In Zeiten des Klicks


schnelligkeit

Es gehört zweifellos zu den Unsitten unserer modernen Gesellschaft, ein Tempo an den Tag zu legen, dass es einem unversehens die Schuhe auszöge, bevor man imstande wäre, auch ein paar Meter in denen der anderen zu laufen. In Siebenmeilenstiefeln hetzen wir durchs Leben, haben keine Zeit mehr, uns mit Dingen auseinanderzusetzen, auf sie zu reagieren. Wir schieben sie auf, bis wir sie vergessen, in der Hoffnung, etwas mehr Zeit für uns zu schaffen, irgendwann. Es ist wie in Endes Momo mit den grauen Herren von der Zeitsparkasse – je mehr Zeit wir sparen, desto weniger haben wir am Ende. Wie komme ich nun darauf, warum schreibe ich das?

Meine Initiative ,Die Kleinsten werden die Größten sein‘ zur Unterstützung des stationären und unabhängigen Buchhandels wurde nun knapp 750-mal auf Facebook verbreitet. Gesine von Prittwitz hat kürzlich zu Interviews mit Buchhändlern aufgerufen, man spürt die Begeisterung allerorten – Ideen wie buy local haben den Anstoß gegeben, sich tatsächlich, auch außerhalb des Netzes mit seiner Umgebung und ihrer Bewahrung auseinanderzusetzen -, über die kurzfristig aufflammende Begeisterung geht es aber nicht hinaus. Nun mag es nicht einer gewissen Ironie entbehren, dass die Unterstützung lokaler Buchläden ausgerechnet im Internet stattfindet, aus dem man die Kundschaft wieder hinauszubefördern trachtet, aber es ist schlicht nicht anders machbar – wer kann schon überall in der Republik unterwegs sein?

Und ich frage mich, wie und warum diese Diskrepanz zwischen Begeisterung und tatsächlicher Unterstützung besteht. Und meine den Grund auch in einer veränderten Kommunikationsstruktur zu entdecken, die das Internet und Social-Media generell mit sich bringen. Zwar ist es viel einfacher, mit Menschen in Kontakt zu treten, im Zweifelsfalle aber wesentlich komplizierter, sie tatsächlich zu erreichen und zu bewegen. Wer heute bei Facebook von Dingen liest, die ihn begeistern, der klickt auf ‚Gefällt mir‘ und hat, jedenfalls, wenn es um Initiativen geht, die eine gewisse Mitarbeit erfordern, im Moment des Klicks schon seine Schuldigkeit getan. Während man früher noch tatsächlich den Ort des Geschehens aufsuchen, mit den Verantwortlichen sprechen musste, haben sich heute die Möglichkeiten, Zustimmung zu suggerieren, um ein Vielfaches erweitert. Es ist einfacher geworden, bequemer. Dadurch aber auch viel oberflächlicher.

Ich spreche jetzt nicht nur im Namen meiner Initiative, die sich schwieriger gestaltet, als ich es mir ausgemalt hatte. Anfangs bat ich noch um Vorstellungstexte und Bilder, die ich lediglich online stelle, denen ich eine Plattform biete. Mittlerweile hat sich das Ganze insofern gewandelt, als ich die Artikel selbst aus den Informationsbrocken zusammenschreibe, die mir die Buchhandlungen liefern – Leser beteiligen sich nahezu gar nicht. Da gibt es Buchhandlungen, die sehr dankbar sind und mir engagiert so viele Informationen zukommen lassen wie für einen fundierten Artikel notwendig sind, da gibt es aber auch solchhe, die auf Nachfragen schlicht nicht mehr reagieren. Solche, die sagen, man müsse sich da schon selbst ein Bild machen.

