David Markson – Wittgensteins Mätresse


WittgensteinsMätresse

David Markson (1927-2010) war ein amerikanischer Autor. Er war und ist bekannt für einen höchst experimentellen Schreibstil, wenngleich seine Frühwerke auch wenig des postmodernen Virtuosen in sich trugen, der er für viele einmal werden sollte. Zwar wurde David Markson oft bewundernd rezensiert, gar für genial und seiner Zeit weit voraus gehalten, bekannt war er allerdings nur wenigen, zumeist solchen, die selbst schrieben. Seine unkonventionelle Art, Romane zu konzipieren, hielten ihn immer in ausreichendem Sicherheitsabstand zum Mainstreampublikum. Wittgensteins Mätresse („Wittgensteins Mistress“) erschien erstmals 1988 und wurde nun im Berlin Verlag auf Deutsch veröffentlicht, aus dem Englischen übersetzt von Sissi Tax.

Bisweilen, wenn ich nicht wahnsinnig war, wurde ich poetisch stattdessen.

Wie um alles in der Welt beschreibt man diesen Roman? Wie beschreibt man dieses Konglomerat aus Eindrücken, Ideen, Empfindungen und Anspielungen? Es handelt sich hier jedenfalls, soviel kann man einleitend sagen, mitnichten um einen herkömmlichen Roman gängiger Struktur, mit gut ausgearbeiteten Charakteren und einem in sich logischen Erzählstrang oder gar mehreren, die, miteinander verflochten, eine unterhaltsame Geschichte ergeben. Wer so etwas erwartet, wird seine Erwartungen bereits mit den ersten zwanzig Seiten enttäuscht und mit Füßen getreten sehen. Vielmehr ist Wittgensteins Mätresse – die schon insofern ein schwieriges Unterfangen gewesen wäre, bedenkt man Wittgensteins Homosexualität – ein Meta-Roman, Abhandlung über eine bestimmte Denkart und das Denken an sich, philosophische Science-Fiction.

Aber dann, was gibt es, das nicht in meinem Kopf ist?
So dass er mir manchmal wie ein verdammtes Museum vorkommt. Manchmal.
Oder als ob ich zur Museumsdirektorin der ganzen Welt ernannt worden wäre.

Streng genommen ist die Protagonistin dieses Romans tatsächlich Museumsdirektorin der Welt, Verwalterin allen menschlichen Wissens. Denn sie ist – hier kommt der Part, der irgendwie science-fiction ist – die einzige noch lebende Person auf der Erde. Da ist niemand, mit dem sie sprechen kann, niemand, der sie hört, niemand, der Regeln aufstellt, niemand, – unsere gesamte Zivilisation wirkt mit einem Mal, mit dieser Vorstellung, wie aus den Angeln gehoben. Sind wir es doch schlussendlich selbst, die den Fortbestand dieser Zivilisation sichern. Das System erhält sich selbst. Bis zu dem Punkt, wo nur noch ein einziger Mensch übrig ist, der verzweifelt seine Gedanken zu Papier bringt. Keine Dialoge, keine stringente Handlung. Nur Gedanken, Spielereien, Andeutungen. Kate, Protagonistin und Künstlerin, versucht sich in einer Welt zu verorten, die ihr allein gehört, aber die für sie auch jeden Bezugspunkt verloren hat. Sie sitzt in einem Strandhaus und tippt, schreibt von Sonnenuntergängen, die wie ein Vincent van Gogh waren, ‚mit einem gehörigen Anteil Angst darin.

Ich zweifle, ob das Tragen von dreizehn oder vierzehn Armbanduhren auf der Länge des Unterarms besonders wichtig ist.
Nun ja, und eine Zeit lang auch von goldenen Taschenuhren, an einer Schnur um meinen Hals.
Tatsächlich trug jemand einen Wecker genau auf dieselbe Weise. In einem Roman, den ich einmal gelesen habe.
Ich würde sagen, es war in ‚Die Fälschung der Welt‘ von William Gaddis, außer dass ich nicht glaube, ‚Die Fälschung der Welt‘ von William Gaddis je gelesen zu haben.
Sowieso denke ich eher an Taddeo Gaddi, auch wenn Taddeo Gaddi ein Maler und kein Schriftsteller war.

Wäre ich Filmschaffender und hätte man mich gebeten, diesen Roman in Bilder umzusetzen, wäre es wahrscheinlich ein auf unerhörte Geschwindigkeit hochgejagtes Potpourri sämtlicher Bilder der Menschheitsgeschichte, komprimiert auf dreißig Sekunden. Mehr, als Auge und Geist jemals erfassen können. Markson schert sich nicht viel um klassische Vorgaben, um Lesererwartungen, um Strukturierungsmaßnahmen, vielmehr versucht er offensichtlich, eine Philosophie in Worte zu kleiden, lädt er uns ein zu einem Gedankenspiel, das vermutlich die wenigsten durchdringen werden. Mich hat dieser Roman gefesselt, im wahrsten Sinne dieses Wortes. Ich habe Marksons Worte, seine Textpassagen inhaliert, mehr versucht, dem Gefühl nachzuspüren, das sie auslösen, denn dem tatsächlichen Inhalt.

