Cécil & Brunschwig – Holmes (1)


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Luc Brunschwig studierte Werbung und Marketing. Seit 1989 entwickelte er gemeinsam mit Laurent Hirn erfolgreiche Comicserien. Cécil studierte an der Kunstakademie in Bordeaux und arbeitete als Grafiker, Illustrator und Journalist. Auch er veröffentlichte bereits mehrere Comics, die ihm in Frankreich u.a. den Comicpreis der französischen Buchhändler eintrugen. (auf Deutsch erschienen z.B. Das Schmetterlingsnetzwerk mit Eric Corbeyran im Splitter-Verlag) Für beide ist die Holmes-Serie das bisher größte Projekt.

Hin und wieder erwähne ich meine Liebe zum größten Meisterdetektiv aller Zeiten, meine Bewunderung für diesen von Logik und Ratio durchdrungenen Mann, den scheinbar keine Emotion in seinen Deduktionsfertigkeiten beirren kann. In meinem Zimmer prangt ein Sherlock-Holmes-Plakat, in meinem Regal steht eine Gesamtausgabe, bei meinen DVDs steht die gesamte Granada Serie mit Jeremy Brett. Es war gewissermaßen irgendwas zwischen notwendig und zwingend, dass dieses Comic in mein Regal wandert, zumal es sich hinsichtlich der Ausgangslage durchaus an Conan Doyle hält.

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1891 stürzt Sherlock Holmes mit seinem Erzfeind Professor Moriarty, dem Strippenzieher allen ungesühnten Verbrechens Londons zu dieser Zeit, die Reichenbachfälle hinab und gilt fortan als tot. Das war ursprünglich auch von Conan Doyle so beabsichtigt, denn der Detektiv wuchs ihm über den Kopf. Er hielt den historischen Roman für das edelste Genre, in dem man sich bewegen kann und so fühlte er sich durch Holmes empfindlich in dem gestört, was er eigentlich für erstrebenswert hielt. Er ließ ihn also sterben (in „Sein letzter Fall“), was nicht nur zu öffentlicher Trauer und Bittbriefen wildfremder Menschen führte – der ein oder andere hielt Holmes und Watson gar für reale Menschen -, sondern ihm auch den Zorn seiner Mutter einbrachte. Er erweckte ihn also wieder zum Leben (in „Das leere Haus“) und schrieb sogar nach Holmes‘ Ableben die bekannteste Geschichte rund um den Meister – Der Hund der Baskervilles.

Das aber nur am Rande. Das Comic entwickelt nun eine alternative Geschichte, was tatsächlich an den Reichenbachfällen geschehen sein könnte. Watson hatte noch eine Art Abschiedsbrief gefunden, den er in seine Berichterstattung mit einfließen ließ und der ihm half, Schlussfolgerungen über den Ablauf der Dinge zu ziehen. Da diese Serie auf drei Teile angelegt ist, wird uns nun im ersten Band erstmal der Mund wässrig gemacht, viele Dinge werden wir erst später verstehen. Mycroft Holmes, der Bruder Sherlocks, spricht Watson gegenüber davon, dass sein Bruder die letzten Jahre seines Lebens, bedingt durch seine Kokainsucht, mehr im Wahn als in der Realität verbrachte – und dass es Professor Moriarty gar nicht gibt. Er sei eine in Holmes Fantasie erschaffene Gestalt, auf die er wie besessen Jagd machte. Mycroft versucht nun, das Erbe seines Bruders zu wahren, in dem er alle Akten verbrennt, die vom geistigen Verfall des Meisterdetektivs zeugen.

