Dave Shelton – Bär im Boot


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Dave Shelton ist ein englischer Autor und Illustrator. Seit 1990 zeichnet und illustriert er hauptberuflich, und bisher musste er, nach eigenen Angaben, auch noch keinen Hunger leiden. Bär im Boot ist sein erstes Buch, das in Deutschland erscheint. Außerdem findet sich auf seiner Homepage folgende Empfehlung im Umgang mit ihm:

Do not, under any circumstances, allow him to talk to you about pens.

Zu ‚Bär im Boot‘ habe ich vor allen Dingen wegen der liebevollen Illustrationen gegriffen, wollte mich ein wenig überraschen lassen von diesem ungewöhnlich dicken Kinderbuch. Ein namenloser Junge steigt in ein kleines, wackeliges Boot namens Harriet, zu einem etwas trotteligen Bären und fährt los. Der Bär rudert, der Junge wartet. Darauf, dass sie ankommen, wo immer sie hinwollen. Um sie herum nichts als blauer Himmel und blaues Meer. Nach einiger Zeit beginnt der Junge, misstrauisch zu werden. Haben Sie sich vielleicht verirrt? Kann der Bär gar nicht navigieren? Schließlich tut er sich schon schwer, mit ihm ‚Ich sehe was, was du nicht siehst‘ zu spielen, obwohl die farbliche Vielfalt um sie herum alles andere als ausgeprägt ist.

„Guten Morgen“, sagte der Bär.
Der Junge starrte ihn aus großen, wachen Augen an.
„Was?“, fragte er.
„Guten Morgen“, wiederholte der Bär leicht erstaunt.
„Morgen?“, fragte der Junge.
„Ja“, sagte der Bär.
„Es ist morgens?“, fragte der Junge.
„Ja“, sagte der Bär.
„Es ist also…morgen?“, fragte der Junge.
Der Bär überlegte.
„Nein, das nicht“, sagte er. „Es kann doch offensichtlich nicht morgen sein. Heute ist heute. Es ist immer heute, oder? Aber richtig, es ist das Heute, das gestern morgen war. Wenn du verstehst, was ich meine.“

Sie geraten in ein Unwetter, ihnen geht der Proviant aus, sie begegnen einem riesigen Seeungeheuer, das lediglich durch ein uraltes Sandwich in die Flucht geschlagen werden kann. Sie entern ein verlassenes Schiff, das der Junge versehentlich versenkt, als er dem Bären mithilfe eines Gaskochers eine Tasse Tee aufbrühen will. Ein selbst gebautes Floß wird von einer Windböe davongetragen. Man könnte schon sagen, Bär und Junge sind vom Pech verfolgt. Es tut einem nahezu weh, sie bei ihrem Scheitern zu beobachten, was nicht nur einmal Ergebnis eigener Ungeschicklichkeit ist. Einer Ungeschicklichkeit zwar, die sie sympathisch macht, aber eben auch ziemlich erfolglos.

Der Junge schauderte. Der Bär schnupperte.
„Und, was riechst du jetzt?“, fragte der Junge.
„Gefahr“, sagte der Bär.
Der Junge zog ein erschrockenes Gesicht. Der Bär schnüffelte wieder.
„Oder vielleicht Orangenmarmelade“, sagte der Bär.

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Trotz aller Liebe zum Detail in den hervorragenden Illustrationen habe ich mich immer wieder gefragt, wohin diese Geschichte führen soll. Warum steigt der Junge überhaupt in das Boot? Wir wissen nicht, wo er herkommt, wir wissen nicht, wohin er will, ebenso wenig wissen wir vom navigierenden „Seebären.“ Aber eben das hätte ich mir schon gewünscht, rudimentär wenigstens. So wird man wie von einer aufgepeitschten Welle in die Geschichte gespült und weiß zu Anfang gar nicht, wie einem geschieht. Am Ende ist man dann – und das ist vermutlich das Enttäuschende daran – immer noch nicht klüger. Denn auch am Ende sind Bär und Junge noch immer inmitten kühlen und azurblauen Wassers, nur die Rollen sind vertauscht.

Was also soll uns diese Geschichte vermitteln? Egal, was passiert, wie viele Seeungeheuer auch immer vor euren Augen platzen und wie viele Nächte ihr mit knurrendem Magen auf hölzernen Planken verbringt, ihr seid wenigstens nicht allein? Ihr habt einen Freund? Mich hat dieses Buch leider etwas ratlos gemacht, denn ich habe nicht entschlüsseln können, was es will. Ich erfahre nichts über die Protagonisten, ich weiß nicht, woher sie kommen, ich weiß nicht, wohin sie gehen, ich begleite sie nur einige Tage auf See. Das ist eine nette Idee, aber um mich zu überzeugen, um mich zu als Kinderbuch zu berühren, muss schon ein bisschen mehr passieren als das.

