Der Ingeborg-Bachmann-Preis


… oder Wettlesen am Abgrund

bachmann

Er ist dieser Tage in aller Munde, der seit 1976 verliehene und von der Stadt Klagenfurt zu Ehren Ingeborg Bachmanns gestiftete Literaturpreis. Und das nicht nur, weil die Videoportraits der diesjährigen Teilnehmer veröffentlicht worden sind, sondern vor allem, weil der Stiftungsrat des ORF vor etwas über einer Woche bekanntgab, den Bachmann-Preis 2014 nicht mehr ausrichten zu wollen. Mehr als 80 Millionen Euro müssten eingespart werden, so Generaldirektor Alexander Wrabetz, sogenannte „Umschichtungen im Programmbudget“ sind ihm zufolge eine von mehreren geplanten Interventionsmaßnahmen zur Einsparung. Kaum dass diese Meldung sich verbreitet hatte, ging ein Aufschrei durch die Literaturszene. Verlage, Journalisten, Autoren – alle einte irgendwas zwischen stiller Betroffenheit und vernehmlicher Fassungslosigkeit. Der ORF vermeldet, die Ausrichtung eines solchen Wettbewerbs gehöre nicht zum Kerngeschäft des Senders.

Zeit für mich, einen Blick auf die Vergangenheit des Bachmann-Preises zu werfen und ein bisschen in die Geschichte dieses durchaus nicht unumstrittenen Wettbewerbs einzutauchen. Im Rahmen der merhtätigen Veranstaltung „Tage, der deutschsprachigen Literatur“ treffen seit nunmehr siebenunddreißig Jahren in Klagenfurt Autoren und Autorinnen aufeinander, die man guten Gewissens als teils avantgardistisch und dem kulturellen Massenbetrieb fernstehend bezeichnen darf. Der Bachmann-Preis gilt als der vermutlich spektakulärste und strittigste Literaturpreis im deutschsprachigen Raum. Ins Leben gerufen wurde er von dem Autor und Journalist Humbert Fink sowie dem damaligen Intendanten des ORF-Landesstudios Kärnten Ernst Willner. Sie wollten einen Literaturwettbewerb nach Vorbild der legendären Gruppe 47 veranstalten, in dem die Autoren in einer Art Lesewettstreit gegeneinander antreten. 25 Minuten haben sie bis heute dafür, ihre unveröffentlichten Prosatexte in Gänze oder ausschnittweise vorzutragen und die siebenköpfige Jury zu überzeugen.

Rechte: dpa

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Namensgebend für den mit 25.000 Euro dotierten Preis ist Ingeborg Bachmann, eine österreichische Schriftstellerin, die ihren Ruhm zu großen Teilen auch der Gruppe 47 verdankt. Sie gilt bis heute als eine der bedeutendsten Lyrikerinnen und Autorinnen des 20.Jahrhunderts. Ursprünglich strebte sie eine Musikerlaufbahn an und begann bereits in jungen Jahren zu komponieren. 1953 las sie zum ersten Mal auf einer Tagung der Gruppe 47, jenem legendären Zusammenschluss aus Autoren, der unter anderem auch Martin Walser, Günter Grass und Heinrich Böll bekannt machte. Ingeborg Bachmann verbanden Liebschaften mit Paul Celan und Max Frisch. 1964 erhielt sie den Büchner-Preis, ein Jahr später zog sie nach Rom zurück, wo sie zuvor bereits seit 1960 mit Max Frisch gelebt hatte. Unter der Trennung von ihm litt sie sehr, nahm Tabletten und trank. Im Alter von nur 47 Jahren starb Ingeborg Bachmann.