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Es stellt sich bei Watsons Recherchen, die er zusammen mit Wiggins, einem Straßenjungen der Baker Street betreibt, heraus, dass es tatsächlich einen Moriarty gab. Allerdings keinen Marionettenspieler des Verbrechens, sondern einen ehemaligen Mathematikprofessor, der von Migräne geplagt in einem Haus lebt, das von Sherlock Holmes Eltern finanziert wird. Ganz bewusst spielt dieser Comic mit Erwartungen, deutet Fährten an, lässt sie wieder fallen. Zunächst ist man geneigt, zu glauben, dass Holmes durch seine Drogensucht möglicherweise nicht mehr Herr seiner Sinne war, aber so vollends überzeugt ist man davon doch nicht. Watson besucht auch Holmes‘ Eltern, Siger und Violet Holmes. Beide werden im Kanon Conan Doyles nie erwähnt, allerdings etablierten diverse Pastiche-Autoren einen familiären Hintergrund, der hier von Cécil und Brunschwig aufgegriffen wird. Siger Holmes aber ist ein gebrechlicher alter Mann, der zwischen Momenten geistiger Klarheit und Verwirrung hin und her pendelt. Man erfährt auch von einem Kampf zwischen Sherlock und Moriarty, allerdings zu einem wesentlich früheren Zeitpunkt.

Die Zeichnungen sind überwiegend in einem blau-grün gehalten – abgesehen von der Rückschauepisode, in der Holmes Eltern sich kennenlernen -, was dem Ganzen ein bisschen den Eindruck des Nebligen und Mysteriösen verleiht. Cécil und Brunschwig gelingt es in diesem ersten Teil viele Köder auszulegen, viele Fährten anzudeuten und nur eines scheint klar zu sein – irgendwas mit der klassischen Geschichte, die wir alle kennen, stimmt nicht. Dahinter steckt mehr. Irgendetwas verheimlicht seine Familie. Mir gefällt die Umsetzung sehr, schon bei Anthony Horowitz war ich ja angetan davon, wie aus doylschem Stoff ein ganz neues Geflecht aus Möglichkeiten und Geschichten entsteht, so auch hier. Die Autoren verlieren das Original niemals aus den Augen, aber wagen dennoch, hier und dort neue Wege zu eröffnen. Ich bin jedenfalls sehr gespannt, wie es weitergeht und ob Holmes tatsächlich zurückkehrt. Schließlich kann man das so schön inszenieren. (wie in der Granada Serie mit Jeremy Brett – siehe unten)

Zu den Bildern im Comic sei noch gesagt: Ich habe bei Jacoby & Stuart nach besseren Innenansichten gefragt, – also gut möglich, dass sich die Bilder in diesem Beitrag noch ändern!

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5 Gedanken zu “Cécil & Brunschwig – Holmes (1)

  1. Oh, Dankeschön für die wundervolle Rezension! Bin selbst ein glühender Holmes-Anhänger. 🙂
    Hast du jemals die BBC-Serie mit Benedict Cumberbatch gesehen? Diese Umsetzung in die Neuzeit (der ich am Anfang gegenüber sehr skeptisch war, zumal die Hollywoodverfilumng für mich so gar nichts mit Sherlock zu tun hat) finde ich vor allem im Originalton extrem gelungen.

    Schöne Grüße

    • Gern geschehen. (:

      Ich kenne die Serie mit Benedict Cumberbatch, konnte mich dafür aber bisher offen gestanden nicht begeistern. Für mich bleibt Jeremy Brett der grandioseste Holmes-Darsteller (für mich vor Basil Rathbone), ich bin da eher ein Verfechter der Originaltreue. Wobei ich ja sagen muss – eine Folge von „Sherlock“ habe ich gesehen, nämlich die moderne Version von ‚Ein Skandal in Böhmen‘ -, dass ich verstehe, weshalb die Serie so geliebt wird, denn die Übertragungen in die Neuzeit sind schon beeindruckend. Die Hollywoodverfilmung mag ich auch nicht und habe ich auch nicht angesehen. Viel zu viel Action und Popcornkino. Wird den Figuren Holmes & Watson einfach nicht gerecht.

  2. Ich bin auch eine große Holmes Verehrerin (lese mich gerade wieder einmal durch die Original Bücher) und immer etwas vorsichtig bei Neubearbeitungen (speziell wenn sie Holmes nicht würdig genug behandeln und ihm vielleicht auch nur ein Fuzzerl Genialität absprechen wollen.). Aber deine Rezension klingt doch spannend… besonders vertraue ich einer weiteren Jeremy-Brett-als-Holmes-Enthusiastin 😉

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