Marjorie Celona – Hier könnte ich zur Welt kommen


Celona

Marjorie Celona ist eine kanadische Autorin. Sie lebt in Cincinnati, wo sie an der Universität lehrt. Ihre Kurzgeschichten erschienen bereits verschiedentlich in Magazinen, Hier könnte ich zur Welt kommen ist ihr Debütroman.

Ich klappe das Buch zu und spüre, wie die Geschichte in mir nachhallt. Nicht zuletzt, weil sie auch mein Leben auf eine bestimmte Weise berührt, mich daran erinnert, dass auch ich einen Elternteil nicht kenne. Ich meine, mich in Shannon und ihre Suche irgendwie hineinfühlen zu können, glaube, in ihrer Orientierungslosigkeit ein Stück meiner eigenen zu entdecken. Shannon ist ein Findelkind. Sie wird im Morgengrauen von ihrer Mutter, die selbst gerade achtzehn und noch fast ein Kind ist, in ein graues Sweatshirt gehüllt vor dem örtlichen YMCA-Gebäude abgelegt. Schnell verschwindet die junge Frau im blauen Overall wieder in der Dämmerung, nicht ohne ihrem neugeborenen Kind noch einen Kuss auf die Stirn zu drücken. Doch sie wurde beobachtet. Von einem Mann, der viel beobachtet, was er eigentlich gar nicht wissen will.

Der Mann wünscht sich so sehr, ich läge nicht da, dass er es hätte herausschreien mögen. Sein ganzes Leben lang ist stets er derjenige, der bemerkt, wie einer alten Frau das Taschentuch aus der Handtasche fällt, und dann einen halben Block hinter ihr herrennen muss, mit dem Tuch wie mit einer Fahne wedelnd. Jeder Lidschlag offenbart ihm etwas, was er nicht sehen will: einen vergessenen Stullenbeutel; eine Zweibelsuppe geschriebene Zwiebelsuppe; einen Lacklederschuh, der gleich in Scheiße tritt.

Er greift nicht ein, weil er insgeheim spürt, dass es für das Kind besser so ist, macht der Polizei gegenüber verwirrende Angaben und verschwindet zunächst wieder in sein eigenes Leben. Die ersten fünf Lebensjahre Shannons sind geprägt von ständigen Wechseln und verschiedenen Pflegefamilien, von kurzen Aufenthalten in Pflegeheimen, in denen tragische Zustände herrschen.

Ich habe Angst vor der Dunkelheit.Wir werden an die Hand genommen und eine mit Teppich belegte Treppe hinuntergeführt, und ich kann nicht sagen, ob wir in einer Kirche oder in dem Keller von jemandem sind. Kleine hölzerne Kreuze hängen an den Wänden, und überall, wo ich hinschaue, liegen Styroporbecher mit Lippenstiftspuren. Es riecht nach Fertiggerichten. Der Mann, der meine Hand hält, sieht aus wie der Musiker Raffi, aber er hat einen ruppigen Ton, und unter seinen Fingernägeln ist Dreck. Insgesamt fünfzehn Kinderbetten stehen im Raum, jeweils fünf in einer Reihe, und wir bekommen jeder eine Decke und ein kleines Kissen. Als er meine Hand loslässt, bitte ich ihn, dazubleiben, aber meine Stimme ist zu leise, und der Raum schluckt das Geräusch.

Schließlich, nach einigen Misshandlungen, die sie in einer ihrer Pflegefamilien über sich ergehen lassen musste, zieht Shannon bei Miranda und ihrer Tochter Lydia-Rose ein. Ihr gelingt es zunächst kaum, sich dort heimisch zu fühlen, immer wieder scheint sie mit der Tatsache konfrontiert zu sein, dass sie nicht wirklich zur Familie gehört, dass sie nur eine Dazugestoßene, ihre Anwesenheit keine Selbstverständlichkeit ist. Sie wächst heran, bekommt strohblonde Locken, die an einen Wattebausch erinnern und erblindet auf einem Auge, wodurch sie schielt und oft von den Menschen für zurückgeblieben gehalten wird. Shannon fühlt sich, trotz aller Liebe, die sie erfährt, leer und einsam. Die Fragen nach ihrer Herkunft plagen sie, bis sie eines Tages in einem Alter ist, sich endgültig auf die Suche nach ihren leiblichen Eltern zu machen.

Marjorie Celona wählt in diesem berührenden und leisen Buch einen erzählerischen Kniff, der den Eindruck zweier Folien vermittelt, die sich überlagern. Einerseits begleiten wir die heranwachsende Shannon, leiden und suchen mit ihr, andererseits begleiten wir die Shannon, die bereits alles über ihre familiären Umstände weiß und in Rückblicken davon berichtet. Die Geschichte, die sich parallel zu Shannons wie ein tragisches Panorama des Scheiterns und des Verlusts vor unseren Augen ausbreitet, macht es unmöglich, voreilig Urteile zu fällen. So ist Shannons Mutter Yula jung, ihr Vater drogenabhängig, ihr Großvater schwer depressiv und pflegebedürftig, ihre Großmutter bei einem Motorradunfall gestorben. Diese Verkettung des Unglücks wirkt aber zu keinem Zeitpunkt aufgesetzt oder konstruiert, sie wirkt authentisch. Und das macht es mitunter schwer zu ertragen.

Das Leben scheint eine einzige Unmöglichkeit zu sein. Mir ist unbegreiflich, wie überhaupt irgendjemand da heil durchkommt.

Marjorie Celona spielt mit der Sprache, spielt mit Bildern, die sich ergeben und schafft dadurch eine dichte Atmosphäre, die es leicht macht, sich mit Shannon zu identifizieren. Viele Menschen kennen ihre Eltern nicht, wachsen ohne Vater oder Mutter auf und tragen in sich noch bis ins Erwachsenenalter die Frage nach dem Warum. Die Frage danach, wie es dem fehlenden Menschen ergeht, wie er lebt und ob er manchmal in stillen Momenten nicht auch darüber nachdenkt, wie es wäre, wenn man als Familie zusammenlebte. All diese Fragen hat Marjorie Celona beeindruckend in Worte und vorallendingen in eine Geschichte gekleidet, die ihnen würdig ist. Ich freue mich darauf, in Zukunft hoffentlich noch weitere Bücher von ihr zu lesen!

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2 Gedanken zu “Marjorie Celona – Hier könnte ich zur Welt kommen

  1. Dieser Roman steht auch in meinem Regal und ich bin nun mehr denn je gespannt darauf. Denn er hört sich zwar nach etwas schwerer Kost an – besonders die Szenen aus den Pflegefamilien werden mir am Herzen nagen – aber auch danach, diese schmerzlichen Momente wert zu sein.
    LG, Katarina 🙂

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