Meine Existenz ist eine andere, ich existiere nur, wenn ich schreibe, ich bin nichts, wenn ich nicht schreibe, ich bin mir selbst vollkommen fremd, aus mir herausgefallen, wenn ich nicht schreibe. […] Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran

Ingeborg Bachmann

Einer der spektakulärsten Auftritte beim Ingeborg-Bachmann-Preis war vermutlich der von Rainald Goetz im Jahre 1983. Vor laufenden Kameras schnitt sich Goetz während des Lesens mit einer Rasierklinge in die Stirn und verließ nach Beendigung seines Textes blutüberströmt die Bühne. Zwar bekam er keinen Preis, vermutlich ging er aber mit diesem Auftritt auf ewig in die Geschichte des Bachmann-Preises ein. Die Liste der Teilnehmer des Lesewettstreits liest sich wie das Who-is-Who der etwas gehobeneren Literaturszene. Da finden wir Ulrich Plenzdorf, Sten Nadolny, Sibylle Lewitscharoff, Uwe Tellkamp, Peter Wawerzinek, Tilmann Rammstedt, Jenny Erpenbeck, Wolfgang Herrndorf oder Ilija Trojanow, um nur so einige zu nennen. Doch viele Schreibende verschwinden nach einem kleinen Erfolg in Klagenfurt auch wieder von der Bildfläche und niemand mag sich mehr so recht an sie erinnern. Angela Krauß, Kurt Drawert oder Norbert Niemann. Zwar arbeiten und schreiben sie weiterhin, doch der Fokus der Öffentlichkeit liegt mittlerweile, vielleicht ganz natürlich, auf anderen Stimmen. So zum Beispiel auf der Preisträgerin des letzten Jahres Olga Martynova, deren Roman „Mörikes Schlüsselbein“ im März im Literaturverlag Droschl erschien.

Auch dieses Jahr sind wieder so einige durchaus nicht unbekannte Literaten zum Wettlesen geladen. So zum Beispiel

Roman Ehrlich, dessen Roman „Das kalte Jahr“ im August im Dumont Verlag erscheint.

Hannah Dübgen ist dabei, ihr Roman „Strom“ erscheint im August bei dtv.

Joachim Meyerhoff, dessen Roman „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war„, der im Februar diesen Jahres bei Kiepenheuer & Witsch erschienen ist.

Philipp Schönthaler, dessen Erzählungen „Nach oben ist das Leben offen“ letztes Jahr im Matthes & Seitz Verlag erschienen.

Benjamin Maack, dessen Roman „Monster“ letztes Jahr im Mairisch Verlag erschien.

Die Liste aller Teilnehmer findet sich hier. Ob und in welchem Rahmen der Bachmann-Preis weiterhin stattfindet, ist noch fraglich. Dass aber tatsächlich sein letztes Stündlein geschlagen hat, will ich angsichts dieses journalistischen Sturmlaufs gegen die Wegrationalisierung nicht so recht glauben. Hier und da soll es schon Finanzierungsangebote geben, wird dürfen gespannt sein. Ein Wettlesen steht uns ja dieses Jahr noch bevor, in wenigen Tagen geht es los. Wer sich darüber auf dem Laufenden halten will, kann das u.a. mithilfe des Podcasts von literaturcafe.de .

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2 Gedanken zu “Der Ingeborg-Bachmann-Preis

  1. Ich weiß nicht genau, was der ORF alles überträgt und ich mag auch gar nicht so ganz genau recherchieren (Fußball in allen finanziellen Varianten?, Formel 1?, qualitativ unterirdisch schlechte Unterhaltungssendungen wie z. B. „Wetten, dass….?“? usw., usw.). Aber wenn ich lese, dass eine nicht unerhebliche Summe Geldes „durch Umschichtung im Programmbudget“ (:-)!) eingespart werden soll und dadurch der Ingeborg Bachmann Preis, der sage und schreibe 350.000 EUR verschlingt, dem Rotstift zum Opfer fallen soll (Quelle: http://www.sueddeutsche.de/kultur/literatur-preis-orf-will-beim-ingeborg-bachmann-wettbewerb-aussteigen-1.1702976), dann kann ich mich nur wundern. Und wenn man dazu dann noch den „Auftrag öffentlich-rechtlichen Fernsehen“, der in § 4 ORF Gesetz (§ 4 ORF Gesetz, http://www.ris.bka.gv.at/Ergebnis.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Titel=ORF-G&VonParagraf=4), geregelt ist, hinzunimmt, dann fällt mir dazu wirklich kein Kommentar mehr ein – zumal öffentlich-rechtlicher Rundfunk ja auch gebührenfinanziert und somit nicht nur von den Interessen der zahlenden Werbekunden abhängig ist.
    Zornige Grüße, Claudia

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