Alix Ohlin – In einer anderen Haut


OhlinAlix Ohlin ist eine amerikanische Autorin. Sie studierte an der Harvard University und an Michener Center for Writers in Texas. Sie erhielt bereits mehrere Stipendien und Preise und unterrichtet Kreatives Schreiben in Pennsylvania. Ein Exemplar dieses Buches wurde mir freundlicherweise von BloggdeinBuch und dem C.H. Beck Verlag zur Verfügung gestellt.

In einer anderen Haut erzählt die Geschichte dreier Menschen, die, überwiegend begründet durch ihren Wunsch, anderen zu helfen, die Kontrolle über ihr eigenes Leben verlieren. Jeder von uns ist vermutlich schon einmal bei dem Versuch, andere zu unterstützen, an seine Grenzen gestoßen oder über sie hinausgegangen. So auch die drei Protagonisten Ohlins Geschichte – Grace, Mitch und Anne. Grace ist Therapeutin und stößt beim Skilaufen auf einen Mann, der offensichtlich versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Sie ruft einen Notarzt, begleitet den Fremden ins Krankenhaus und taucht nach dessen Entlassung plötzlich unentwegt bei ihm zuhause auf, obwohl der sie mehrfach abweist. Grace wird sich bewusst, dass ihre therapeutischen Ambitionen wesentlich geringer sind als ihre menschliche Faszination für diesen abgründigen Charakter, lässt aber dennoch nicht locker und beginnt eine Affäre mit ihm.

„Und was machen Sie?“, fragte Grace zurück.
„Ich befinde mich gerade in einem tiefen, schwarzen Loch. Und da dachte ich, am besten rufe ich ich Sie an.“
„Das freut mich.“ Grace versuchte, sich vorzustellen, wie er allein in seiner dunklen Wohnung in seinem Bett lag und sich durch die lockigen Haare fuhr. „Natürlich nicht, dass Sie sich in einem schwarzen Loch befinden. Das gefällt mir ganz und gar nicht.“
„Ach, mir schon“, sagte Tug. „Alles ganz schön aufregend.“
Auf keinen Fall wollte sie ihn in seinem Sarkasmus bestärken. Stattdessen konzentrierte er sich auf das Schweigen zwischen ihnen, die Kadenzen seines Atems. „Und was hält Sie wach?“, fragte sie schließlich.
„Inzwischen sind’s die Drinks“, antwortete Tug.
„Und davor?“
„Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich Sie belogen habe“, sagte er; keine Antwort auf ihre Frage, sondern ein neuer Gesprächsfaden.

Zweiter Protagonist ist Graces Ex-Mann Mitch, ebenfalls Therapeut, der auf einer Expedition in der Arktis versucht, dort den ansässigen Inuit zu helfen. Dabei lässt er seine Frau zuhause zurück und die Entfernung zwischen ihnen ist nicht länger nur räumlich, sondern auch emotional. Ein Junge, den er in der Arktis betreut und dessen Mutter im Schnee erfroren ist, wirft sich vor ein Auto und Mitch kehrt zurück nach Hause, weil er seine Hilflosigkeit und das Mitleid der Kollegen nicht erträgt. Was könnte für einen Therapeuten schlimmer sein als einen Patienten zu verlieren? Patientin ist allerdings die dritte Protagonistin, Anne. Zunächst tritt sie, noch sechzehnjährig, als Graces Patientin auf, später als mehr oder weniger erfolgreiche Schauspielerin in New York, die eines Tages ein verwahrlostes und obdachloses Mädchen bei sich aufnimmt. Und weil sie sich nicht durchsetzen kann, quartiert die Fremde namens Hilary sich in ihrer Wohnung ein. Beinahe scheint es, Anne hätte gar keine Grenzen, die irgendjemand überschreiten könnte. Sie ist eine Marionette der Wünsche und Belange anderer.

Stück für Stück erfahren wir mehr von den einzelnen Protagonisten und beginnen, zu verstehen, was sie in diese fremdbestimmte Lage getrieben hat. Wir erfahren von Annes Eltern und Tugs Einsätzen für die UNESCO in Ruanda. Was er dort gesehen hat, wird ihn nie wieder loslassen und in den alltäglichsten Situationen verfolgen. Auch Grace kann ihm, trotz ihres Berufes, nicht den Halt und die Stabilität geben, die er braucht, um das Gesehene zu verarbeiten.

In den unmöglichsten Momenten sprudelten urplötzlich seine Erinnerungen aus ihm heraus. Einmal waren sie in einem Supermarkt, als er sich an der Fleischtheke unerwartet zu ihr drehte und von einem Mann zu erzählen begann, der irgendwo am Straßenrand gelegen hatte; sein Körper war mit klaffenden Wunden übersät gewesen – und lauter Fliegen, die nur darauf warteten, dass er endlich starb. Grace hörte ihm zu und nickte, bis er seinen Vortrag schließlich mit einem „Nun ja, auch egal“ beendete, sich an den Verkäufer wandte und ihre Lammkoteletts bestellte. Erst als sie gingen, bemerkte sie die Blicke der anderen Kunden, die ihnen argwöhnisch und fassungslos hinterherstarrten.

Alix Ohlin verbindet geschickt die Geschichten miteinander, doch schien sie mir manchmal den Erzählfaden zu verlieren. So viele Geschichten deuten sich an, so viele Schicksale, dass man mitunter die Hauptpersonen aus den Augen verliert. Insbesondere in Ruanda hatte ich mitunter den Eindruck, man könne auch aus der dort erwähnten Familie oder Tugs Erlebnissen einen völlig neuen Roman schreiben. Die Geschehnisse finden zu unterschiedlichen Zeiten statt, zwischen 1994 und 2006, sodass sich auch dadurch eine Trennung zwischen ihnen vollzieht. Obgleich sich die Geschichte leicht liest und man auf keine größeren (emotionalen) Widerstände stößt – möglicherweise ist das auch zu bedauern! – bleibt sie, für meine Begriffe, etwas blutleer. Nicht das Helfen selbst ist gefährlich, sondern die Grenzenlosigkeit der Protagonisten. Ich habe beim Lesen auf die Situation gewartet, in der die Hilfsbereitschaft des Einzelnen die Sache wirklich aus dem Ruder laufen lässt, aber die kam nicht. Man liest, nickt, erinnert sich vielleicht an eigene Erfahrungen und hakt die Geschichte ab. Hin und wieder gibt es sehr gute Szenen, emotional und psychologisch ausgefeilte Dialoge, aber diesen Sternstunden gelingt es leider nicht, sich das ganze Buch durch zu halten. Keines also, das man unbedingt gelesen haben muss.

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9 Gedanken zu “Alix Ohlin – In einer anderen Haut

  1. Mir ging es ganz ähnlich und wir haben über unsere Buchhandelsgenossenschaft fünf Stück zugeschickt bekommen, die auf dem Tisch liegen und gefühlt immer höher werden.
    Die Besprechungen in den USA waren oft auch sehr lau, zum Teil jedoch auch enthusiastisch.

    • Ich war wirklich überrascht. Ich hätte mir etwas psychologisch viel Drastischeres vorgestellt, nachdem ich den Klappentext gelesen hatte. Und war dann für einen Moment fast peinlich berührt, als sich das nicht einstellte.

      Lau trifft es leider ganz gut.

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