auf ihrem Gesicht, das sie aus dem Spiegel anschaute. Ich, hat sie gedacht, ICH ist eine plausible Fälschung.

Zuhause werden die üblichen Mettbrötchen geschmiert, mit und ohne Zwiebeln. Der große Beamer wird aufgebaut, denn alljährlich an Silvester wird in trauter Runde der Film präsentiert, in dem Vera als Zwölfjährige mitspielte. Geduldig wartet man auf die Heimkehr der Mutter, der Frau, doch das Warten bleibt vergebens und Vera verschwunden.

Sie ahnte, dass Filmwirklichkeit eine Droge für sie sein könnte. Ja, Vera wäre gern beim Film geblieben, sowie andere gern zuhausebleiben.

Parallel zu dieser drastischen Zäsur in einem bisher durchschnittlichen Leben eröffnet Friedrich Wünsche, Erbe eines kleinen Mode – und Kurzwarenimperiums und damaliger Schauspielkollege Veras, seinen Laden neu. Für ihn heißt es künftig Zurück in die Vergangenheit. So lässt er wieder alte Drehtüren einbauen, Wände einreißen und den Charme einer Zeit auferstehen, die längst vorbei ist. Was seine kürzlich verstorbene Mutter wohl dazu gesagt hätte, ob ein solches Unternehmen wirtschaftlich überhaupt tragfähig wäre, fragt ihn die Lokalpresse. Es ginge nicht immer nur um Gewinn, sagt Wünsche.

Veras Verschwinden löst eine Welle von Veränderungen aus, nicht nur für ihre unmittelbaren Angehörigen. Ihr Mann – und ehemaliger Ziehvater – Karatsch wird zurückgelassen, als sein Sohn Jo zur See fährt. Meret, die exaltierte und etwas eigenartige Schwester Friedrich Wünsches beginnt, ihr promiskuitiv-gewagtes Lebenskonzept zu hinterfragen und sich ihrer alten Freundin Vera wieder anzunähern. Aus verschiedenen Blickwinkeln werden die Leben der Menschen aus Veras engstem Umkreis ausgeleuchtet, nicht immer zu deren Vorteil. Als Vera schlussendlich zurückkehrt, ist einiges anders.

Alle leben so. Die Stadt, in der man groß geworden ist, bleibt die Stadt, an der alle weiteren gemessen werden. Ist Heimat eigentlich dort, wo man herkommt, oder dort, wo man hinwill?

Wir alle wünschen uns manchmal, unser Leben nochmal zu beginnen, irgendwo neu anzufangen, wo uns niemand kennt, an einem Ort, an dem wir uns aller Altlasten entledigen können, die wir seit jeher schultern. Insofern ist die Idee Judith Kuckarts, dieses menschliche Bedürfnis und etwaig daraus erwachsende Konsequenzen für die anderen,in einen kleinen Kosmos zu verlagern, in dem die Wechselwirkungen eines vermeintlich besseren Lebens anschaulich geschildert werden können, eine sehr reizvolle. Dennoch vermochte der Funken nicht überzuspringen, dennoch blieben die Charaktere, insbesondere Vera, eigentümlich blass, obwohl sie doch die tragende Säule der Geschichte ist. Sprachlich zaubert Kuckart manchmal ganz herrliche Sätze aus dem Hut,die einem wie zarte Schokolade auf der Zunge zergehen, inhaltlich wird es hingegen mitunter dumpf und verworren, geschehen Dinge, die einem eigentümlich bis seltsam lebensfern erscheinen müssen. Aus diesem Roman mitzunehmen sind trotz aller unüberwindbaren Distanz jedoch für uns alle die Fragen: Sind wir zufrieden? Sind wir glücklich? Wie könnte ein besseres Leben aussehen? Insofern steht Vera exemplarisch für eine Lebensentscheidung, die auf den ersten Blick romantisch, auf den zweiten aber auch egoistisch anmutet. Oder ist es gar das Recht jedes einzelnen,einfach zu verschwinden, ganz ohne Abhängigkeiten? In der Diskussion über solche Fragen, also mehr in dem, was er nach sich zieht als in dem, was er präsentiert, liegen die unbestreitbaren Qualitäten dieses Romans.

