Peter Buwalda – Bonita Avenue


bonitaavenue

Peter Buwalda ist ein niederländischer Autor. Er arbeitete für eine Musikzeitschrift und als Verlagslektor, bevor er Bonita Avenue, seinen ersten Roman, veröffentlichte. Viereinhalb Jahre arbeitete er daran. Er wurde für neun renommierte Preise nominiert, vier davon gewann er auch, u.a. den Anton-Wachter-Preis für den besten Debütroman 2012. 2013 ist der Roman schließlich im Rowohlt-Verlag auf Deutsch erschienen, aus dem Niederländischen übersetzt von Gregor Seferens.

Bereits im Vorfeld, noch vor Veröffentlichung dieses Romans, sah man sich mit wirkmächtigen und höchst gewichtigen Vergleichen im Zusammenhang mit Buwaldas Stil konfrontiert. Wie ein niederländischer Jonathan Franzen sei er, Bonita Avenue gar das Pendant zu Philip Roths ‚Amerikanisches Idyll‘. Infolgedessen erwartete man eine Menge, psychologisch brilliante Kompositionen, die Dekonstruktionen von heimeliger Wirklichkeit, die Autopsie von Familie. All das liefert Peter Buwalda in einem absoluten Meisterstück literarischen Schaffens, in einem Buch, das bisher mühelos auf den oberen Plätzen für mein Buch des Jahres rangiert.

Buwalda selbst spricht davon, dass sein Roman sich mit der Fragestellung auseinandersetzt, was passiert, wenn die eigenen Kinder sich gegen ihre Eltern richten. Das geschieht zwar, aber mitnichten in einer platten oder gar oberflächlichen Weise. Buwalda gräbt tiefer. Siem Sigerius, ein mathematisches Naturtalent, arbeitet als Leiter einer Universität. Sein Leben ist intakt, er ist erfolgreich. Mal abgesehen davon, dass seine Frau Tineke vielleicht ein paar Kilos zuviel hat und die beiden in gegenseitigem Einvernehmen eher eine Mentalität des Nebeneinanderlebens pflegen, ist er genau das, was man sich vorstellt unter einem Menschen, in dessen Leben alles am rechten Ort ist. Seine Töchter Joni und Janis (benannt nach Joni Mitchell und Janis Joplin) blicken zu ihm auf, so wie jeder das tut. Aaron, Fotograf und Partner Jonis, gehört praktisch zur Familie. Doch es dauert nicht lange, bis einem bewusst wird, dass hinter dieser harmonischen Fassade eine ganze Menge Sprengstoff lagert.

Betrug? Natürlich. Aber in diesem Bauernhaus logen alle. Die gesamte Familie rang verstohlen mit der Wahrheit. Obwohl er wusste, dass es eine fadenscheinige Entschuldigung war, sagte er sich, dass jeder im Bauernhaus seine Geheimnisse gehabt hatte – Sigerius, Tineke, Joni, er , jeder verschwieg etwas. Wie lange hatte er nicht gewusst, dass Janis und Joni gar nicht Sigerius‘ Töchter waren? Lange. Und am liebsten hätte man es ihm nie gesagt. Über die tatsächlichen Familienbande wurde nicht gesprochen. Manchmal konnte der Eindruck entstehen, dass sie darüber selber nichts mehr wussten.

Hin und wieder spürt man die Dissonanz, spürt man die falschen Töne in der scheinbar perfekten Komposition. Als die Feuerwerksfabrik in Enschede explodiert (basierend auf einer realen Begebenheit, im Mai 2000 geschah in Enschede tatsächlich genau das), explodiert auch all der Sprengstoff innerhalb der Familie Sigerius, was ich für eine großartige und gelungene Allegorie halte! Ausgehend von dem Punkt, an dem Siem Sigerius begreift, dass seine Tochter Joni mit Aaron eine Erotikseite im Internet betreibt, verzweigt sich das Geflecht aus Schuld, Angst und Vorwürfen immer weiter durch die Familie. Auf der Internetseite finden sich delikate Bilder Jonis, die Siem bei seinen Streifzügen durch einschlägige Seiten im Netz bemerkt. Zunächst glaubt er, er müsse sich geirrt haben, das könne nicht seine Tochter sein, auch wenn eine gewisse Ähnlichkeit unbestreitbar vorhanden ist. Doch dann bestätigt sich sein Verdacht, als er ins Haus Aarons und Jonis einsteigt und auf dem Dachboden alles findet, was er auch von den Fotos kennt. Dort wird er von seiner Tochter und Aaron überrascht, die früher aus dem Urlaub zurückkehren, in den Siem sie geschickt hat.

In dieser Situation stehen bereits alle Komponenten für die bevorstehende Explosion bereit, sie ist unabwendbar. Nicht nur für Joni ist dieser Moment ein wahrgewordener Albtraum, auch für Siem selbst ist es eine entwürdigende Szenerie. Steht er doch nicht nur erzürnt auf dem Dachboden, sondern trägt stattdessen einen Slip seiner Tochter, die Hand in einem dieser weichen und seidenen Nylonstrümpfe. So stehen sich beide gegenüber, unfähig, das Offensichtliche zu begreifen, das sich vor ihren Augen abspielt.

Sie sind im Albtraum des jeweils anderen.