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11 Gedanken zu “Dave Shelton – Bär im Boot

  1. Oh, die Illustrationen finde ich ja super schön, genauso wie den Titel und die Aufmachung. Aber das allein reicht sicherlich nicht, um eine überzeugende und lesenswerte Geschichte zu erzählen. Schade. 😦

  2. Nein, das kann ich so nicht stehen lassen:
    Erst der Veriss von Mette Jakobsons “ Minous Geschichte“, jetzt die Kritik an „Bär im Boot“- das schmerzt mein altes Buchhändlerherz doch zu sehr!

    Wir sind uns ohne Zweifel einig- alles ist Geschmacksache. Doch gerade die beiden genannten Titel verbinden zwei
    ganz entscheidende Voraussetzungen für hervorragende (Kinder-) Literatur: sprachliche Originalität und erzählerische
    Klasse.

    Sie urteilen meiner Ansicht nach unsensibel und oberflächlich und es erschreckt mich schon sehr, dass hier das berühmte „Zwischen-den Zeilen-Lesen“ keinerlei Ansehen mehr genießt.
    Wo bleibt denn Ihre Fantasie, Ihr Mut zu interpretieren?

    „Bär im Boot“ z.B. wird von mir und vielen meiner kleinen Kunden heiß geliebt, weil es eine hinreißende Geschichte über
    das Erwachsenwerden ist. Mit vielen versteckten Seitenhieben auf die vermeintliche Stärke der „Großen“.
    (Eine Kapitänsmütze macht noch keinen Steuermann!)

    Meine Bitte an dieser Stelle:
    Versuchen Sie doch etwas offener an die Literatur heranzugehen, verschließen Sie sich nicht vor poetischen Texten.
    Oder wie Dave Shelton so schön sagt: Navigieren Sie mal ohne Kompass.

    • Liebe Frau Haas,

      zunächst einmal danke ich für Ihre Kritik. Eines muss ich allerdings sagen: Ich arbeite ja nun selbst im Buchhandel und kenne viele andere Buchhändler – nicht überall ist dieses Buch so überschwänglich gelobt worden. Und das liegt nun mitnichten daran, dass diese Menschen unfähig zur Interpretation wären oder sich grundsätzlich der Poesie verschlössen. Das halte ich für sehr einseitig. Ich bin durchaus zu haben für poetische Texte, das spiegelt sich in diesem Blog auch wider. Nur vielleicht nicht bei den beiden Büchern, bei denen Sie es gern gesehen hätten.

      Für Sie war Minous Geschichte offensichtlich sehr originell, für mich war sie es nicht. Und ich habe in meiner Besprechung zum damaligen Zeitpunkt auch hinreichend dargelegt, weshalb dieser Eindruck bei mir entstanden ist. Das ist selbstverständlich eine Voraussetzung für einen Verriss. Ich muss an verschiedenen Stellen des Textes belegen können, was mich zu meinem Eindruck bringt. Dass der Eindruck nicht jedem gefällt und dass andere möglicherweise ganz anderer Meinung sind, gehört nunmal zur Diskussion über Literatur.

      Und es ist ja auch in Ordnung, dass „Bär im Boot“ voller Anspielungen auf das Erwachsenwerden ist. Aber es soll nach wie vor doch ein Buch für Kinder sein. Oder etwa nicht? Ist es vielmehr eine philosophische Reise für Erwachsene? Dann muss man es anders bewerben. Ich gebe auch gern zu, dass Kinder – und Jugendliteratur nicht meine bevorzugten Besprechungsthemen sind, aber es gibt auch hier auf dem Blog durchaus Kinderbücher, die mich angesprochen haben. Rafik Schami, beispielsweise, um nur einen zu nennen.

      Wenn Sie ernstlich der Auffassung sind, ich urteile per se oberflächlich, muss ich Ihnen leider sagen, dass Sie offensichtlich diesen Blog oberflächlich und nur im Hinblick auf Ihre eigenen Vorlieben gelesen haben.

      • Vielleicht habe ich mich missverständlich ausgedrückt. Selbstverständlch würde ich es mir nicht herausnehmen, Ihren kompletten Blog als oberflächlich zu bezeichnen.
        Mir geht es speziell um Ihre Rezensionen der beiden bereits genannten Titel.

