Sarah Stricker – Fünf Kopeken


Sarah-Stricker-Fuenf-KopekenSarah Stricker ist deine deutsche Autorin und Journalistin. Sie schrieb für viele Zeitungen und Magazine, darunter die taz, die Süddeutsche, Frankfurter Allgemeine und NEON. 2009 ging sie nach Tel Aviv und berichtet seitdem von dort für deutsche Medien über Israel und für isrealische über Deutschland. Fünf Kopeken ist ihr Debütroman, und erschien im Eichborn Verlag.

Seine Verwandtschaft kann man sich nicht aussuchen. Sie kommt gewissermaßen über einen wie eine Naturkatastrophe oder eine lästige Krankheit. Man kann nur lernen, sie zu nehmen, wie sie ist und versuchen, zu verstehen. Sie aussitzen allenthalben. Fünf Kopeken erzählt die Geschichte einer deutschen Familie, die sich nach dem Krieg mit einer Modekette zu einem beträchtlichen Auskommen gearbeitet hat und dabei, wie wohl die meisten Familien dieser Zeit, das Ziel verfolgt, die Kinder mögen es einmal besser haben als man selbst. Familie Schneider legt große Maßstäbe an ihre Tochter, die Mutter der Erzählerin, an. Hässlich, wie sie war, sollte sie wenigstens etwas im Kopf haben.

Meine Mutter war zu hässlich, um der Schönheit lange nachzutrauern. Nur hübsche Mädchen verbringen Stunden vorm Spiegel, um ihre Makel auswendig zu lernen wie Vokabeln, die sie auf ein Kompliment hin runterrattern.Sie hingegen war nicht bereit, mit ihrem Aussehen zu hadern. Damit hätte sie ihm nur noch mehr Aufmerksamkeit gegeben. Und das hatte „die alte Fratze“ ja nun wirklich nicht verdient.

Um sie zu fördern und zu fordern, in manchen Familien unterscheidet sich das eine ja nicht wesentlich vom anderen, karrt ihr Vater Wagenladungen Bücher nach Hause, bereits mit drei oder vier kann sie lesen, überspringt eine Klasse, spielt mehrere Instrumente, singt und zeichnet. Sie war ein Naturtalent wider Willen und in ihr verdichten sich alle Ansprüche des Nachkriegswirtschaftswunderlandes.

Von Anfang an behandelte er meine Mutter wie eine Erwachsene in zu kurz geratenem Körper und jeder, der es nicht tat, musste sich so lange vorhalten lassen, ihre Entwicklung zu gefährden, bis er sich sich zusammen mit dem „Wauwau? Ich geb dir Wauwau“ kleinlaut trollte. In seinem Haus wurde nicht „Dada“ gegangen oder „Kaka“ gemacht, es gab kein Kinderprogramm, keine Kinderbücher, kein „dafür bist du noch zu klein“. Die Unschuld und Sorglosigkeit, von denen andere im Alter schwärmen, blieb meiner Mutter dank der unerschütterlichen Abwehr meines Großvaters fremd.

Anna, die erzählende Tochter, sitzt am Sterbebett ihrer Mutter und lässt sich ihr Leben erzählen, haarklein, vom Beginn in der pfälzischen Provinz bis nach Berlin, in dem Annas Großvater für die Ossis, die sich jetzt endlich anständig anziehen konnten, nachdem die Mauer gefallen war, einen Anreiz in Form einer weiteren Mode-Schneider-Filiale bieten will. Annas Mutter ist eine Außenseiterin, wie sie im Buche steht, Bildung und dieser Hauch von Altklugheit kommen auch in der pfälzischen Provinz nicht gut an. Im Hause Schneider gibt es keinen Müßiggang, es gibt nur der eigenen Hände Arbeit und die Erschöpfung, mit der man daraufhin hausieren gehen konnte. Annas Großvater ist überspannt, ihre Großmutter überängstlich, seit sie im Krieg vor lauter Angst aus einem Haus lief, auf das nur Sekunden später eine Bombe fiel.

Sie wusste, dass sie ihr Leben nur der Angst verdankte. Das vergaß sie ihr nie.

Annas Mutter unternimmt zaghafte Versuche in Richtung Partnerschaft, mit Uwe, der sich plötzlich viel mehr für ihre Freundin Babsi zu interessieren scheint, mit Rudi, Heiner oder wie er auch hieß und mit Arno, der schließlich Vater der Erzählerin wird. Ein halbseidener und fast schon wehleidiger Charakter, der die toughe Schneider-Tochter, die es gewohnt ist, stets von den Kriegsgeschichten ihres Vaters auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt zu werden, immer öfter mit seinem honigsüßen Liebreiz in den Wahnsinn treibt. Die Hochzeit ist schon in Planung, als Annas Mutter sich ernstlich verliebt. In einen anderen. Überrascht, dass sie zu Gefühlen dieser Art überhaupt in der Lage ist.

