Linus Reichlin – Das Leuchten in der Ferne


Linus Reichlin ist ein deutscher Autor. 1985 begann er zunächst Reportagen und Essays zu schreiben, später erreichte er mit der literarischen Kolumne Moskito in der Weltwoche größere Bekanntheit. 2009 wurde Reichlin mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. Sein Roman Der Assistent der Sterne wurde außerdem 2010 zum Wissenschaftsbuch des Jahres in der Sparte Unterhaltung gekürt. Reichlin lebt in Berlin.

Sind alltägliche Routine und die damit einhergehende Gleichförmigkeit des Erlebten nicht manchmal lähmend? Ist es mitunter nicht unerträglich, immer dieselben Laufwege abzugehen, Tag für Tag, Woche für Woche? Jeden Morgen denselben Menschen im Bus zu begegnen, jeden Tag dieselben Häuserfassaden im Vorbeigehen zu mustern? Moritz Martens jedenfalls ergeht es so. Er ist Journalist, Kriegsreporter und Auslandskorrespondent, doch schon länger bleiben die Aufträge aus, seine Ehe ist zerbrochen, er fühlt sich allein und vom täglichen Einerlei erdrückt. Zwar hat er seine Liebschaften, doch auch die stimmen ihn hinsichtlich des „Sesshaftwerdens“ nicht versöhnlicher. Er liebt gutes Essen und teuren Wein, überhaupt die komfortablen Vorzüge unserer westlichen Welt. Doch eigentlich zieht es ihn mehr hinaus in die Krisengebiete dieser Welt, ins Archaische und Ursprüngliche.

Die Kollegen, die Artikel gegen Fluglärm schrieben, taten das Ihre, um die Welt ruhiger zu machen oder gerechter, was auch immer. Man tat sich keinen Gefallen, wenn man das gering schätzte, und vor allem nicht, wenn man andererseits die Gefahren verkannte, die der Kontakt mit dem Ungewöhnlichen, dem Schrecklichen mit sich brachte. Das Schreckliche veränderte den Maßstab für die Bedeutung der Dinge. Alles, was weniger schrecklich war, wurde auch als weniger bedeutend empfunden, manchmal selbst die Liebe und das Vertrauen. Das Schreckliche nahm für sich in Anspruch, das einzig Bedeutsame zu sein, alles andere wurde als im Vergleich dazu banal herabgestuft. Wenn man dem nachgab, war man verloren, es war der erste Schritt in die Obsession, in die arrogante Geringschätzung des Alltagslebens und der Arbeit anderer.

Fast wie gerufen kommt da Miriam Khalili, die ihm, als er sie kennenlernt, eine nahezu unfassbare Geschichte erzählt. In der Wüste Afghanistans gibt es eine Gruppe Taliban, angeführt von dem ungewöhnlich brutalen Dilawar Barozai, in deren Reihen ein Mädchen ist, das nun aus Afghanistan fliehen wolle. Es sei als Junge verkleidet und in höchster Gefahr, der Talibanführer würde sie töten, wenn er wüsste, dass sie als Frau mit ihnen marschiert. Martens als Journalist wittert eine großartige Geschichte und willigt ein, trotz der hohen Geldforderungen und ohne weiter zu recherchieren. Er ist nur froh, endlich wieder seine Sachen zu packen und ins Abenteuer aufzubrechen. Sein Blick für Gefahr scheint von dem unbedingten Bedürfnis nach dem Unüberschaubaren gewichen und so lässt er sich auch von Widersprüchen, in die sich Miriam nach und nach verstrickt, nicht von der Reise abhalten.

Kein einziges Mal, seit sie im Camp waren, hatte er Miriam forografieren gesehen. Das fand er ungewöhnlich, auch für eine Fotografin, die wie sie lange nicht mehr in ihrem Beruf gearbeitet hatte. Fotografen waren immer neugierig auf Motive, auch wenn es nicht direkt mit ihrer Arbeit zusammenhing, sie knipsten dauernd irgendwas, aus privatem Vergngügen. Er steckte die Hand in Miriams Tasche. Es war ein Vergehen, aber er wollte nicht verzeihen, ohne zu wissen, was. Er schob die Kleider beiseite, tastete darunter nach einer Kamera. Zuerst suchte er nur oberflächlich, dann gründlich. Da war keine Kamera.

