Rutu Modan – Das Erbe


Rutu ModanRutu Modan ist eine israelische Comiczeichnerin und Illustratorin. Dank Actus Tragicus, einem israelischen Kümstlerkollektiv und einem Verlagshaus für alternative Comicautoren wurde sie einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. 2001 gewann sie den Andersen Award für Illustration, 2008 wurde sie beim Internationalen Comicfestival in Angoulême ausgezeichnet. Sie war Mitherausgeberin des israelischen MAD-Magazines. „Das Erbe“ gründet sich zum Teil auf eigene Erfahrungen. Es erschien kürzlich im Carlsen Verlag in der Übersetzung von Gundula Schiffer.

Es ist nichts Neues, sich der Shoa, dem Zweiten Weltkrieg oder anderen Schreckensherrschaften der Vergangenheit und Gegenwart in Form des Comics zu nähern und die Debatte, ob das Medium Comic für eine solche Auseinandersetzung überhaupt geeignet ist, ist seit Art Spiegelman längst ein alter Hut. Im Falle Rutu Modans geschieht diese Auseinandersetzung nicht auf eine rekapitulierende und dokumentarische, sondern auf eine ganz gegenwärtige Art, gebettet in die Geschichte einer Familie, in der Gegenwart. Wo ‚Maus‚ und ‚Persepolis‚ die Grausamkeit sehr deutlich porträtieren, wählt Rutu Modan den Weg über die Familie Wagman – in der auch einige Fragmente der eigenen Familiengeschichte zu finden sind. Sowohl Rutu Modans Familie als auch die fiktive Familie Wagman stammt aus Warschau, wanderte aber bereits vor Beginn des Zweiten Weltkrieges nach Israel aus.

Im Comic kommt die Zeit, in der Regina Segal mit ihrer Enkelin Mika nach Warschau fährt, um ein Erbe anzutreten. Eines, über das man sie bereits vor Jahren informiert hat, doch Regina Segal ist eigen. Das wird schon auf den ersten Seiten deutlich, als sie sich weigert, eine gerade erst gekaufte Flasche Wasser an der Sicherheitskontrolle des Flughafen Ben Gurion abzugeben und sie stattdessen in einem Zug leer trinkt. Regina Segal ist eine resolute alte Dame, eine, die sich nicht herumkommandieren lässt, eine, die weiß, was sie will. Doch in Warschau angekommen, wirft ein Blick ins Telefonbuch sie vollkommen aus dem Gleichgewicht.

das erbe1Sie entdeckt ihre Jugendliebe Roman Gorski, der heute die Wohnung der Familie Wagman bewohnt. Und Stück für Stück entrollt sich vor den Augen des Lesers, der sich mit Mika auf der Suche nach dem ominösen Erbe der Familie befindet, eine zutiefst menschliche und tragische Geschichte. In kleinen Nebenhandlungen zeichnet Rutu Modan ein Portrait des heutigen Warschaus, einer Stadt, die in sich zwar noch immer den Hauch ihrer Vergangenheit trägt, sich aber langsam von diesem schweren Erbe zu emanzipieren beginnt. Feindschaften und alte Vorurteile zwischen Polen und Juden existieren noch immer in den Köpfen vieler, exemplarisch verdeutlicht an der Liaison, die Mika mit einem jungen polnischen Stadtführer beginnt.

Rutu Modan gelingt es, in „Das Erbe“ ein Stück Geschichte anhand eines individuellen Familienschicksals zu erzählen und sich damit auch der eigenen Familiengeschichte zu nähern. Viel nachhaltiger als das große Ganze graben sich manchmal eher persönliche Erfahrungen und Erlebnisse ein, die dazu beitragen können, die Dinge in einem Kontext zu verstehen. Mit zeichnerischen Anleihen aus dem frankobelgischen Comic präsentiert Rutu Modan eine liebevoll illustrierte Rückschau in das Leben derer, das wir heute nur noch aus Erzählungen kennen. Und zeigt damit deutlich, dass es genau diese Erzählungen sind, die uns so wichtig bleiben müssen, wenn wir uns heute verstehen wollen. Gesamthistorisch, aber auch im Hinblick auf die ganz kleine Familienhistorie jedes Einzelnen.

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Rutu Modan reiste für ihre Graphic Novel extra nach Warschau und recherchierte im Familienkreis – mehr zum Entstehungsprozess und den Großmüttern, die Pate standen für Regina Segal, kann man in einem Interview der Jüdischen Allgemeinen nachlesen. Eine Empfehlung für all jene, die sich mit jüdischer Geschichte und den dahinterstehenden Schicksalen beschäftigen wollen!

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2 Gedanken zu “Rutu Modan – Das Erbe

  1. Ich finde zwar, dass jede Auseinandersetzung junger israelischer Autoren mit ihrem jüdischen Erbe die Welt um eine neue Erfahrung, einen neuen Blickwinkel, ein neues Mosaiksteinchen bereichert. Aber was mich ästhetisch total abschreckt, ist dieser nüchterne, karge Zeichenstil und die Farbwahl. Das mag die Ernsthaftigkeit und den Realismus unterstreichen, aber es spricht mich ästhetisch-künstlerisch überhaupt nicht an. Ich finde, es wirkt leider sogar total unmodern. Aber das ist wirklich nur mein ganz persönlicher Geschmack 🙂

    • Ich fand den Zeichenstil aber auch gewöhnungsbedürftig. Abgeschreckt hat er mich nicht und nach einiger Zeit habe ich mich auch daran gewöhnt, dauerte aber ein bisschen. Ich kann dich da also gut verstehen in deiner Empfindung.

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