Sarah Strickers charmanter und unverwechselbarer Tonfall lässt diese Familiengeschichte immer wieder zwischen Tragik und Komödie hin und her pendeln. Etwas überzeichnet lässt sie eine Familie auferstehen, wie es vermutlich nach dem Krieg viele gegeben hat, mitgerissen vom Aufschwung, zerrissen vom Krieg, verbissen werkelnd an Erfolg und Wohlstand. Sarah Stricker arbeitet diese Stimmung auf so kaltschnäuzige und humorvolle Weise heraus, dass man manchmal ganz vergisst, was sie für die Kinder bedeutete, auf deren Rücken sie ausgetragen wurde. Aus der Familiengeschichte wird nach und nach eine Liebesgeschichte, eine, wie sie eine Tochter ihrer Mutter niemals zutraut. Aber Annas Mutter liegt im Sterben und so lässt sie alle biographischen Hüllen fallen.

Fünf Kopeken ist ein herrlich vielschichtiger Roman, der seine Figuren trotz ihrer gelegentlichen Überzeichnung ernst genug nimmt, um sie authentisch wirken zu lassen. Hier und da gibt es Längen, die aber durch den erfrischenden Stil der Autorin leicht überwindbar sind. Wie viel wissen wir eigentlich von unseren Eltern? Und was hat das mit uns zu tun?, sind Fragen, die bei der Lektüre immer wieder aufkommen. Von mir eine absolute Leseempfehlung für diesen Debütroman, der mit einer bewegenden Geschichte und einer außergewöhnlichen Sprache zu begeistern weiß.

Eine weitere schöne Rezension findet sich auch bei Karthauses Bücherwelt.

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11 Gedanken zu “Sarah Stricker – Fünf Kopeken

  1. Erst das tolle Buchcover (Gesichtsausdruck und zuckersüßes weiße Kleid passen so irgendwie nicht zusammen, bebildern aber schon Deine Bewertung „überzeuchnet“) und dann Deine schöne Besprechung machen ganz schön neugierig aufs Selberlesen des Romans. Sabine Bode hat geforscht zu den „Kriegskindern“ und „Kriegsenkeln“ und den Traumata des Krieges, die Generation für Generation zwar verdrängt, aber doch weiter gegeben werden, während auf der anderen Seite ja auch ein Land aufgebaut und Wohlstand für die Familien erarbeitet wird. Diesen Themenkreis sprichst Du ja auch in Deiner Bespechung an. Und wenn das auch noch witzig erzählt wird, scheint das doch ein sehr lesenswerter Roman zu sein.
    Viele grüße, Claudia

    • Liebe Claudia, freut mich, dass ich dich neugierig machen konnte. Ich habe das Buch erst gar nicht auf dem Schirm gehabt, bis Felicitas von Lovenberg in der FAZ so davon schwärmte .. und es ist in der Tat eine wirklich erfrischende Lektüre. Spricht genau meinen tiefschwarzen Humor an. 😉 , Liebe Grüße

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  3. Das Buch ist mir schon beim Durchblättern der Vorschauen aufgefallen, und überhaupt überrascht mich der Eichborn Verlag seit dem Wechsel zu Bastei Lübbe mit einem tollen literarischen Programm. Gelesen habe ich Fünf Kopeken noch nicht, aber deine Besprechung bestätigt mir, dass es genau in mein Beuteschema fällt.

    Was ich nebenbei bemerkt interessant finde: dass Sarah Stricker, die einen überaus spannenden Lebenslauf hat und in einem so spannenden Land wie Israel lebt, dies nicht zum Gegenstand ihres Debütromans macht und sich stattdessen der pfälzischen Provinz widmet. Erinnert mich an Stephan Thome, der jahrelang in Taiwan gelebt hat und sich in seinem ersten Roman in seine hessische Heimat begibt. Das wurde bei der Rezeption des Buches ja auch immer wieder thematisiert. Und es stimmt schon: Die meisten Autoren würden wohl über das Exotische erzählen, es ist vermutlich einfacher, als in dem Ort, an dem man aufgewachsen ist, etwas Erzählenswertes zu finden – vor allem, wenn es sich um ein Provinznest handelt und nicht etwa um Berlin.

  4. Das hab ich mir nun Dank der herausragenden Besprechungen und vieler Tipps als Hörbuch heruntergeladen und werde hoffentlich in ein paar Tagen starten. Danke für die tolle Besprechung und das Neugierig machen!

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