        Und da müssen Sie sich die Kritik gefallen lassen, ohne den nötigen Tiefgang argumentiert zu haben. Ganz abgesehen von der Art und Weise ihrer Rezension:
        Eine reflektierende Buchkritik betitelt ein literarisch anspruchsvolles und sprachlich niveauvolles Buch nicht mit den Worten „ohne Sinn und Verstand“. Derartige Formulierungen zeugen von unangebrachter Überheblichkeit.

        Gestatten Sie mir auch die Bemerkung, dass ich selbstverständlich Ihren Blog „in Hinblick auf meine eigenen Vorlieben“ gelesen habe- welchen Sinn sollte es sonst machen?

        Und da meine Vorliebe, mein Beruf und mein Herzblut seit Jahrzehnten der Kinder-und Jugendliteratur gehören, kam ich einfach nicht umhin, meine Meinung zu äußern.

        Dazu fordern Sie doch auch auf- schließlich möchte „Literaturen“ doch ein ein Blog für Freunde des guten Buches sein und kein Selbstdarsteller-Forum für kritikloser Kopfnicker, oder?

  3. Selbstverständlich können Sie hier ihre Meinung äußern, die Frage aber ist, mit welcher Erwartung. Meine Meinung über die genannten Büchern ändert sich dadurch nicht. Ich kann verstehen und nachvollziehen, weshalb sie andere begeistern, deshalb ist es aber dennoch mein gutes Recht, diese Begeisterung nicht zu teilen. Wenn Sie ihre Meinung in der Erwartung niedergeschrieben haben, mich zu überzeugen, muss ich Sie enttäuschen. Wenn Sie Ihre Meinung hier gepostet haben, um darüber zu diskutieren, tue ich das gern.

    Ich empfinde an Minous Geschichte beispielsweise wenig poetisch. Das habe ich aber in der Besprechung bereits geschrieben. Für meine Begriffe will das Buch zuviel und verzettelt sich dabei. Mal abgesehen davon, dass ich es für fragwürdig halte, dass eine Zwölfjährige emotional vollkommen ungerührt am Bett sitzt und neben einer Leiche über deren Geschichte sinniert. Das finde ich gruselig, nicht poetisch. Wenn Sie darin Poesie sehen, sei Ihnen das ja unbenommen. Wie Sie schon sagten, über Geschmack lässt sich streiten – weshalb sollte das denn ausgerechnet für diese beiden Bücher nicht gelten?

    Ich lasse mir Ihre Kritik gefallen – was sollte ich auch sonst tun? Dennoch werde ich nicht plötzlich meine Meinung revidieren, weil ich kritisiert werde. Ihr Herz hängt an der Kinder – und Jugendliteratur, das finde ich toll. Ich finde es schön, dass Sie so leidenschaftlich für Bücher eintreten, die Sie begeistert haben. Würde ich genauso machen. Aber für die zwei genannten Bücher trifft das eben nicht zu.

    • Wie käme ich dazu, Ihre Meinung revidieren zu wollen?
      Und wie kommen Sie darauf, dass das mein Ansinnen ist?

      Meinungsfreiheit ist schließlich das höchste Gut, nicht nur in der Literatur.
      Ich will daran gewiss nicht rütteln!
      Mir ging es lediglich um Ihre unreflektierte Art der Rezension.

      Sie können ein Buch, selbst wenn Sie es inhaltlich nicht schätzen, doch nicht mit den Worten „ein Roman, bei dem bedauerlicherweise alles schiefgegangen ist, was beim Schreiben schiefgehen kann…“ betiteln. Noch dazu ohne
      jegliches Eingehen auf Sprache und erzählerischen Stil der Autorin.
      Das ist herablassend. Und was viel schlimmer ist- es ist völlig undifferenziert.

      Doch keine Angst- mehr Kritik müssen Sie sich zukünftig von mir „nicht mehr gefallen lassen.“
      Ich scheine da einen wunden Punkt bei Ihnen erwischt zu haben, anders kann ich es mir nicht erklären, dass Sie
      meine Zeilen derart persönlich nehmen.

      Ich hatte fälschlicherweise die Erwartung, dass man in einem Blog, der sich „Literaturen“ nennt, den Büchern mehr Aufmerksamkeit schenkt, als dem Ego der Rezensenten.

