Patrick Roth – Meine Reise zu Chaplin


chaplinPatrick Roth ist ein deutscher Schriftsteller und Regisseur. Nach dem Abitur ging er nach Paris, um die französische Sprache zu lernen, danach studierte er, zurück in Deutschland, Anglistik, Germanistik und Romanistik. Er erhielt ein Stipendium für die University of Southern California, wo er Filmproduktion und Regie studierte. Er produzierte eigene Kurzfilme, absolvierte eine Schauspielausbildung, schrieb Hörspiele und Theaterstücke. Meine Reise zu Chaplin erschien erstmals 2002, nun hat es der Wallstein Verlag zum 125.Geburtstag Chaplins neu aufgelegt.

Wir alle haben Idole. Vorbilder. Menschen, zu denen wir aufblicken und die wir bewundern. Künstler, die uns mit dem, was sie taten, unwissentlich viel näher kamen als unsere engsten Verwandten und Freunde. Die uns auf eine Art und Weise auf unserem Weg begleitet haben, die schwer in Worte zu fassen ist. Für den jungen Patrick Roth ist das fraglos Charlie Chaplin. Der Tramp, der Star des Stummfilms, der „große Diktator“. Schon als Kind begann seine Liebe und Bewunderung, die sich mit seinen cineastischen Studien eher fortsetzte und vertiefte. In der Schule verliebt er sich in ein Mädchen, weil sie Geraldine Chaplin so ähnlich sieht.

Alles beginnt im Dunkeln. Ich lag als Fünfjähriger mit schwerem Fieber im Bett, da hörte ich meine Großmutter der Mutter zuflüstern: „Lass den Bub doch Chaplin gucken, wenn er aufwacht. Der tut ihm sicher gut.“

Als Roth in Amerika weilt, sieht er in einem alten nostalgisch anmutenden Kino noch einmal ‚City Lights‘ (deutsch: Lichter der Großstadt), den 1931 uraufgeführten Film über den armen Landstreicher, der sich tragisch in ein blindes Blumenmädchen verliebt und ihr erfolgreich vorgaukelt, ein wohlhabender Mann, gar ein Millionär aus besten Verhältnissen zu sein. Roth beschließt, jugendlich leichtsinnig und voll tiefster Bewunderung, Chaplin einen Brief zu schreiben und ihn persönlich an dessen Schweizer Haustür in Vevey abzugeben. Es gelingt ihm zunächst sogar, bis zum Anwesen vorzudringen und den Brief einer Haushälterin zu überreichen, die verspricht, ihn so bald wie möglich an Chaplin weiterzugeben. Der schlafe gerade, sei schwach und gesundheitlich angeschlagen.

Ich fragte mich, warum meine Begeisterung für diesen Mann so unmäßig war. War sie gerechtfertigt? Rechtens sogar, schien mir.
Was band mich so an ihn? Der große Regisseur? Der Autor, Komponist und Produzent? Oder war es die Figur des Tramps, des gentleman, poet, dreamer – always hopeful of romance, wie er sie selbst einmal beschrieben hatte?

Vom bellenden Hund verjagt, voll gespannter Erwartung, die Haushälterin in Kürze zu Chaplins Reaktion zu befragen, streift Roth durch die nahegelegenen Wälder und lässt eine Szene aus City Lights revue passieren, die für ihn eine der Quintessenzen von Chaplins Schaffen darstellt. Es ist das Ende, in der das nun sehende Blumenmädchen ihren angeblichen Millionär erkennt, im wahrsten und tiefsten Sinne des Wortes – ganz ohne, dass man diesen emotionalen Moment angemessen auf Film bannen könnte.

Zurück am Anwesen wird er wider Erwarten eingelassen. Zwar nicht, um Chaplin zu treffen, aber doch, um mit dessen Butler zu sprechen, der ihm zum Schluss ein von Chaplin unterschriebenes Foto überreicht. Eigens für ihn. Thank Your Letter, Charles Chaplin. Roth kann es nicht fassen, ist im besten Sinne überfahren und überrollt von den Ereignissen, diesem Moment, in dem man Chaplin seinen Brief vorgelesen haben muss, diesem Augenblick, der beide Existenzen für kurze Zeit miteinander verbindet.

Patrick Roths Reise zu Chaplin ist eine höchst charmante Liebeserklärung eines Künstlers an einen Künstler. Kurz und knapp, aber doch voll Eindringlichkeit beschreibt Roth vollkommen nachvollziehbar die im Grunde irrwitzige Reise und ihren beinahe fantastischen Ausgang. Jeden würde man mit so einem Vorhaben für verrückt erklären, doch bei Roth ergibt all das auf so märchenhafte Weise Sinn und kommt zu einem so herrlichen Ausgang, dass man diesen Bericht nur mit einem Schmunzeln lesen kann, einem wohlwollenden Lächeln. Und es beenden kann mit dem Gefühl, dabei gewesen zu sein bei diesem Ausflug, den einem ohne die entsprechenden Beweise ohnehin niemand glauben würde.

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