Mit diesen Erfahrungen bin ich nicht allein und ich frage mich ein – weshalb diese Trägheit? Letztlich sind wir, die wir ja überwiegend in irgendeiner Weise mit der Buchbranche verbunden sind, hier und wollen die Werbetrommel rühren. Völlig unentgeltlich. Wir, die wir solche Initiativen ins Leben rufen, wollen uns hinsetzen und in unserer Freizeit über euch, die kleinen Buchhandlungen, berichten, weil wir sie für so bewahrenswert halten und weil wir glauben, dass das Medium Internet, in diesem Kontext angewandt, einfach große Wirkung zeitigen kann. Nun geht es gar nicht darum, dass die eine oder andere Reaktion länger braucht, niemand muss erklären, dass es manchmal stressig ist – die, die selbst im Buchhandel arbeiten, wissen, wie es aussehen kann. Vielleicht ist es heute, in Zeiten des Klicks, einfach anders geworden: Aus den Augen, aus dem Sinn.

Doch sollten wir bei aller Bequemlichkeit des „Gefällt mir“-Klicks nicht vergessen, dass mehr dazugehört. Dass ein im Bruchteil einer Sekunde zuckender Finger noch keine Zustimmung, gar Unterstützung macht. Dass es trotzdem noch immer altmodischer Kommunikation bedarf, um Dinge ins Rollen zu bringen. Ich meine das nicht etwa anklagend oder womöglich fordernd – ich denke nur darüber nach, warum es ist wie es ist. Ich habe im Rahmen meiner Aktion bisher schon viel Unterstützung erfahren und Bereitschaft, die Sache publik zu machen.

Aber die, um die es gehen soll, halten sich nach wie vor überraschend bedeckt.

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7 Gedanken zu “In Zeiten des Klicks

  1. Ich weiß nicht, wie Du Deine Aktion angegangen bist und woran es hapert. Vielleicht verspricht man sich nicht sonderlich viel davon, seine Buchhandlung auf einem privaten Blog vorzustellen? Vielleicht wird die Reichweite als zu gering erachtet? Etliches geht mittlerweile in der Flut an Blogs und Webseiten unter, wird nur durch eine gezielte Suche gefunden. Über die kommt man eventuell dann auch auf einen eigenen Netzauftritt, eine Facebookseite oder ähnliches. Möglicherweise wäre eine eigene Seite, die alle versammelt, attraktiver gewesen? Es bleibt Spekulation. Vielleicht bekommst Du ja noch ein paar ehrliche Rückmeldungen.

    Ich sehe den Grundtenor Deines Textes ähnlich. Oberflächlichkeit, Austauschbarkeit, Unverbindlichkeit und viel heiße Luft dominieren. Obwohl es einem die sozialen Medien, WordPress usw. so einfach machen, mit Leuten in Kontakt zu treten, Themen zu verfolgen, läuft doch sehr viel ins Leere.

    „Gefällt mir – Button“ und Akklamation wurden schon ausgiebig diskutiert, das will ich nicht wieder aufwärmen, meine Meinung dazu hat sich nicht geändert. Es scheitert ein kleiner Dialog schon oft daran, dass keine Reaktion auf eine(n) Frage/(Kommentar) erwartet wird (Unverbindlichkeit), weswegen ein Thema mit dem Absetzen des eigenen Kommentars auch schon wieder durch ist.

    Eine kurze Antwort auf eine Mail ist auch schon nicht mehr selbstverständlich. Erst kürzlich habe ich eine freundliche Mailanfrage über mein Blog zu einem Thema ausführlich beantwortet. Weil es ein Thema ist, für das mein Herz schlägt. Glaubst Du, ich hätte eine Reaktion darauf bekommen, ein kleines Danke? Fehlanzeige!

    Initiativen über Social Media sind leider oft nicht mehr als Klicksammelei, hinter denen ganz andere Ziele stecken. Wenn man das dann nicht unterstützt, wird’s oft persönlich genommen.
    Meine Begeisterung für die Literatur hat sich wieder ins Private verschoben. Ich kann die Motivation hinter all den verschiedenen Blogs auch nicht mehr überall nachvollziehen.

    Es ist schade für Dich, wenn Deine Aktion ins Stottern geraten ist. Aber wer nicht will, der hat schon. Nimm’s nicht persönlich. Vielleicht braucht es noch ein wenig Anlaufzeit! Trotzdem viel Erfolg!

    • Vielen Dank für deine Gedanken!

