Jonathan Littell – In Stücken


Littell

Jonathan Littell ist ein französischer Schriftsteller amerikanischer Herkunft. Er ging in Paris zur Schule und studierte in Yale. Seinen größten Erfolg hatte Littell bisher mit seinem Monumentalwerk Die Wohlgesinnten, für das er mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde. Es beschäftigte sich detailliert mit den Gedanken und Gefühlen eines SS-Offiziers und sorgte 2008, nach seinem Erscheinen in Deutschland, für heftige Debatten. Das hier vorliegende Werk wurde übersetzt von Heiner Kober, der neben Littell auch Bücher von Oliver Sacks und Stephen Hawking übersetzte.

Ich gestehe – das hier ist mein erster Littell. Zwar machte mich die mediale Furore, die es vor einigen Jahren um Die Wohlgesinnten gab, ein bisschen neugierig, aber ich habe das Lesen damals auf einen späteren Zeitpunkt verschoben, schließlich ist die Reise in die Gedankenwelt eines Nazi-Funktionärs nicht eben kurz. Ganz im Gegenteil zu In Stücken, das gerade neu im Matthes und Seitz Verlag erschienen ist. 59 Seiten umfasst es, diese Momentaufnahme eines namenlosen Protagonisten, der, von einer Situation in die nächste gleitet, getrieben wird wie von einer unsichtbaren Kraft, sich selbst niemals gewiss. Es wird angekündigt, dass wir auf dem schmalen Grad zwischen Traum und Wachen wandeln und mit dieser Erwartung beginne ich zu lesen.

Ich betrachtete diese Menschen, die mich umgaben, betrachtete sie aufmerksam, aber sie blieben unerreichbar für mich, wie ein Bild, das man durch eine Glaswand sieht; vergebens presste ich mein Gesicht dagegen, ich kam nicht hindurch, konnte diese unsichtbare Fläche nicht zerbrechen oder, umgekehrt, nicht darin eintauchen wie in ein kaltes Gewässer, und dahinter fügten sich die Dinge – mit sich selbst identisch – zu einer großen stummen Stille, einer ausgewogenen Verteilung von Farben, Licht und Bewegungen zusammen, sodass in einem einzigen friedlichen, aber unzugänglichen Bild alles enthalten war: blondes Kind, schlafende Katze, plaudernde Frauen und junges Mädchen mit Pfirsich.

Tatsächlich sind die auftretenden „Statisten“ der Geschichte vielmehr Schemen, wie wir sie in Träumen erleben. Undeutlich, verschwommen. Unser Erzähler ist umgeben von Kindern, kann sich aber nicht entsinnen, welches davon sein eigenes ist. Um ihn herum Frauen, in ein Gespräch vertieft. Auch wo er sich befindet, bleibt ungeklärt. Ist es sein eigenes Haus? Ist er zu Gast? Unvermittelt springt der Erzähler von Szenerie zu Szenerie, ein steter Strom aus Eindrücken und Bildern, die manchmal den Eindruck von Realität erwecken, denn aber sofort wieder ins Traumartige abdriften. Er besucht mit Freunden eine Stadt, die Stimmung ist gut, während seine Freunde eine Kirche besichtigen, trennt er sich von ihnen, besucht stattdessen ein Museum und verliert sich völlig in einem Gemälde, bis man ihn darauf aufmerksam macht, dass man die Ausstellungsräume schließen wolle. Auch hier die Versenkung ins Unterbewusste, die Abkehr von gewöhnlicher und geordneter Wahrnehmung.

Allmählich verlor ich meine Freunde inmitten dieser Menge aus den Augen; schließlich verschwanden sie ganz und ich war allein. Das beunruhigte mich nicht: Die Stadt ist nicht sehr groß, sagte ich mir, ich werde sie rasch wiederfinden. Ich ging an einer etwas gekrümmten Steinbrüstung entlang; dahinter befand sich, wie ich wusste, der Fluss, der die Stadt mit einer Schleife umfasste, aber es war zu dunkel, um irgendetwas zu erkennen. Zwei Männer in Regenmänteln kamen im Gleichschritt auf mich zu, die Gesichter unkenntlich unter ihren großen schwarzen Regenschirmen. Ich fand sie irgendwie bedrohlich; doch auf meiner Höhe angekommen, trennten sie sich wortlos, gingen rechts und links an mir vorbei und vereinten sich wieder in meinem Rücken.

Littell gelingt es auf bewundernswerte Art und Weise, allein durch seine Sprache und eine gewisse Beliebigkeit der geschilderten Szenen tatsächlich den Eindruck eines Traums zu erwecken, fast haftet seinen Schilderungen immer eine kafkaeske Bedrohung an, symbolisiert durch eben diese zwei anonymen und gesichtslosen Männer, die der Erzähler öfter als einmal in seiner Nähe sichtet. Littell gelingt ein Spiel mit Wahrnehmung und Realität, das mich meine eigene Wahrnehmung hinterfragen lässt. Er erschafft auf so wenigen Seiten einen Mikrokosmos, in dem man sich verirren kann. Ich bin schon seit jeher interessiert an Träumen und deren Zustandekommen, fasziniert von jener nahezu stoischen Akzeptanz, mit der wir im Traum die absurdesten Vorkommnisse wie selbstverständlich hinnehmen, ohne sie auch nur ansatzweise in Frage zu stellen. Für mich war die Reise mit Littells Traumwandler faszinierend, ein einnehmendes Wanken zwischen Realitäten.

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2 Gedanken zu “Jonathan Littell – In Stücken

  1. ich glaube, ich würde mich dem Autor auch lieber erst einmal mit einer kürzeren Geschichte nähern und da liest sich Deine Besprechung ja als eine gute Möglichkeit, den Autor ein wenig zu beschnuppern.
    Viele Grüße, Claudia

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