Zwei weitere lesenswerte Rezension findet ihr bei Mara von Buzzaldrins und Kerstin von Atalantes Historien.

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14 Gedanken zu “[5 lesen 20] Judith Kuckart – Wünsche

  1. Hallo Sophie, es ist immer interessant einen anderen Blickwinkel zu lesen. Wie Du schreibst, hat Vera, wenn man so will, rücksichtslos ihr Leben und ihre Lieben hinter sich gelassen. Aber auch Sohn und Mann scheinen nicht allzu schockiert. Der Sohn beginnt, mit Recht, sein eigenes Leben. Karatsch hält nach Liebesersatz Ausschau. Wie sich die vielen Figuren und ihre Beziehungen zueinander entwickeln, deutet Kuckart an, erzählt es aber nicht vollständig aus. Gerade das hat mich beeindruckt. Mir würde es gefallen, wenn Wünsche auch die Shortlist schafft. Als Gewinner sehe ich Dutli.

    • Liebe Kerstin, ich denke auch nicht, dass Egoismus die einzige Deutungsvariante ist. Das ist eben eine der aufgeworfenen Fragen – ist es egoistisch aus diesem Alltag ausbrechen zu wollen? Denn, ich gebe dir Recht, das familiäre Gefüge ist schon vor ihrem Weggang irgendwie eingeschlafen und marode. Karatsch versucht ja allerdings, die Polizei mehrfach zu einer Suchaktion zu überreden, die ihm immer wieder entgegnet, ein Erwachsener sei kein Kind und dürfe ja tun, was er wolle. Darf er das wirklich? Wäre es nicht ehrlicher gewesen, reinen Tisch zu machen? Ein Leben kann man ja auch auf andere Weise verändern, statt sich dieser notwendigen Veränderung einfach zu entziehen, indem man sich ein anderes Leben aneignet. Ich finde es auch faszinierend, wie unterschiedlich man diesen Roman wahrscheinlich lesen kann. Mich hat gerade dieses Angedeutete und Vage eher nicht überzeugt, weil es mir dadurch deutlich erschwert war, eine Verbindung zu den Figuren herzustellen. Gerade durch dieses Schablonenhafte blieb mir das Ganze sehr fern.

      • Gut, daß Du noch mal an diesen Detail mit Karatsch erinnerst, damit scheibt er ja eigentlich genau so die Verantwortung von sich. Natürlich hast Du Recht, es wäre ehrlicher und vernünftiger, gemeinsam die Sache zu klären. Doch zum Glück erlaubt Literatur auch unkonventionelles Handeln, und kann an den Folgen klären, ob es etwas erfolgreich war oder nicht. Ich konnte mich in einige Gedanken gut hinein versetzen und habe mich sehr über die geschilderten Zwänge unter Freunden in der Kleinstadt amüsiert.

        • Findest du, dass er damit Verantwortung von sich weist? Ihm sind ja, in diesem Falle, weitgehend die Hände geboten, schließlich wusste er nicht, wo seine Frau sich aufhält. Da würde ich womöglich auch zuerst die Polizei informieren, was sollte ich auch sonst tun? Selbst losfahren nach Nirgendwo? Du hast vollkommen Recht, Literatur erlaubt unkonventionelles Handeln und gerade dadurch entstehen Diskussionen. Wäre Vera den beschwerlicheren Weg gegangen, gäbe es jetzt mutmaßlich wenig, worüber man reden könnte. 😉

          • Vera hatte doch ihrem Sohn relativ schnell eine SMS aus London geschickt, daß es ihr gut ginge usw.. In dem Fall wäre das gar kein Fall für die Polizei. Karatsch scheint ja auch nicht am Boden zerstört.