      • Ich habe keine Schwierigkeiten mit Ihrer Kritik, vielmehr versuche ich, mit Ihnen darüber ins Gespräch zu kommen, woran es liegt, dass sich unsere Eindrücke so widersprechen. Es mag korrekt sein, dass meine Rezension zu „Minous Geschichte“ nicht objektiv ausgefallen ist. Das allerdings habe ich auch niemals behauptet. Liest man hin und wieder mal andere Rezensionen, auch solche des professionellen journalistischen Handwerks, dem ich ja nachweislich nicht angehöre, findet man auch dort mitunter sehr harte Worte über Bücher, die den Rezensenten einfach tief enttäuscht zurückgelassen haben. Zuletzt gelesen bei David Hugendick und Julian Heuns Roman „Strawberry Fields Berlin“. Wenn es mich enttäuscht und ich – für mich – das Gefühl habe, beim Schreiben sei eigentlich alles schiefgelaufen, was so schieflaufen kann – finde ich, dass man das äußern kann. Ich muss mich beim Rezensieren nicht so sehr in Relativismen verirren, dass niemand am Ende mehr weiß, ob ich das Buch nun gut oder schlecht fand. (auch von dieser Sorte gibt es eine Menge Rezensionen, die dann ja irgendwie keinen Mehrwert haben)

        Ich gebe Ihnen insofern recht als ich sicherlich eine diplomatischere Art und Weise hätte finden können, um meinen Unmut kundzutun. Sie sagen mir zwar die ganze Zeit, wie inhaltlich und sprachlich brilliant sowohl „Minous Geschichte“ als auch „Bär im Boot“ sind, nennen mir aber – wie es für eine Diskussion sinnvoll wäre – keine Begründungen dafür, wohingegen ich in beiden Rezensionen dargelegt habe, was mich stört. Mette Jakobsens Geschichte ist mir zu überambitioniert, hier mal ein Anklang Philosophie, dann ein bisschen Krieg, die allgegenwärtige Leiche, die niemanden zu stören scheint, der Ein-Mann-Zirkus, der auf dem Klappentext überbordend märchenhaft angekündigt wurde, kein Protagonist trägt Namen (mal abgesehen von Minou). Alles Dinge, die mich gestört haben und die ich in der Rezension auch erwähne. Wenn Sie diskutieren wollen – was ich übrigens gern tue -, dann sagen Sie mir doch umgekehrt, was Sie so begeistert hat. Statt mir nur vorzuwerfen, ich würde Sie zu persönlich nehmen.

        Das tue ich gar nicht, ich bin eigentlich ganz entspannt. (;

  4. Dass Sie entspannt sind, entspannt wiederum mich- meine Zeilen wollten konstruktiv sein, keinesfalls persönlich!
    Nur habe ich das Gefühl, dass wir aneinander vorbeireden…
    Ihre Rezensionen sollen und dürfen nicht objektiv sein, das wäre doch ein Widerspruch in sich.

    Ihnen gefällt „Minous Geschichte“ nicht.
    Das ist Ihre Meinung
    Das ist Ihr gutes Recht.
    Das ist legitim.
    Punkt.

    Aber mit den Inhalten Ihrer Kritik komme ich nicht klar. Denn von Ihrer inhaltlichen Ablehnung abgesehen, suggerieren Sie Ihren Lesern, dass das Buch eben nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch und handwerklich durchweg schlecht ist- und das ist schlicht falsch.
    Das meinte ich mit differenzierter Rezension.

    Was mir an diesem Titel gefallen hat? Wohl genau die „Lücken“, die Sie inhaltlich bemängeln.

    Die Personen tragen keine Namen. Na und?
    Wollen Sie Saint- Exupery vorwerfen, dass der Fuchs keinen Namen trug? War das auch ein Problem für Sie?

    Die Personen bleiben hölzern?
    Nicht mein Empfinden. Ich spürte beim Lesen genau Minous Einsamkeit, die Verlorenheit ihres Vaters, die erloschene Lebensfreude des Zauberkünstlers.

    Da wird eine Leiche angeschwemmt. Das ist eklig.
    Nein, ist es nicht. Nicht in einem Buch, das menschlichen Verlust und verlorene Träume in höchst feine Bilder kleidet.
    Nicht in einem Buch, dass den Tod weder verherrlicht, noch geschmacklos bagatellisiert.
    Nicht in „Minous Geschichte“.

    Für mich sind es oft die ungesagten Dinge, die ein Buch lesenswert machen.
    Es klingt nach, es lässt dem Leser Raum für eigene Gedanken.

    Natürlich ist das bei weitem anstrengender, als alles platt auf dem Silbertablett überreicht zu bekommen.

    Aber meiner Erfahrung nach sind es gerade die jugendlichen Leser, die diese Anstrengung mit Freude auf sich nehmen.
    Und ich schließe mich ihnen an.

    Nochmal zum Verständnis:
    Sie sollen bitte, bitte nicht diplomatisch rezensieren, das wäre schlimm.

    Aber vielleicht ein wenig nuancierter.

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