Dieser Roman ist nichts für Leser, die sich in Protagonisten spiegeln wollen, denn hier gibts es nichts zu spiegeln. Hier gibt es nur nackte Einsamkeit , wobei Einsamkeit für den Zustand, in dem sich Kate befindet, fast noch zu milde formuliert ist. Wer würde nicht wahnsinnig, in einem soziokulturellen Vakuum wie einer postapokalyptischen Welt, in der ich ohne viel Aufhebens dutzende Tennisbälle die Spanische Treppe herunterrollen lassen oder im Louvre übernachten, aber mit niemandem auch nur ein einziges Wort wechseln kann? Ich gebe offen zu, dass ich mich bisher nicht besonders mit Wittgensteins Philosophie beschäftigt habe. Ich habe keine Zeile des Tractatus logico-philosophicus gelesen und wenn ich es getan hätte, hätte ich sie vermutlich nicht verstanden. Und so sind mir, schätze ich und das würde mir David Foster Wallace bestätigen, der im Anhang über den Roman referiert, zahlreiche Anspielungen auf Wittgensteins Philosophie fraglos entgangen.

Ebensowenig kenne ich mich aus in der griechischen Mythologie, sodass mir auch hier viele metaphysische Verrenkungen nicht aufgefallen sein dürften, die für andere offenkundig sind. Die Frage ist ja: Muss man das, um aus diesem Roman etwas mitzunehmen? Nein! Ich muss ihn nicht bis ins Mark seziert und durchdrungen haben, um Anregungen für mich zu entnehmen. Allerdings schmälert es die Lesefreude vermutlich tatsächlich, wenn man mithin selbst bei Erläuterungen über den Roman das große Fragezeichen im Gesicht hat. David Marksons Werk ist durch und durch beeindruckend und gehört wahrscheinlich zu den Büchern, die viele loben, aber wenige wirklich verstehen. Der philosophisch Versierte und Interessierte wird hier vielleicht auf seine Kosten kommen. Für mich war der Roman eine Aufforderung zu diversen Gedankenexperimenten, zum philosophischen Denken. (Was ist Wissen? Was ist Identität? Wie verhält es sich zueinander? Was bedeutet Sprache in diesem Zusammenhang?) Und damit hat er, meines Erachtens, schon etwas Elementares bewirkt und angestoßen. Man muss ihn verdauen, diesen Markson.

Eine weitere beachtenswerte Rezension findet sich bei deepread.

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7 Gedanken zu “David Markson – Wittgensteins Mätresse

  1. Liebe Sophie,

    deine Rezension habe ich nur überfolgen, ich hoffe, dass verzeihst du mir. 😉 Der Grund dafür ist, dass das Buch bereits hier liegt und darauf wartet, gelesen zu werden. Ich habe nun schon so vieles darüber gehört/gelesen, dass ich ganz gespannt bin darauf, wie es mir gefallen wird. Sobald ich es gelesen habe, melde ich mich hier noch einmal zu Wort. Dem, was ich gelesen habe, entnehme ich jedoch, dass es sich um ein ganz außergewöhnliches Leseerlebnis handeln muss.

    Liebe Grüße
    Mara

    • Mara, sicherlich verzeihe ich dir. Und wünsche dir schonmal viel Spaß bei der Lektüre. Sofern Spaß für das, was man dabei empfindet, das richtige Wort ist. Spaß und noch eine Menge anderer Sachen.

  2. Danke, liebe Sophie, fürs Verlinken! Ich finde, es ist dir prima in deinem Text gelungen, diesen struwweligen Experimentalroman in eine strukturierte Rezension zu bringen. Die Auswahl der Zitate sind auch meine Lieblingstextstellen 🙂
    Ich hoffe, deine ehrlichen Worte machen auch anderen Lesern Mut, sich an so „große“ Literatur ranzutrauen. Auch wenn man eben nicht alle Referenzen versteht (ein Thema des Romans ist ja auch, dass die Protagonistin Kate selbst nie etwas über Wittgenstein gelesen hat und viele Tatsachen verdreht bzw. ein Halbwissen verkörpert, frei nach dem Motto „hab ich schonmal irgendwo gelesen/gehört…oder auf Schallplattencovern gelesen ;-)“). Das postmoderne Element der Mätresse ist ja, dass sie für jedermann zugänglich ist – egal, ob ich mich diesem Buch auf einer emotionalen, wissenschaftlichen oder künstlerischen Ebene widme und ich sehe diese Offenheit als besondere Leistung von Markson. Man fühlt sich beim Lesen dieses Romans nie ausgeschlossen oder vorgeführt, wenn man etwas nicht versteht.

    • Da muss ich dir zustimmen, Karo. Das ist in der Tat interessant, denn oberflächlich betrachtet müsste man sich unentwegt vorgeführt fühlen, konfrontiert mit unzähligen Wissenslücken, die man doch immer schonmal stopfen wollte. Aber so ist es nicht. Jaja, auf Schallplattencovern gelesen, .. fand ich auch schön. Und die Sache mit Maupassant und dem Eiffelturm ..(;

  3. Ich habe das Buch auch verschlungen. Bei weitem nicht alles kapiert. Was soll’s! Es hat Spaß gemacht und viele Kleinigkeiten waren extrem klug.

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