Guy Delisle – Aufzeichnungen aus Jerusalem


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Guy Delisle ist ein kanadischer Comiczeichner. Er studierte Kunst am Sheridan College in Toronto und arbeitete nach seinem Abschluss bei einem Animationsstudio. Er ist bekannt für seine dokumentarischen Comics, die ihn bereits nach Shenzen, Pjöngjang, Birma und eben Jerusalem geführt haben. Für Aufzeichnungen aus Jerusalem wurde er auf dem Internationalen Comic-Festival Angoulême 2012 mit dem Preis für das beste Album ausgezeichnet. Delisles Comics erscheinen im Reprodukt Verlag.

Für ein Jahr reist Guy Delisle mit seiner Frau, die für Ärzte ohne Grenzen arbeitet, nach Jerusalem. Und ein bisschen ist es wie die Reise in eine andere Welt. Während er seinen väterlichen und häuslichen Pflichten nachkommt, beginnt Delisle sich intensiv und vor Ort mit dem Nahost-Konflikt auseinanderzusetzen. Gemeinsam mit vielen anderen Mitarbeitern der MSF und zahlreicher NGOs (Non Governmental Organization) wohnt er in einer Siedlung in Ost-Jerusalem und besucht verschiedenste zentrale Orte in Israel und Palästina, um mit den Menschen zu sprechen, sich selbst ein Bild zu machen. Dabei gelangt er in die Viertel ultraorthodoxer Juden, in die heiligen Stätten christlichen und muslimischen Glaubens, auf den Tempelberg und an die Klagemauer.

ramadanEine von Delisles größten Qualitäten ist die Aufgeschlossenheit und Menschlichkeit, mit der er allem begegnet, was er nicht kennt. Er will verstehen, er will aus so vielen Perspektiven wie möglich betrachten, was sich in dem Land abspielt, das Juden, Christen und Muslime gleichermaßen als heilig erachten. Bei ihm gibt es keine Voreingenommenheit. In mehr oder weniger kurzen Episoden wird man Zeuge humorvoller oder berührender Momente der Verständigung, die manchmal auch ganz ohne Sprache auskommen. So ist er auch in Jerusalem, als 2008 die Operation Gegossenes Blei , die in Reaktion auf wiederholte Angriffe auf Isreal ins Leben gerufen wurde, erneut erhebliche Unruhen am Gaza-Streifen entfacht. Diese Auseinandersetzung galt als die schwerste seit dem Sechstagekrieg 1967 und forderte innerhalb weniger Wochen mehrere tausend Opfer.

Hin und wieder muss man auch unweigerlich schmunzeln angesichts all der verschiedenen Religionsgruppen und der dadurch zwangsläufig entstehenden absurden Situationen. So fahren Delisle und einer seiner Begleiter versehentlich am Sabbat mit dem Auto durch das Viertel Mea Shearim, in dem ultraorthodoxe Juden leben und beschwören damit versehentlich einen kleinen Aufstand derer herauf, die sich überhaupt auf der Straße aufhalten. An anderer Stelle reist er, um einen Workshop zu geben, zur Universität Jerusalems, die sich ironischerweise außerhalb der riesigen Mauer befindet, die das Land durchzieht. Was in Zeiten vor diesem gigantischen Bauwerk menschlichen Scheiterns eine Viertelstunde beansprucht hätte, dauert nun um ein Vielfaches länger, weil man gezwungen ist, einen riesigen Umweg zu fahren. In einem seiner Kurse gerät er an seine Grenzen, als eine komplett verschleierte Teilnehmerin ihm sagt, ihr Glaube verbiete ihr das Zeichnen von menschlichen Figuren oder Tieren.

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Fast könnte man angesichts vieler kleinlicher Auseinandersetzungen den Eindruck bekommen, dass diese Menschen ohne die Dogmatismen ihrer jeweiligen Glaubensrichtungen wesentlich friedlicher zusammenleben könnten. Im Kleinen, auf den Kinderspielplätzen, ist schon möglich, was im Großen seit Jahrzehnten nicht mehr funktioniert. Wer sich für den Nah-Ost-Konflikt interessiert, dem sei dieses präzise und vielfältige Werk unumwunden ans Herz gelegt. Ähnlich wie Mana Neyestanis Ein iranischer Albtraum und Maximilien Le Roys Die Mauer gibt es tiefen Einblick in ein gespaltenes und von immerwährenden Konflikten erschüttertes Land. Nach der Lektüre dieses Comics hat man das Gefühl, wenigstens ein bisschen mehr zu verstehen. Und das ist angesichts der Komplexität der dort herrschenden Umstände schon eine grandiose Leistung. Lest Delisle, der mit offenen Augen durch dieses Land geht!