      Um Himmels willen, persönlich nehme ich nichts davon. Es war mehr so ein grundsätzliches Überlegen darüber, wie sich Kommunikation verändert (hat) und was das bedeutet. Das sehe ich besonders deutlich eben an diesen Initiativen (nicht nur an meiner, wohlgemerkt), deshalb ist das mein Aufhänger. Es könnte genauso gut irgendwas anderes sein,

      Gut möglich, dass die Reichweite nicht attraktiv genug ist, das will ich nicht bestreiten. Ich bin eben keine überregionale Zeitung oder gar ein Fernsehsender, ich kann nicht viel mehr anbieten . Womöglich spielt das eine Rolle, manche können sich vielleicht auch gar nicht vorstellen, was das für sie bringen soll, da irgendwo mit einer Vorstellung im Internet zu stehen.

      Und ja, die Buchbloglandschaft ist ziemlich unübersichtlich geworden. Zweifellos.
      Für mich dennoch kein Grund, aufzuhören. 😉

      • War auch mehr als aufbauende Floskel gedacht. 😉
        Natürlich geht es nicht darum, alles in Frage zu stellen oder per se mit einem negativen Anstrich zu versehen. Trotzdem finde ich es richtig, solchen Gedanken auch mal Ausdruck zu verleihen, sie zur Diskussion zu stellen. Es ist sicherlich jedem schon passiert, dass Mails ohne Antwort blieben und umgekehrt hat man bestimmt auch selbst schon Dinge aufgeschoben, bis man das Gefühl hatte, man hätte einen bestimmten Zeitpunkt verpasst. Da nehme ich mich nicht aus.

        Trotzdem habe ich das Gefühl, dass das nicht mehr bloß Ausnahmen sind. Es ist einfacher, Dinge zu ignorieren, als sich persönlich damit auseinanderzusetzen. Selbst eine Absage will formuliert werden, kostet Zeit und könnte dazu führen, dass man jemanden enttäuscht. Durch das Ignorieren vermeidet man eine persönliche Beteiligung im Allgemeinen.

        Ich kann verstehen, dass das frustrierend ist und beobachte diese Haltung in verschiedenen Bereichen vermehrt. Kommentare, z.B. in Blogs, die zunehmend ins Leere laufen oder Mails, die unbeantwortet bleiben. Ich denke, es fehlt wohl die Bereitschaft, sich ein bisschen in den anderen hineinzuversetzen, die Du sehr schön in der Eröffnung Deines Textes formuliert hast. Ich finde auch, dass Du Dich dadurch nicht entmutigen lassen solltest. Ich höre nicht zu kommentieren auf, allerdings suche ich mir Orte, an denen ich das Gefühl habe, dass es nicht als lästige Pflicht wahrgenommen wird. Auch sehe ich die Unverbindlichkeit nicht als Tugend, als die sie oft gefeiert wird. Alles kann, nichts muss. Klingt doch gut, führt aber auch sehr oft zu nebulösen Aussagen, die alle Türen offen halten. Das erinnert mich manchmal an Politiker, die eine klare Frage auch beim fünften Mal mit einer Antwort auf eine nicht gestellte erwidern.

        Ich schätze, man macht sich nicht selten eher zu viele Gedanken, wie etwas wirken könnte. Befürchtet man, dass es nicht jedem gefallen könnte, lässt man es unter den Tisch fallen. Das könnte man eigentlich auch schon in Richtung Egomanie interpretieren. Das soll nicht heißen, dass man ungefiltert drauf losschreiben sollte. Aber ein bisschen weniger Mühe, es allen recht zu machen, wäre manchmal ganz erfrischend. Auch deshalb gefällt mir der Artikel.

  2. Liebe Sophie, jetzt trau ich mich gar nicht, den Gefällt mir-Button zu deinem Post zu drücken 😮 Tu es aber trotzden, denn ich finde es sehr ehrlich, mutig und spannend, was du da schreibst. Was mich als häufig stumme Leserin angeht, so kann ich nur bestätigen, dass wir in schnelllebigen Zeiten zu Hause sind, häufig unter Dauerstrom. Da kann ich häufig nicht mehr Energie aufbringen, als den Gefällt mir-Button zu klicken. Vielleicht geht es auch vielen Buchhändlern so, dass sie dein Projekt generell gut finden, aber genau das Zeit-Phänomen, welches du am Anfang beschreibst, das Problem ist: Um mehr (Frei-)Zeit für sich zu schaffen, sagen sich die Leute, „nein, DA mache ich jetzt nicht auch noch mit, ich muss ja nicht auf allen Hochzeiten tanzen“ oder so ähnlich. Das wäre also ein eher positives Anti-Tempo-Signal 😉

