Katharina Hartwell – Das fremde Meer


hartwellKatharina Hartwell ist eine deutsche Autorin. Sie studierte Anglistik und Amerikanistik, seit 2010 ist sie Studentin des Deutschen Literaturinstituts in Leipzig. 2009 erhielt sie den MDR-Literaturpreis, 2013 wurde sie Sylter Inselschreiberin. Das Fremde Meer ist Katharina Hartwells erster Roman, erschienen im Berlin Verlag.

Ich gehöre zu den Menschen, die glauben, dass sie sich schützen können, wenn sie mit dem Schlimmsten rechnen, dass die Katastrophen immer nur die treffen, die nicht auf sie vorbereitet sind. Dass man ihnen entkommen kann, wenn man sie erwartet.

Jan und Marie lernen sich unkonventionell kennen; fast prosaisch erscheint es, als er aus dem steckengebliebenen Universitäts-Paternoster springt und auf ihr landet. Er sei plötzlich vom Himmel gefallen, sagen sie manchmal, wenn man sie nach ihrem ersten Zusammentreffen fragt, das für Marie mit einer leichten Gehirnerschütterung im Krankenhaus endet. Es ist eine dieser Liebesgeschichten, die wie für Hollywood geschrieben zu sein scheinen, die eigentlich auch nur in Hollywood so passieren. Wären da nicht der Unfall und die Notwendigkeit, zu erzählen. Von Anfang an, sich langsam dem Unaussprechlichen nähernd.

In zehn verschiedenen Geschichten begegnen sich Jan und Marie oder Miriam und Johann oder Yann und Milan, führen schicksalhafte Begegnungen sie zusammen, werden sie von Naturgewalten wieder getrennt. In einer Stadt, in der Häuser und Menschen plötzlich verschwinden, um an einem gänzlich anderen Ort wieder aufzutauchen, in einem verschneiten Wald, am Ende der Welt oder in Salpêtrière, einer Pariser Psychiatrie, entfaltet sich ein Potpourri aus verschiedenen Leben und Leiden, die letztlich doch alle die Geschichte Jans und Maries erzählen.

Randvoll mit Angst ist Jaques schon zur Welt gekommen. Es braucht nicht viel, und die Angst fließt über, deckt die Menschen, die Tiere, die Häuser und die Wälder mit einem bläulichen Schimmer ein, der sie kalt und bedrohlich werden lässt. Von Anfang an sieht Jaques sich umgeben von gefährlichen Kanten, Rissen und Löchern. Die Stimme der Mutter ist zu laut, die des Vaters zu streng, und bereits in frühen Jahren wird er oft ermahnt, sich zusammenzureißen, sich ein ordentliches Leben zuzulegen. Dass er eines Tages und so unerwartet mit dem Zusammenreißen aufhört, lässt sich nur mit der Kutsche erklären. Das zumindest glauben die Eltern. Jaques selbst vermutet, dass er auch ohne die Kutsche eines Tages und ganz ohne Vorwarnung das Zusammenreißen aufgegeben hätte.

Katharina Hartwell schreibt nicht einfach nur einen Roman. Sie fertigt ein Kaleidoskop an Geschichten, die sich an den Kanten berühren und überlappen. Sie schreibt Märchen, einen Science-Fiction Roman, Geschichten, die wie alte Volkssagen den Eindruck von traditioneller Beständigkeit vermitteln, das Gefühl geben, sie seien schon immer da gewesen und wir kennen sie alle. Mit einer artifiziellen Geschicklichkeit, die in dieser Form einzigartig ist, gelingt es ihr, die zunächst losen Geschichten zu einer großen zu verknüpfen, die letztlich in eine schmerzliche Wahrheit mündet. Was im Märchen ein Turm umrankt von Dornen und im Science-Fiction-Roman eine mysteriöse Krankheit ist, stellt sich in der Realität als ein Fahrradunfall heraus, als künstliches Koma, als alles zersprengenden und umfassenden Verlust.

Später gibt man mir deinen Player. Er sieht zerschrammt aus, und weil die Kopfhörer nicht funktionieren, denke ich zunächst, er sei kaputt. Aber als ich versehentlich auf eine der Tasten komme, leuchtet das Display auf. Auf dem Player sind 754 Lieder, und weil ich jetzt viel Zeit habe, höre ich mir jedes einzelne an. In der ersten Woche scheint es mir dringend notwendig, herauszufinden, welches Lied du gehört hast. Als würde es einen Unterschied machen, wenn ich wüsste: Deine letzte Minute hat sich aus der Straße, dem Wind und diesem einen Lied zusammengesetzt. Ich weiß es aber nicht. Ich weiß nur, was du nicht gehört hast. Das Auto hinter dir.

Katharina Hartwells Sprache ist packend, trifft punktgenau das Herz des Lesers und schickt ihn auf eine Reise durch ein fremdes Meer. Ein Meer an Geschichten, ein Meer an verschiedenen Gefühlen und Gedanken, auf eine Reise durch aufgewühltes Gewässer, an deren Ende die Wahrheit steht, an deren Ende es keine Geschichten anderer mehr braucht, um zu begreifen. Dieser Debütroman ist vortrefflich gelungen, ein fulminanter Erstling, der mit literarischer Vielfalt und Können glänzt. Es wäre nutzlos, einzelne Erzählstränge herauszugreifen, denn dieser Roman ist ein eng verwobenes Geflecht, das man nur in seiner Ganzheit begreifen kann. Eine unbedingte Leseempfehlung!

Bei Mara von BuzzaldrinsBücher findet ihr auch eine tolle Besprechung und hier ein Interview mit Katharina Hartwell.

Advertisements

8 Gedanken zu “Katharina Hartwell – Das fremde Meer

  1. Nachdem ich hier und anderswo 🙂 über das Buch gelesen habe, bin ich selbst ganz neugierig auf die Geschichten – und die besondere Komposition. Die Idee der Variation bei gleichem narrativen Kern hört sich wirklich sehr interessant an.
    Viele Grüße, Claudia

  2. Das Buch hat mich gefangen genommen, zumindest was der Inhalt mal verspricht, was ich mich nur frage: wie psychologisch ist die Geschichte und wie intensiv dreht sich alles um die Liebe? Psychologie fasziniert mich, Romantik ist jedoch überhaupt nicht meins, jetzt bin ich mir unschlüssig, ob mir die Lektüre gefallen könnte. Vielleicht kannst du mir ja ein wenig weiterhelfen 🙂

    • Ich bin auch nicht besonders romantisch veranlagt. Um Liebesgeschichten mache ich meistens einen großen Bogen. Hier geht es zwar in der einen oder anderen Weise immer um Liebe, aber viel mehr um einen Schicksalsschlag (des geliebten Menschen) und dessen Verarbeitung. Es ist weniger Liebesgeschichte als Märchen oder Science-Fiction-Roman. Dementsprechend könnte ich mir schon vorstellen, dass dir das Buch gefallen könnte. 😉

  3. Wow, das letzte von dir ausgewählte Zitat haut mich um. Da bekomme ich direkt Gänsehaut. Hab’s grad schon bei Mara geschrieben: Da ich zurzeit eine ziemlich harte Lektüre über mich ergehen lasse (Knockemstiff von Donald Ray Pollock), brauche ich als Nächtes etwas Warmes, Bewegendes, Poetisches, Schönes. Katharina Hartwells Debüt wird es werden! Zumal ich im August zu einer Lesung mit ihr gehe…

  4. Pingback: Wortreiche Geschenke | Literaturen

  5. Pingback: Die vermeintliche Ewiggestrigkeit | Literaturen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s