Es zeigt sich schnell, dass die Geschichte rund um die Bacha Posh nur ein Vorwand war und es eigentlich um Miriams Mann geht, der von den Taliban festgehalten wird. Sie wollen ihn freikaufen und wieder aus Afghanistan verschwinden, doch nach einem Zwischenfall werden sie von Dilawar Barozai und seinen Männern der Spionage verdächtigt. Sie sehen schon dem Tod ins Auge, da opfert sich Martens für Miriam, ihren Mann und ihren kleinen Sohn Sinan. Er wird monatelang mit den Taliban durch unwegsames Gelände streifen, er wird Zeuge einer Steinigung und es wird sein Leben komplett verändern.

Linus Reichlin erzählt hier die Geschichte eines Mannes, der, für mich, mitnichten ein Sympathieträger ist. Selbst angesichts der größten Katastrophen kann er an guten Wein denken und vorzügliches Essen, an seinen eigenen Adrenalinkick oder den Roomservice irgendeines Hotels. Er war bisher immer in der angenehmen Lage, eine desolate und gefährliche Situation jederzeit verlassen zu können, in jedem Krisengebiet der Welt konnte er abends doch immer wieder mit anderen Journalisten an einer Hotelbar sitzen und froh darüber sein, dass sein Leben ein anderes, ein sichereres ist. Und diese Sicherheit solange ausreizen, bis es ihn wieder ins Abenteuer treibt. Gefangen bei den Taliban hat er diese Möglichkeit nicht, er muss sich arrangieren, er muss dem ins Auge blicken, was er zuvor häufig mehr als eigenes Freizeitvergnügen verstanden hat, denn als grausame Realität.

Er war sein Leben lang in unbequemen Weltgegenden unterwegs gewesen, aber noch nie hatte sich die Freiwilligkeit so ins Gegenteil verkehrt wie jetzt, noch nie war er so entfernt gewesen von einer Hotelbar. Die Hotelbar, in die man sich zurückzieht, am Tresen andere Journalisten, die mit denselben Erlebnissen nicht fertigwerden wie man selbst. Du trinkst mit ihnen, was das Land an alkoholischen Getränken bietet, du hörst draußen vor dem Hotel die Schüsse. Morgen gehst du wieder raus, schaust zu, wie sie einander töten, aber du weißt, an der Hotelbar triffst du abends die Menschen, die wissen, wovon du sprichst und warum du mit ihnen reden willst, sie wollen es auch.

Nach den Monaten mit den Taliban ändert sich diese Einstellung grundsätzlich. Es werden andere Dinge wichtig, es reduziert sich alles auf Empfindung, auf Sinneswahrnehmung, das logische und dezidierte Nachdenken spielt plötzlich keine Rolle mehr, ist gar hinderlich beim bloßen Überlebenskampf. Plötzlich beginnt er, die betenden Taliban um ihn herum besser zu verstehen – es ist alles, was sie haben. Linus Reichlin ist ein sprachlich ausgefeilter und sehr interessanter Roman gelungen, der das Leben in Afghanistan mal von einer ganz anderen Seite beleuchtet und durchaus Fragen darüber aufwirft, wie wir, die wir weit entfernt von diesem Konflikt leben, eigentlich damit umgehen. Es war angenehm, mit Moritz Martens keinen bloßen Betroffenheitsjournalisten vorzufinden, sondern einen, an dessen Habitus man sich reiben, dessen Handeln man in Frage stellen kann. Bisher wurde Reichlin ja sehr unterschiedlich besprochen, ich kann nur sagen: Das Lesen lohnt sich!

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2 Gedanken zu “Linus Reichlin – Das Leuchten in der Ferne

  1. Oh schön, du machst mir Mut, mich doch noch an das Buch heranzutrauen, nach dem mich die Rezension bei dradio so sehr abgeschreckt hat. Ich werde berichten, ob sich unsere Eindrücke (wieder mal) decken. 🙂

    • Ich bin gespannt. (; Ich hatte auch eine eher negative Besprechung bei ZEITOnline gelesen, dass in diesem Roman so viel gegessen werde. Das hätte ich vorher besser nicht gelesen, denn so ist mir natürlich jede Szene, in der gegessen wurde, doppelt und dreifach aufgefallen. ;D

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