    Vielleicht solltest du dir selbst auch einfach mehr Zeit für das Projekt geben. Ich persönlich muss nicht jede Woche einen Post von einer Buchhandlung lesen. Einmal im Monat würde doch z.B. auch reichen. Wortlandschaften hat ja auch schon angemerkt, dass es einem Buchhändler in Pusemuckel konkret erstmal nichts nützt, wenn ein Leser, der nicht im Umkreis von, sagen wir mal, 10 km sitzt, von seinem Laden erfährt. Denn dieser Netzleser wird nie in sein Geschäft vor Ort kommen. Ich glaube, es ist schwer, für die Leute zu begreifen, dass es hier um den langfristigen Erhalt aller lokalen Einzelhändler-Generationen geht. Kopf hoch und nicht sofort in den Sand stecken 😀

    • Ach Gott, ich wollte mich nicht gegen die Nutzung des Gefällt-Mir Buttons im Allgemeinen aussprechen, aber das weißt du ja. 😉 Eher in so speziellen Situationen, in denen eben zur Mithilfe aufgerufen wird. Und damit meine ich, wie gesagt, nicht etwa nur mich, sondern unzählige andere Initiativen, die versuchen, etwas auf die Beine zu stellen und es im Rahmen von Social Media Netzwerken bewerben.

      Ich gebe mir auch definitiv Zeit. Ich will das jetzt nicht etwa abblasen, es ist eben nur ein bisschen mühselig geworden, da, wie gesagt, sich zwar einige bei mir melden, dass sie mitmachen wollen, auf Nachfragen meinerseits (wie sieht denn der Laden aus, habt ihr Fotos, was findet ihr so schön daran, in einer kleinen Buchhandlung zu arbeiten etc.pp) aber dann nicht mehr reagieren. Hätten sie sich niemals gemeldet, käme ich ja auch nicht auf die Idee, dass sie Interesse hätten, dass ihnen dann abhanden gekommen ist, verstehst du?

      Ich glaube, es ist eher das, was mich ein bisschen frustriert. Ich werde das definitiv weiter machen und verwerten, was auch immer ich bekomme, ich bin sogar überzeugt, dass es eben Anlaufzeit braucht, dass manche vielleicht auch sehen müssen und wollen, wie das nachher hier aussieht und angenommen wird. Und wie gesagt, ich will meine Gedanken dazu ungern nur auf meine Initiative bezogen sehen, das wirkt so ein bisschen egomanisch. 😉

      • Ich finde es auf jeden Fall sehr gut, dass du diese Abläufe hinter der Aktion transparent machst und Tacheles redest! Vielleicht ist einigen deiner Kollegen gar nicht bewusst, was für eine Frustration das auslösen kann.

        Ich denke aber, die Trägheit einiger Buchhändler beim Beantworten ihrer Mails und die allgemeine Gefällt mir-Mentalität (auch außerhalb des Netz) muss man differenzieren. Das kann man natürlich als zwei Seiten einer Medaille sehen, aber ich persönlich vermute, dass viele deiner Kollegen im Handel nicht sehr netzaffin sind und den Nutzen eines größeren Aufwands nicht erkennen. Vielleicht kannst du das ja im Laufe des Projekt noch näher herausfinden und uns an deinen Erkenntnissen dann wieder teilhaben lassen 🙂

        • Das kommt sicher noch erschwerend dazu – viele fangen erst an, sich mit den Möglichkeiten des Internets zu beschäftigen. Ursprünglich war es ja sogar eher so gedacht, dass die Leser mir vorstellen, wo sie gern ihre Bücher kaufen, die, die ja durchaus etwas präsenter im Netz sind. Dass sich das jetzt so auf die Buchhandlungen verlagert hat, liegt eher daran, dass von da noch Reaktionen kommen. Aber ich werde euch auf dem Laufenden halten. 😉

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