  2. Pingback: 5 lesen 20 Romane der Longlist – Deutscher Buchpreis 2013 » Atalantes Historien

  3. Schade, dass der Funke nicht übergesprungen ist. Von einem der 20 besten Bücher des Jahres hätte ich irgendwe mehr Tiefgang erwartet. Ich hätte schon Interesse daran den Roman zu lesen, aber Deine Rezension dämpft meinen Enthusiasmus dahin gehend ein wenig. Vielleicht schau ich noch mal bei Mara vorbei, mal sehen was sie so sagt.

    LG, Katarina 🙂

    • Maras Eindruck war ähnlich, Kerstin von Atalantes Historien allerdings hat es ganz anders empfunden. Die Meinungen sind wahrscheinlich so unterschiedlich und vielfältig wie die Leser. 😉

  4. Liebe Sophie,
    was für ein toller Einstieg in Deine Besprechung! Bei Kuckarts Roman „Die Verdächtige“ ist es mir so ähnlich gegangen, wie Dir nun bei den „Wünschen“, da ist auch der Funke nicht so recht übergsprungen. Bei den „Wünschen“ finde ich ja die Thematik so toll, wie Du ja schreibst die Fragen danach, ob wir zufrieden sind mit unserem Leben, ob wir glücklich sind, welche anderen Leben könnten wir leben? Und so in der Lebensmitte, in der Vera ist, gibt es ja ganz viele Möglichkeiten, an denen man hätte anders abbiegen können als man es getan hat. Das sind ja wirklich schon spannende Fragen.
    Ich habe erst ein paar Seiten gelesen, es gibt ja gerade andere Aufgaben :-), und bin gespannt, wie es noch weiter geht. Aber musste es undedingt sein, dass Vera ausgerechnet ihren Stiefvater heirat? Ich habe da keine moralischen Bedenken, finde die Situation nur so überladen.
    Viele Grüße, Claudia

    • Ich finde es vor allem bedauerlich, dass diese Heirat zwischen Vera und ihrem Zieh(!)vater (also Pflegevater, nicht Stiefvater) überhaupt keine Rolle mehr spielt. Wir befinden und schließlich eher in der Kleinstadt,wo so etwas doch vermutlich Anlass für Geschwätz und Geläster sein dürfte. Bei Mara habe ich noch eine andere Situation erwähnt, die ich ein bisschen irritierend fand. Offenbar gab es in der Kindheit von Vera und Meret eine Situation, in der sie zu einem älteren Mann gingen, sich dort auszogen und dann von ihm Geld bekamen. Das wird nur sehr vage erwähnt, spielt eigentlich überhaupt keine Rolle (abgesehen davon, dass es vielleicht Merets Verhalten mitbegründet haben könnte) .. und dann frage ich mich: Warum überhaupt erwähnen? Und da gibt es so ein paar Szenen, deren Sinn und Zweck mir nicht ganz klar geworden sind. Liebe Grüße 😉

  5. Liebe Sophie,
    ganz ehrlich? Ich freue mich, dass deine Reaktion auf diesen Roman so verhalten ist, denn so gibt es ein Buch weniger, dass ich – nach meinen eigenen vier Titeln – lesen möchte, nachdem mich Claudia ja schon so sehr für Lüschers Novelle erwärmt hat. Dafür danke ich dir! 😉

    Spaß beiseite. Die Grundidee gefällt mir, dieser – wenn auch nur vorübergehende (?) – Ausbruch aus dem eigenen, indem man sich einfach einen andere Identität aneignet und sie anprobiert wie ein Kleid in einer Boutique. Schade, dass Kuckarts in deinen Augen das Potential dieser Ausgangsidee nicht voll ausgeschöpft hat und du nicht so recht warm geworden bist mit den Figuren und ihrer Geschichte. Deine Bedenken kann ich nachvollziehen, andererseits finde ich es wie Atalante wahnsinnig spannend, wenn Autoren mit Aussparungen arbeiten und nicht alles auserzählen. Sofern nicht das Textverständnis oder die Plausibilität darunter leiden.

    Merci jedenfalls für die Besprechung, ich werde wohl nicht zu diesem Buch greifen. 🙂
    Liebe Grüße,
    caterina

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