Horst Evers – Für Eile fehlt mir die Zeit


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Horst Evers (eigentlich Gerd Winter) ist ein deutscher Autor und Kabarettist. Aufgewachsen in Niedersachsen studierte er an der FU Berlin Germanistik und Sozialkunde, ohne jedoch jemals eine Abschlussprüfung abzulegen. 2008 erhielt Evers den Deutschen Kleinkunstpreis. Seine Texte werden regelmäßig auf Radio Eins von ihm vorgetragen. In gedruckter Form erscheinen sie im Rowohlt Verlag.

Wann immer jemand eine herrlich absurde Alltagssituation in trockene Komik kleidet, könnte sich demnächst einbürgern, nonchalant zu erwidern: Das war ja mal ein echter Evers. Beispielsweise die Beschreibung des Mannes, der im Baumarkt schwere und sperrige Sperrholzplatten kauft, die ihm unterwegs einfach jemand klaut. Der Dieb rennt mit den Platten unter’m Arm zufällig genau in die richtige Richtung und so lässt er ihn gewähren, bis der, völlig aus der Puste und beunruhigend kurzatmig, nicht nur das Handtuch, sondern auch die Sperrholzplatte wirft. Horst Evers ist ein Meister der Alltagsbetrachtung. Was anderen entgeht, kleidet er in literarische Gewänder, die uns ganz vergessen lassen, dass es doch das ist, was wir täglich erleben. Manchmal wünscht man, man könnte die Welt mit Evers‘ Augen sehen, wahrscheinlich wäre sie eine bedeutend amüsantere.

„Oh, das ist ja mal eine besonders schöne Lunge“, sagt die Lungenärztin, während sie auf mein Röntgenbild guckt. Ich bin ein bisschen verlegen. Noch nie hat mir jemand wegen meiner Lunge und schon gar nicht wegen eines Röntgenbildes ein Kompliment gemacht. Wer weiß, vielleicht sind noch viel mehr meiner inneren Organe von geradezu bezaubernder Anmut oder seltener, verführerischer Schönheit. Womöglich habe ich formvollendete Nieren, eine berückende Leber oder ein verheißungsvoll attraktives Dünndarmgeschlinge, mit dem ich quasi jede Internistin um den Finger wickeln könnte.

In achtundvierzig mehr oder weniger kurzen Texten beleuchtet, beschreibt und karikiert Evers unseren alltäglichen Wahnsinn mit einer Nonchalance, die knapp an der Kaltschnäuzigkeit vorbeischrammt, deshalb aber mitnichten weniger liebenswürdig erscheint. Im Zug wird er schnarchend und schlafend von anderen Fahrgästen mit ihrem Smartphone fotografiert, zum Geburtstag wird er mit allerlei Küchenutensilien zur Zubereitung eines angemessenen Frühstücks beschenkt – einem von unterwegs steuerbaren Kaffee-Vollautomaten und einer Saftpresse – und sein Nachbar twittert analog. Heißt, er brüllt seine Befindlichkeiten ganz einfach aus dem offenen Fenster in den Innenhof. Weil er sich mit seiner Ex-Freundin im Sorgerechtsstreit befindet und für alle potentiellen Zeugen seines positiven Lebenswandelns denselbigen dokumentieren möchte. Und er entschuldigt sich auf der Frankfurter Buchmesse nicht nur für Bücher, die niemals hätten erscheinen dürfen, er kellnert auch für Günter Grass.

Zeige mir deinen Spam-Ordner, und ich sage dir, wer du bist. Falls dieser zurzeit so moderne Satz wirklich stimmt, bin ich mir selbst aber nicht besonders sympathisch. Wenn das, was in meinem Spam-Ordner so landet, wirklich etwas Grundlegendes, Tiefes über mich aussagt, dann bin ich ohne Frage ein sehr, sehr kranker Mensch mit höchst eigenartigen Vorlieben und Problemen. Neben den vielen Tipps und Vorschlägen für ein  glücklicheres und vor allem, nennen wir es mal, imposanteres Sexualleben bin ich wohl jemand, der gern pokert, grundsätzlich hilfsbereit gegenüber vermögenden afrikanischen Diplomaten ist, praktisch wöchentlich einen neuen Schreibtischstuhl benötigt, bevorzugt das Modell Chefsessel, und sich geradezu brennend für lufthydraulische Barhockerweltneuheiten interessiert.

Horst Evers gelingt der Spagat, uns gleichzeitig dazu aufzufordern, uns nicht so ernstzunehmen, dabei aber dennoch mit offenen Augen für uns und unsere Mitmenschen durch unser Leben zu schreiten. Die Lektüre eines Buches von Horst Evers wird immer eine ganz besondere sein, eine erleichternde. Man kann schallend lachen, aber auch nur so ein bisschen schmunzeln, man kann versonnen den Kopf schütteln und über manch hintersinnigen Witz noch eine Weile nach Verklingen des Lachens nachdenken.

Horst Evers im Interview (kurz nach Erscheinen von Für Eile fehlt mir die Zeit)

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Ein Gedanke zu “Horst Evers – Für Eile fehlt mir die Zeit

  1. Ich weiß immer nicht, ob ich die frei gesprochen Überleitungen oder gelesenen Texte besser finde. Der ist so genial, dass es schon fast weh tut. „Für Eile fehlt mir die Zeit“ habe habe ich meiner Tochter mal zu Weihnachten geschenkt. Beim Anlesen des Buches in der Buchhandlung habe ich mich schon gefreut. Vorher habe ich den Künstler nur von CDs gehört oder im TV gesehen. Das selbst zu lesen, habe ich mich bis dahin nicht getraut. Es ist wunderbar.

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