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11 Gedanken zu “Guy Delisle – Aufzeichnungen aus Jerusalem

  1. Hat dies auf Analog-Lesen rebloggt und kommentierte:
    ‚Lest Delisle, der mit offenen Augen durch dieses Land geht!‘ Und vorher könnt ihr die Besprechung von literaturen lesen, um euch ein gutes Bild dieser Comic-Reportage zu machen.

  2. Schön, dass du Graphic Novel vorstellst. Das wird meines Eindrucks nach viel zu wenig gemacht. Ich entdecke das gerade jetzt auch erst. Da gibt es tolle Zeichner und Geschichten. Ich freu mich auf mehr!

    • Absolut! Ich habe hier auch schon einige vorgestellt. Spätestens, seit Jiro Taniguchi bei Denis Scheck Erwähnung fand, kann man behaupten, es habe sich im Bereich der Comics und Graphic Novels wirklich nachhaltig was bewegt. 😉

  3. Hat dies auf wortlandschaften rebloggt. Scherz! 😉

    Ich habe mich vor ein paar Jahren ein bisschen ausführlicher mit Graphic Novels beschäftigt und bin von der Vielfalt der Stile begeistert gewesen, ebenso von der Tiefe und Bedeutung ihrer Themen. Hast Du „Persepolis“ gelesen? Die Bände und nachher der Film, haben mir auch sehr viel Spaß gebracht. Ich hatte auch das Gefühl, ein bisschen über die Revolution im Iran gelernt zu haben. Zuletzt habe ich „Alois Nebel“ gelesen und die Verfilmung gesehen.

    Interessierst Du Dich auch für Film? Dann kann ich Dir zum israelisch-palästinensischen Konflikt den Dokumentarfilm „5 Broken Cameras“ (gibt es recht günstig auf DVD im UK) sowie den kanadischen Film „Inch’Allah“ empfehlen. Letzteren habe ich mir im Frühjahr aus Kanada auf BluRay gekauft (die DVD hat keine Untertitel!). Im Zentrum steht die junge kanadische Ärztin Chloe, die schwangere Frauen in einem Flüchtlingslager im Westjordanland versorgt. Sie pendelt anfangs scheinbar mühelos zwischen den Welten, auch mithilfe einer befreundeten israelischen Soldatin. Die Ereignisse bringen sie irgendwann zwischen die Fronten. Toll gespielt und sehr sehenswert. Hier der Trailer, falls Du Interesse haben solltest. (Ich wollte den Film schon länger auf meinem Blog vorstellen, aber irgendwie fehlt Zeit und Lust).

    Viele Grüße!

    • Persepolis habe ich gelesen und den Film kenne ich auch. Fand ich großartig. Genauso wie eben auch kürzlich Mana Neyestanis „Ein iranischer Albtraum“. „Alois Nebel“ hatte ich mal ganz ambitioniert aus der Bibliothek ausgeliehen, aber dann doch nicht zu lesen geschafft. Steht aber noch auf meiner Liste. 😉 Und vielen Dank für den Filmtipp! Ich interessiere mich durchaus für Film, bin in diesem Bereich aber, ich gebe es zu, nicht so bewandert. Liebe Grüße!

  4. Danke für die Buchvorstellung, ist bestimmt ein interessantes Werk.
    Nur eine kleine Korrektur: Es war nicht die zweifellos diskussionswürdige Operation „Gegossenes Blei“, die Unruhen im Gaza-Streifen verursachte, sondern ständige Raketenangriffe aus dem Gaza-Streifen auf Israel, die die Opreration „Gegossenes Blei“ nach sich zogen.
    Ich finde, das ist ein nicht ganz unwichtiges Detail.

  5. Pingback: Wortreiche Geschenke | Literaturen

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