Goce Smilevski – Freuds Schwester


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Goce Smilevski ist ein mazedonischer Schriftsteller. Er studierte Literatur – und Kulturwissenschaft und schrieb mehrere Theaterstücke und Romane. Für Freuds Schwester wurde er 2011 mit dem European Union Prize for Literature ausgezeichnet.

Selten habe ich so etwas Eindringliches, Beschwertes und Poetisches gelesen. Selten habe ich etwas gelesen, das mich gleichzeitig so gefesselt und deprimiert hat. So, als wollte das Buch die eigenen psychischen Grenzen ausloten. Und damit findet sich eine ganz amüsante Parallele zum dem Buch innewohnenden Thema: Freud. Dem, was Freud untersuchte und dachte, dem, was seiner Zeit eigen war und dem, was sich in seiner Zeit durch ihn und neben ihm veränderte. Erzählerin ist seine Schwester Esther Adolfine Freud, über die nur sehr wenig bekannt ist. Ich habe versucht, das ein oder andere im Internet zu recherchieren, doch diese Recherche ist fruchtlos geendet. Bekannt ist, dass Sigmund Freud seine Schwestern nach der Annexion Österreichs nicht mit nach London nahm. Es sei ihm gestattet gewesen, eine Liste derer zu erstellen, die ihm am wichtigsten seien und die mit ihm ausreisen dürften. An seinen Hund dachte er, an seine Haushälterin – aber nicht an seine Schwestern. Esther Adolfine Freud wurde deportiert und starb 1943 im KZ Theresienstadt.

Adolfine Freud

Adolfine Freud

Goce Smilevski versucht nun also, dieser Adolfine Freud Leben einzuhauchen, sich ihr fiktiv anzunähern, sie mit Personen der Zeit zusammentreffen zu lassen – unter anderem mit Klara Klimt und ihrem Bruder Gustav –und so ein Leben zu erschaffen, das es vielleicht gegeben haben könnte. Adolfine, „Dolfi“ genannt, wächst in einer Atmosphäre auf, die manch anderer unerträglich nennen würde. Ihre Mutter, selbst jung verheiratet und ganz dem alten Frauenbild der gebärenden Mutter und treusorgenden Gattin verhaftet, hat in Sigmund ihren Lieblingssohn gefunden. Adolfine ist kränklich als kleines Kind, immer wieder bekommt sie von ihrer Mutter zu hören, dass die sie doch besser nie geboren hätte. Eine Mischung aus Anteilnahme und Reue? Enttäuschung und Fatalismus? Adolfine kann es sich nicht erklären und so werden diese Worte zum stetigen Wegbegleiter ihrer Kindheit.

Mutter fing wieder an, mir die Worte zu sagen, die sich in meine frühesten Erinnerungen eingebrannt hatten und die sie lange Zeit vergessen hatte: „Hätte ich dich doch nie geboren.“ Früher hatte sie das gesagt, wenn ich krank und am Rande der Bewusstlosigkeit war. Jetzt sagte sie es voller Verachtung und Spott, wenn ich, wie alle Kinder, irgendeine naive Bemerkung gemacht hatte, sie sagte es auch, wenn ich einen Fehler gemacht hatte, den man von einem Mädchen in meinem Alter erwarten konnte, und irgendwann sagte sie dieses „Hätte ich dich doch nie geboren“ andauernd zu mir, statt „Guten Morgen“ und „Gute Nacht“, statt „Wie geht es dir?“ und „Brauchst du etwas?“ Ich hörte es sogar, wenn sie es gar nicht sagte (…)

Als sie aufwächst und sich langsam von ihrem Bruder und der gesamten Familie entfremdet, lernt sie einen Jungen namens Rainer kennen. Ein Mann, der ‚nach innen weint‘, wie sie sagt und eine derart überwältigende und alles verschlingende Traurigkeit in sich trägt, wie sie für Kinder untypisch ist. Nichts und niemand vermag ihn aufzuheitern und doch freunden beide sich an. Lassen ihre Schatten sich berühren, wo sie es selbst nicht können, miteinander spielen.

Doch dieses idyllische Dasein ließ die Traurigkeit Rainers nicht geringer werden. Das Kind blieb in seinem Schmerz, wie eingetaucht in Wasser, als habe irgendein Leid seinen Kopf gepackt und ihn tief in den Schmerz gedrückt und ließ ihn nur hin und wieder auftauchen, um nach Luft zu schnappen.

Adolfines Leben ist stetes Leiden. Wenn ein Motiv dieses Buch durchzieht, dann sind es Schmerz und Leid, Verzweiflung und Elend. Sie beginnt mit Rainer eine Beziehung, der lässt sie sitzen, ihre Mutter predigt ihr immer wieder, sie werde niemals einen Mann finden und ihr Dasein wird sinnlos und einsam enden. Rainer kommt zurück, erfährt, dass er adoptiert wurde, zerbricht daran, schwängert Adolfine und stürzt sich danach bei einem Spaziergang in den Kanal. Um nicht die Familienehre zu gefährden, lässt sie eine Abtreibung vornehmen, ihr Bruder Sigmund hat Kontakte zu Ärzten, die den Eingriff durchführen können. Nach so viel Verlust und der Kälte, die ihr seitens ihrer Mutter entgegenschlägt, entschließt sie sich dazu, sich selbst in das Wiener ‚Nest‘, eine Nervenheilanstalt einzuweisen, in der auch Klara Klimt sitzt. Die hatte sich jahrelang für Frauenrechte stark gemacht, war dafür immer wieder misshandelt und missachtet worden und ebenso daran zerbrochen. Auch über Klara Klimt ist wenig bekannt und so konnte ich nicht in Erfahrung bringen, was von dem, was Smilevski hier zeichnet, die reale Person Klara Klimt spiegelt und was rein fiktiv ist. Es folgen die schwierigsten Kapitel des ganzen Buches. Jene, die sich mit dem Wahnsinn und seinen Ausläufern beschäftigen, mit den Verrückten und ihrer Behandlung Anfang des 20. Jahrhunderts.

