Franz Hohler – Gleis 4


hohler

Franz Hohler ist ein Schweizer Autor, Kabarettist und Liedermacher. Er studierte an der Universität Zürich Germanistik und Romanistik. Schon während des Studiums führte er sein erstes Soloprogramm pizzicato auf, das sich als so erfolgreich erwies, dass Hohler beschloss, das Studium abzubrechen und von seiner Kunst zu leben. Im März feierte Hohler seinen 70.Geburtstag, ihm zu Ehren veröffentlichte der Luchterhand Verlag bereits Anfang des Jahres den Erzählband „Der Geisterfahrer“.

Stellen wir uns vor, wir befänden uns mit schwerem Gepäck auf einem gut besuchten Bahnhof. Vor uns eine unerhört steile Treppe, neben uns ein Koffer, den wir lieber durch die Luft dirigieren als diese steile Anhöhe hinaufschleppen wollen. Unversehens taucht neben uns ein älterer Herr auf und bietet an, den Koffer zu tragen. Ein Gentleman der alten Schule, denken wir und willigen nach einigen Sekunden Bedenkzeit erfreut ein. Es gibt sie noch, die guten Menschen, die Helfer ohne Hintergedanken, werden wir denken, während der Mann uns voraus nach oben schreitet. Scheinbar mühelos und guter Dinge.

Der Mann rollte den Koffer zum Rand des Bahnsteigs, ließ ihn stehen und machte eine galante Geste zu Isabelle hin. „Vielen Dank“, sagte sie, „das war aber sehr nett.“ Der Angesprochene nickte lächelnd, doch anstatt den Kopf wieder hochzuheben, ließ er ihn auf die Brust sinken, hielt sich einen Moment am Kofferbügel fest und fiel dann der Länge nach hin. Sein Schädel schlug mit einem bösen Geräusch auf dem Boden auf, und er blieb mit geöffnetem Mund und geschlossenen Augen liegen. Der eine Arm ragte ein bisschen über die Bahnsteigkante hinaus, auch die Mappe wäre beinahe auf das Geleise hinuntergefallen.

So ergeht es Isabelle Rast, einer Altenpflegerin um die fünfzig, die sich gerade von einer Operation erholt. Sie war auf dem Weg nach Stromboli, um mit ihrer Freundin Barbara dort Urlaub zu machen, als der namenlose Mann nach dem Treppenaufstieg plötzlich oben tot zusammenbricht. Schockiert und betroffen sagt sie ihren Urlaub ab, kann sich aber nicht von diesem Vorkommnis lösen. Trägt sie eine Mitschuld? Schließlich hat der Mann ihren schweren Koffer getragen. Ging es ihm nicht gut? Hätte sie es sehen müssen? Darüber hinaus trug er keinerlei Papiere bei sich, niemand weiß, wer der hilfsbereite Mann war, der nun tot unter einer weißen Zeltplane auf dem Gleis 4 liegt.

Zu allem Überfluss stellt Isabelle, zuhause angekommen, ernüchtert fest, dass sie versehentlich die lederne Mappe des Verstorbenen mitgenommen hat, inklusive eines Handys, das plötzlich zu klingeln beginnt. Sie schließt das Telefon, warum, weiß sie auch nicht genau, in ihrem Badezimmer ans Stromnetz an, um den Akku aufzuladen und versichert sich, es gleich am nächsten Tag zur Polizei zu bringen. Bis dahin klingelt es jedoch noch einige Male und aus Neugier nimmt sie ab: „Wo ist Marcel?“, lautet die Frage am anderen Ende – „Wir wollen ihn morgen in Nordheim nicht sehen. Sag ihm das.“

Der Tote war identifiziert. Man hatte beim nochmaligen Durchsuchen seiner Kleidung doch noch etwas gefunden, nämlich ein Streichholzbriefchen in einem Brusttäschchen seines Hemdes. Darauf stand der Name eines Hotels, man hatte dort mit dem Foto des Verstorbenen nachgefragt, und zwei Frauen an der Rezeption hatten ihn erkannt. Sein Name war Martin Blancpain, ein Kanadier aus Montréal, man hatte für den Fall, dass sie sich doch täuschten, die Nacht verstreichen lassen, und als er nicht zurückkam, drang man in das Zimmer ein, fand dort auch seinen Pass und die Reiseunterlagen, die zeigten, dass er am Tag vor seinem Tod auf dem Flughafen Zürich angekommen war.

Isabelle Rasts Verwirrung wird immer größer, als man ihr diese Nachricht übermittelt. Heißt der Mann nun Marcel oder Martin? Ist er Schweizer oder Kanadier? Und von wem kommen diese anonymen Anrufe, die immer wieder auf seinem Handy eingehen? Als Isabelle schließlich gebeten wird, mit der aus Kanada anreisenden Witwe Veronique zu sprechen, verstrickt sie sich tief in die Vergangenheit des Mannes, mit dem sie doch nichts weiter verbindet als sein Tod – und ihr Koffer.

Franz Hohler erzählt eine Geschichte, die hier und dort fast kriminalistische Züge annimmt. Sein nüchterner und schnörkelloser Tonfall, verleiht den schrittweise ans Tageslicht kommenden Enthüllungen über den Toten mitunter noch viel mehr Wucht. Selbst seine Witwe weiß nichts über seine Jugendzeit und so gerät sein Ableben zur Spurensuche, die alle Beteiligten überraschen wird. Bisweilen finden sich in Hohlers Geschichte kleine Absurditäten, die nicht ganz ins Bild passen mögen. So zum Beispiel eine Voodoo-Puppe, die einer alten Freundin des Toten Kopfschmerzen bereitet, ein kleines afrikanisches Ritual und eine Menge ungewöhnlicher Zufälle. Zwar tut das der Spannung des Romans keinen Abbruch, lässt seine Stimmung aber hier und da ins Absonderliche kippen. Wer davon nicht beirrt ist, wird eine Geschichte vorfinden, die gut unterhält und uns ein bisschen daran erinnert, wie wenig wir doch eigentlich von unseren Mitmenschen wissen.

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5 Gedanken zu “Franz Hohler – Gleis 4

  1. Danke für Deinen Einblick, er macht mich noch neugieriger auf diesen Roman, der seit einem Blick in die Vorschau auf meiner Liste steht.
    Vielleicht ist er auch ein Kandidat für die Liste zum Deutschen Buchpreis? Was denkst Du?

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