Von nun an versucht jeder der drei Beteiligten, zu vertuschen, zu vergessen, zu verdrängen, was geschehen ist. Joni flieht nach Amerika, Aaron in eine Psychose, Siem in furchtbare Existenzängste. Wir erfahren außerdem von Siems leiblichem Sohn Wilbert, von dem niemand in der Familie gern spricht, der nahezu totgeschwiegen wird. Wilbert saß im Gefängnis, wegen Totschlags, Wilbert hat immer Probleme gemacht, war widerspenstig und verhaltensauffällig, auf Wilberts Rücken wurden viele Schlachten ausgetragen, die die Familienmitglieder vielleicht untereinander hätten führen müssen. Zwar wendet sich Wilbert gegen seinen Vater, aber sein Vater wendet sich auch gegen ihn, in vielerlei Hinsicht. Als besonders beeindruckend und ergreifend empfand ich die Schilderungen, die sich mit Aarons psychotischem Empfinden auseinandersetzten. Immer hat er zu Siem aufgesehen, Siem, seinem Judolehrer, Siem, dem Mann der alles im Griff hatte, ein strahlender Alleskönner – nun glaubt er, Siem verachte ihn, Siem suche ihn heim, wolle sich rächen. Diese Urängste brechen sich in schrecklichen Halluzinationen und Wahnvorstellungen Bahn.

Wie eine Qualle trieb er in der Zeit, still pulsierend, als wäre nicht nur Roombeek, sondern die ganze Welt explodiert und rotierte nur noch sein Wohnzimmer auf einer Umlaufbahn um die Sonne. Seiner Schlaflosigkeit ließ er freien Lauf, Tag und Nacht verloren ihre Bedeutung, sein Wachzustand ging allmählich über in einen unergründlichen Rhythmus kurzer Schlummerphasen. Er träumte intensiv. Sein gesamtes Essen bestellte er jetzt telefonisch, und jedes Mal prügelte ihn die Türklingel aus einer unruhigen Unterwelt.

(…)
Wann immer Leute vor seiner Haustür standen, Postboten, Spendensammler – ein einziges Mal war es sein Freund Thijmen, der klingelte -, kniete er sich vor den Heizkörper hin und spähte unter den Vorhängen hindurch, um zu sehen, wer ihn bedrohte. Immerzu war da die Angst, es könnte Sigerius sein.

Bonita Avenue, benannt nach der Straße in Amerika, in der die Familie die glücklichste Zeit ihres Lebens verbrachte, bevor sie in die Niederlande zurückkehrte, lebt von einer unfassbaren Präzision sprachlicher Bilder, von einer herausragenden Beobachtungsgabe. Mehr als einmal saß ich atemlos vor diesem Text, beeindruckt, erschlagen von diesem sprachlichen Reichtum, dieser literarischen Finesse. Buwalda weiß, was er sagen will und er nimmt kein Blatt vor den Mund. Gekonnt nimmt er die Familie Sigerius auseinander, stellt die Familienmitglieder einander gegenüber, lässt uns teilhaben an ihren Ängsten und Begehrlichkeiten. Buwalda erzählt abwechselnd aus der Sicht eines personalen Erzählers, mit Fokus auf Aaron oder Siem und aus der Ich-Perspektive, der Perspektive Jonis. Das Geschehen findet auf mehreren Zeitebenen statt und so erfahren wir auch von glücklicheren Zeiten in der Bonita Avenue. Wir erfahren, wie es überhaupt soweit kommen konnte. Wie es passieren konnte, dass diese Familie auseinanderbricht, explodiert wie die Feuerwerksfabrik, von der nicht viel übrig bleibt als Ruinen und Asche. Ein hervorragender, intelligenter, sprachlich brillianter Roman, den ich nur jedem ans Herz legen kann, der sich für Familiengeschichten begeistern kann. Nur starke Nerven muss man haben, um der Druckwelle dieser Explosion standzuhalten.

Hier geht es zu Teil 2 und zu Teil 3.

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5 Gedanken zu “Peter Buwalda – Bonita Avenue

  1. Es ist schon spannend, dass Deine Besprechung, und auch Maras, so positiv und mitreißend sind, und ihr auch viel Lob für die sprachliche Gestaltung findet, während ich gerade in dieser Woche in der ehrwürdigen Süddeutsche Zeitung eine eher vernichtende Rezension von Christoph Bartmann gelesen habe, dem wohl besonders der letzte Teil des Romans mehr wie ein Splatterfilm erschien. NUn würde ich mir ja schrecklich gerne ein eigenes Bild machen, aber mein SUB ist schon so hoch…
    Liebe Grüße, Claudia

    • Das Ende ist in der Tat sehr gewöhnungsbedürftig und ich bin mir immernoch uneins darüber, ob mir das als Abschluss nicht too much ist. Es hat meiner Begeisterung über Buwaldas Sprache keinen Abbruch getan, über die Präzision, mit der er hier zu Werke geht und wirklich alles niederreißt, was eine harmonische und intakte Familie auszeichnet. Sollte sich der Verriss hauptsächlich auf das Ende gründen, kann ich es nachvollziehen, denn vielleicht sind mit Buwalda da die Pferde durchgegangen. Andererseits schätze ich auch Autoren wie Bret Easton Ellis für genau solche Sachen .. die ZEIT hat Buwalda vor einigen Wochen ganz wohlwollend besprochen, wenn ich mich recht erinnere. Aber tröste dich, Claudia, man kann ja auch auf das Taschenbuch warten oder es sich bei Gelegenheit aus der Bibliothek ausleihen. Man muss sich ja nicht selbst immer solche Hektik machen. (;

  2. O Mann, ein starkes Buch. Ich habe es auch besprochen und wurde auf die vielen Tippfehler hingewiesen, weil ich wohl so schnell und begeistert geschrieben habe. Buwalda hat sich wohl wochen-moante-jahrelang eingeschlossen und das Buch getippt. Und so durchgeknallt ist auch das Buch. Wahnsinnig stark. Betonung auf wahnsinnig und stark. Beim Schluss habe ich mich auch sehr gewundert. Aber: Warum nicht.

  3. Pingback: Wortreiche Geschenke | Literaturen

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