Die menschlichen Schicksale im Nest knüpften seltsame, oft unsichtbare Netze. Manchmal aß im Speisesaal des Spitals eine Dame, die ihren Gatten vergiftet hatte, Seite an Seite mit einem Herrn, nach dem seine Frau mit einer Axt geschlagen, ihn aber verfehlt hatte. Beim Spazierengehen im Park riss ein Mädchen büschelweise Gras ab und warf es dann um sich her auf den Boden; vor dem Einschlafen stellte sich eine alte Frau vor, wie sie vor ihrem Haus Gras ausrupft und es dann um sich her auf den Boden wirft. Es gab da Menschen, die nicht einschlafen konnten, und Menschen, die wie in einem ewigwährenden Traum lagen. Menschen, die sich vor dem Einschlafen fürchteten, Menschen, die sich vor dem Aufwachen fürchteten. Ein junger Mann war ins Nest gebracht worden, weil er wiederholt allen erzählt hatte, dass er keinen Kopf habe, und ein anderer junger Mann war gleichfalls ins Nest gebracht worden, aber weil er den anderen versichert hatte, dass sie keine Köpfe hatten.

Für mich waren zwar diese Beschreibungen von überwältigender Sprachgewalt, gleichzeitig aber so bleiern schwer, dass ich es fast nicht ausgehalten habe. Man bekommt eher den Eindruck, der Autor wolle eine Abhandlung über den Wahnsinn und den Tod schreiben, als verliere er seine Hauptfigur gelegentlich aus den Augen.  Eine interessante sprachliche Eigenheit Smilevski ist es, Passagen im Buch mehrfach aufzugreifen, bereits Geschriebenes zu einem späteren Zeitpunkt Wort für Wort zu wiederholen. Das hat etwas Melodisches, Meditatives, wie ein Lied, dessen Refrain man immer wieder vor sich hin singt. Manchmal verleitet es aber auch dazu, Passagen nur zu überfliegen.

Irgendwann entlässt sich Adolfine selbst aus der Heilanstalt, nähert sich ihrer Mutter an und pflegt sie bis zum Tod. Die letzten Jahre werden schnell abgehandelt, jedenfalls im Gegensatz zu den Betrachtungen über Wahn und Irrsinn. Smilevski lässt die Geschichte mit demselben Bild enden, mit dem sie beginnt. Adolfine steht in Theresienstadt in der Gaskammer und hört das Gas aus den Duschköpfen entweichen – ihr Leben zieht an ihr vorbei, ein klassisches Motiv. Mich hat der Roman beeindruckt, tatsächlich mehr sprachlich als inhaltlich, es ist überragend, welche Bilder und Gefühle mithilfe dieser Sprache vor dem inneren Auge entstehen. Aber fast war es mir etwas zu viel von alldem.

Mitunter wirkte es ein wenig überladen. Überladen von Elend und Schmerz und Unglück und Leiden. Fast wollte man schreien, es möge doch mal etwas Schönes passieren, doch wirkt das Schöne ungleich tragischer, wenn es lediglich eine stetige Reihe des Unglücks kontrastiert. Wer sich für Sprache und poetische Bilder begeistern kann, dem sei dieses Buch ganz vorsichtig ans Herz gelegt. Für alle, die stark mitfühlen und emotional Anteil nehmen, ist dieses Buch vermutlich wenig geeignet – oder aber eine nervliche Zerreißprobe. Danach muss man etwas wirklich Schönes tun. In die Sonne blinzeln oder einen Menschen umarmen.

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13 Gedanken zu “Goce Smilevski – Freuds Schwester

    • Ich habe es nicht so empfunden, aber ich kann dennoch verstehen, wo du den Pathos siehst. Das ist vielleicht das, was mir eine Prise „zuviel“ war. (;

      Dennoch finde ich die Sprache faszinierend.

      • ja genau diese prise zu viel von der du geschrieben hast. es ist sicher ein versuch die sprache der zeit und der person anzupassen. was mich fast noch mehr stört als die (von mir als pathetisch empfundene) sprache, ist die tatsache, dass der autor scheinbar nicht weiß, was er will, die geschichte einer frau erzählen, eine geschichte über den wahnsinn verfassen, oder sich an freud abarbeiten. mir fehlt eine linie, mir fehlt etwas, das mich wirklich überzeugt und mitreisst.

  1. Bereits unser kleiner Austausch zu diesem Buch auf Facebook hat mich neugierig gemacht. Die von dir ausgewählten Zitate bestätigten diese Neugier, genauso wie deine Eindrücke. In der Tat wirkt das Buch schwer, aber ich mag diese schweren Bücher, die mit einem irgendetwas anstellen beim Lesen. Danke für diese schöne Vorstellung. Das Buch wird morgen bestellt! 🙂

  2. Eindrucksvolle Besprechung. Großes Kino! Hut ab!

    Was ich mich frage, woher hat Smilevski diese intensiven Beschreibungen her, wenn die gängige Internetz-Recherche kaum was ausspuckt? Wurde da etwas im Nachwort erwähnt? Versuche stets Distanz zu solchen Schriften zu wahren, sobald das Wörtchen „Roman“ im Zusammenhang mit solchen Themen erwähnt wird. Was ist fiktiv, was real?

  3. Die deutsche Übersetzung ist von Benjamin Langer. Eine Information, die zum Buch gehört.
    Ich weiß nicht, warum das so schwer ist, es zu sagen…

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